Emil Wilhelm Frommel
Aus der Chronik eines geistlichen Herrn
Emil Wilhelm Frommel

 << zurück weiter >> 

Viertes Kapitel

Buntes Leben und Treiben im Hause. Gute Freunde und Nachbarn und dergleichen. Haus- und Tischregeln. Die normannische Bonne. Die Großmutter in der »wunderschönen Stadt.«

»Mit einer Kindheit voll Liebe kann man ein halbes Leben hindurch für die kalte Welt haushalten« – sagt ein Dichter. Und hat er nicht recht? Gewiß 's ist gut, wenn der Lebensmorgen nicht weichlich linde, sondern frisch wie ein Frühlingsmorgen ist; aber deswegen braucht in ihm doch der kalte Reif nicht herabzufallen, der der Blume schon im Aufblühen einen Knickfang fürs Leben giebt. Liebe und Licht haben auch uns gegrüßt am Anfang des Lebens. So klein die Stadt damals war, so barg sie doch eine Anzahl trefflicher und bedeutender Männer, die weit über sie hinaus wirkten. Dichter, Maler, Architekten und Gelehrte, Musiker fanden sich zusammen. Jung-Stilling und Hebel, der allemannische, unvergleichliche Dichter und Erzähler, Weinbrenner, der in seiner Art geniale Architekt, waren kurz erst gestorben, aber andere an ihre Stelle getreten. Noch erinnere ich mich wohl des Kränzchens »der alten Garde,« zu der die alten »Römer« gehörten, d. h, die in Italien ihre Jünglingsjahre verlebt, wie Hübsch, Kachel, Eisenlohr u.a., die mit ihren Frauen regelmäßig zusammen kamen, reihum im Hause. Die großen Portefeuilles wurden geholt, das Neueste in Kupferstich und Malerei gezeigt, hier eine Skizze eines Bildes, dort eines Baues oder Medaillons, kurz jeder gab das Beste. Nach dem Essen wurden Schreibspiele gemacht, Frage und Antwort aufgeworfen und gegeben – noch habe ich etliche der besten aus jener Zeit aufbewahrt, voll Geist und Leben. Dann geschah es wohl, daß einer der Freunde beim Punsch improvisierte. Wir Kinder wurden zwar, nachdem wir unsere Duetten gesungen, wieder abkommandiert ins Bett, lauschten aber doch verstohlen an der halboffenen Thür. Wir bewunderten nur den genialen Mann mit dem schönen, interessanten Kopf und dem langen, wallenden Haare, wie der Verse machen konnte ohne sich weiter zu besinnen, und schnappten nur da und dort ein Wort auf, von denen mir eines geblieben ist als er das »Frauenlob« sang:

Die beste der Frauen
Soll jeder in seiner eigenen schauen.

Das machte auf mich unverstanden einen tiefen Eindruck, und kann heuer nur nach vierzig Jahren sagen: der Mann hat vollkommen recht gehabt.

Daß wir aber früh schon vor andern musizieren und singen mußten, das kam nicht daher, daß die Eltern mit uns paradieren wollten, sondern um uns unbefangen inmitten der Menschen zu erhalten und die Ziererei uns abzugewöhnen. Sodann aber wollten sie uns den Sinn einpflanzen, daß jedem Recht eine Pflicht entspreche, d.h. also nur unter der Bedingung das Vergnügen, daß man selbst etwas dabei leiste und beitrage. Nichts war der Mutter verhaßter als Sentimentalität, Egoismus und dergleichen. Wenn sich da einer in Gesellschaft so hinsetzte als der »große Unverstandene« und an sich die Leute vorüberziehen ließ, als sei er eigentlich viel zu gut für sie, oder sich niederließ mit dem Anspruche: »Bitte, unterhalten Sie mich nun gefälligst,« ohne auch nur selbst einen Finger dazu zu regen, oder sich so an den Thürpfosten aufhielt, gelangweilt und langweilend, – da war sie schonungslos darüber her. »Wenn man euch auffordert zu spielen oder zu singen,« sagte sie, »nur flugs dran und keine Floskeln: Ach, ich geniere mich u.s.w. Je länger ihr euch ziert, desto mehr erwarten die Leute, und 's ist doch nichts, was ihr könnt. Also frisch euer Lied gesungen und dann aufgestanden.« (Denn es giebt auch »Klebepflaster« am Klavier, die immer fortmachen, ohne daß man sie bittet.) Wir sollten's früh lernen, daß ein Mensch dem andern Freude machen soll. – Dazu halfen uns namentlich auch die Aufführungen an Vaters Namenstag (dem Karlstage) und andern festlichen Gelegenheiten. Die Größeren ersannen das Stück, sei's nun eine Charade oder irgend etwas, und die andern spielten mit. Da wurde Wochen vorher im Atelier geschneidert und gepappt, Ritterrüstungen fabriziert, alles auf den festlichen Tag hin. Was wurde da nicht von Sinn und Unsinn zusammen gebraut! Nichts macht aber so los von der Befangenheit, als eine Rolle spielen. Daß wir nicht übermütig wurden und vom Lobe nur sehr homöopathische Tropfen bekamen, dafür sorgte die Mutter treulich.

