Emil Wilhelm Frommel
Aus der Chronik eines geistlichen Herrn
Emil Wilhelm Frommel

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Zweites Kapitel

Meines Vaters Türkenpfeife

Mein Vater hat nie geraucht und doch eine Pfeife gehabt. Daß er nicht rauchte, kam daher, daß er es für eine abscheuliche Gewohnheit hielt, und die selige Mutter stimmte dem vollkommen bei. Und doch hielt er eine Pfeife hoch und wert. Sie hatte einen langen geringelten Schlauch, oben eine große Bernsteinspitze, die wie eine Eichel aussah, und unten einen schönen, roten, türkischen Kopf mit Gold eingelegt.

Ging der Vater einmal an die obere Schublade seines Pults und unsereins kam just dazu, gab's viel Fragen und wenig Antwort. Vergilbte Zettel, getrocknete Blumen, ein schöner Rosenkranz aus Jerusalem, alte Münzen und auch die Türkenpfeifen lagen drin. Ja, warum der Vater diese Sachen alle so hübsch aufhob und fest wieder zuschloß und sagte: »das ist nichts für euch, ihr lieben Kinder?« Unsere Blicke blieben noch lange an der wieder geschlossenen Schublade hängen, aber sie war und blieb zu. – Als ich von Universitäten kam, wo ich unter andern Künsten leider auch rauchen lernte, gelüstete es mich gewaltig nach der schönen Türkenpfeife, sie zu probieren. Da wurde denn die Rede auch einmal ganz sachte auf den Türkenkopf gebracht, und wie das Rauchen aus so einer langen Pfeife gesünder und weniger kostspielig wäre, und was dergleichen Reden mehr waren. Der Vater lächelte still vor sich hin und hörte dem Ding ruhig zu, aber er merkte gleich wo's hinaus wollte, und machte ein Gesicht, als wollte er sagen: »du kriegst sie aber doch nicht.« Nachdem alle Beredsamkeit von meiner Seite am Ende war, schwieg der Vater noch immer still. Und das ist immer peinlich, wenn einer so viel spricht, und der andere sagt kein Wörtlein drauf. Endlich brach er das Schweigen auf Zureden der Mutter. Mit dem Türkenkopf hatte es nämlich so seine Bewandtnis, warum er nicht geraucht werden durfte.

Auf der schönen Insel Sizilien, die unten an Italien ruht wie das Schoßhündlein zu Füßen seiner Herrin, liegt die Stadt Palermo, hoch aufgebaut mit ihren Burgen und Palästen und großen freien Plätzen. Dahin war in seinen jüngern Jahren auf seiner Fahrt nach Welschland der Vater gekommen, er ein Maler, und seine beiden Freunde Baumeister, wovon der eine die Ludwigskirche, der andere die Auerkirche in München erbaut hat. Die wollten dort studieren aus dem großen Buch, wo statt Buchstaben Berge und Fluren, Paläste und Kirchen stehen, und wo jede Nacht ein Komma und jedes Nachtquartier ein Pünktlein ist. Zwei von ihnen, der Maler und der eine Baumeister gehörten nicht gerade zu den stärksten, dagegen war der andere Baumeister ein breitschultriger, stämmiger Mann, dessen Stück allezeit geladen war, wenn Not an Mann kam. – – So saßen denn die drei einst an einem Abend vor einem Kaffeehaus. Über ihnen war ein Zelt gespannt und ringsum standen blühende Oleander und Aloen, auf dem Tisch Kaffee und Eis und was so von diesen Herrlichkeiten mehr sind. Die drei deutschen Jünglinge in ihren weißen Strohhüten und breit ausgelegten weißen Hemdkragen und langen Haaren unterhielten sich von diesem und jenem, vom krummen und geraden Lauf in der Welt, vom vielen Gelde was die Hamburger Kaufherren haben, und von dem wenigen, was die Künstler haben, vom Sultan in Konstantinopel und vom Herrn Amtmann in Balingen im Schwarzwald. Da tobte es plötzlich aus der Seitengasse heraus, wie wenn das wilde Heer des Hans von Rodenstein im Odenwald daher käme, mit Pfeifen und Heulen und Schreien, und zwischen drin hörte man nur die flehende, wimmernde Stimme eines alten Mannes. Es war ein Haufe palermitaner Männer, Weiber und Kinder, die auf der Hetzjagd begriffen waren. Das Wild aber, das sie hetzten, war ein alter Jude mit langem eisgrauen: Bart, in schwarzgelbem Kaftan, mit einem weißen Turban auf dem Kopf. Des alten Mannes ehrwürdige Züge waren von Angst und Schrecken verzogen, er zitterte am ganzen Leibe, denn sie stießen ihn vor sich her und verspeiten ihn. Er hatte nämlich sein Quartier verlassen und war auf der Rückkehr verspätet, und so den Leuten in die Hände gefallen, die ihn ins Judenviertel zurückjagen wollten. Denn die Juden hatten wie in der heiligen Stadt Rom ihr besonderes Viertel, aus dem sie nicht, außer in den bestimmten Stunden, herausdurften. So jagte denn der Troß mit dem alten zitternden Mann in der Mitte am Kaffeehause vorbei. Die drei Deutschen schauten hin und hatten bald erkannt, um was sich's handle. Ohne Kommando sprangen sie alle blitzschnell von ihrem Sitz auf. Der Vierschrötige schüttelte seine Locken wie ein Löwe seine Mähne, schwang seinen geladenen Ziegenhainer und sprang mitten in den Knäuel hinein und fing an, die Köpfe und Rücken der Palermitaner so gründlich zu bearbeiten, als sei er, ein Haarkräusler oder ein Gerber. Die zwei andern waren durch die Gasse nachgebrochen und hieben nun auch unter den verdutzten Knäuel ein, schimpften auf deutsch und italienisch auf das rohe Volk, und während der erste in seiner Arbeit fortfuhr, nahmen die beiden andern den Juden unter dem Arm und zogen ihn aus dem Getümmel heraus. Das feige Volk hatte sich bald verlaufen und der Vierschröter kam schweißtriefend nach. »Das war einmal was für unsereinen,« rief er lachend, »so was passiert einem nicht alle Tage auf diesem Stern. – Nun, Alter,« sagte er zum Juden, »vergeßt, was Euch das Volk gethan, und sagt uns Eure Wohnung, wir werden Euch eskortieren.« – Der Jude wußte sich nicht zu helfen vor Verbeugungen und Dankesworten, und fragte dann schüchtern, ob die Herren auch Juden wären, dieweil sie so an ihm gehandelt. Da schlugen die drei in ein helles Lachen auf. »Nein, Sohn Abrahams, Juden sind wir nicht, aber Christen und Menschen, und darum soll Euch kein Leid geschehen.« Der Jude schaute sie verwundert an, noch mehr aber die vor ihren Häusern kauernden Leute im schmutzigen Judenviertel, als sie den Alten inmitten der drei blühenden deutschen Jünglinge sahen. »Sie haben mich gerettet von den Gojims,« rief der Alte unaufhörlich, »und sind selber Gojims!« Endlich waren sie am Hause. Schwarzäugige, schmutzige Kinder sprangen heraus und an dem Alten hinauf, küßten ihn und zupften ihm den Bart, es waren seine Enkel. Aber angstvoll kam das alte Judenweib heraus mit ihren großen Kindern. Sie hatten den Alten schon verloren gegeben, als er über die Zeit ausblieb. In Kürze erzählte er, was ihm begegnet war, während sich die Maler das Treiben anschauten. Sie sahen, wie das dunkle Auge des großen Sohnes flammte wie das des Judas Makkabäus, als sein Volk geplagt ward – aber als der Alte dann auf die drei deutete (denn sie verstanden kein Wort von dem allem), da drängten sie sich herzu und küßten die Hände der Fremdlinge unaufhörlich, bis endlich dem Vierschrötigen die Geduld riß und er auf deutsch rief: »Laßt doch die Dummheiten bleiben,« was die dankbare Familie freilich eben so wenig verstand, als wenn er gesagt hätte: »Behüt euch Gott, auf Wiedersehen, ein andermal wieder, recht gern, wenn's not thut!« –

