Emil Wilhelm Frommel
Aus der Chronik eines geistlichen Herrn
Emil Wilhelm Frommel

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Sechstes Kapitel

Wie dieser mein Großvater mütterlicherseits von Paris nach Bremen kam und Pfarrer an St. Ansgari wurde

Es ist seit Anfang dieses Jahrhunderts mancher von Paris nach Bremen gereist, ist aber deswegen doch nicht Pfarrer an St. Ansgari geworden. Meinen Großvater dahin zu bringen, haben drei große Potentaten mitgewirkt, über deren Zusammenstellung der Leser nicht erschrecken möge: nämlich der Teufel, der alte Napoleon, und unser treuer Herrgott. Das Schlimmste will ich zuerst erörtern und das Beste zuletzt geben.

Die Schreckenszeit in Frankreich in den 90er Jahren hatte nicht bloß manchen hohen Menschen um einen Kopf kürzer, aus Adeligen und Herzogen lauter »Bürger,« aus den Kirchen Tempel der Vernunft und aus Menschen Tiger und Hyänen gemacht, sondern auch sonst über die kleinen Leute viel Elend gebracht. Und als der Krieg gegen Deutschland ausbrach, stockten die Geschäfte noch mehr. Da galt's denn auch in der Kirche trösten aus Gottes Wort und vermahnen, sich von der Guillotine und den Freiheitsbäumen weg zum lebendigen Gott zu bekehren, denn es war auch ein Baalsdienst, den sie mit der Freiheit trieben, mit grausen Menschenopfern, und die Jesebel fehlte auch nicht, noch die Baalspfaffen in der roten Jakobinermütze. Da that denn auch der Großvater, was seines Amtes war und predigte deutsch und französisch vom lebendigen Gott. Denn man kann's auch auf französisch thun, wiewohl mancher ehrliche Deutsche es nicht recht glauben will. Und er predigte gewaltig, das haben alle bekennen müssen, die ihn gehört haben. Hat's ihm auch, wie in jener aufgeklärten und doch finstern Zeit so vielen, an der helleren und lichteren Erkenntnis Christi gefehlt, so hatte er das, was er von Gottes Wort hatte, nicht bloß im Kopf, sondern auch im Herzen, und was noch mehr ist: im Gewissen. Denn es haben viele viel Wissen, aber wenig Gewissen.

So predigte er denn in der schwedischen Gesandtschaftskapelle bald auf französisch, bald auf deutsch, wie es den Sonntag gerade traf. – Wenn deutsch gepredigt wurde, klang auch der deutsche Choral in die fremde Stadt hinein. Da kam denn auch einmal wieder ein deutscher Sonntag und das Lied Paul Gerhards: »Befiehl du deine Wege« (das der Leser hoffentlich auswendig, und was noch besser ist: »inwendig« kann) klang durch die Kapelle hin. Unter dem Liede trat ein bleicher, hagerer Mann herein, setzte sich still in die letzte Bank und stützte seinen Kopf auf den Arm und sah dein Nachbar über die Schulter ins Buch hinein. Er sang nicht mit; wie aber der Großvater auf die Kanzel trat, schlug er die Augen auf, als wollte er ihn durchbohren. Die Predigt handelte über den Spruch des Liedes – den Psalm wird der Leser wohl wissen. – Und die Predigt redete von dunklen und schweren Wegen, wie sie doch ins Licht gehen, und wie's nur an uns liege, sie dem Herrn statt uns selbst zu befehlen, und wie das »Wohlmachen« nicht ausbleiben werde. Das sprach der Großvater mit großer Zuversicht, wie ein Kind und Mann zugleich und betete dann aus Herzensgrund für alle Betrübten und Angefochtenen in dieser schweren Zeit. Der Gottesdienst war zu Ende, der letzte Vers verklungen, da sprang der bleiche Mann vom Sitze auf, lief durch die Kirche bis zur Sakristei und trat hastig auf den Großvater zu und rief ihm entgegen: »Herr Pfarrer, Sie haben mir das Leben gerettet.« Der Großvater trat einen Schritt zurück, richtete sich hoch auf, und sagte in feierlichem Tone: »Wie meinen Sie das, mein Herr?«

