Emil Wilhelm Frommel
Aus der Chronik eines geistlichen Herrn
Emil Wilhelm Frommel

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Aus vergangenen Tagen

Erstes Kapitel

Von vier Tanten, die doch keine waren

Es giebt in jeder Familie Erbstücke, die sich von Geschlecht zu Geschlecht vererben. Neben Schmuck und Goldsachen, Ehrenmedaillen und Orden, Haarkreuzen und Waffen ... auch etliche lebendige: alte Freunde der Familie, Tanten und Onkel genannt, wiewohl nachweislich kein Tröpflein Familienblut in ihren Adern rollt. Man kann nicht immer sagen, daß man sich gerade die ausgesucht, wenn man's zu thun gehabt hätte, aber weil sie geerbt sind, muß man sie nehmen wie sie sind. Denn sie haben oft etwas Apartes an sich, was just nicht zum Liebenswürdigsten gehört, und wenn sie zum Besuch kommen, dann gilt's unter das »ohne Murmeln« bei dem »Seid gastfrei« des Apostels einen absonderlich dicken Strich zu machen. Daneben aber vererbt sich oft auch ein geheimer, stiller Segen mit solch einer Antiquität. Aus dem alten Munde kommt goldener Rat und Trost, und wenn der Gast wieder fortzieht, ist's, wie wenn allen im Hause etwas fehlte, und keiner weiß eigentlich was.

Darum ist's gut, man macht nicht so viel Unterschied unter den Gästen, und sieht nicht so viel auf das Habit und was drum und dran ist; »denn viele,« sagt die Schrift, »haben schon unwissend Engel beherbergt.« Auch unsere Familie war mit solchen Erbstücken gesegnet, von denen etliche alle Jahre, andere wieder dann und wann plötzlich erschienen. Das gab dann bei uns Kindern im Hause ein Köpfezusammenstrecken, wenn es hieß: die oder jene Tante oder jener Onkel kommt! Bei etlichen überschlich uns eine geheime Angst vor allerhand Kommissionen und Nachtragen von Hutschachteln und Päcken, was uns entsetzlich gegen die Ehre ging. Denn in solchem schachteltragenden Zustande von einem Schulkameraden erblickt zu werden, das war um vor Scham in den Boden zu sinken. Bei den meisten schlug aber die Freude und die Hoffnung auf Bonbonnièren vor, auf kommendes Dessert und längeres Aufbleibendürfen am Abend.

Ich hebe aus der Menge dieser Erbstücke vier hervor, die mir noch deutlich im Gedächtnis geblieben sind. Sie stammten alle aus des Pariser Großvaters Hinterlassenschaft. Sie sind alle entschlafen und geschieht weder ihnen noch sonst einem Menschen ein Leid, wenn ich von ihnen erzähle.