Ebenso hörten wir in der Jugend viel und gute Musik. Die Eltern hatten damals den ersten und einzigen Streicherschen Flügel aus Wien, und so kamen Künstler von Rang zu den Eltern, und noch erinnere ich mich des Abends, wo Spohr und Strauß mit einander spielten. Quartette und Trio's, auch das Septuor von Beethoven, altitalienische Sachen für Chor wurden aufgeführt, und nach der Musik hieß es: »Kinder, ins Bett.« Kurz, wir fühlten den Odem einer geistigen Welt. Es bezeichnet die Mutter ganz, wenn sie mich als vierjähriges Kind, als erstes Gedicht Schillers »Hoffnung« auswendig lehrte und ich die unverstandenen Worte aufs ernsthafteste recitierte. Waren doch damals Jean Paul und Schiller ihre Lieblingsdichter, und konnte Vater die großen Balladen Schillers fast alle auswendig! Ach, welcher Schauer durchging uns, wenn er den Taucher deklamierte! Und welches Lachen, wenn er den Kaiser und den Abt von Bürger unter einem großen weißen Tuche vortrug, aus welchem ein Anderer mit den Händen hervorgestikulierte!

Wie sich doch die Erinnerung anheftet an allerhand Nägel! So steht, wenn ich einen farbigen Lampion in einem Garten sehe, mir immer noch der Jubiläumstag, da der Vater sein 25 jähriges Jubiläum als Professor feierte, vor Augen. Unten im Garten standen seine Schüler aus alter und neuerer Zeit, jeder einen Stock mit farbiger Lampe tragend, ein vierstimmiger Männergesang tönte herauf – auf rotem Seidenpapier war das Lied gedruckt, davon mir nur das Wort geblieben, das drin vorkam (nach der Melodie: Heil dir im Siegerkranz):

Er wandle froh die Bahn,
Künstler, Freund, Biedermann.
Er lebe lang und hoch!
Er lebe hoch!

Wir Kinder schauten im Nachthemdchen oben herunter – ich wußte nicht, um was es sich handelte. Ich sah nur die Thränen im Auge des Vaters und fühlte, daß es heute abend wieder einmal »herrlich« gewesen.

Auch eines großen Maskenballs entsinne ich mich. Alle Freunde und Verwandte des Hauses sah ich plötzlich in anderer Gestalt. Die Tante, die sonst braune Haare hatte und gewöhnlich eine große Haube trug, sah aus wie eine Fürstin, war mit einem Male schneeweiß von Haar und hatte eine Krone auf, und der Herr Baurat sah aus wie ein spanischer Ritter – und die Mutter kannte ich vollends gar nicht mehr, denn sie hatte eine Maske auf. Aber als wir zu Bette lagen, da kam sie wie immer, that die Maske ab und küßte uns und ließ uns unser Gebetlein sagen. Das versäumte sie nie, mochte sie hingehen wohin es war. Ich war so froh, daß das doch unsere Mutter wieder war unter der häßlichen schwarzen Maske – und lange mußte ich drüber nachdenken, warum denn die Menschen auf einmal so anders gekleidet gewesen wären an diesem Abend? Von den »vier Tanten,« die damals in unser Haus kamen, steht in den »vergangenen Tagen« des Mehreren zu lesen, und was dazumal Bruder Lindemann geleistet. Ich kann sie nicht alle nennen »die Völker,« die damals durch unser Haus gingen; ich weiß nur, daß wenn die Rouleaux im »schönen Zimmer« gelüftet wurden und das gelbe Plüsch-Kanapee zum Vorschein kam, das bedeutete immer einen Gast. Nur die Namen von Thorwaldsen, Rauch, Cornelius, Schwanthaler, Karl Rottmann sind mir noch geblieben.

