Emil Wilhelm Frommel
Aus der Chronik eines geistlichen Herrn
Emil Wilhelm Frommel

 << zurück weiter >> 

Fünftes Kapitel

Von weißen Elefanten

Seitdem der liebe Brosamenmann vom Ostseestrand (dem man's, beiläufig gesagt, über seinen Brosamen gar nicht anmerkt, daß er ein gestrenger pommerischer Superintendent ist) die schöne Geschichte vom »Dachsberg«siehe: L. Josephson, Brosamen. Erste Sammlung. 5. Aufl. S. 57. (Stuttgart bei J.F. Steinkopf.) zu Nutz und Frommen manches Hauses geschrieben, ist dem Verfasser auch der Mut gekommen, »von weißen Elefanten« etwas zu erzählen. Ob der Leser schon einen gesehen, weiß ich nicht; aber weder im zoologischen Garten zu Köln, noch in dem »Beestetuin« oder »Artis« zu Amsterdam, noch im Londoner Tiergarten und auch nicht im Pariser »Jardin d'acclimatation,« noch auch in dem Karlsruher zoologischen Garten am Ludwigssee – welche Stätten alle der Verfasser fleißig bereist hat, – hat er einen weißen Elefanten auftreiben können, sondern sich zufrieden geben müssen, daß sie hinten in Indien wachsen und gedeihen. Und doch haben sie sich bis in unser Haus gefunden, und unsre Mutter war ihnen von Herzen gram. Wenn der geneigte Leser etwas Geduld hat, so wird er gewiß belohnt, und werden ihm vielleicht die Augen aufgehen, daß er zum Erstaunen merkt, wie auch er vielleicht bisher »weißer Elefantenbesitzer« war, ohne es zu wissen.

Weit hinten in Indien leben indische Radschahs in großen Palästen und ungeheurem Reichtum, wie der geneigte Leser »Aus tausend und eine Nacht« schon sattsam vernommen. Da gilt's denn als ganz besondere Gnade, wenn solch ein Gewaltiger in Indien einem Günstling einen weißen Elefanten beschert, was etwa auf derselben Ehrenstufe steht, als wenn einer in Baiern das Großkreuz des Hubertusordens bekommt. Und die Freunde kommen und gratulieren alle zu der Gnade und zu dem Elefanten. Der ihn kriegt, macht aber, wenn er Erfahrung von der Sache hat, ein bittersüßes Gesicht; denn der weiße Elefant hat sein »Item« und auf dem Frachtbrief, womit er anlangt, steht mit unsichtbarer Schrift: »An den Leser und Empfänger: NB. hier liegen Fußangeln.« Es darf nämlich diese Gnade nicht ausgeschlagen werden, und wäre das die höchste Majestätsbeleidigung, wollte man den weißen Elefanten, selbst franco, wieder zurücksenden. Das ist das erste Item. Das zweite aber lautet: Nun mußt du auch dem Elefanten ein Haus bauen, denn solch ein Tierlein will Luft haben und begnügt sich nicht mit einem Dachlogis. Und das Haus muß im feinsten Stile aufgeführt und mit Teppichen belegt werden, damit das Fürstengeschenk nicht not leide. Das ist das zweite Item. Das dritte aber: Der Elefant ist ein vornehmer Herr und ein Feinschmecker, und speist gerne table d'hote oder à la carte, einerlei wie's kommt; aber immer: lieber viel und gut, als wenig und schlecht. Da gilt's den verwöhnten Herrn gehörig füttern, und das kostet nicht wenig. Zucker, Kaffee, Reis und die feinsten Gemüse sind ihm nicht zu schlecht, und der Magen ist bei ihm etwas größer als eine Schnupftabaksdose. Das ist das dritte Item. – Aber das vierte ist das schlimmste. Wird nämlich der weiße Herr unpäßlich, so kommt der Herr in größte Not. Wenn so ein Schnupfen, oder etwas Zahnweh, oder ein Bauchgrimmen über den Elefanten kommt, geht's dem Herrn nah ans Leben. Denn stirbt der weiße Herr, dann muß sein Inhaber auf seinem Grabe sich auch strangulieren lassen. Warum? Darum: der Elefant ist ein heiliges Tier und nimmt die Seele des Besitzers mit sich fort. Das sind vier Item's, die der geschenkte weiße Elefant an sich hat. Natürlich in Indien, und dem Leser braucht's nicht zu gruseln, denn Indien ist weit und der Radschah hat nach dem Landrecht hier bei uns nichts zu befehlen.

Und doch – ist's geschehen, wenigstens in unserem Hause, daß sich weiße Elefanten gefunden haben, ohne Rüssel und Zähne. Lange ehe wir Kinder von der bedenklichen Lage wußten, in welcher ein mit dem weißen Elefanten behafteter Hinterindier sich befindet, hatte unsre liebe Mutter schon manchen Kampf mit Elefanten bestanden.