Die erste war, was uns Kindern zunächst einen tiefen Respekt einflößte, eine leibhaftige Gräfin, von Stand und Geblüt, eine Bekanntschaft des Großvaters aus der Zeit von der großen Revolution her, wo er sie manchmal am Hofe Ludwigs XVI. gesehen hatte. Sie war durch ihren Mann mit dem Herzog von Montmorency verwandt, der bekanntlich seinen Stammbaum bis vor die Thore des Paradieses führen kann. In der Normandie lagen die Güter des Grafen, der ebenso schön war, als seine Frau häßlich. Ihr Gesicht war von den Blattern heimgesucht worden, die nicht gerade zur Verschönerung des menschlichen Antlitzes beitragen; denn es sah aus, wie wenn der Setzer in der Druckerei es unter den Fingern gehabt und Kreuz und Quer ein Gedicht auf die Schönheit darauf gedruckt hätte, oder eine wohlgemeinte Warnung nicht zu kratzen, wenn man die Blattern hat. Dazu war das Gesicht quittengelb und die falschen dunkelbraunen Locken saßen schlecht zu den grauen Haaren. Überdies war sie klein und unansehnlich. Wir hatten uns vorgestellt, daß eine Gräfin was Hohes und Herrliches sei, und es war darum kein Wunder, wenn unser Bruder, als er sie sah, im ersten Schrecken herausfuhr: »Aber Mutter, sehen denn alle Gräfinnen so aus?« worauf, damit er nicht auf einem Bein mit seinem ersten Schrecken stünde, der zweite in Gestalt einer saftigen Feige, frisch aus Italien bezogen, nachfolgte. Sie zog immer hin und her und hatte nirgends Ruhe. Alle Jahre aber kam sie zu den drei Töchtern des Großvaters, meiner sel. Mutter und den Tanten, auf vier Wochen zu Besuch. Da schüttete sie dann ihr Herz aus. Ihr Mann war gestorben, und seitdem litt sie an einer Art Lindwurm, der ihr an der Leber saß, wie einst der Geier dem Prometheus, und sie entsetzlich plagte. Kein Doktor oder Apotheker konnte ihr helfen – denn der Lindwurm hieß: »Einbildung.« Sie bildete sich nämlich ein, daß man sie verfolge und ihr ihr Hab und Gut nehmen wolle. Drum wollte sie ihre großen Güter verkaufen und das Geld anders anlegen, so daß kein Mensch davon wüßte. Und um des armen Mammons willen wurde sie immer hin und her gejagt. Einmal gab's einen großen Prozeß, wobei sie das Sprüchlein nicht bedachte, daß ein magerer Vergleich besser ist, denn ein fetter Prozeß und verlor die Geschichte und muß noch an Sporteln und Gebühren 20 000 Fr. bezahlen, und für den Spott brauchte sie nicht zu sorgen. Sie fragte dann jedermann um Rat, aber wenn sie den Rat gehört hatte, dann that sie wie weiland der Pfarrer Raßmann, von dem man sagt: daß er immer gethan habe wie er gewollt. Der natürliche Mensch hat eben oft ein Hirschgeweih auf, so groß wie ein Sechzehnender, und da dauert's lang, bis das abgelaufen ist, und manchmal wächst dann sogar wieder ein neues. Da packte sie von Paris auf und zog mit ihren Töchtern in eine deutsche Residenzstadt und meinte, da ging's besser. Aber es war wie bei einem Kranken, der immer glaubt, die Schuld läge nur an dem schlechten Bett, und wenn das besser wäre, so ging's auch anders. Aber am Bett liegt's nicht, sondern am Menschen. Ein gesunder und zufriedener Mensch liegt überall gut, und wenn er auf dem Stein liegen müßte, wie der Erzvater Jakob. – So war sie allezeit am Dividieren und Multiplizieren und doch immer in Geldnot; bald verlor sie da, bald dort. Und doch hatte sie nichts davon, sie verschwendete nichts, sondern lebte sehr spärlich, aber das Geld lief ihr unter den Händen weg. Das Gut in der Normandie wurde verkauft für eine halbe Million Franken – wo aber das Geld alles hingekommen, das wußte sie selber nicht. Ihre Töchter sollten heiraten, aber jedesmal, wenn's eben so weit war, dann litt sie es nicht, aus Furcht, sie müßte herauszahlen. Endlich aber kam's doch dazu; jede bekam noch einen Rest und zog damit von dannen, – und sie hatte noch ein weniges zum Verlaborieren. Dazu halfen ihr noch schlechte Mägde, und wenn sie anfing von ihrem Magdkreuz zu erzählen, da wollte es fast kein Ende nehmen. Da war eine Musterkarte von allen Lastern bei einander. – Wenn der Leser aber meint, die arme Gräfin hätte auf Erden nichts besseres gewußt als das, so ist er auf falscher Fährte. Sie kannte den lieben Gott im Himmel recht wohl und sein Wort, sie ging fleißig zur Kirche und konnte stundenlang reden von allem, was sie gehört. Aber es lag zusammen bei ihr wie Kraut und Rüben neben einander. Wenn der Mensch keine Ordnung in seinem äußeren Leben hat, so sieht's auch meistens inwendig so aus, und Gott ist ein Gott der Ordnung und nicht der Unordnung und kann da auch keinen Segen hineingeben. Wenn man in einen Topf, in welchem noch ein Tropfen Essig ist, eine ganze Maß süße Milch schüttet, so wird der Essig nicht durch die Milch kuriert, sondern die süße Milch wird sauer. – Da galt's denn, wenn die Gräfin kam, sich erst gehörig mit dem Kräutlein der edeln Geduld zu versehen und einmal die Liebe beweisen, die zunächst darin liegt, daß man dem andern sein Jammern anhört. Denn das ist oft schon ein Trost, wenn nur einmal einer sein Ohr hergiebt und es sich volljammern läßt. Wir Kinder hatten freilich nichts davon zu leiden; uns brachte sie nur in ihrem großen Ridikül Zuckersachen mit, und dann gab's allerhand Kommissionen nach allen Winden hin zu machen – aber die Mutter und die Tanten hatten die Hauptlast und jede trug sie, wenn auch nicht immer mit gleicher Geduld. Denn wem nicht zu raten ist, dem ist auch nicht zu helfen. Nur wenn wir die Gräfin oft bitterlich weinen sahen und das alte gelbe Gesicht sich in schmerzliche Falten zog, da dachten wir, es müsse doch ums Gräfinsein nicht gerade so was absonderliches sein, und hätten gar zu gern gewußt, was ihr denn eigentlich fehle, aber über der Mutter Lippen kam kein Laut. Endlich starb sie, verlassen und vergessen schier; zu Tode gepflegt aber noch in Liebe von der Tante – so arm, daß nicht einmal Weißzeug da war, sie ordentlich in den Sarg zu betten. Das war die erste Tante.

