Ludwig Ganghofer
Die Martinsklause
Ludwig Ganghofer

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19

Sagentrost und Wunderglaube! Zwei Blumen im steinigen Garten des Lebens! Sie sprossen auf dem Boden gewaltiger Ereignisse wie Blüten nach schwerem Gewitterregen und senken ihre Wurzeln in die Herzen des Volkes, wie das Immergrün sich einnistet in die Fugen des Gesteins.

In der gleichen Stunde, in der die Kinder atemlos den Worten der Greisin lauschten, saßen am Ufer des Schönsees drei bleiche Menschen dem neu errichteten Kreuz zu Füßen. Nicht auf der Lände erhob sich das heilige Zeichen, sondern auf der Höhe des leeren Hügels, zwischen den mit Schlamm bedeckten Resten des Herdes. Die Fäuste auf den Knien, vorgebeugten Hauptes, saß Sigenot zwischen Ruedlieb und Edelrot, auf deren blassen Wangen noch die Spur der Tränen war, die sie um die Mutter geweint hatte in wortlosem Schmerz, die Seele durchleuchtet vom traumhaften Nachempfinden ihrer wundersamen Rettung. Ruedlieb erzählte. Er sprach vom letzten Morgen, den sie in der Ödhütte verbrachten, von der Sorge des Vaters und vom Beginn des Furchtbaren bis zu dem Augenblick, in dem er Edelrot mit sich fortriß und den Vater unter grauem Rauch und hagelndem Gestein verschwinden sah. »Seine Lieb zu mir hat ihm den Tod gebracht!« Die Stimme versagte ihm, und schweigend legte Sigenot den Arm um die Schulter des Buben.

»Ich hab schon nimmer schnaufen können,« fiel Rötli mit leisen Worten ein, »doch wie ich den Liebli sagen hör: ›jetzt kommt der Bid‹, da hab ich noch einmal aufgeschaut in Grausen. Berghoch ist eine schwarze Wand auf uns zugelaufen, und die Todesangst hat geschrien in mir: Mein guter Herre, du mein Gott!«

Sigenot nickte. »Und er ist gekommen, den du gerufen hast in Treu und Glauben!«

»Gekommen ist er!« Mit schimmernden Augen sah Edelrot ins Leere. »Auf einmal ist er dagestanden vor uns, großmächtig, und einen Mantel hat er gehabt, wie ein Wald so breit. Sein Schnaufer hat uns angeblasen wie Sturm. Und so hat er den Mantel um uns hergeschlagen und hat uns aufgehoben in die Lüft. Ich hab gemeint, ich schlaf und hätt einen feuerfarbigen Traum. Und gewesen ist mir, als wär ich so leicht wie ein winziges Federlein. Süß und wohl ist mir ums Herz geworden, ich kann's nit sagen – so, als tät ich in Armen halten, was mir lieb ist, und als wär mir zugefallen, was man im Leben sich wünschen kann: Glück und Freud und Frieden. Und denken hab ich müssen: jetzt möcht ich sterben! Wie lang's gedauert hat, das weiß ich nimmer. Auf einmal hab ich gemerkt, daß ich leb und daß ich mich rühren kann. Ich hab die Augen aufgetan. Um mich her ist alles schwarz gewesen. Und überall ein Rauschen und Sausen. Schmerzen hab ich gespürt in allen Gliedern und hab doch gemerkt, daß ich auf linden Stauden lieg. Unter den Fingern spür ich ein Gesicht, das sich rührt. Da geht's mir wie Feuer durch Leib und Seel. ›Liebli? Bist du's?‹ frag ich und hör ihn sagen: ›Schätzl? Lebst du noch?‹ Gesehen hab ich ihn nit, aber seine Stimm ist's gewesen, und da hat er mich schon genommen und hat mich gehalset, ich weiß nit, wie lang! Allweil leichter ist mir geworden, und ich frag ihn: ›Weißt du, wo wir sind?‹ Der Liebli sagt: ›Beim Bid in aller Tief!‹ Aber ich hab den Kopf geschüttelt: ›Wir leben! Und der uns gehoben hat, ist nimmer der Bid gewesen! Ein anderer, Liebli, ein anderer!‹ Drauf sind wir still geworden und haben uns umgeschaut in der Nacht. Allweil haben wir niesen und husten müssen, und die Augen sind mir gewesen wie Nesselbrand. Wir haben die schwarzen Berg gesehen, und haben weit aus der Tief herauf ein Brausen gehört. Auf einmal ruft der Liebli: ›Wir liegen im Windacher See!‹ Ich hab kein Wasser greifen können. Aber der Liebli sagt: ›Ich spür den nassen Grund, wir müssen auf einem Wasen liegen, der übers Wasser schaut! Wie sind wir von der Ödhütt in den See gekommen?‹ Da geht ihm die Red aus, erschrocken springt er auf und hat aus tiefster Seel ein Schreien angehoben: ›Vater! Vater!‹ Aber alles ist still gewesen. Nur drunten in der Tief, da hat's gerauschet!«

In das Schweigen, das die drei Menschen umfing, tönte das dumpfe Lied der Ache. »Wir haben uns sagen müssen: da droben ist nimmer Leben und Hilf, die Berg sind gefallen, und haushoch müssen die Felsen liegen. Und wie der Tag gegraut hat, haben wir den Eismann nimmer gesehen. Droben über dem Albental und über der Ödhütt ist's gelegen wie ein steiniges Feld. Und herunten im Tal, überall um uns her, ist alles ein Grieß und Schlamm gewesen. Keinen See mehr hast du gesehen, nur braune Lachen, und in dem trüben Wasser hat's gewimmelt von Hechten und Ferchen. Kräuter und Blumen sind gestanden, wie ich sie meiner Lebtag nie gesehen hab, und überall im grünen Wunder sind weiße Knochen gelegen, groß und klein, als war das Beinermännli umeinandergegangen und hätt sie verloren aus seinem Schurzfell. Ein heiliges Grausen ist über uns gekommen. Wir haben uns eines ans ander angedrückt. Und derweil um unsere Füß her die Fisch gesprungen sind, haben wir den Heimweg gesucht auf blumigem Grund, über dem vor Tag und Nacht das Wasser noch gestanden ist, tiefer wie ein Brunnen.«

Sigenot erhob sich, aufblickend zum Kreuz. »Der euch hinausgetragen über fallende Berge, hat auch den Weg für euch gebrochen durch See und Wasser. Gegen die Guten ist er gut, gegen die Treuen ist er treu. Schauet auf zu ihm und danket seiner Lieb!«

Sie kannten nur das eine Gebet: Mein guter Herre, du mein Gott! Es war ihr Schrei um Hilfe in der Not gewesen und war der Dank für das Wunder ihrer Rettung. Ein Wunder Gottes! Was wußten sie von den rätselhaften Gewalten der Natur, welche Meisterin im Zerstören ist, aber auch alle Zauberkünste des Schaffens und Erhaltens übt. Sie hatten erfahren, was ihre Menschensinne nicht zu fassen vermochten, hatten das Unbegreifliche erlebt und nannten es stammelnd mit dem Namen Gottes. Der Schauer des Glaubens erfüllte sie und trug ihre Herzen hinweg über allen Schmerz der Stunde, wie der vor der Steinlawine einherbrausende Luftstrom die schon dem Tod Geweihten hinausgetragen hatte über die Stätte des Verderbens und über den gähnenden Abgrund.