Auf der Console im »Staatszimmer« hielten sich nämlich ihrer zwei auf, in Gestalt großer Vasen aus weißem Alabaster, fein ciseliert und äußerst zerbrechlich. Sie waren ein Hochzeitsgeschenk von Verwandten, die damit dieselbe Freude und Gunst erzeigen wollten, wie der Radschah in Indien seinem Günstling. Ihr Haus war eine große Glasglocke, ebenfalls höchst zerbrechlich und schwer zu behandeln. In den Vasen selbst waren Blumensträuße mit gemachten Blumen, die aber beim Sonnenschein nicht sproßten, sondern entsetzlich abschossen und verblaßten und daher mit einem schwarzen Flor umhangen werden mußten, der bei dunkelm Wetter und feierlichen Gelegenheiten entfernt ward. Das war aber jedesmal eine schwierige Prozedur, denn die Glasglocke war groß und bekam leicht das Übergewicht, und der Alabaster war zart, und die Blumen empfindlich. Aber noch empfindlicher die Verwandten, die das alles geschenkt und treulich nachsahen, ob diese beiden Elefanten noch lebten. Jedes neue Stubenmädchen ward vor die beiden geführt und ihm anbefohlen, hier beim Abwischen sich gehörig in acht zu nehmen, denn wenn ein Schaden passiere, so gehe es zu bösen Häusern. Insonderheit wurde vor einem gewissen »Niemand« gewarnt, der sich in manchen Familien aufhält und den der geneigte Leser vielleicht auch aus Erfahrung kennt. Fehlt nämlich an der Tasse das Unterplättchen und an der Kanne der Henkel, und man fragt darnach, wo solches geblieben, und wer zugesehen, wie es abhanden gekommen, da ist's meistens der Herr Niemand gewesen. Sollte je einmal dieser Herr alles das ersetzen müssen, was er verbrochen, verloren und verdorben hat, seit anno Eins in allen Staaten, da könnte er sich auf ein ordentliches Sümmlein gefaßt halten. – Die Sachen hätte die Mutter längst gern im stillen veräußert, um des lästigen Abwischens überhoben zu sein, aber das litt der Radschah – wollte sagen die Verwandtschaft nicht. Denn das hätte bittere Feindschaft gegeben, und also blieben sie stehen. Addiert man nun den Wert der beiden Vasen, und multipliziert ihn mit der Gunst der Verwandten, und subtrahiert dann die Unterhaltungskosten und Mühen, und dividiert die Summe schließlich mit der Angst und dem Ärger, den dieselben bereiteten, so kommt nach Adam Rieß heraus: ein weißer Elefant. Welche Summe aequal ist dem hölzernen Gaul, welchen die Griechen den Trojanern verehrten, den sie so unbedacht hinnahmen, daß seit jener Zeit das Sprichwort gehet: »Timeo Danaos et dona ferentes,« was der lieben Leserin zu lieb, die ihr Lateinisch schon wieder vergessen hat, auf deutsch in freier, dichterischer Übersetzung heißt: »Einem geschenkten Gaul sieht man manchmal nicht ins Maul.«

So erging's auch ein andermal in der Familie, nur war diesmal der Elefant unter anderer Firma hereingekommen. Es gab eine Zeit, da waren die Leute besonders europamüde und wollten alle hinüber nach Amerika, denn sie hörten, wie man dort die Goldklumpen fertig auf der Straße finden könne, und wenn sie nicht ganz apart groß wären, ließe man sie nur so liegen. Da machte sich auch ein Bäuerlein aus der Rheingegend auf und wanderte fort, und versilberte an den Wenigstbietenden sein Äckerlein und sein Haus, denn er dachte: das holst du drüben in ein paar Wochen wieder ein. Da hat's denn unser Herr Vetter erstanden und des Abends zu seiner Frau gesagt: »Horch, Fraule! Das Gütle ist eigentlich rein geschenkt.« Aber das Fraule machte ein Gesicht, als wollte sie sagen: »Lieber Mann, wenn's nur kein weißer Elefant ist.« Er aber sagte noch einmal: »Das sind Mannssachen, Fraule, ich weiß, was so ein Gütle wert ist unter Brüdern.« Und so wurde der Kauf fertig gemacht. Aber der weiße Elefant, das »geschenkte« Gütle fing an zu fressen. Das Haus sah von außen ganz reputabel aus, aber inwendig war es krank, wie ein Schwindsüchtiger, der wohl außen rote Backen hat. Da dachte der Vetter: dem wird bald geholfen sein, das kostet ein paar gesunde Balken und einen neuen Fußboden, dann ist der Schaden kuriert. Aber als man anfing den Fußboden aufzubrechen, da war kein Haltens mehr, denn nun fing erst recht alles an zu reißen. Da floß viel Geld hinein, um die Löcher auszustopfen. Jedesmal wenn er sein »Fraule« ansah, schlug ihm freilich das Herz, und er nahm sich vor, nichts mehr zu verbauen; aber dann sagte er sich wieder: »Jetzt hast du so viel hineingesteckt und es wäre ganz umsonst, wenn du's nicht ganz durchführen willst.« Also durch. Aber dann sollten die »geschenkten« Äckerlein bebaut sein, und da der Vetter weit von da wohnte, und nur alle paar Wochen kommen konnte, so mußten fremde Leute das Feld bestellen, und die waren auch so frei, die Früchte gleich mitzugenießen. Die Äcker verlangten viel Besserung, und die mußte gekauft werden, denn der Vetter hatte selbst kein Vieh, und in das Haus mußte er jemand setzen, um den Elefanten, wollt' sagen das Gütle, zu verwalten, und da der nichts hatte, mußte der Vetter ihm etwas geben, und das »Gütle« wurde immer teurer, und der Vetter fühlte schon die seidene Schnur, womit er stranguliert werden sollte, da hat er's Knall und Fall verkauft, und ist noch mit Hinterlassung etlicher Haare ziemlich leidlich davon gekommen; hat sich aber auch in seinem Leben nie wieder auf »geschenkte Güter« eingelassen, und einen heilsamen Respekt vor weißen Elefanten bekommen.

