Emil Wilhelm Frommel
Aus der Chronik eines geistlichen Herrn
Emil Wilhelm Frommel

 << zurück weiter >> 

Fünftes Kapitel

Mein Großvater mütterlicherseits und der Graf von Narbonne

Ein Stück aus der Schreckenszeit und der undankbaren Welt

Von meinem seligen Großvater habe ich viel in meiner Jugend gehört, des Mannes mit der hohen Stirn und dem langen, zurückgekämmten Haar. Das eine Auge hatte er durch die Blattern verloren und trug ein gläsernes dafür; aber es war, als ob alle Kraft des verlornen Auges in das gesunde Auge gegangen, denn es hatte einen wunderbaren Glanz und eine durchdringende Kraft. Groß von Person war er just nicht, aber es giebt Leute, die sind klein, und es ist einem doch, als müßte man an ihnen hinaufschauen, und das kommt von dem Geist her, den ein Mensch ausstrahlt: damit kann so ein kleiner Mensch recht über einen herthronen. Und solch einen Geist hatte mein seliger Großvater. In den Siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts war er nach Paris gekommen und dort deutscher und französischer Prediger an der schwedischen Gesandtschaftskapelle geworden. Die Revolution sah er langsam kommen. Denn ehe der Sturm losbricht, kommen die Wetterwolken und die unheimliche Stille und die seltsamen Windzüge. Der Abfall vom lebendigen Gott, der sich in den Schriften des Spötters Voltaire und seiner Genossen aussprach, die Sittenlosigkeit in den höheren Ständen, die Armut und Unzufriedenheit in dem Volke und dazu die Schwachheit des gutmütigen Königs – das waren die Vorboten des Verderbens. Mein Großvater selbst war Republikaner mit Leib und Seele; er hielt diese Staatsform für Frankreich für die beste, wie so manche edle und fromme deutsche Männer, wie Klopstock, und hat sich freilich schwer darin geirrt; aber eben deshalb, weil er es mit voller Seele war, war er allem gesetzlosen Treiben und allem Blutvergießen bis ins Innerste gram. Die Schreckensjahre kamen, die Gefängnisse füllten sich mit den vornehmsten Adeligen, denen der Prozeß gemacht wurde. Was fliehen konnte, entfloh; auch der schwedische Gesandte war abgerufen worden und übertrug dem Großvater die Gesandtschaftsgeschäfte. So war er denn in dem großen Palaste allein. Da läutet es spät in der Nacht an der Glocke; vorsichtig öffneten die Bedienten. Ein Bedienter meldete den »Grafen von Narbonne« und fragte, ob man ihn hereinlassen solle. Mein Großvater hatte ihn öfters in der Gesellschaft des schwedischen Gesandten gesehen und kannte ihn als einen steifen, altadeligen und hochmütigen Kavalier, der unter den Kammerherren des gefangenen Königs war; er ahnte, warum er kam, denn sein Name stand auf der Ächtungsliste derer, die als »Feinde des Vaterlands« bezeichnet waren. Wer aber einen Feind des Vaterlandes aufnahm, sollte mit dem Tode bestraft werden. Einen Augenblick schwankte mein Großvater, dann befahl er dem Bedienten: »Lasset ihn herein.« Schnell war er aufgestanden, hatte sein Amtskleid angezogen und trat in das Vorzimmer, in welchem der Graf totenblaß, vornehm angezogen, aber schlotternd vor Angst, vor ihm stand.

»Was willst du, Bürger Narbonne,« redete ihn mein Großvater ernst an.

»Um Gottes und der heiligen Jungfrau willen, retten Sie mich, Herr Pfarrer. Mein Haus wird eben nach mir durchsucht. Ich bin des Todes, wenn Sie mich nicht retten!« sagte der Graf.

Durchdringend ließ mein Großvater sein dunkles Auge auf ihm haften und sprach mit lauter Stimme:

»Bürger Narbonne, du weißt, daß du in den Händen eines Republikaners und eines Protestanten bist. Als Republikaner muß ich dich hassen als einen Feind des Vaterlandes, der mitschuldig ist an dem jetzigen Elend. Aber du hast dich auf Gott berufen, der befiehlt mir als Christ, meinen Feind zu lieben. Du sollst dich nicht umsonst berufen haben. Folge mir!« Mein Großvater nahm einen schweren Bund Schlüssel, einen dichten, wollenen Teppich und eine Kerze und ging mit dem Todeskandidaten durch mehrere lange Gänge. Zuletzt stiegen sie eine enge Wendeltreppe hinab, und mein Großvater öffnete die Thüre. Sie standen in einer Kirche, es war die Gesandtschaftskapelle. Er ging vor an den Altar, nahm die Decke ab, öffnete die Rückseite desselben und nahm die Abendmahlsgefässe heraus und legte die Decke hinein.