Die zweite Tante, die doch keine war, kam wie ein Zugvogel geflogen. Plötzlich ohne Brief und Anmeldung stand sie mit Koffern und Schachteln vor der Thür und rief: »Da bin ich wieder.« Sie war schon ziemlich bei Jahren, trug aber Phantasiekleider, wie ein junges Mädchen. Kein Kragen noch Band saß in der richtigen Ordnung, nach allen vier Winden strebte alles von ihr. Das kam daher, daß sie eine Dichterin war. Auch sie stammte aus alter Bekanntschaft mit den Großeltern her. Wenn sie kam, war's wie wenn der wilde Jäger, Hans von Rodenstein, aus dem Odenwald daher käme. Das ganze Haus kam in Aufregung, denn sie campierte in allen Zimmern und ließ überall die Spuren ihres Daseins zurück. Aber erzählen konnte sie prächtig: sie erfand die schönsten Märchen im Nu und konnte so natürlich alles schildern, daß wir Kinder mit offenem Mund vor ihr standen, und alles treuherzig geglaubt hätten, wenn nicht unser Bruder Karl uns des Abends beim Bettgehen allerhand Zweifel und Bedenken beigebracht hätte. Denn der fragte sie oft und zwar so gründlich nach allen Nebenumständen bei der Geschichte, daß die Tante ordentlich verlegen wurde und immer wieder eine neue Unwahrscheinlichkeit erfinden mußte, um die erste zu decken, wie einer, der ein Loch gräbt, um ein anderes zuzuschütten. »Junge, du bringst mich zur Verzweiflung,« konnte sie ihm oft sagen, »du bist ein Kritikaster von der ersten Sorte, schäme dich doch.« Aber der ließ sich nicht irre machen; denn er selbst konnte allerhand unwahrscheinliche Geschichten erfinden und ließ sich nicht gern ins Handwerk pfuschen, daher kam sein Zweifel; denn es sucht keiner den andern hinter dem Ofen, der nicht selbst dahinter gesessen ist. Um so andächtiger waren wir dabei. Daher passierte unserem Ältesten, (den ich hiemit weit über Berg und Thal innig grüße) ein fatales Unglück, welches ihm bei feierlichen Gelegenheiten als absonderlich warnendes Beispiel des »Ungeschickten von Frankfurt« – vorgehalten wurde. Zu Ehren der Tante, die ungemein gern Gesellschaften hatte, in denen sie völlig das Gespräch an sich riß, wurde ein Abend gegeben, zu welchem sie sich etliche Personen, von deren hoher Verehrung gegen die Dichterin sie überzeugt war, eingeladen hatte. Da saß denn auch eine junge Dame im grasgrünen, schillernden Kleide, und hörte, kein Unheil ahnend, eben einer spannenden Erzählung der Tante zu, als unser Ältester mit dem Brette voll dampfender Punschgläser eintrat, um denselben zu servieren. Die Tante war eben an einen höchst gefühlvollen Abschnitt der Geschichte gekommen, so daß der servierende Sohn des Hauses mit starren Blicken nicht auf die Punschgläser, sondern auf die Tante sah. Die Bewegung seines Herzens, das sich mehr zu der Tante und ihrer Erzählung hingezogen fühlte, teilte sich dem Punschbrett mit – ein Schritt noch voran – und die zwanzig dampfenden Punschgläser lagen in dem grasgrünen, seidenen Schoß des Fräuleins. Sie schrie auf, die Gläser rollten auf den Boden, überall hilfreiche Hände. Der verwirrte Serviteur hatte aber die Unruhe und Aufregung benutzt, um sich allen folgenden Unannehmlichkeiten zu entziehen und suchte das Weite, oder vielmehr das Warme, denn er legte sich eiligst zu Bett und war in diesem Zustand nicht mehr sichtbar. Sein Haupttrost bestand aber darin, daß er es so geschickt angefangen und kein einziges Glas gebrochen war. Aber mit dem gebrühten Fräulein und dem schrecklich zugerichteten Kleid war der Abend gründlich verdorben. Die Tante konnte keine Ruhe mehr zu stande bringen für ihre Erzählung und man schied unter allerseitigem herzlichem Bedauern.