»Und jetzt kommet, ihr guten Kinder, ich will euch heimführen zu eurem Herd!« Sigenot faßte Ruedliebs Hand und die Hand der Schwester. Während sie über den Hügel niederstiegen, sagte er: »Schau, Rötli, noch allweil steht dein junges Bäuml! Wenn der Winter die Erd gefrieren macht, so heb das Bäuml mit allen Wurzeln aus, und der Ruedlieb soll's hinübertragen in euren Hag! Dort hat's einen guten Boden.«

Ruedlieb nickte. Und Rötlis Augen nahmen Abschied von der verwüsteten Stätte. Jeden der ausgestreuten Balken, jedes Stück des zertrümmerten Hausgerätes streifte ihr Blick und irrte hinaus über den See, in dessen Tiefe Mutter Mahtilt das Grab ihres Mannes teilte.

Sacht schwankten die von weißem Schaum bedeckten Wellen gegen das Ufer, und wie Flüstern ging es über das zerschlagene Schilf, in dem die Halme sich schon wieder aufzurichten begannen.

Langsam schritten die drei Menschen der Ache zu. Als sie die von Schuttströmen durchzogenen Halden der Schönau erreichten, sahen sie überall bei den Trümmerstätten die arbeitenden Männer. In einem Häuflein der Schaffenden erkannten sie die weiße Gestalt des Mönches, der rastlos die Picke schwang. Sigenot blieb stehen und murmelte: »Nur noch den einzigen Weg für mich! Und ich komm!« Er folgte den beiden und drängte: »Eilet, Kinder, die Zeit ist teuer!«

Sie schritten rascher aus. Überall gewahrten sie die Bahrenträger mit den stillen Lasten. Nirgends ein hastiges Rennen, nirgends Geschrei und laute Rufe, überall ernste Ruhe. Frauen gingen an ihnen vorüber, tränenlos und still. Kein Gruß wurde getauscht, kein Wort gewechselt, ein stummer Blick war alle Zwiesprach.

Als sie den Hag des Richtmanns erreichten, brauchten sie das Tor nicht zu öffnen, es war zerschlagen; die Hofreut leer, kein Knecht und keine Magd, kein Rind und kein Geflügel; die Ställe lagen niedergedrückt, aber die Immen summten fleißig, um die von Wazemanns Knechten geleerten Körbe mit Vorrat für den Winter zu füllen. Das Haus stand unversehrt, nur einzelne Löcher klafften im Moosdach, und unruhig flatterten die Tauben um den Giebel.

Schweigend betraten Ruedlieb und Rötli den Flur, dessen Tür sie erbrochen fanden. Sigenot war ihnen vorangegangen in die Stube und hatte auf dem Herd ein Feuer angezündet, das in reiner Helle loderte. »Schauet, Kinder, wie schön die Herdflamm brennt! Wahret das heilige Feuer in Treu und Lieb, und der gütige Herr wird euer Leben hagen wider Gefahr und Not!« Lange hingen Sigenots Augen an dem jungen Paar, das sich wortlos umschlungen hielt. Als er sich stumm zur Tür wandte, eilten sie ihm erschrocken nach. Er löste seine Hände. »Lasset mich! Ich hab einen Weg, der nimmer Aufschub leidet.«

»Not liegt über allen Wegen!« stammelte Ruedlieb. »Wohin willst du?«

»Wohin ich muß!« Seine Gestalt erzitterte, und er neigte das ergraute Haupt. »Ich hab meinem guten Herrn die Treu gebrochen. Jetzt bin ich kein Freier mehr, ich muß mein Leben in Knechtschaft geben.«

Sie verstanden ihn nicht, aber sie fühlten, daß er ein Wort des Abschieds zu ihnen gesprochen hatte, und klammerten sich an seine Arme. Schweigend umschlang er die Schwester, küßte ihren Mund, ihre Augen und schritt davon.

Über die verschütteten Felder ging sein Weg, der Stätte zu, wo Eberwein bei der Arbeit war. Die Männer, die an der Seite des Mönches schafften, erblickten den Fischer und riefen seinen Namen. In Freude ließ Eberwein die Picke fallen und eilte dem Kommenden entgegen. Doch bis ins Herz erschrak er bei Sigenots verwandeltem Anblick. »Allmächtiger Himmel! Sigenot?«

»Herr! Heut komm ich mit einer Bitt.«

»Rede!« stammelte Eberwein.

Sigenot stürzte vor dem Mönch auf die Knie und umklammerte ihn. »Herr! Gefallen ist von mir, was meinem Leben lieb gewesen. Nimm mich auf in deine Hut! Ein Gottesmann will ich werden. Und gut sein will ich, derweil ich leiden muß.«

Keines Wortes mächtig zog Eberwein den Knienden zu sich empor. Scheu traten die andern zurück und sahen, wie Eberwein den Wankenden zu einer gestürzten Eiche führte. Dort saßen die beiden und es währte lange, bis Sigenot zu sprechen vermochte. Mühsam lösten sich die Worte von seinen bleichen Lippen. Als er vom Tode der Wazemannstochter sprach, verhüllte Eberwein das Gesicht.

»Der Schnee hat sie gefaßt, die Felsen sind über sie hergefallen, und ihre letzte Red noch ist gewesen: Ich hab dich lieb!« Sigenots Stimme brach. Wie leblos saß er.

Eberwein ließ die Hände sinken. »Dieses stolze, schöne Leben! Erloschen und tot!« Mit feuchten Augen den See und die Berge suchend, flüsterte er: »Der Toten darf ich gedenken. Wie einer Schwester, die mir starb!« Er legte den Arm um Sigenot und zog ihn an sich, als wäre diese stumme Zärtlichkeit der einzige Trost, den er zu spenden wußte.