Der gefährlichste Elefant hat sich aber einmal nur auf eine halbe Stunde bei einem der Unsern, der längst heimgegangen, aufgehalten. Es hatte nämlich ein Herr aus fernen Landen ein wichtig Anliegen und wollte ein gut Geschäft machen, in allen Ehren zwar, kam aber doch auf einen seit Alters her nicht ungewöhnlichen Weg, um zum Ziel zu gelangen. Er wollte nämlich auch mittelst eines weißen Elefanten seiner Sache Nachdruck geben und schickte dem Seligen denselben wohlverpackt in einer großen Kiste, worauf ein Glas gemalt war und »Vorsicht« stand. Man wußte nicht, was die Kiste sollte, sie wurde darum vorsichtiglich aufgemacht; und aus dem Heustalle wanderte der Elefant in Gestalt eines herrlichen, feinen Tafelservices, mit Goldrand und duftigen Blumen, ein Stück schöner als das andere. Da fand sich auch der Begleitbrief, der darauf hinlautete:

»Ich erlaube mir Ihrer Frau Gemahlin eine kleine Aufmerksamkeit zu erweisen, die Sie gütigst annehmen wollen. Indem ich zum Schluß meine Angelegenheit Ihnen dringend empfehle und um gütige Fürsprache bitte, bin ich dero ec.–«.

Kaum war der Brief gelesen, als ein donnerndes: »Halt, auf der Stelle eingepackt,« erscholl. Die Gesichter verzogen sich, denn so manchen, namentlich aus der weiblichen Zuschauerschaft, leuchtete das Auspacken viel mehr ein, als das Einpacken. Die Kiste wurde zugenagelt und mit Glasmalerei versehen, auf dem Deckel, umgeschickt. Der Selige aber, der solches befohlen, sagte: »Seht ihr denn nicht, daß auf der Kiste »Vorsicht« stand, – wo man aber Vorsicht anwendet, da braucht man keine Rücksicht. Darum fort mit dem Elefanten. Ich will seinetwegen mein Gewissen nicht strangulieren. Der würde mich tausendmal mehr kosten, als er wert ist.« Und noch in der nächsten Stunde hat ihn der Verfasser auf dem Schiebkarren gesehen und er ist wieder hingewandert, wo er herkam, auch mit einem Begleitschein, worin stand, daß man bedaure, solches Ungeziefer, wie den weißen Elefanten, nicht übernachten zu können. –

Der geneigte Leser hat nun unter der Zeit schon gehörig gemerkt, wo's hinaus wollte, und soll's darum genug sein; denn der Verfasser könnte noch von einem ganzen Stall voll solcher Tierlein, auch aus seiner Bekanntschaft heraus reden. Ich will aber doch auch für die kleinen und großen Leser nur noch etliche Items anhängen.

1) Laß dir keinen weißen Elefanten schenken und käme er auch von einem Radschah.

2) Kaufe nicht alles, was du siehst, aber besiehe dir alles, was du kaufst.

3) Kaufe nie etwas, weil's »geschenkt« ist, sonst kann's kommen, daß du es erst recht herschenken mußt.

4) Hüte dich aber vor allem vor den weißen Elefanten, die mit ihrem Rüssel dich lecken und mit ihren Zähnen dein Gewissen einstoßen.


 << zurück weiter >>