Die Tante war ein Nachtschmetterling, der erst nachts recht fliegen konnte; sie schlief bis in den hellen, lichten Tag hinein, des Nachts war sie aber nicht ins Bett zu kriegen. Das ging aber dem Vater entsetzlich gegen den Mann. Denn bei uns galt als Hausordnung, daß der liebe Gott die Nacht für den Schlaf und den Tag zum Wachen und Arbeiten gegeben. Als sie wieder auf einem Streifzug da war und Gesellschaft geladen war, ging's schon stark auf Mitternacht. Ein Gast nach dem andern empfahl sich, die Tante war aber so munter und aufgeregt, daß sie nicht merkte, wie der Kreis immer kleiner wurde. Endlich war der letzte Gast fort. Die Mutter nahm auch das Licht und ging. Nur der Vater blieb, bis ihm endlich die Geduld riß. Er machte ihr begreiflich, daß es jetzt bereits auf zwei Uhr gehe und ein Mensch sich darum mit Fug und Recht zu Bette legen könne. Sie wollte davon aber nichts hören. Dem Vater blieb nichts übrig, als die große Lampe auszudrehen und ihr im Finstern eine »geruhsame Nacht« zu wünschen. – Bald aber nachher durchtönte den Gang ein schreckliches Ächzen; die Tante hatte über der »schrecklichen Behandlung« Krämpfe bekommen und schrie nach Hilfe, Das ganze Haus wurde wach, wir krochen aus den Betten an die Thüre und horchten im Schauergefühl der Nacht auf die bangen Töne. Es wurde Thee gebracht und warme Aufschläge gemacht, bis die Tante wieder bei Vernunft war. Da übernachtete sie denn in dem Staatszimmer auf dem gelben Plüschkanapee, auf das sich von uns Kindern keines am hellen Tage je zu setzen wagte. Nach dieser Nacht kam sie lange nicht mehr, denn sie glaubte es sei nicht geheuer in dem Hause, dieweil ihr in der Mitternacht solches passiert wäre. – Wandelte uns aber eine Lust an, eine Bemerkung über sie zu machen, so war der Blick der Mutter genug uns schweigen zu heißen, und der Bruder hütete sich wohl, sein auf sie fabriziertes Gedicht, das er uns mit einigem Selbstbewußtsein vorgelesen, loszulassen. – Das war die zweite Tante.