»Herr!« stammelte der Fischer. »Sei nit so gut zu mir, eh du nit alles gehört hast!« In heiseren Lauten erzählte er, was geschehen war nach seiner Heimkehr. »So hab ich geraitet mit ihm und hab das Kreuz gepackt und hab's geworfen!« Scheu blickte er auf. Eberweins Augen waren ins Weite gerichtet. Mit leiser Stimme sprach Sigenot weiter, und alle Kraft seines neu erwachten Glaubens redete aus den Worten, mit denen er die Rettung und Heimkehr seiner Schwester schilderte. »Jetzt hab ich mein Rötli zu ihrem Herd geführt und bin gelöst von allen Sorgen. Jetzt will ich büßen, was ich getan hab. Gottes treuer Knecht will ich sein und will mein Leben lang helfen, sein Kreuz errichten, das ich geworfen hab.« Noch immer schwieg der Mönch. »Herr? Hab ich in meinem Leid so schwer gesündigt, daß du mir zürnen mußt?«

»Dir zürnen? Ich?« Eberwein sprang auf. »Komm, Sigenot, wir wollen Gott und den Himmel suchen als treue Brüder! Wir haben gesündigt, doch unsere ganze Schuld ist, daß wir Menschen sind. Wir leben in Drang und Not, wir suchen nach Gott, der Zweifel ist unser Los, doch in allem Zweifel ist unser einziger Trost nur wieder der Glaube!«

Von der Trümmerstätte kam ein Mann gelaufen. »Herr! Wir haben ein Weib unter den Balken stöhnen hören!

»Komm, Sigenot, zu Gottes Dienst!«

Eberwein eilte dem zerschmetterten Haus entgegen. Ihm voran sprang Sigenot den Trümmern zu; mit der Schulter wälzte er die Felsen, mit den eisernen Armen hob er die Balken. Als die anderen aus der Gasse, die er gebrochen, das gerettete Weib emporhoben, stand er seitwärts und wischte den Schweiß von der Stirn. »Wohin jetzt, Herr?«

»Zum nächsten Haus!« erwiderte Eberwein.

Als sie die neue Arbeit begannen, kam Ruedlieb mit einem Spaten gelaufen. Sigenot blieb stumm. »Sie ist bei den Frauen da drüben im Wald und schafft!« sagte Ruedlieb, als hätte er eine Frage aus Sigenots Augen gelesen. »Ich steh zu den Mannerleuten.«

Seite an Seite waren sie bei der Arbeit, bis der Abend kam.

Bei Feuerschein wurde die Arbeit fortgesetzt, und erst gegen Mitternacht vergönnten sich die schwer Ermüdeten ein paar Stunden der Ruhe. Die Männer, deren Hütten noch standen, kehrten heim, während die Obdachlosen mit Eberwein und Sigenot unter freiem Himmel nächteten.

Als der Morgen graute, begann die Arbeit von neuem. Nur Leichen wurden noch unter den Trümmern hervorgezogen, und rastlos schritten die schweigsamen Bahrenträger vom Gaden zum Lokiwald, während die Weiber das ausgestreute Gerät und die umherirrenden Rinder zu sammeln begannen.

Gegen Mittag wanderte Eberwein mit Sigenot in die Ramsau, um neuen Jammer zu sehen. Alle Hütten, die im tieferen Tal gestanden, waren verschwunden, mit ihnen das Pfarrhaus und die Kirche. Fast noch reichere Ernte hatte hier der Tod gehalten als im Gaden; aber der Anblick der blassen, unblutigen Opfer des Wassers wirkte nicht so grauenvoll. Wie Leiche neben Leiche lag, alle mit über der Brust gefalteten Händen, glichen sie einer friedlich im Gebet entschlafenen Gemeinde. Die Weiber und Kinder lagen gesondert von den Männern, und die erste der stillen Schläferinnen, die Eberwein erblickte, war die treue Mätzel.

Auch das Bild der Lebenden war ein anderes. Sie fühlten den Schmerz nicht weniger tief als ihre Unglücksbrüder im Gaden, doch sie trugen ihn gefaßter, mit frommer Ergebung in den Willen des Himmels. »Gibt der liebe Gott, so wird er auch nehmen dürfen!« Die Saat, welche Hiltischalk und Hiltidiu ausgestreut, hatte feste Wurzeln geschlagen in den Herzen dieser Menschen.

Der Abend kam. Neue Leichen wurden nicht mehr gefunden. Dennoch verminderte sich die Zahl der Vermißten. Manche, die in besinnungsloser Angst geflohen waren, hatten sich, neues Unheil fürchtend, in entlegenen Schlupfwinkeln verborgen gehalten und kehrten erst jetzt zu ihren Heimstätten zurück. Die noch Fehlenden, und nicht gering war ihre Zahl, blieben verschollen. Unter ihnen Schweiker und Bruder Wampo. Eberwein fragte und fragte nach den Brüdern; niemand wußte von den Verschwundenen; mit trauerndem Herzen mußte er sie verloren geben.

Am folgenden Morgen wählte Eberwein aus den Männern, die von entlegenen Gehöften zur Hilfeleistung kamen, zwei Rotten; die eine sollte mit Sigenot zum Schönsee ziehen, um nach Reckas Leiche zu suchen. Sigenot wehrte mit der Hand, und dennoch ließ er die Führung keinem anderen. Als er davonschritt, sah ihm Eberwein nach: »Geh und suche! Ob es dir auch das Herz zerfleischt! Besser diese letzte Qual, als in kommenden Jahren der unstillbare Vorwurf, daß du nicht das Äußerste versuchtest, und wär es auch nur, um ihres Todes gewiß zu sein!«

Mit den anderen Männern wollte Eberwein zur Stätte hinter dem König Eismann ziehen, auf der die Ödhütte gestanden. Da hörte er den ersten Widerspruch. Wohl ging der Haß dieser Männer wider den ungerechten Bedrücker nicht über den Tod hinaus. Fast war Herr Waze mit den Seinen schon vergessen; in solchen Tagen des Unheils lebt man die Augenblicke aus, da werden die Stunden zu Jahren, und das Alte erlischt unter dem Schwall des Neuen wie Lampenschein in der flutenden Helle eines Blitzes. Doch wie sie ein Wunder Gottes in jeder unbegreiflichen Rettung erkannten, so sahen sie in diesem furchtbaren Untergang eines ganzen Hauses auch den Zorn des Himmels und sein Strafgericht. »Frommer Herr! Zieh nit aus wider deinen Gott! Schau hinauf! Versteinert steht Herr Waze mit seinen Buben in der Höh, versteinert für ewige Zeiten!«

Um die Männer seinem Willen gefügig zu machen, mußte Eberwein sie an den Richtmann erinnern. Nun gehorchten sie und stiegen mit ihm zu Berge. Sie fanden nur die gebrochenen Felsen, keine Spur des Lebens mehr, das unter ihnen begraben lag. Ein einziges Balkenstück der verschwundenen Ödhütte entdeckten sie: die abgetretene Türschwelle. Sie gab der öden Trümmerstätte für kommende Zeiten ihren Namen »Trischübl«Driscûvel, die Türschwelle..