Von Zeit zu Zeit kam auch Großherzog Leopold zum Vater, welcher an dem Fürsten mit außerordentlicher Liebe hing. Als derselbe noch Markgraf war, war er oft Wochen lang mit ihm in Baden und Ebersteinschloß. Vater erzählte mit besonderer Liebe von jener Zeit, als einer hochpoetischen und idyllischen. Kam der Großherzog, da spannten wir alle darauf, ihn zu sehen und ihm die Hand zu geben. Einmal nahm er Einen von uns lange auf den Arm, und noch heute ist's ein Friedenszankapfel, ob Bruder Max oder ich die Ehre hatte, auf dem Arm des gütigen Fürsten zu sitzen und ihn, auf seinen großen Stern auf der Brust weisend, zu fragen: »Was hast denn du für ein schönes Ding da?«

Trotz all der Unruhe des vielen Besuchs wußte doch die Mutter die Hausordnung mit fester Hand aufrecht zu erhalten. Ging's noch so spät in die Nacht hinein – deswegen wurde des Morgens keine Viertelstunde länger geschlafen oder so »nachgeduselt.« Jedes mußte wieder an seinem Posten sein. Das kalte Waschen des Morgens von Kopf bis zu Fuß war zwar nicht eines jeden Passion, aber es wurde keinem geschenkt. Zu Weihnachten hatte jeder ein großes Zinkgefäß bekommen, worin man stehen konnte, um sich zu begießen, und wurde auch jedem auf die Wanderschaft zur Universität später mitgegeben. Wir nannten das Ding »Suwaroff,« von jenem russischen Generalissimus, der sich angesichts aller seiner Reußen des Morgens mit eiskaltem Wasser übergoß. – So großen Widerwillen die Mutter vor allem ärztlichen Personal hatte, so fleißig dokterte sie doch selbst und führte allerhand »Verbesserungen« ein. Unter anderem gab's statt des »gefährlichen« Mokkakaffees des Morgens »Fruchtkaffee,« ein ziemlich elendes Getränk, und nur an Sonn- und Festtagen »wirklichen« Kaffee. Auch wurde versucht, einen Winter hindurch einer dicken Mehlsuppe des Morgens Eingang zu verschaffen. Da wir uns aber beklagten, daß wir in der Schule »ganz dumm von der Suppe seien,« so wurde sie wieder abgeschafft. – Die Mutter hielt den Magen für den empfindlichsten Teil des menschlichen Körpers und hielt die Strafen, die in die Magenwände eingeschrieben seien, für die unvergeßlichsten. Wenn darum einer etwas pecciert hatte, so wurde ihm das Fleisch zu Mittag oder das »Dessert« entzogen. Aber das Entziehen war nicht das Schlimmste, sondern daß man zusehen mußte, wie die andern so vergnüglich speisten. Bei größerer Bosheit gab's auch manchmal gar nichts. Sonst aber mußte alles gegessen werden, was auf den Tisch kam, und wehe dem, der ein Gesicht zog oder Miene machte, nichts von einer Speise essen zu wollen. Es giebt ja so allerhand im Küchenzettel, was von einem Kindermagen nur mit »Hindernissen« verzehrt wird. Wir sollten uns aber gewöhnen, nichts »schlecht« zu heißen, was der liebe Gott habe wachsen lassen und froh sein, daß wir überhaupt etwas zu essen hatten, da wir doch noch gar nichts verdienten. Das haben wir dabei freilich gelernt, uns mit allem zu begnügen; denn 's ist nichts greulicher als ein wählerisches Kind, und später muß man doch im Leben so manchen andern harten Brocken und sauren Apfel hinunterschlucken, daß es schon gut ist, wenn man in der Jugend etliche Vorstudien dazu gemacht hat. Übrigens kam die Mutter doch später von diesen Prinzipien zurück, und der Jüngste, der Nesthocker, mußte es oftmals hören: »Ja, du hast's gut! das haben wir alle nicht gedurft!