Die dritte war ihr aber völlig unähnlich. Sie war die Ordnung selber, aber ebenso unglücklich als sie ordentlich war. Sie war die Urenkelin eines Mannes, der zu einem ungeheuren Vermögen nicht gerade auf die solideste Art gekommen war. Schon der Enkel verarmte völlig, denn ein unrechter Kreuzer frißt tausend gerechte. Ihr Vater war eben am Bankerott, als ihr Onkel, des Vaters Bruder, aus Amerika kam, der sich dort ein großes Vermögen erworben hatte. Da sah er seine Nichte, sie war sechzehn Jahre alt, schön und begabt, er schon nahe an die Fünfzig und hielt um ihre Hand an. Er versprach dem Vater aus der Not zu helfen, den Bankerott nicht ausbrechen zu lassen und auch den Brüdern zu einem selbständigen Geschäft zu helfen – das alles unter der Bedingung, daß sie ihn nähme. Das junge Mädchen sah den Kummer ihres armen Vaters und die Not ihrer Brüder – und brachte das Opfer. Großvater traute sie in der schwedischen Kapelle in Paris, und die Hochzeit wurde mit großem Pompe gefeiert. Das Hochzeitskleid in reichen Spitzen war eigens von Brüssel bestellt; um den Hals trug sie einen prachtvollen indischen Perlenschmuck, und der lange, feine Spitzenschleier wallte nieder. Unsere Großmutter aber, die mit anwesend war und das Paar vor dem Altare sah, sprach noch in ihren alten Tagen davon, daß ihr das Mädchen vorgekommen wäre, wie weiland die griechische Jungfrau Iphigenia, als sie am Altar geopfert werden sollte. Sie wurden getraut, aber nach der Hochzeit war's das erste, daß der neuvermählte Gemahl sein Geld behielt und den Vater bankerott werden ließ. Darnach nahm er seiner jungen Frau den schönen Juwelenschmuck und alle Geschenke, die er ihr gemacht, und verkaufte sie und behielt das Geld. Dazu war er so aufbrausend und heftig, daß, als seine junge Frau mit ihrem Bruder scherzte, er wie ein Tiger auf sie zusprang, ihr vor einer ganzen Gesellschaft in fremdem Hause einen Schlag ins Gesicht gab und den Bruder die Treppe hinunter warf. Da merkte sie denn, welches Los sie getroffen, und statt ihres Perlenschmucks hingen ihr die Thränen in den Augen. Da hätte sie nun freilich, wenn sie etwas von der himmlischen Liebe gewußt, was lernen können von der Liebe, die nicht sich erbittern läßt, und alles trägt und duldet. Aber davon wußte sie nichts. Und so zog sie sich, im tiefsten Herzen gekränkt, in sich zurück und wurde, wie gegen ihren Gott, so auch gegen, die Menschen verbittert und kalt. Sie malte und sang, liebte den Reichtum und suchte damit das arme Herz zu stillen. Aber die Menschenseele kann man damit nicht füttern. Das hat auch der reiche Thor nicht gekonnt, der zu seiner Seele sprach: »Iß und trink, liebe Seele, und sei guten Mutes, denn du hast Vorrat auf viele Jahre.« Das Leben im Hause wurde immer trauriger, schon mehrmals war ihr Gelegenheit zur Flucht geboten worden; als ihr Mann das merkte, zog er weit fort mit ihr, und an einem Abend kam es zu einem so heftigen Ausbruch, daß er einen Dolch zog und schwur, sie solle nur durch seine Hand, aber jetzt umkommen. Glücklicherweise kam jemand die Treppe herauf, er steckte den Dolch zu sich und ging aus. Schnell packte sie ihre Habseligkeiten zusammen und entfloh zu ihrem Vater, der sie liebevoll aufnahm. Sie wurde nun geschieden. Seitdem wohnte sie allein, ihre Tage hinbringend in der Erinnerung an die traurige Vergangenheit, die alten Freunde besuchend, die ihr geblieben.