Bei sinkendem Abend kam Sigenot mit seiner Schar durch die verschüttete Schlucht vom Schönsee emporgestiegen und traf mit der anderen Rotte zusammen. Fragend sah ihm Eberwein entgegen. Sigenot schüttelte den Kopf und wandte sich ab.

Ehe sie die Heimkehr begannen, standen sie lange und blickten nieder über den stundenweiten Grund des verschwundenen Windachersees und maßen staunend die Höhe der Felswand, über welche der »Starke im grauen Mantel« den Ruedlieb und das Rötli gefahrlos niedergetragen hatte in die sichere Tiefe. Als die Männer anfingen, das Wunder in lauten Worten zu preisen, ging Eberwein in raschen Schritten dem Abstieg zu.

In später Nacht erreichte er mit Sigenot das Tal der Ramsau. Die anderen Männer waren auf dem Grund des ausgeronnenen Sees zurückgeblieben und sammelten auf Eberweins Geheiß bei Fackelschein die Fische, von denen es in allen Lachen wimmelte. Das gab für die Bedürftigen reiche Nahrung auf Tage und Wochen.

Am nächsten Morgen waren alle Pfade belebt, die aus der Ramsau, aus dem Gaden und von den Gehöften der Hochbauern zum Lokiwald führten. Kein Ruf wurde laut, kein Gespräch begonnen. Wortlos wanderte jeder dem Ziel entgegen.

Als der erste Sonnenschein über die Rodung fiel, herrschte noch tiefes Schweigen rings um die Klause. Müden Ganges schritten die Greise auf und nieder, welche die Leichenwache gehalten und in den Nächten lodernde Feuer geschürt hatten, um die Wölfe zu verscheuchen. Zuweilen blieben sie stehen und blickten in eine der drei mächtigen Gruben, in deren Tiefe auf einem Rost von Balken die stillen Schläfer lagen, über hundert an der Zahl, fast der vierte Teil aller Lebenden, die den Morgen des Unglückstages gesehen hatten.

Im größten der Gräber, das die Männer barg, ruhte Waldram inmitten der anderen – der Bekenner neben dem Zweifler, der Hörige neben dem Freien, die Bauern im blutbefleckten Kittel neben den Wazemannsknechten im gelben Wams – sie alle waren Brüder im Tod geworden und vertrugen sich gut miteinander. Im Grab der Weiber lag auch die alte Ulla. Ein Stein hatte den Nacken der Magd getroffen. Sie war nicht schnell genug gelaufen, um dem »Fluch der Salmued« zu entrinnen.

Vom gebrochenen Wald her klangen Beilschläge. Und die ersten Leute kamen; ein Bauer, der auf den Armen ein blondlockiges Kind trug, das den Vater in Angst umschlungen hielt, als könnt es auch ihn noch verlieren wie die Mutter; zwei Knaben führten eine zitternde Greisin; drei junge Frauen kamen Arm in Arm gegangen, langsam und mit nassen Augen; der Köppelecker mit seiner Bäuerin; Ruedlieb und Rötli, Hand in Hand, mit ihnen zwei Mägde, der einzige Knecht, der ihnen geblieben war, und Sigenots Altsenn. Der alte Gobl, dem der Urstaller einen Kittel geliehen, brachte auf einer Kraxe den lahmen Buben getragen. Weiber kamen, an der einen Hand das eigene Kind, an der anderen ein fremdes und verwaistes führend. Immer zahlreicher traten die Kommenden von allen Seiten aus dem zerstörten Wald hervor, und der Ring der Menschen, über dreihundert an der Zahl, drängte sich um die Gräber. Als alle schon versammelt schienen, kam noch ein letzter: der Greinwalder; er war allein und streifte mit scheuem Blick die Klause.

Unter der Türe des dachlosen Kirchleins erschienen zwei Mönche: Eberwein mit der Stola über der weißen Kutte, und ein anderer, der auf seiner Schulter ein schweres Kreuz mit dem heiligen Bilde trug. Als die Leute den Kreuzträger erkannten, ging eine Bewegung durch die Schar der Menschen, und leise weinend bedeckte Edelrot das blasse Gesicht.

Inmitten der Gräber erhöhte Bruder Sigenot das Kreuz, so daß die blauen Augen des heiligen Bildes niederblickten auf die stillen Schläfer. Mit schwankender Stimme sprach Eberwein die kirchlichen Gebete. Keine Glocke tönte, kein Weihrauch dampfte bei dieser ernsten Feier. Das Grabgeläut besorgten die Berge, von deren Höhe das Knattern fallender Steine klang, und gleich dem Rauch eines Totenopfers qualmte der Nebel aus den versumpften Gründen. Der leuchtende Morgenhimmel begann sich zu bewölken, als möchte auch er sich in Trauer hüllen. Doch über die weite Rodung fiel noch helle Sonne und umwob mit warmem Schimmer die offenen Gräber und die in dumpfem Schweigen verharrende Schar der Lebenden. Eberwein ließ die erste Scholle in das Grab der Männer fallen, und die traurige Arbeit der Spaten begann. Sie währte lange, und hoch türmten sich über den geschlossenen Gräbern die Hügel der ersparten Erde.