« Aber bei den Jüngsten wird man nachgerade schwach, oder man merkt, daß ein Kind eine Blume ist. Jede will anders gepflegt sein, die eine braucht fetten Boden, die andere magern, die eine braucht viel Licht, die andere kann's gar nicht vertragen, die eine braucht viel Wasser und die andere wenig, einige blühen schnell, die andern langsam – da gilt's eben Unterschied machen und nur so wird man gerecht, wenn man jeden nach seiner Natur behandelt. Ein anderes Kapitel war die Kleidung. Wir trugen gewöhnlich kleine Wämschen mit drei Reihen Goldknöpfen und im Sommer weiße Hosen aus »englisch Leder« und Schuhe, die ein schlimmer Schuster, der uns die Füße gründlich verdarb, fabrizierte. Trotz unseres Heulens wollte aber die Mutter den Mann nicht verlassen, da er viele Kinder hatte. Das Schlimmste aber war der Hemdkragen, der steif gestärkt war und breit sich über die Jacke legte – der »kratzte« nach allen Windrichtungen hin! Dann kam die andere Prozedur, das waren die Locken. Da mir alle mit einem üppigen Haarwuchs versehen waren, so wurde derselbe in Locken formiert und mußte abends vor Schlafengehen aufgewickelt werden in kleine lederne »Würstchen.« Das ging, wenn sie fest gedreht wurden, ohne Schmerz nicht ab; aber wehe, wenn einer sie sich verstohlen des Nachts aufmachte! Es zausten uns die Jungens an den Locken, die so versuchlich für eine Bubenhand herabhingen, wie des Nachbars Apfelbaum, der mit seinen Äpfeln herüberhängt. Kurz, die Lockenperiode war just keine der angenehmsten. – Um uns beizeiten alle Hoffart zu benehmen, wurden die Kleider und Schuhe der Älteren auf die Jüngeren vererbt, ohne Notar und Zeugen, und keiner freute sich der Erbschaft. Denn so einen Stiefel bekommen, vorn an den Zehen oder an der Seite mit einem Riester versehen, oder einen Vorschuh, der über den halben Stiefel lief, war keine Herzensfreude. Oder wenn so eine Hose etwas kürzer gemacht, und unten das Verdorbene wegoperiert wurde, dafür aber auf das Knie ein schöner, neuer Fleck oder »Blezzen« genannt, kam, welche Überwindung kostete es, damit auf die Straße zum erstenmal zu gehen! Ein Winterstück wurde besonders gehaßt. Das war ein lichtbraun-gelber Mantel, aus unverwüstlichem Zeug fabriziert, der oben einen roten Plüschkragen hatte und dem etwa zehn sich vergrößernde Kragen folgten. Das »Kutschermäntele« wanderte von einem zum andern und als Novität wurde oben der Plüschkragen erneuert und unten ein Kragen abgeschnitten. Jeder fürchtete den Augenblick, wo der »Unverwüstliche,« den die Mutter so sehr lobte, an ihn kam. Aber er hat uns alle ausgehalten, wir mochten ihn traktieren, wie wir wollten, der »Kerl« war stärker als wir alle. Ihn kümmerte kein Spott und keine Schmach, die die Buben auf ihn häuften, und auch der letzte von uns, der selige Otto, wanderte mit ihm in die Schule und streckte das verfrorene Näschen aus dem roten Plüschkragen fröhlich heraus.