Die Drei gingen ihrer Wege, froh und leichten Herzens, wie ein Mensch, wenn er seine Pflicht und Schuldigkeit 'gethan hat, und noch lange hallten ihnen die Segenswünsche aus dem Judenviertel nach. – Die Geschichte hatten sie bereits vergessen, wie man das allerwege thun und sich nichts einbilden soll. Nur in das Kaffeehaus waren sie bei Abend nicht mehr gegangen von wegen den Stockprügeln, die sie ausgeteilt. Es schien ihnen nicht gerade geheuer, weil der Italiener, wo er mit dem ehrlichen Stock nicht vorankommt, es mit dem hinterlistigen Dolch versucht. Sie sahen sich Palermo mit seinen Herrlichkeiten des weiteren an, und kamen erst nach vierzehn Tagen wieder in das Kaffeehaus. Es dauerte nicht lange, da sahen sie in Begleitung dreier hochgewachsener junger Leute einen Greis im Turban und Kaftan auf sie zukommen. Es war der Alte, den sie herausgehauen hatten. »Gelobt sei der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs,« rief der Alte, »daß ich euch finde. Seit vierzehn Tagen bin ich jeden Tag hieher gekommen, euch zu suchen und zu danken. Aber ich fand euch nicht und konnte nur beten beim Leuchter, daß Adonai segnen möge den Fremdling, der Gutes gethan an Israel, und selber nicht aus Israel ist. Ich habe nicht viel euch zu geben, aber ich habe gehört, daß Tedesco (der Deutsche) raucht wie der Muselmann über dem Wasser. Aus der Heimat – und sie ist schön und die Fremde ist bitter – habe ich noch drei Pfeifen, sie sind echt, ihr könnt es glauben, nehmt sie. Mehr habe ich nicht, was euch freuen kann. So oft ihr rauchet, gedenket daran, daß Israel nicht vergißt, was man ihm Gutes thut.« Dann hob er noch einmal segnend die Hände über die drei und ging, ohne den Dank abzuwarten, von dem Tische weg. Die drei schauten dem Alten nach, dann auf die Pfeifen und jeder auf den andern und keiner sagte ein Wörtlein. Was aus den Pfeifen der beiden andern geworden, weiß ich nicht. Meines Vaters Pfeife aber lag im Pulte verschlossen. Nun kam sie mir doppelt ehrwürdig vor, und ich begehrte nicht mehr sie zu rauchen. Aber von jener Zeit hieß sie bei uns: die Toleranzpfeife. Und die kann jedes, auch die geneigte Leserin, rauchen, sogar ohne Türkenkopf und Wasserschlauch.


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