Sie hatte sich zuletzt in einer größeren Stadt Deutschlands niedergelassen, war aber ganz französisch in ihrer Art und sah auf die Deutschen vom hohen Pferd herab. Gewöhnlich lud sie ein paar Freundinnen ein, mit denen sie den Abend durch Karte spielte. Der Tag aber ging hin im immerwährenden Aufräumen und Putzen. Kamen mir einmal auf Besuch zu ihr, so war's uns immer bang von wegen den spiegelglatten Böden. Die Mutter versäumte nicht, uns gehörig auf das Stiefelabputzen aufmerksam zu machen, und wenn es zum Essen zu der Tante ging, erst mit ein paar Butterbroten zu Hause ein gutes Fundament zu legen, damit wir uns nicht durch allzugroßen Appetit unvorteilhaft auszeichneten und wir in der Ausübung der Bescheidenheit erleichtert würden. Wir waren boshaft genug, uns über den Handschuh zu verlustieren, der am Abend über die messingene Thürfalle gezogen wurde, damit sie von ihrem zarten Glanz nichts verlöre; das wußten wir aber, daß hinter uns her, wenn wir fort waren, die Tante mit dem Abwischtuch und die Magd mit dem Besen kam, um die letzten Spuren unseres Aufenthalts zu tilgen. – Sie selbst bewohnte von ihrem großen Logis nur eine kleine Hinterstube, damit die Vorderstuben blank blieben. Die lagen still und feierlich wie ein Götzentempel, den sie nur mit einer gewissen Feierlichkeit betrat. So wie sie äußerlich untadelhaft war, glaubte sie's auch innerlich zu sein, und meinte, es fehle bei ihr auch nicht das Tüpflein auf dem I; und wenn der liebe Gott einmal abrechnen werde mit dem, was er fordert und was der Mensch soll, dann kriege sie auf jeden Fall bei der Rechnung noch was heraus. Sie hätte vortrefflich zu dem ehrenwerten Herrn gepaßt, der einst dem Verfasser gesagt: »Hören Sie, ich betrage mich so, daß ich alle Tage am Abend den Hut vor mir selber abziehen und sagen kann: ›Wilhelm, das hast, du gut gemacht;‹« worüber freilich dem Verfasser Lucas am siebzehnten eingefallen ist, da der Herr seinen Jüngern ein anderes Abendgebetlein vorschreibt, das hoffentlich der Leser auch betet. Deswegen war's nicht leicht mit ihr zu verkehren, denn wenn man gar so brav ist, »und fast zu gut für diese Welt,« da kommt man mit solch einem im Gespräch nicht weiter und es dreht sich alles so in der Enge herum, daß man ordentlich nach Luft schnappen muß. So hat sie denn ihre Tage hingebracht ohne Last und ohne Lust, hat weder jemanden etwas Leides, noch auch etwas Gutes gethan. Aber als altes Erbstück des Großvaters hielten Mutter und Tanten fest an ihr, und auch bei ihr war die Tante die letzte Person gewesen, die ihr vor dem ungeahnten Sterben noch tröstend beigestanden. Ihr Mann war lange vor ihr gestorben. Erst nach seinem Tode zeigte es sich, daß er sein großes Vermögen durch den Sklavenhandel erworben hatte. Wunderbar! In hohem Alter brach er die Hüfte – und mußte in Brettern und Schindeln liegen, daß er sich nicht regen noch bewegen konnte. Die Hüfte heilte nicht mehr und so starb der reiche Mann in seiner engen Behausung. Gerade so aber hatte er selbst einst die Sklaven unten in den Schiffsräumen zusammengepackt. Gottes Mühlen mahlen langsam – mahlen aber trefflich klein!

Das war die dritte Tante.

Von der vierten galt das Wort, das Schiller bei dem Gedichte von dem Mädchen aus der Fremde singt:

Sie war nicht in dem Thal geboren,
Man wußte nicht, woher sie kam,
Und schnell war ihre Spur verloren,
Sobald das Mägdlein Abschied nahm.