Unter lautloser Stille, aus der sich nur zuweilen ein kurzes, krampfhaftes Schluchzen hören ließ, trat Eberwein neben das Kreuz und begann zu sprechen. Die ernste Weihe des Augenblicks erfüllte sein Herz, und was ihm heiß und strömend aus tiefster Seele kam, floß über in die Gemüter der gebeugten Menschen wie zärtlicher Trost, gereicht von den Händen eines treuen Freundes. Laut weinten sie, und in ihren Tränen löste sich der starre Schmerz. Von neuem erhob Eberwein die Stimme. Um sie ihren Klagen und Zähren zu entreißen, sandte er die Frauen und Kinder zum Wald: sie sollten Zweige von den Tannen brechen und mit dem Grün die schwarzen Hügel schmücken. Und den Männern rief er zu: »Tretet her zu mir! Wir wollen raiten miteinander um das Landwohl!«

Vor der Klause saß er auf einem Holzblock, Sigenot an seiner Seite, und im Halbring standen die Männer umher, mit entblößten Häuptern. Die Zahl der »Raitfähigen« füllte nicht mehr das »Hundert« wie in der Thingnacht auf dem Totenmann. Kein Feuer loderte, es wurde kein Bock geschlachtet, kein Hahn geköpft, und die Stimmen schrien nicht wirr durcheinander. Eberwein erhob sich. »Gott ist mit uns. Nun redet, ihr Männer! Was meinet ihr, daß geschehen soll?«

Schweigen folgte. Da trat der Köppelecker vor: »Schau, Herr, keiner weiß ein Wörtl, wir alle sind ratlos. Eins aber wissen wir: du meinst es gut mit uns. Und du hast einen starken Helfer. Red d u! Es soll geschehen, was du willst.«

Da nickten sie alle, und ein Murmeln des Beifalls ging durch die Reihen. Warme Röte stieg in Eberweins bleiche Wangen. Nach allem Weh und Jammer schimmerte die erste Freude in seinen Augen. Mit bewegter Stimme sprach er. Seine erste Sorge war es, den verwaisten Kindern ein Heim zu suchen. Und da waren der Väter mehr, welche Kinder haben wollten, als Kinder, die der Väter bedurften. Seine zweite Sorge war die Not der nächsten Tage. Sechs Greise bestellte er, um die Fische zu verteilen, und zehn junge Männer, die in den Wäldern jagen sollten, um Fleisch zu schaffen. »Erleget, was ihr gewinnen könnt, doch schonet die Muttertiere und Kälber.«

Wie sollte bei jenen, denen alles genommen war, der Bedarf an Kleidung gedeckt und der neue Stall bevölkert werden? Wer konnte geben? Einer um den anderen trat aus der Reihe, und jeder nannte, was er über den Bedarf des eigenen Lebens noch besaß und missen konnte. Keiner empfand, daß er schenkte. Sie fühlten alle auf ihren Schultern die gemeinsame Not, und jeder sagte sich: gib heute, so kannst du hoffen, daß dir andere geben, wenn an dich die Reihe kommt, zu nehmen.

Die beiden nächsten Tage bestimmte Eberwein zur Ordnung dessen, was sie bisher beschlossen hatten. Am dritten Tage sollten sie alle ruhen und Kräfte sammeln. Dann wollten sie mit dem Bau der Hütten beginnen. Ein jeder, dessen Haus verschont geblieben, sollte im Wechsel immer einen Tag für sich und die Seinen schaffen und am folgenden Tag beim Bau der neuen Hütten helfen, daß man die Mauern unter Dach brächte, bevor der Winter käme. Damit an Stelle der verschütteten Felder und Halden neues Fruchtland für das kommende Jahr gewonnen würde, sollten die gebrochenen Talwälder in Gevierte geteilt und die liegenden Stämme verbrannt werden, um durch die Asche den Gehalt der neuen Erde zu bessern.

So wurde Frage um Frage geregelt. Für alle Not fand Eberwein Rat und Hilfe. Als er nach langen Stunden die Männer entließ, drängten sich alle um ihn her, und jeder suchte einen Druck seiner Hand zu erhaschen. Nur der Greinwalder schlich davon, als wäre ihm in der Nähe des Mönches nicht geheuer.

Langsam, unter leisen Gesprächen, schritten die Männer heimwärts nach allen Seiten. Wie aus der Asche einer Brandstatt der erste grüne Halm, so war in ihren Herzen ein Trost ersprossen: der Mut zu neuem Leben, die Hoffnung auf bessere Zeit.

Als Ruedlieb und Edelrot die Gräberstätte verließen und scheu vor der Klause stehenblieben, trat ihnen Bruder Sigenot entgegen. Sein Mund blieb stumm, während er mit festem Druck ihre Hände faßte. Sie betraten das Kirchlein, und in der dachlosen Halle knieten sie auf nackter Erde. Eberwein legte die Hände der Liebenden ineinander und segnete ihren Bund.

Als das junge Paar sich erhob, hatte Bruder Sigenot die Kirche schon verlassen. In Schweikers Zelle saß er auf dem Stangenlager, das Kinn auf die Brust gesenkt, die Hände im Schoß.

Stille Stunden vergingen, immer dichter bewölkte sich der Himmel, und mit Einbruch des Abends begann ein schwerer Regen zu fallen.

Der Morgen zeigte wieder blauen Himmel; nur einzelne weißgeballte Wolken schwammen noch über die Berge hin und suchten die Ferne. Aller üble Geruch war aus den Lüften geschwunden, und der strömende Regen hatte den grauen Staub von allem Geländ und von den Bäumen gewaschen.

Ein wundersamer Spätherbst folgte, wie nur die Berge ihn kennen, leuchtend in allen Farben, mit goldener Sonne und fliegendem Silber. Jeder Tag schien den vergangenen an Glanz und Schimmer überbieten zu wollen.

Den bedrückten Menschen kam diese Zeit wie ein neuer Trost. Es schien, als hätten sich die Berge mit ihrem herrlichsten Gewand bekleidet, um den Menschen, welche irr geworden an dem väterlichen Boden, neue Heimfreude in das Herz zu flößen, das gebrochene Vertrauen zu festen und die alte Treue wieder zu erwecken.

Es dauerte wohl lange Wochen, bis auf den bleichen Gesichtern die Spuren des nagenden Schmerzes sich zu mildern begannen. Auch war bei vielen eine ungewohnte Furchtsamkeit zurückgeblieben, so daß sie bei jedem leisesten Geräusch zusammenschraken. Noch immer erfüllte sie das Bangen vor neuen Stürzen. Doch im Laufe der Tage gewöhnten sie sich an das dumpfe Gepolter, das in den Höhen nicht völlig schweigen wollte, und dachten nicht mehr an neue Gefahr. Die Arbeit, die sie in den ersten Tagen wie träumend geleistet hatten, begann ihnen wieder eine Lust zu werden, und mit Freude erfüllte sie jeder kleinste Erfolg, den sie mühsam gewannen. Doppelt genossen sie nach schwerem Tag die Ruhe am warmen Herd, und jeden kargen Lichtschein, der in ihre Herzen fiel, empfanden sie wie Sonne.

