Emil Wilhelm Frommel
Aus der Chronik eines geistlichen Herrn
Emil Wilhelm Frommel

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Drittes Kapitel

Mein Onkel im Duell

Wer in den Göttinger Jahrbüchern – nicht in den gelehrten, – sondern in denen der, wohl etwas weniger gelehrten, Studentenverbindung der Bremenser circa vom Jahr 1813 – nachschlägt, wird unter den Namen dieser homerischen Helden und bemoosten Häupter auch den meines Herrn Onkels finden, der dazumal Senior, d.h. ein mit Ehren gekrönter und gefürchteter Häuptling dieser Schar war. Nach der unzweifelhaften Versicherung meiner Tante soll er ein exemplarisch schöner Student gewesen sein; schlank, mit blondem, wallendem Haar, großen blauen Augen und edeln Gesichtszügen, ein rechtes Bild eines deutschen Jünglings zur Zeit der Befreiungskriege; im besondern aber ausgezeichnet durch Liebenswürdigkeit und Feinheit der Sitten. Daneben aber gefürchtet unter den verschiedenen Volksstämmen der Universität wegen seiner großen Gewandtheit in der Fechtkunst und seiner Körpergröße. Er studierte die Rechte, und hernach, als der Sturz Napoleons alles änderte, die Philosophie, um sich mit derselben über den Wechsel der Dinge zu trösten. Denn das französische Recht, das er studiert hatte, konnte er nun nicht mehr gebrauchen. Trotzdem, daß ihm seine Laufbahn durchkreuzt worden war, stand in alten Tagen noch jene Zeit lebendig vor seinen Augen. Mit einer gewissen »tiefen Rührung« zeigte er dem Verfasser in einer besonders gehobenen Stunde ein Kästchen, drin lagen dreifarbige Bänder, eine dreifarbige Pfeifentroddel und ein altes geschriebenes Studentenliederbuch – das hatte er aus jener Zeit noch aufbewahrt. Der Verfasser war damals in den Augen des Onkels gerade in den rechten Jahren, um solch ein Heiligtum zu würdigen, es war im letzten Jahre des Gymnasiums, wo schon die Flügel anfangen zu wachsen, um nach der Universität zu fliegen. Der Onkel packte die Sachen wieder sorgsam ein und sprach im jugendlichen Feuer von jener Zeit, daß es dem Verfasser ordentlich heiß dabei wurde.

Bei dieser Gelegenheit hielt es der Onkel aber völlig am Platze, mir ein gehöriges Kollegium über den Unsinn des Duells, d.h. des Zweikampfes auf Waffen um eine Ehrensache auszufechten, zu lesen. Dabei kam ihm seine Philosophie zu Hilfe, und er führte seine Sache meisterhaft durch, und bewies namentlich auch, wie verkehrt es sei, zu meinen, daß das Duell ein Gottesurteil sei, da der liebe Gott den, der schuldig sei, verwundet werden lasse und der recht habende Teil frei ausginge. Denn oftmals bekomme der eine zu seinem »dummen Jungen«, den er ganz unschuldig »aufgebrummt« erhalten, eine gehörige Schmarre noch dazu. Nur einmal sei ihm etwas begegnet, das ihn an ein Gottesurteil gemahnt hätte. Das wolle er mir jetzt erzählen. Der Onkel that das mit einer besonderen Bewegung, die ich freilich erst später völlig verstehen lernte.

In jener Studenten-Verbindung, die eine Landsmannschaft war, befanden sich nicht bloß reiche Kaufherren- und Senatorensöhne aus den Hansestädten, sondern auch ärmere Studiosen, die meist von dem reich dotierten Wechsel der Patriziersöhne lebten. Dafür mußten sie die Kollegien für die Herren absitzen und für sie die Weisheit vom Katheder einschlucken; und dann sauber schwarz auf weiß den Fang heimbringen, auch die Herren, ehe es zum Examen ging, gehörig einexerzieren. Da war denn auch einer darunter, der Sohn armer Handwerksleute, der Theologie studierte; ein schmächtiges, zartes Bürschlein, mit etwas weichem Mädchengesicht, dabei aber ein stiller, frommer Mensch, der keinem etwas zu leide that und redlich für seine hohen Protektoren Kollegien über Krebsschäden und Knochenbrüche und römisches Recht hörte. Dem passierte es an einem schönen Sommertage, als er just über den Markt ging, daß ihm ein himmellanger, bärbeißiger, als gewaltiger Schläger berüchtigter Student aus einem andern Völkerstamm begegnete, der es auf den kleinen Schmächtigen abgesehen hatte, und ihn mit dem Ellbogen vom Bürgersteig herunterstieß. Der Kleine entschuldigte sich, wenn er es vielleicht versehen, aber der Lange hing ihm eine Redensart an, die so ehrenrührig war, daß sie nach dem Urteil etlicher aus der Verbindung des Kleinen, die leider gerade hinzugekommen waren, nur mit Blut ausgewischt werden konnte. – Die Sache kam vor den Konvent, dem der Onkel als Häuptling präsidierte, und die Mehrzahl der Stimmen entschied sich dafür, daß diese Schmach, die der Verbindung angethan sei, gerächt, oder der Kleine aus der Verbindung ausgestoßen werden müsse. Der Onkel mußte dies Urteil, das, wie weiland im Vehmgericht bei geschlossenen Thüren gefällt war, dem Kleinen publizieren. Der erschrak natürlich aufs heftigste, da er sich den Himmellangen vorstellte und sich selbst, der kaum den Schläger zu heben verstand.

