Emil Wilhelm Frommel
Aus der Chronik eines geistlichen Herrn
Emil Wilhelm Frommel

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Zehntes Kapitel

Des Vaters Rosenkranz

Derweilen der geneigte Leser die Geschichte des sel. Großherzogs gelesen, ist aber der Prior aus seiner Kapelle wieder herausgetreten in den großen weiten Klostergarten und hat sich die Thränen getrocknet, die ihm das Bild in des Malers Skizzenbuch ausgepreßt. Warum er wohl geweint und ihn das flüchtige Bild so tief bewegt hat? Das hat der Maler auch erfahren, und des zum Zeugnis einen Rosenkranz mit nach Hause gebracht, den der Verfasser jetzt noch gut verwahrt, wenn er ihn auch nicht betet.

Der Maler hatte sich auf längere Zeit mit seinen Gefährten im Kloster einlogiert, weil dort die wundervollste Aussicht war. Der rauchende Ätna in der Ferne, das Meer zu den Füßen, und die Schluchten unten am Fuße des hochgebauten Klosters, die Stille da droben unter den schweigenden Brüdern, das alles war verlockend nebst dem, daß die Brüder nur um weniges die Maler beherbergten. Die Hitze war groß, und oft blieb nichts übrig, als den Brüdern nachzuahmen, die sich bloß mit der Kutte bekleidet, unten auf die kalten, steinernen Treppenstufen legten und wenn diese gewännt waren, wieder auf die zweite rutschten und so bis oben hinauf. Je länger aber die Maler blieben, desto mehr entspann sich ein Freundschaftsverhältnis zwischen ihnen und den Mönchen. Am Abend nach dem Bade im tiefen Bassin des Klostergartens zogen die Maler ins Refektorium zu den Brüdern, ihnen erzählend und zur Mandoline singend, worin der Vater gerade ein Meister war. Noch besitzt der Verfasser ein Bild, da der Vater unter den Mönchen in der Halle sitzt beim Mondenschein in der Fenstervertiefung: drunten erglänzt das Meer weit hinaus, an den Wänden auf den steinernen Bänken sitzen andächtig die Brüder und lauschen dem Klang der Mandoline. Der Vater war der jüngste unter den Malern, hatte ein zartes jungfräuliches Gesicht, so daß sie ihn oft scherzhaft, da er »Karl« hieß, nach dem berühmten Maler »Carlo dolce« nannten. Er war aller Liebling. Besonders hatte ihn aber der Prior ins Herz geschlossen, ein hoher Mann, in den kräftigsten Jahren, jünger als viele der Mönche, ein Mann mit ausdrucksvollem, aber unendlich schwermütigem Angesicht, dabei mit feinem und ritterlichem Wesen. Viel hatten die beiden in den Monaten ihres Zusammenseins verhandelt, und der Prior hatte sich wie an einen jüngeren Bruder an den Vater angeschlossen. Seit jenem Abend war der Prior noch schwermütiger geworden. Die Tage und Monde verliefen, der November kam und die Künstler mußten Skizzenbuch und Palette zusammenpacken, um noch vor den Stürmen hinüber nach Rom zu kommen.

Der Abschied kam. Die Künstler gaben den Mönchen ein Fest zum Danke für die erfahrene Liebe. Unten in dem Dörflein Spiagio, am Fuße des Klosters wurde für die Dorfgäste gekocht und gebacken, die Mönche aber zogen mit den Künstlern zu einer alten Kapelle, die an dem ausgetrockneten Bette eines im Winter reißenden Baches liegt. Hohe Gebüsche blütenüberfüllter Oleander umschatteten den weichen, reinen Silbersand. Nach alter Sitte hatten die Maler einen Hammel gekauft, der unter einer Oleanderlaube geschlachtet und am Spieß gebraten, und dessen Vließ unter den Anwesenden verlost ward. Rings umher brannten die Feuer unter den großen Kesseln mit Reis; dort waren Körbe mit Kuchen und Obst und runden Ziegenkäsen aufgehäuft. Die Gäste aus dem Dorfe waren allmählich auch herangekommen zur Mahlzeit. Aber ehe sie begann, zog die ganze Schar zur alten Kapelle. Die Männer hatten in ihren Bündeln ein schneeweißes, langes Hemd mitgebracht mit rotem Gürtel, die Frauen trugen weiße Schleier, in die sie vom Haupt bis zu den Füßen gehüllt waren. – Ein einfacher, melancholischer Wechselgesang ertönte von drinnen und draußen in der Kapelle, der Prior trat an die Pforte und sprach kurze, erhebende Worte und mahnte zum Dank gegen Gott und zur Liebe gegen die Menschen, zur Zucht in der Freude und gab den Leuten den Segen. Die Männer legten die weißen Hemden, die Frauen die Schleier ab, und bald hatte sich alles im Grase gelagert, allenthalben Freude über dem Hammel und dem Reis. Denn das italienische Volk bedarf nicht viel um fröhlich zu sein.