Der Fremde erzählte dann in kurzen Zügen, wie er nach Paris aus Deutschland gekommen, dort sich verheiratet und sechs Kinder und ein gutes Geschäft gehabt habe. Infolge des Kriegs aber sei er ein ruinierter Mann, was noch zu Geld zu machen gewesen, das sei verkauft und seit zwei Tagen seien die Kinder mit samt der Frau ohne Brot. Er wolle es für sich noch aushalten, aber das Weinen der Kinder und ihre Not sei nicht zum Ansehen gewesen, und so habe er den Entschluß gefaßt, sich das Leben zu nehmen; vielleicht daß es dann der Familie besser gehe, wenn das Haupt nicht mehr da sei, und die Leute erführen, daß er um ihretwillen sich das Leben genommen. So habe ihn der Weg nach dem Seinefluß gerade vorübergeführt an der Kirche und drinnen habe er das Lied singen hören aus einer bessern Zeit seines Lebens, und mit Macht habe es ihn hineingezogen, noch einmal zu hören, ob ihn was zu trösten im stande wäre. Und jetzt sei er getröstet und wolle es noch einmal versuchen, ob Gott ihm nicht helfe. – So war der Teufel, der ihm den schwarzen. Gedanken eingegeben hatte, überwunden und Gott hatte ihn an seiner Hand durch die Gasse geführt, wo die Kirche stand. – Der Großvater schaute den Mann scharf noch einmal an, und fing nicht an zu trösten, sondern erst gewaltig zu strafen und hieß ihn einen Feigling, der seinen Posten verlasse, ehe er gerufen sei, und nachdem er ihm gründlich die Wahrheit gesagt, reichte er ihm die Hand und ließ sich's von ihm versprechen, daß er mannhaft kämpfen und nicht von einem Elend in ein viel größeres hineinspringen wolle, und versprach ihm zugleich, für ihn zu sorgen. Er verschaffte ihm eine Stelle, die ihn und die Seinen nährte, und seit jener Zeit hielt er sich auch mit ihnen treulich zur Kirche. – Die Ereignisse aber drängten immer mehr, die Schreckensherrschaft stieg aufs höchste und brach in sich zusammen; der Artillerielieutenant Bonaparte war Konsul geworden und zuletzt Kaiser. Über alledem war dem Großvater jener Zuhörer entschwunden, den er einst in der Kirche gehabt, abgesehen davon, daß man in einer Stadt wie Paris einander nicht alle Tage sieht. Mit dem kaiserlichen Hof aber stand der schwedische Hof schlecht, dessen Gesandtschaftsprediger der Großvater war, und noch schlechter stand die Frau des Gesandten mit dem Kaiser, die berühmte Frau von Staël, die den Kaiser haßte und gegen ihn schrieb. So kam denn bald auch ein Befehl an die Gesandtschaft, binnen dreimal vierundzwanzig Stunden die Stadt zu verlassen und das galt auch dem Großvater. So ging er denn in die Verbannung, nahm Abschied von Weib und Kind und wollte nach Schweden, wo ihm eine Stelle angeboten war, dort Quartier zu machen und die Familie nachkommen zu lassen. Es wurde dem Großvater schwer, sein schönes Frankreich zu verlassen und in das fremde nordische Land zu gehen, aber er wußte, wer mit ihm ging und hatte noch einen andern Stecken und Stab als den Wanderstab. Er befahl seinen Weg auch dem getreuen Gott, wie er's andern gepredigt hatte.

Frankreich lag hinter ihm und daran war der Kaiser Napoleon schuld, und er eilte auf Bremen zu, um sich dort nach Schweden einzuschiffen. Eines Abends spät traf er in Bremen ein. Nach dem Essen reichte ihm der Gastwirt das Fremdenbuch, um seinen Namen einzuzeichnen. Eine Viertelstunde nachher trat ein feiner, vornehm gekleideter Herr auf ihn zu, redete ihn an mit den Worten:

»Sie sind der Pfarrer G... aus Paris?«

»Zu dienen, mein Herr,« antwortete der Großvater, »und Sie?«

»Wie, Sie kennen mich nicht?« rief der Fremde.

»Nein, mein Herr.«

»Ich bin ja ..., dem Sie das Leben gerettet.«

»Sie irren, mein Herr.«

»Nein, ich irre nicht,« fuhr der Fremde fort und erinnerte den Großvater an die längst vergessene Geschichte.

Nun wachte auch das Gedächtnis des Großvaters auf. Der Fremde erzählte nun, wie es ihm ergangen seit jener Zeit. Er hatte sich wieder erholt und gute Geschäfte gemacht. Als er ein beträchtliches Vermögen in kurzer Zeit gesammelt hatte, verließ er Paris. Er hatte den Großvater aufgesucht, um Abschied zu nehmen, der war aber gerade in jener Zeit auf Reisen. So war er dann mit seiner Familie weg und nach Bremen gezogen, wo sein Reichtum gestiegen und er bald einen ehrenvollen Platz in der Kaufmannswelt einnahm. Seine Kinder waren schon längst versorgt und Gottes Segen waltete sichtlich über dem Hause. Als ihm nun der Großvater dagegen erzählte, wie er jetzt in der Verbannung sei und nach Schweden wolle, da leuchteten des Mannes Augen auf und mit freudig erregter Stimme rief er: »Nein, Herr Pfarrer, Sie dürfen nicht fort aus Deutschland, dafür ist gesorgt. Unser Pfarrer an St. Ansgari ist heimgegangen und die Stelle vakant. Mein nächster treuster Freund ist Bauherr der Kirche, und er wird Sie zur Predigt auffordern und die Wahl ist gesichert.«

In eigentümlicher Bewegung seines Herzens legte sich der Großvater schlafen. Des Morgens ließ er sein Gepäck, das schon auf dem Schiffe nach Schweden war, holen, und ließ dem Kapitän sagen, er möge eine Weile einmal voranfahren, vielleicht komme er noch nach. Großvater predigte – und wurde einstimmig gewählt zum Pfarrer an St. Ansgari. Nun war das Singen des Lieds am Großvater, denn er wurde dort gut und weich gebettet, und hätte ihn nicht das Heimweh nach Frankreich ergriffen, so wäre er wohl in Bremen geblieben und gestorben. Da hätte aber wohl mein Vater meine Mutter nicht kennen gelernt, und wenn das nicht der Fall gewesen, hätte ich nicht die Geschichte meines Großvaters schreiben können. Darum hat auch beim Verfasser, der eine so liebe Mutter gehabt, wie beim Großvater und dem Bremer Herrn der HErr alles wohlgemacht!


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