Als wir 16, 14, 12, 8 und 6 Jahre alt waren, beschlossen die Eltern, um uns im Französischen zu üben, eine normannische Bonne anzunehmen. Zwar konnten wir's früher schon, da über dem Essen nur französisch gesprochen wurde, und jedes deutsche Wort einen halben Kreuzer kostete. Aus der Summa dieser »Strafkreuzer« wurde dann, wenn die Büchse voll war, ein Kuchen gekauft. Wenn wir merkten, daß das Ding zu langsam ging, wurde trotz des Abzugs am Monatsgelde noch öfters deutsch gesprochen, damit der ersehnte Kuchen käme. So erschien denn die Bonne, um uns völlig in die Geheimnisse der französischen Sprache einzuweihen und zugleich der Mutter an die Hand zu gehen, uns wilde Buben zähmen zu helfen. Sie war aus Cherbourg, dem nördlichen Kriegshafen, und schrieb sich Viktoire Langoulant. Was den ersten tiefen Eindruck machte, das war, daß sie eine große Haube mit goffrierten Spitzen trug. Außerordentlich lebhaften Temperaments, eine echte Französin mit tiefschwarzem Haar und Augen, sprach sie ein tadelloses Französisch; schnell in ihren Bewegungen, leistete sie in zähster Ausdauer was nur möglich war, und wurde dadurch der Mutter eine unentbehrliche Stütze. Aber sie hatte ihre starken Sympathien und Antipathien. Bruder Lindemann hielt sich bereits ihrem Regimente entwachsen, und Bruder Karl machte auch Miene sich loszumachen, fand es aber denn doch geratener, mit ihr Freundschaft zu schließen, und dabei besser zu fahren. Bruder Max war ihr Liebling. Dagegen hatte Schwester Bianca und ich den härtesten Stand und mein »ésprit de contradiction« zu deutsch »Widerspruchsgeist« wurde auf die härteste Probe gestellt. Auch bei ihr gab es Prügel und Ohrfeigen. Sie hatte ihre absonderlich schlimmen Tage; das waren die, wo sie das größte Exemplar von goffrierter Haube aufsetzte. Dann ging man ihr möglichst aus dem Wege. War aber eines krank, gab's keine sorgsamere Pflegerin; kein Schlaf kam in ihre Augen, und den Jüngsten, den sie noch in der Wiege antraf, verzärtelte sie mit mütterlichster Liebe. Zwei von uns hatten das Scharlachfieber, und mir wurden, damit mir die Sache auf einmal abmachten, alle zu einander ins Zimmer gesteckt. Aber wir kriegten's eben doch nicht alle und wurden abgesperrt. Da wurde durchs Schlüsselloch korrespondiert mit Zetteln, und Viktoire vermittelte liebevoll den Verkehr. Für ihre Ohrfeigen suchten mir uns aber zu rächen. Im Winter war sie nämlich äußerst empfindlich gegen die Kälte, und legte sich regelmäßig einen mit heißem Wasser oder Sand gefüllten Krug ins Bett. Der galt als Angriffspunkt. War sie »böse« gewesen, so wurde ihr der Pfropfen des Kruges sachte aufgedreht, so daß er nur lose saß. Sprang sie ins Bett, wie sie immer that, so ging bei der leisesten Berührung die Geschichte auf und das heiße Wasser oder der Sand lief ins Bett. Wir thaten, als schliefen wir, bloß um den entscheidenden Moment noch abzuwarten. Dann aber untersuchte sie, legte ihr Ohr fest aufs Gesicht eines jeden, um zu hören, ob er wirklich schliefe. Das war allemal gefährlich, wie in der Fabel, da der Bär sich über den sich totstellenden Freund legte. Platzte einer heraus, so war's um ihn geschehen. – Wenn Gesellschaft war, hielten wir uns gern noch in der Küche auf, um irgend eine warme Kartoffel zu erwischen und mit ihr ins Bett zu gehen. Wehe aber, wenn sie uns dabei ertappte! dann rief sie den Mägden in ihrem gebrochenen Deutsch zu: »Was schaff' die Kinn' in die Küch? Die Kinn' krieg ihr Sach in die Stubb' – die Kinn' muß in die Bett! Allons! vite, vite!« – Die Mägde lachten und brachten uns noch Kartoffeln ins Bett, das war eine Freude! – Fünf Jahre blieb die Normännerin bei uns, und wir haben ihr unser bißchen Französisch und auch allerdings strenge Zucht zu danken. Als sie in ihre Heimat zurückgekehrt war, wurde sie Superiorin der barmherzigen Schwestern an dem großen Seespitale. Dort in der Stille mußten ihr manche »Unthaten,« die sie an uns verübt hatte, eingefallen sein, denn sie schickte die schönsten Sachen, prächtig aufgetakelte Schiffe, Kommoden mit Muscheln, kurz was ihre Liebe nur ersinnen konnte. Sie pflegte einmal in ihrem Spital einen schwerkranken Schiffskapitän, der sie zum Dank heiratete. Im Jahre 70, als der Krieg ausgebrochen, schrieb sie uns: wenn wir je nach Frankreich kämen, dann möchten wir doch daran gedenken, daß sie uns erzogen und mit ihren Landsleuten säuberlich fahren,« was auch der Verfasser im Kriege redlich gethan hat. Die Viktoire bleibt als ein Hauptaktenstück in unserer Erinnerung eingeschlossen, mitsamt dem Heer der Köchinnen und Jungfern; wir begriffen erst später die Mutter, als sie einmal sagte: »Sie freue sich schon deswegen herzlich auf den Himmel, weil es keine Mägde mehr dort gäbe.« – Nun noch zu einem andern Stück Jugendland, das mit zum Besten gehört – zur wunderschönen Stadt Straßburg, der Großmutter und den Verwandten drin. Die heurigen »moralischen Elsaßeroberer,« die jetzt drin sitzen, wollen zwar nichts von der »wunderschönen Stadt« wissen und können mit aller Mühe das Wunderschöne nicht drin herausfinden. Das kommt aber daher, daß sie keine Großmutter und keine Jugenderinnerung drin haben.