Die schönen Tage förderten die Arbeit. Rastlos klangen die Beilschläge im weiten Tal, und überall loderten die Feuer, die den gebrochenen Wald verzehrten. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend tönte von den Bruchstätten das Lied, das Eberwein die Schaffenden gelehrt:

»Rodet! Rodet!
Rodet auf dem Grunde,
Der Unkraut nur gebiert!
Ihr lobet noch die Stunde,
Die euch zur Ernte führt!
»Rodet! Rodet!

Es liegt ein Schatz versunken
Tief in der dunklen Erd,
Er streuet gelbe Funken
Und golden ist sein Wert!
»Rodet! Rodet!

Mit Eisen und mit Feuer
Umbrechet allen Grund!
Es harret schon die Scheuer,
Und lohnen wird der Fund!
»Rodet! Rodet!

Die gleichmäßigen Rufe, welche die Strophen dieses Liedes unterbrachen, klangen in der Stille des Tals wie die Pulsschläge eines neuen Lebens.

Tag um Tag, vom Frühlicht bis zur sinkenden Nacht, waren Eberwein und Bruder Sigenot rastlos auf allen Wegen und bei aller Arbeit. Sigenot leitete die Rodung der Wälder, und immer stellte ihn Eberwein an jenen Platz, wo es das Schwerste zu leisten gab; besseren Trost konnte er ihm nicht bieten, als Arbeit, die kein Träumen und Grübeln gestattet, den Körper ermüdet und mit tiefem Schlummer lohnt. Eberwein selbst leitete den Bau der neuen Häuser, wählte die Plätze, steckte die Flächen aus und lehrte die Bauenden feste Grundmauern zu legen, die Balkenwände mit Fachwerk zu durchsetzen, den Flur von der Stube zu scheiden und die Räume des Hauses wohnlicher zu gestalten.

Bei Anbruch der Nacht kehrten die beiden in die Klause zurück, die wieder ihr Dach mit der Glocke hatte. Während Sigenot ermüdet auf das Lager sank, saß Eberwein noch beim Schein der Fackel vor seinen Büchern oder blickte in stillen Gedanken zum sternhellen Himmel auf, um die verschollenen Brüder trauernd.

Als er in solcher Stunde wieder einmal an Schweiker dachte, sah er plötzlich das Flachsgesicht mit den wasserblauen Augen durch das offene Fenster in die Zelle blicken, bleich und angstvoll. »Schweiker!« stammelte er, sprang auf und streckte die Arme. Da war das Gesicht verschwunden. Eberwein eilte ins Freie und rief den Namen des Bruders mit hallender Stimme in die Nacht hinaus. Alles blieb still in der finsteren Runde.

Bruder Sigenot, den der Ruf geweckt hatte, kam herbei. »Herr, was ist dir?«

»Nichts. Ich habe geträumt.« Zögernd kehrte Eberwein in seine Zelle zurück und fand in dieser Nacht keinen Schlummer mehr. Erst der folgende Morgen mit seinen Pflichten löschte den seltsamen Schauer, den das Gesicht in ihm geweckt hatte.

Wieder vergingen die Tage, und endlich war die Arbeit so weit gediehen, daß man ohne Sorge den Winter erwarten konnte. Die Berge waren schon bis auf die Wälder herab mit frischem Schnee bedeckt, und Eberwein rüstete sich zur Heimfahrt nach seinem Mutterkloster, um mit dem Frühjahr wiederzukehren, neue Mönche in das Tal zu führen und den Bau des Klosters zu beginnen.

Ein kalter Morgen graute, und in der Herdstube der Klause flackerte das Feuer. Eberwein hatte mit dem Bruder das Frühmahl eingenommen; nun gürtete er das Kleid und schnallte die Sandalen an die Füße. Sigenot stand an die Mauer gelehnt, die Arme schlaff, mit vergrämtem Gesicht.

Da klangen Schritte, und eine Gestalt erschien in der Tür. Sigenots Jungsenn war es, der von seinem weiten Wege heimkehrte.

»Guten Gruß, Herr! Ich bring die Botschaft.«

Eberwein lächelte. »Ich danke dir! Du bist ein treuer Bub. Doch der Hilfe, die du bringst, bedarf ich nimmer.« Während er das herzogliche Siegel brach und das Pergament eröffnete, fielen die Blicke des Jungsennen auf den grauköpfigen Bruder, der ihm langsam entgegenschritt. Er stand mit aufgerissenen Augen, zitternd an allen Gliedern; da faßte Bruder Sigenot den Knaben am Arm und zog ihn aus der Klause.

Ein gedämpfter Laut der beiden Stimmen klang in die Herdstube, während Eberwein beim Schein des Feuers die Botschaft seines herzoglichen Freundes las. Es war ein langer Brief – doch sein Inhalt nur ein einziges kurzes Wort. Eberweins Brauen furchten sich, und es zuckte bitter um seinen Mund. Schwer atmend ließ er das Blatt in die Flammen gleiten. »Was wäre geworden aus meinem Gotteshaus und meinem armen Volk, wenn die Berge nicht geholfen hätten!«

Er faßte seinen Stab und trat ins Freie. Im erwachenden Frühlicht führte ihm Bruder Sigenot den jungen Senn entgegen, dem die Tränen in den Augen standen.

»Herr, ich komm mit einer Bitt zu dir. Schau den Buben an! Er ist verwaist und hat ausgesennet in meinem Dienst. Mach ihn zu deinem Fischer und laß ihn auf meiner Heimstatt sein Dächl bauen!«

Eberwein nickte und strich mit der Hand über den Scheitel des jungen Mannes.