Sie war eine Französin von Geburt und in der Zeit der französischen Eroberungen, als man die Stadt Bremen und Umgegend ins Französische also übersetzte: »Département des bouches du Weser« – dorthin gekommen um Unterricht zu erteilen, weil der Kaiser wollte, daß alle Welt französisch sprechen sollte. Über ihrer Vergangenheit hing ein dichter Schleier, den sie auch selbst nie gelüftet hat. Ihr Leben war ein Wanderleben. Sie zog von Bremen wieder weg und kam erst nach langen Jahren wieder einmal zum Besuch zu Großvater, der mittlerweile auch von Bremen gezogen. Sie war von allen obgenannten Tanten das Gegenteil. Wenn sie kam, war's wie wenn ein stiller Friedensengel käme. Auf ihren Zügen lag ein freundlich milder Ernst, und es wurde einem ganz wohl, wenn sie mit einem redete. Es war etwas anderes, als wenn die zweite Tante erzählte; dort wurde man so lebendig, daß man die halbe Nacht nicht schlafen konnte; aber bei dieser ward's einem so friedlich, wie wenn der Vollmond in der Mainacht aufgeht. Sie war zwar sauber, aber doch sehr schlicht gekleidet, in demselben Shawl und demselben Kleide erschien sie nach sechs Jahren wieder, brachte uns auch nichts mit, wenn sie kam. Aber sie war so still zufrieden, als wollte sie sagen: »Ich bin doch reich und kann beides: hungern und satt sein, Mangel und Überfluß haben.« So still war sie aber geworden, denn früher, noch zur Franzosenzeit, war sie hoch dahergefahren, wie ihr damaliger Kaiser. Aber der liebe Gott mußte sie wohl auch nach Rußland in einen Winter geführt, und ein Moskau haben erleben lassen, wo es hieß: »Bis hierher und nicht weiter, hier sollen sich legen deine stolzen Wellen.« Und das merkt man dann dem Menschen an für sein Lebetage, wenn ihm so etwas passiert ist. Da wird er kurz und klein, und statt allem Hochherfahren wird man ein bescheidener, stiller Fußgänger nach dem Himmel.

Der seligen Mutter war's immer wohl bei ihrem Besuch, und sie freute sich schon wochenlang darauf, wenn die stille Pilgerin kam. Man durfte ihr zu Liebe nichts apartes kochen; sie blieb mehrere Stunden des Tages still auf ihrem Zimmer für sich, damit niemand belästigt sei. Dabei hatte sie etwas Feines in ihrer ganzen Art, so ein Stücklein Hoheit, daß sie uns noch viel vornehmer vorkam, als die Gräfin von Geblüt. Ich weiß nicht, ob der Leserin schon solche Leute vorgekommen sind, von denen ein alter Gottesmann sagt: man meine, man müsse sie mit »Ew. Hoheit« anreden. So kam über alle ein stiller Geist, denn jeder Gast bringt einen Geist und eine Luft mit sich, die die andern auch spüren, wobei es einem entweder wohl oder schlecht wird. –

Sie wurde alt und ihre Besuche wurden seltener, aber die alte Liebe blieb, und es war, wie wenn gar keine Zeit dazwischen gelegen hätte, wenn sie sechs Jahre ausblieb. So muß es ja allemal bei rechten Freunden sein, deren Freundschaft auf Himmelblau geschrieben und ins Unsichtbare hinein sich gründet. Wer sich darauf verbindet mit verklärtem Antlitz sich einmal vor Gottes Angesicht zu treffen, der braucht zum Freundschafthalten nicht immer das irdische Antlitz zu sehen. Der knüpft, hier und dort, ans fröhliche Ende den fröhlichen Anfang dann an.

Sie lebte still zurückgezogen in einer südwestdeutschen Stadt von einem kleinen Jahrgehalt, der wohl zu viel zum Sterben und zu wenig zum Leben war, scheinbar von niemand gekannt, eine Fremde unter Fremden. Da starb sie, und man meinte wohl, sie werde keine andere Leichenbegleitung bekommen als weiland Lazarus, den die Engel aufgepackt und heimgetragen haben. Aber wie war's doch zum Staunen! – Ihr Sarg war mit Blumen reich geschmückt, hinter ihm ging viel Volks, Große und Kleine, Witwen und Waisen, die sie in ihrer Trübsal besucht und getröstet und mit ihren geringen Scherflein unterstützt hatte. Das ist mehr, als wenn man erster Klasse mit dem langen Flor, den weißen Handschuhen und Citronen der Leichenträger begraben wird, wobei der Leichenbitter ein Gesicht macht, das genau der hohen Taxe entspricht, die er für erste Klasse bekommt.

Die Mutter war, als sie die Todesnachricht bekam, einige Tage sehr still. Sie war ärmer geworden in dieser Welt an einer Freundin und reicher im Himmel. Wir haben's erst später verstanden, was solch Verlieren ist für diese Welt. Die mit uns gelebt, mit uns erfahren, ersetzt so leicht keiner, wenn sie Abschied genommen. Sind sie aber im Glauben heimgegangen, dann sind sie die vorangeeilten Quartiermacher für das nachrückende, auf Erden noch kämpfende Heer. Solch eine war unsre vierte Tante.


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