Wer, wie wir, aus der gradlinigen Fächerresidenz kam, und noch dazu etwas Poesie im Leibe hatte, für den war das alte Straßburg mit seinem Münster, seinen engen Gassen und Gäßlein, den hohen Giebeln und Türmen und Erkern, von denen freilich jetzt viele verschwunden, der Inbegriff alles Schönen. Was ließ sich da für unsre Bubenphantasie »hineingeheimnissen.« Dazu war das Volk damals noch ein kernfestes, biederes, fast ganz deutsches, die richtigen »Steckelburger« der freien Reichsstadt, und wenig berührt vom welschen Wesen. – Dort wohnte die Großmutter, nahe bei der »Treljerkirch« (Aurelienkirche), wo der Großvater einst in hohem Ansehen und vieler Liebe bei den »Gartnern« gestanden. Erzählte mir doch vierzig Jahre nach seinem Tode noch ein alter Förster im Breitschloß, wie er als Kind mit seinen Eltern alle Sonntage zwei Stunden weit gegangen sei, um den Pfarrer »Chambs« predigen zu hören. Der Großvater war längst gestorben, als ich geboren wurde, doch besitze ich von ihm ein Patengeschenk, ein silbernes Besteck, das er meiner Mutter als Mädchen gab für ihr erstes Kind, wenn sie sich einmal verheirate. Die Großmutter war in ihrer Jugend von ausnehmender Schönheit. Noch haben wir zwei Bilder von ihr von berühmten Malern aus der Revolutionszeit in Paris gemalt. Wie sie dort dem Großvater beigestanden, ihn einmal von Danton, der ihn bereits schon unter die Opfer der Guillotine in die berüchtigte Conciergerie geworfen, mit den Worten herausforderte: »Citoyen Danton, je te dis, ce n'est pas sa place« – »Bürger Danton, ich sage dir, 's ist nicht sein Platz hier« – das steht auch wieder in der »Familienchronik.« Ich mochte etwa vier Jahre alt sein, als ich zum erstenmal mit der Mutter nach Straßburg kam, zum Besuch der Großmutter. Der Leibkutscher Hofmann kam mit dem breiten Reisewagen des Morgens früh. Es wurde Abschied genommen, als ob's eine Reise um die Welt gelte, alle Verwandten waren da und wurden der Reihe nach geküßt. Über Rastatt und Stollhofen nach Kehl ging's und dann über die Schiffsbrücke, und drüben stand die erste Rothose, der französische Soldat, Posten. Dann kam der Paßkapitän und prüfte den großen Paß der Mutter, dann wurden die Koffer von den Douaniers sorgsam visitiert. Die Mutter hatte eine besondere Abneigung gegen die Zölle und war sehr fürs Schmuggeln kleiner Sachen, darum pochte ihr immer etwas das Herz bei der Douane. Ich hatte gehört, daß einmal eine Dame arretiert worden war, die mehrere hundert Ellen Seide sich um den Leib gewickelt hatte. In einer Separatstube wurde die arme Frau aufgewickelt. So stand ich denn jedesmal Angst aus, wenn's nach Straßburg ging, es möchte am Ende auch einmal die Mutter aufgewickelt werden. Dieser Kindesangst habe ich es zu danken, daß ich nichts schmuggle. Aber 's ist vornehmlich eine Liebhaberei der Frauen. Auch die Tante in Strasburg ließ uns nie heim, ohne irgend einen schmuggelhaften Gegenstand mitzugeben, und wenigstens die günstige Gelegenheit zu benützen, einem, wie wir's nannten, einen »Buckel« aufzuhängen, der bald in kleinen Dingen, wie Socken, die sie für uns gestrickt, oder auch in Matratzen und Bettpfulben bestand. – Endlich rollten wir durch die Thore Straßburgs. Die finsteren Gewölbe, die rasselnden Zugbrücken, die bärtigen