»Nun komm, Bruder, und gib mir das Geleit! Der Bub mag harren, bis du wiederkehrst.«

Sie schritten in den klaren Morgen hinaus, erreichten das Tal der Ache und folgten dem Lauf des Wassers. Während des Wanderns hatten sie noch viel von Arbeit, von Land und Leuten und von den Sorgen des Winters zu reden. Mitten im Gespräche verhielt Eberwein plötzlich den Schritt und blickte umher. »Bruder Sigenot, erkennst du die Stelle?«

»Es ist der Fleck, auf dem wir uns zum erstenmal gesehen haben.«

»Hier wollen wir scheiden!« Eberwein faßte die Hand des Gefährten. »Und mein letztes Wort soll dir allein gehören. Unsere Tage waren Arbeit, unsere Nächte müder Schlaf. Ich konnte dir nur das Kleid der Kirche geben, für ihre Lehre blieb uns keine Zeit. Und ich rede auch zu dir in dieser letzten Stunde nicht als Priester, nur als Mensch zum Menschen. So höre die kurze Lehre, die mein Herz davongetragen aus allem Sturm und aller Not! Du lebst. Und zwei Pflichten sind dir auferlegt, die eine gegen deinen Nächsten, die andere gegen dich selbst. Sei gut, und du erfüllst die erste. Sei dir selbst getreu, und du genügst der zweiten. Alles andere laß über dich ergehen, wie es mag. Das Kommende liegt vor dir, ein Wirrwarr dunkler Pfade. Welchen du wandeln sollst? Frage nicht andere, nur immer dich selbst. Beschreite den Weg, den dein redliches Herz dich gehen heißt, und überlasse die Führung jenen Mächten, die du fühlen kannst, doch nicht erkennen. Glaube an Gott! Denn glauben mußt du, Glaube ist Hoffnung, und Hoffnung ist der Atem alles Lebens. Glaube an Gottes Kraft und Liebe, doch hüte dich, nach seinem Wesen und Antlitz zu forschen, nach seinem Rat und Willen. Du bist, wie du geschaffen wurdest: menschlich. Daß du mehr nicht sein und nicht hinauswachsen kannst über deine irdischen Sinne bis zur Wolkenhöhe, das wird dir die unergründliche Macht verzeihen, die dich werden ließ, so, wie du bist!«

Mit ernsten Augen hing Sigenot an Eberweins Lippen. Nach kurzem Schweigen sagte er langsam: »Ich fasse dein Wort. Und ich mein' auch, daß ich's im Leben halten kann nach deinem Rat. Weil ich mehr nit lernen hab können, deswegen mußt du dich nit sorgen. ›Mein guter Herre, du mein Gott!‹ Das ist genug für meine Zung. Was ich mehr brauch, redet mein Herz dazu. Aber eins noch –« Seine Stimme schwankte, und mit heißen Augen suchte er den Platz, an dem er einst das scheue Roß gebändigt hatte. »Sag, Herr! Gibt es ein Wiederfinden da droben in der helleren Zeit?«

Eberwein wollte sagen: »Ich hoffe!« Doch als er in Sigenots Augen blickte und das Bangen in jedem Zug des vergrämten Gesichtes erkannte, sagte er mit fester Stimme: »Ja, Sigenot! Das weiß ich.«

»Gute Heimfahrt, Herr!« stammelte Sigenot. »Und kehr bald wieder! Dein Wort soll Eisen sein in mir.« Hastig löste er die Hand und eilte davon. Wollte er den Abschied kürzen? Oder wollte er nach diesem letzten Wort kein anderes mehr hören? Lächelnd sah Eberwein dem Verschwindenden nach. »Du, ein Mönch? Laß dir genügen am Kleid der Kirche und an allem, was deine Seele erfüllt mit Weh und Sehnen!«

Er blickte um sich, für kurze Rast eine Stätte suchend. Am Ufer der Ache fand er einen Stein und ließ sich nieder. In einem kleinen Buch, das er aus der Ledertasche zog, begann er zu lesen:

»Integer vitae, scelerisque purus –«

Nicht lange währte seine Rast. Wieder folgte er dem Pfad, zu dessen Seiten noch überall die Spuren der Flut zu erkennen waren, die an jenem Unglücksabend den Weg bis in die Ebene hinaus gesucht und gefunden hatte. Auch das Erdbeben hatte in dem engen Waldtal seine Zeichen hinterlassen. Vom Untersberg war eine Felswand herabgebrochen und hatte mit ihrem Schutt den Lauf der Ache verändert. Auf dem gegenüberliegenden Gehänge klaffte ein tiefer Erdriß, ans dem ein schäumender Bach hervorsprudelte. Eberwein erinnerte sich nicht, bei seinem Einzug in das Tal diesen Bach gesehen zu haben; er mußte neu entstanden sein. Weil ihn dürstete, bückte er sich und schöpfte Wasser mit der hohlen Hand; es schmeckte so bitter, daß es nicht zu genießen war. Betroffen blickte Eberwein auf die rinnenden Wellen nieder und sah im Dunkel der Erdspalte die beiden Säume des Wasserlaufes mit weißen Krusten behangen. Von Erregung befallen, bahnte er sich einen Weg in die Schlucht. Von der schimmernden Masse, die sich ansah wie spröd gefrorener Schnee, brach er einen Splitter ab, zerrieb ihn zwischen den Fingern und kostete. Es war reines Salz. Freudenröte schlug über Eberweins Gesicht. Ein reicher Schatz lag vor ihm aufgeschlossen. Was er gefunden, bedeutete Segen und Wohlstand für sein geliebtes Tal. Mit feuchten Augen blickte er zurück in die Ferne, in der die beschneite Doppelzinne des gestürzten Riesen in die Lüfte ragte.

»Ihr habt genommen, ihr Berge, und habt gegeben!«

In treibender Eile setzte er die Wanderung fort. Die Freude beflügelte seinen Schritt, und sprossende Pläne kürzten ihm den Weg.

Um die Mittagsstunde erreichte er die Salzburg. Als er das Tor durchschritten hatte und der bischöflichen Pfalz sich näherte, sah er auf der steinernen Freitreppe einen Bruder seines Ordens sitzen, mit kahlem Haupt, das bleiche Furchengesicht umwuchert von den Stoppeln eines graugesprenkelten Bartes. Schlotterig hing die weiße Kutte um den abgemagerten Leib. Es schien ein Genesender zu sein, der eine lange schwere Krankheit überstanden hatte und sich an der Sonne wärmte. Müd und gebrochen saß er; doch plötzlich sprang er auf, schwenkte die Arme, eilte dem Kommenden entgegen und stürzte schluchzend vor ihm nieder.

»Bruder Wampo!« In Freude hob Eberwein den Wiedergefundenen auf.

»Herr! Ach guter Herr! Geh nit ins Gericht mit mir, weil ich die Klaus verlassen hab und gelaufen bin wie die Maus vor einer Katz. Das Grausen hat mich gepackt, das Grausen! Aber schau mich an! Ich bin gestraft dafür. Sechs Wochen hab ich auf den Tod gelegen vom Schreck und von der Angst. Sechs Wochen, Herr! Und allweil Krankenkost!« In Schluchzen erloschen ihm die Worte, und Eberwein mußte lächeln.