– Der Mond stieg schon herauf, als die Mönche mit den Künstlern nach dem Kloster aufbrachen. Der Abend und die Nacht wurde noch auf der Terrasse des Klosters zugebracht. Den Brüdern war's allen weh ums Herz: denn solche Freude wie in den letzten Monaten sei noch nie in ihre Zellen eingekehrt und werde auch nicht wieder kommen, meinten sie. Über dem Reden aber der andern winkte der Prior dem Vater, ihm zu folgen. Sie schlugen sich tief hinein in den Garten, wo die hohen Cypressen standen und nicht weit davon der Kirchhof der Brüder war.

»Mein Bruder,« sagte der Prior in bewegtem Tone zu dem Maler, »es ist die letzte Nacht, die du unter meinem Dache bist. Du ziehst morgen weg und ich werde dein Angesicht nicht wieder sehen. Ich danke dir für deine Liebe, du hast mein trauriges Herz erfreut. Nun geht wieder ein Stück Lebenssonne unter, bis ich dort bei den Brüdern ruhe. Ich heiße wohl Padre Felice – aber ich bin es nicht; mein Leben ist gebrochen und mein Herz dazu. Ich will dir's zeichnen, wie du in deinem Buche jenen Kopf gezeichnet. Ich stamme aus einem reichen Grafengeschlecht und bin der Erstgeborne, der die Güter übernehmen sollte. Ich war verlobt mit der Perle ihres Geschlechtes. Da kam die unglückliche Zeit der Revolution des vorigen Jahrhunderts. Mein Vater, der sein Vaterland heiß liebte, wurde in eine Verschwörung hereingezogen, die verraten ward. Wir mußten Zeugen sein, wie er im Hofe unseres Palastes erschossen ward. Seine Güter wurden confisciert und wir sind Bettler geworden. Das brach meiner Braut das Herz, sie siechte dahin, denn ihr stolzer Vater würde sie nie einem Bettler gegeben haben. Dort hinter dem Ätna liegt ihr Grab. Meine Brüder nahmen Dienste in fremden Heeren unter fremdem Namen, kochend vor Rache. Ich aber ging hierher, um in der Stille das trotzige Herz zu bekämpfen. Für meinen armen Vater habe ich zu Fuß eine Wallfahrt nach Jerusalem angetreten, für seine Seele am Grab, des Erlösers zu beten. – Aber der jüngste der Brüder – weißt du wer es ist? Ahnst du nun, warum ich weinte bei deinem Bilde? Er ist's, den du gemalt. Er hat sich, so hörte ich früher schon durch ein dunkles Gerücht, zum Haupt einer Räuberbande aufgeworfen, die der Schrecken aller Reichen ist. Er will der göttlichen Gerechtigkeit aufhelfen, der arme verblendete Thor! Der unglückliche Bruder! Er weiß es, daß ich hier bin, und wohl deshalb ist er dir gesessen, daß ich sein Angesicht noch einmal sehe. Bitte, mein Bruder, gieb mir das Bild, du kannst mit deinem treuen Gedächtnis dir ein anderes fertigen! – Ich habe leider nichts dir zu schenken, denn ich bin arm. Aber Eines habe ich, das nimm von mir, es ist mein liebstes Andenken aus dem Morgenland – hier mein Rosenkranz, nimm ihn. Ich glaube zwar, du bist Protestant, und wenn du auch mit uns betetest, so sah ich's dir doch an, daß du kein römischer Christ bist. Aber du bist ein Christ, mein Bruder, ich habe dich lesen sehen in der Nachfolge Christi des sel. Thomas a Kempis, das ist auch mein Lieblingsbuch – du hast viel Liebe für uns gehabt. Nimm den Rosenkranz; die Olivenkerne und das Kreuz sind aus dem Ölgarten, wo auch dein Erlöser gekämpft hat. Denke dabei an deinen Bruder in Taormina und bete für ihn, daß der Heiland ihn stärke. Nun laß uns zurück gehen. Der Morgen kommt über den Ätna herüber. Fahr wohl, mein Bruder." – Der Prior küßte den Maler und verschwand hinter dem Kreuzgang.

Die Brüder begleiteten die Maler noch herunter – oben aus seiner Zelle schaute der Prior nach, ihnen winkend. Die Zeichnung hatte der Vater noch schnell kopiert, und dem Prior an den bestimmten Ort seiner Zelle gelegt. Aber den Rosenkranz brachte der Vater zu Hause, und manchmal habe ich gesehen, wie er ihn mit solch einem eigenen Blick in die Hand nahm; später erzählte er uns davon. In seiner Lebensgeschichte steht das Fest und etwas von der Geschichte. Das fanden wir nach seinem Tode. Den Rosenkranz habe ich aber geerbt, und denke beim Anschauen an den Herrn im Garten der Ölbäume – und an so manchen Kelch, den die Seinen trinken müssen auf Erden.


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