Befangen freilich im Vorurteil, daß hier kein anderer Ausweg bliebe, seine ganze Existenz vernichtet sehend, wenn er ausgeschlossen würde, ermutigt durch den Onkel, der ihm beizustehen versprach, willigte er bangen Herzens ein. Der Onkel nahm ihn nun in die Lehre, zeigte ihm die regelrechten Angriffs- und Verteidigungsmaßregeln; der Bärbeißige wurde auf blanke Säbel gefordert und in einer Schenke der Schlachtplatz, Tag und Stunde bestimmt. Der Tag rückte immer näher heran, und der Kleine wurde immer blässer. In der Nacht vor dem bestimmten Tage schrieb er unter heißen Thränen in einem Abschiedsbrief an seine Eltern, wie leid es ihm thue, daß sie so etwas erleben müßten an ihrem Kinde, aber es ginge nicht anders. Wenn er falle und sterbe, möchten sie für ihn beten, wie er es jetzt auch thue, und sich nicht zu sehr über ihn grämen, denn er sterbe unschuldig in dieser Sache. Der folgende Tag kam, der Onkel holte seinen Mann ab. Sie waren in der Schenke. Der Kleine wurde ausgezogen und in große lederne Beinkleider gesteckt, bekam eine hohe Kravatte um den Hals und dicke Fechthandschuhe in die Hand und stand so, nur an der Brust mit einem weißen Hemde bedeckt, in der Hand den schweren Säbel da. Zu seiner Seite der Onkel als Sekundant, um die gefährlichsten Hiebe aufzufangen. Er prägte seinem Schützling noch einmal die Regeln ein und redete ihm Mut zu. Da erschien auch der Lange in vollem Staat, und machte ein Gesicht wie der Philister Goliath, als er den kleinen David sah, so verächtlich und mitleidig. Man stellte sich zurecht, das Kommando erscholl – da mit einem Mal, der Onkel traute seinen Augen und Ohren nicht – erhob der Kleine seine Klinge, schwang sie mit beiden Händen, gegen alle Regel, hoch und sausend in die Luft und rief mit einer Löwenstimme: »Nun hilf, lieber Herr Jesus Christus« und rückte mit einem Sprung dem Großen zu Leibe. Der aber war verschwunden. Als er den Kleinen so flammenden Auges, mit hochgeschwungener Klinge und dem Donnerworte auf sich dringen sah, überkam ihn ein solches Grauen, daß er sich unter den Wirtstisch flüchtete und laut rief: »Helft, helft, das ist ein böser Geist!« Er war nicht zu bewegen, unter seiner Festung hervorzugehen, bis der Kleine ihm die Hand reichte und bat, sie wollten jetzt gute Nachbarschaft halten. – So verlief das Duell. Der Onkel aber ging sinnend und ernst mit seinem tapfern Kleinen nach Hause. Der Kleine hatte ihm ein Loch in seine Philosophie geschlagen; denn in seinen Büchern war leider wenig geschrieben gewesen vom Glauben. Gott hatte diesen kindlich frommen Menschen, trotz seiner verkehrten sonstigen Ansicht bewahrt, und ihm herausgeholfen aus großer Not. Der Onkel hatte ihn nur fechten gelehrt mit denselben Waffen, die auch der Gegner hatte, der Kleine aber hatte sich aus dem oberen Zeughaus noch eine bessere Klinge dazu geholt. Das hat dem Onkel hernachmals ein mehreres zu denken gegeben, und dem Verfasser auch, nämlich: von der Macht des Glaubens gegenüber allem Wissen, und darum erzählte der Onkel die Geschichte mit solch besonderem Nachdruck.

Sollte aber der geneigte Leser oder gar die Leserin in einen ähnlichen Fall kommen und also beleidigt werden und sich auch einmal gegenüber einem mit Weltwaffen geübten Kämpfer auf dem Plan befinden, dann rate ich, zwar ohne Säbel, aber mit einem herzhaften: »Nun hilf, lieber Herr Jesus Christus« dem Gegner zu Leibe zu gehen, und er soll's inne werden, daß der, der seines Mutes Herr wird, besser ist, denn der Städte gewinnt, und die Sanftmütigen den Sieg über den Feind davontragen, wenn er noch so himmellang und bärbeißig und noch so ein guter Fechtkünstler ist.


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