An einem der hohen Bogenfenster stand Herr Haunsperg. Als er den Gast erkannte, furchten sich seine Brauen, und hastig trat er in das Gemach zurück. Eine Weile später kam ein Schwarm bunt gekleideter Kämmerlinge gelaufen, die den Propst mit Ehrerbietung begrüßten und in die Burg geleiteten. Mit offenen Armen und überströmender Herzlichkeit empfing der Bischof seinen »fürstlichen Bruder« und führte ihn zu der gedeckten Tafel, um die der ganze Hofstaat schon versammelt war: Lehensritter in goldgestickten Wappenröcken, und schöne, mit blitzenden Steinen geschmückte Frauen zwischen den wohlgenährten Domherren in ihren seidenen Schlepptalaren. Eberwein in seiner schlichten, abgetragenen Kutte und mit den sonnverbrannten, schwieligen Händen, stand wortlos und bedrückt inmitten dieses gleißenden Prunkes. Der schreiende Gegensatz des Jammers, den er gesehen, mit diesem Bild des üppigen Genusses, drang ihm in die Seele wie quälender Schmerz und trieb ihm heiße Röte in die Stirn.

In sich versunken, kaum die Reden hörend, die an ihn gerichtet wurden, saß er beim Mahl. In fast endloser Folge erschienen die gefüllten Silberkrüge und die Schaugerichte auf der Tafel. Flötenbläser, Harfner und Psalterionspieler ließen ihre schmeichelnden Weisen hören, Gaukler zeigten ihre Künste, und mit seiner Schellenkappe und der Laute tänzelte der Narr des Bischofs um die Tafel, gab seine derben Späße zum besten und flüsterte den schönen Frauen Heimlichkeiten ins Ohr, die sie häufiger lachen, als erröten machten. Hinter Eberwein setzte er sich auf die Brüstung des Fensters, betrachtete den stillen Mönch mit zwinkernden Augen und wiegte sinnend den Kopf zwischen den Schultern; dann lachte er und strich mit dem Plektrum über die Saiten, daß der klirrende Akkord das laute Geschwatz an der Tafel übertönte.

Der Bischof blickte auf und fragte gnädig: »Willst du singen?«

»Ja, Bruder Kirchenlicht, ich möchte wohl! Doch ich fürchte, die gespickte Pfauenbrust, die ich auf deinem Teller liegen sehe, könnte dir übel schmecken, wenn ich sie mit der Pfeffertunke meines Liedes übergieße.«

»Da sei ohne Sorge!« tröstete der Bischof lächelnd und faßte den saftigen Leckerbissen zierlich mit den Fingerspitzen. »Was sollen wir hören?«

Der Narr kicherte. »Ein Lied so neu, wie das Kleid deines Gastes alt ist! Ein Lied vom fürstlichen Aar, der den Flug zu kurz genommen, von den Füchslein, denen die Lust am Mausen verging, und von den weißen Raben –« er schlug die Saiten an und fiel in singenden Ton, »die fern im Walde bauten ihr Nest – ich fürchte, Bruder, sie bauten fest!«

An der Tafel trat verlegenes Schweigen ein, während Eberwein die Augen hob und mit der Hand über die Stirne strich, als wäre eine verschwommene Erinnerung in ihm aufgestiegen. Der Bischof hatte dem Narren einen zornigen Blick zugeworfen, und Herr Haunsperg rief mit grober Stimme über die Tafel: »Pack ein, Narr! Wir haben Besseres zu hören als Schelmenlieder.« Er wandte sich an Eberwein: »Ihr habt wohl große Dinge zu erzählen, Herr Propst? Euer Bruder, der in der Angst vom Fett gefallen, und ein paar Knechte des Spisars, die zu uns gelaufen kamen, haben Kunde gebracht wie vom Untergang der Welt. Und das große Wasser, das ihr uns geschickt habt aus dem Berchtesgaden, hat übel gehaust auf unseren Feldern und hat uns mehr Leichen zugeschwemmt als Fische.«

Eberwein fühlte sich verletzt durch die rohe Art dieser Rede; doch der Bischof legte sich mit freundlichen Worten ins Mittel, und unter schweigendem Lauschen der Tafelrunde begann Eberwein zu erzählen. Seine Stimme, die zu Anfang unsicher und zögernd klang, belebte sich, Glanz erwachte in seinen Augen, und seine Wangen röteten sich. Er schien von neuem zu erleben, was aus seinen Worten sprach: alle Not, die er gesehen und mitgetragen, allen Trost, den er geboten und gefunden. Manchmal schwieg er eine Weile, um in sich versunken nachzuempfinden, was nicht für fremde Ohren geschaffen war und ihm allein gehörte. Mit freudiger Wärme schilderte er die Tage der rastlosen Arbeit, das neu erwachende Leben nach allem Tod. Und der Wände und Menschen vergessend, die ihn umgaben, sprach er in träumender Zuversicht von der guten Zeit, die seinem Land erblühen sollte, von seinen Plänen für die Zukunft und von dem willkommenen Segen, der seinem Volke aus dem glücklichen Fund erwachsen mußte, den er am Morgen auf der Wanderung getan. Herr Haunsperg und der Bischof tauschten einen Blick und horchten auf. Schon wollte Eberwein, auf eine rasche, teilnahmsvolle Frage seines Wirtes, genauer die Stelle bezeichnen, an welcher der Salzbach aus der Erde sprudelte – da wurde es plötzlich schwarz vor seinen Augen und helles Gelächter erhob sich an der Tafel.

Der Narr hatte dem Propst von Berchtesgaden die Schellenkappe über den Kopf gestülpt.

Eberwein riß das bunte Tuch von seinem Haupt und erhob sich mit brennender Stirn. Da sah er, während die anderen lachten, eine Träne in den Augen des Narren schimmern und sagte betroffen: »Du bist ein seltsamer Narr. So scheint mir.«

»Und du bist mein Gesell. So scheint mir auch. Wir beide sind Brüder unter der gleichen Kappe. Und doch ist ein Unterschied zwischen dir und mir. Ich bin der Narr meines trüben Gehirns. Und du bist der Narr deines reinen Herzens.« Mit schrillem Ton ließ der Narr eine Saite schwingen und wandte sich an den Bischof. »Hab ich recht, Bruder Kirchenlicht?«

Der Bischof hörte nicht. Er lag in den Sessel zurückgesunken und blickte sinnend vor sich hin.


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