Soldatengesichter, wie unvergeßlich ist's einem! In der Austerlitzergasse Nr. 16 wurde Halt gemacht, da wohnte Onkel und Tante, die Schwester der Mutter, mit ihren sieben Buben und zwei Mädchen. Die stürzten alle herunter in die enge Gasse aus dem alten Kaufmannshause, in welchem ein Spezereiladen war, ein ganz natürlicher, kein nachgemachter, mit welchem wir spielten. Nach kurzem Gruß ging's dann zur Großmutter in der Elisabethgasse. Ach, ich könnte das Haus noch zeichnen, wie's aussah, bin auch später in alten Jahren hineingelaufen, aber 's war nicht mehr so. Unten wohnte damals ein Küfer, der seine Faßdauben im Hof in großen Türmen aufgestellt hatte, alles roch nach frischem Eichen- und Tannenholz; oben wohnte die Großmutter. Um den innern Hof lief ein breiter, gedeckter Holzaltan, auf welchem Blumentöpfe mit Nelken und der Hauswurzel standen, dem probaten Mittel gegen Hühneraugen. Dann führte ein Gänglein, mit roten Backsteinen gepflastert, hinein in die heimeligen, niedrigen Stuben der Großmutter. Wie traulich war's da drin! Das große Himmelsbette, darin Mutter und ich schlafen sollten, schneeweiß gedeckt, alles so blink und blank; die schwarzen Silhouettenbilder der ehrbaren Vorfahren an der Wand, der Spiegel, hinter dem die Rute, mit rotem Seidenband versehen, schon vorsorglich und bedrohlich winkte. Der Abend lag schwer über der Stadt, da fing im Münster an die tiefe Glocke zu läuten. Wie sie hinschallte, weithin rufend die Leute, die sich vor den Thoren herumtrieben, hereinzukommen, ehe sie geschlossen würden! Der tiefe, wunderbare Glockenton, ich habe ihn immer summen hören. Wie viel solcher Glockentöne klingen aber hinein ins Kindesleben! Aber einer haftet tiefer als der andere. – Die Großmutter war noch trotz ihres Alters und schweren, bewegten Lebens ungemein lebendig. Die milden blauen Augen, der rosige, liebliche Mund und die schöne, weiße Hautfarbe machten sie so lieb und anziehend. An der Hand der Magd mit dem weißen Straßburger Häubchen, dem Mieder mit den goldstrotzenden Schmelzblumen, den weißen bauschigen Hemdärmeln, den grünen Unterröcken mit den roten Streifen dran, und den langen Zöpfen, die in seidenen Bändern ausliefen, ging's morgens zu dem Bäcker, die frischen Sonntagsbrote zu holen. Der Laden war immer voll, die Neuigkeiten wurden ausgekramt, wie des Abends am Brunnen, wo das Mädchen in dem schönen, bronzierten Kruge mit dem Zinndeckel oben Wasser holte. Das war eine neue Welt für mich, dies gemütliche, harmlose Leben der freien Reichsstädter. – Dann kam die »Herde« Vettern, mich abzuholen zur Austerlitzgasse. Sie trugen alle gestreifte Blousen, was mir besonderen Eindruck machte. So wild die Buben waren, so mild war das eine Mädchen, an das ich mich mit innigster Liebe anschloß: die kleine Elise. Ein ätherisches Kind mit sanften, schwärmerischen Augen, aber die Frühreife und den Todeskeim schon in sich tragend. Wir verstanden uns gar zu gut, und es war der erste Schmerz in meinem jungen Leben, als das holde Kind starb. Lange konnte ich mich nicht trösten. – In dem Onkelshause aber war's wie für einen Buben gemacht. Da standen in dem dunklen Magazin die Syrupfässer und die großen Ballen von Mandeln. Die Vettern wußten (mehr als gut war) Bescheid, wie man das Syrupfaß anbohren und den Mandelsäcken so ein unversehenes Loch beibringen und sich dann aus dem unerschöpflichen Schatze »nachquellen" lassen konnte. Am Werktage saßen die Kontorherren in dem engen Gewölbe an großen Büchern, draußen standen die »Ladenschwengel" und verkauften, und wir trieben uns zwischen ihren Füßen durch. Aber am Sonntag war alles totenstille, oben im großen Salon feierliches Mittagessen und zum Dessert kamen Datteln und Feigen und Rosinen und die bereits gekannten Mandeln. Das haftete tief, denn so was gab's zu Hause nicht. – Oben im Hause wohnte noch eine alte Großtante, die Tante Gretel. Hoch in den 80ern, war sie schon kindisch geworden und führte ein Pflanzenleben, treulich gepflegt von der Tante unten, die sie als Erbstück überkommen hatte. In einer schweren Krankheit, von der man nicht glaubte, daß sie davon sich erholen würde, roch sie plötzlich von unten herauf den Fettdampf ihres Leibgerichts, eines Schweinebraten. Schnell zog sie sich an, kam die Treppe herunter gewackelt und sagte: »Ihr hen e Schwinebrätl, warum sagen 'r 's denn nit?« Und sie aß und – genas und lebte noch etliche Jahre. – Vor den Thoren der Stadt wohnte die Jugendfreundin der Mutter. Auf der Insel Wacken, die große Lohgerberei Herrenschmidt, mit den vielen großen Lohhäufen und den vielen Buben im Hause – das war ein drittes Eldorado in Straßburg. Tante und Onkel nannten wir die beiden Alten, und ich war auch um einen Traum ärmer, als ich erfuhr, daß sie keine eigentlichen Onkel und Tante waren. Aber lieb hatte ich die beiden und fühlte mich wie ein Kind im Hause. Die früheste Erinnerung daran geht in die Julitage 1833. Da wurde auf dem Straßburger »Polygon« Feuerwerk zu Ehren der Juli-Revolution abgebrannt – Raketen stiegen, die mir wie glühende Kugeln vorkamen. Wir waren oben hinauf auf die Lohkäsdarren gestiegen. Papa Herrenschmidt hielt mich im Arm und zeigte mir die Kugeln und die Illumination. Das ist die tiefste, erste Jugenderinnerung gewesen außer der tiefen Glocke im Münster. – Dort auf den Lohhäufen wurde gekämpft im Spiel, Deutsche und Franzosen vorstellend. Am Sonntag nachmittag war's auf dem Wacken »voll von Buben.« Es wurde Kahn gefahren, die älteren Jungen bliesen das Waldhorn ganz hübsch, so war's denn idyllisch unter den herabhängenden Zweigen durchzufahren. Das alte Haus brannte einst ab, ein neues erstand, größer und schöner als das erste. Aber eine noch größere Wandlung sollte ich sehen. Vierzig Jahre darnach – und ich lag als preußischer Divisionspfarrer vor Straßburg mit meiner Division; das Feuerwerk am Himmel in dunkler Nacht wiederholte sich, die glühenden Kugeln galten der Stadt selbst, deren Brand die furchtbare Illumination war. Ich sah das Münster wie früher im Feuerschein; der Jugendtraum, der Kampf der Deutschen mit den Franzosen, war zur Wahrheit geworden. Ich kam zum Wacken, quer über den Garten, in welchem wir gespielt, lag die württembergische Batterie. Ich sah die Kirche, in der ich konfirmiert war, in Flammen aufgehen; der greise Pfarrer, der mich eingesegnet hatte, kam mit der Geistlichkeit unter dem Portal der Thomaskirche dem General von Werder entgegen – und ich, halb straßburgisch Kind, hielt die erste Predigt nach der Übergabe!


 << zurück weiter >>