»Hier wirst du bleiben, Bürger Narbonne, ich werde dir morgen ein kleines Luftloch machen und für heute den einen Thorflügel offen lassen. Ich wünsche dir gute Nacht.«

Mein Großvater deckte den Teppich samt Decke über den Altar, schloß die Thüre und ging.

Des Morgens früh nahm die Großmutter die Schlüssel und warmen Kaffee, um ihn dem Gefangenen zu bringen.

»Du hast schlecht geschlafen, Bürger Narbonne,« sagte sie zu ihm, der ihr die Hand entgegenstreckte und die ihre herzlich drückte, während ihm große Thränen über die blassen Wangen rollten. Nachdem sie ihn gespeist und mit seiner Hilfe ein kleines Luftloch aus der Rückseite des Altars gesägt hatte, verließ sie ihn wieder.

Zwei Tage darauf klopfte es in der Nacht gewaltig an der Hausthüre. Es wurde geöffnet und zwei Kommissäre des Konvents mit acht Soldaten traten ein.

»Wo ist der Bürger Pfarrer – ruft ihn!« Mein Großvater war noch auf und kam herab.

»Bürger Pfarrer,« so hob der eine Kommissär an, »du bist angeklagt, Korrespondenz mit Schweden zu führen und den Grafen Narbonne aufgenommen zu haben, man will ihn gesehen haben zu dir fliehen. Im Namen der einen, unteilbaren Republik verlangen wir die Haussuchung.«

Mein Großvater hatte wirklich mit dem König von Schweden korrespondiert, aber nichts anderes geschrieben, als den Gang der Ereignisse gemeldet. Er hatte eben einen großen Bericht unter seinen Papieren liegen. Mit männlichem Mut sagte er: »Wohlan, Bürger Kommissär, du weißt, daß ich Republikaner bin, suche, ob du etwas findest.« Er selber leuchtete hinauf. Sie durchsuchten alle Zimmer und kamen endlich in sein Studierzimmer. Meine Großmutter stand dabei, als sie durchsuchten. Eben kamen sie an das verhängnisvolle Fach, wo der Bericht lag, da sah sie, wie mein Großvater sich hoch aufrichtete, und wie seine Haare sich langsam in die Höhe stellten. Sie öffneten und brachen plötzlich in ein Hurrah aus. Oben in dem Fache lagen zwei republikanische Lieder, die in diesen Tagen dem Großvater zugeschickt worden waren und die er, was er selbst nicht mehr wußte, oben in das Fach gelegt hatte. Kaum hatten sie die Lieder gesehen, als der Kommissär ausrief: »Er ist ein guter Bürger, lasset ihn in Ruhe,« reichte ihm die Hand und zog, ohne weiter zu untersuchen, mit seiner Schar ab. Auf den Knieen dankte er Gott für seine Bewahrung. Es verging Woche um Woche; täglich stieg die Großmutter hinab, den Gefangenen zu speisen. Es waren gegen zwanzig Bediente in dem Palast, jeder wußte vom Grafen, aber so groß war ihre Liebe zu dem Großvater, daß keiner ihn verriet. Er selbst war stets darauf bedacht, dem Grafen aus dem Altar zur Freiheit zu verhelfen. Endlich kam ein Tag, an dem ein großes Volksfest zu Paris sein sollte, es strömte eine Menge Menschen aus allen Ortschaften der Umgegend zu den Thoren herein. Der Großvater war in der vorhergehenden Nacht hinabgestiegen und hatte den Grafen herausgeholt. Verwildert genug sah er aus; um ihn aber völlig unkenntlich zu machen, wurde ihm das Gesicht geschwärzt. Ein vollständiger Fuhrmannsanzug lag bereit, den der Graf anzog. Im Hofe stand ein großes Wasserfaß mit zwei Pferden bespannt, samt einem Bedienten in Fuhrmannskleidern. Der Großvater händigte dem Grafen einen schwedischen Paß und Geld ein, reichte ihm die Hand, verbat sich den Dank und sprach: »Um Gottes willen hast du gebeten, um Gottes willen hab' ich's gethan. Geh mit Gott, Bürger Narbonne, und lerne etwas in der Fremde.«

Die zwei zogen fort, der Bediente auf dem Pferde, der Graf auf dem Wagen. Ein Stück vor dem Thore fing der Bediente an zum Schein den Grafen als einen Taugenichts zu schelten und schlug ihn, als sie am Thorwart vorbeizogen, mit der Peitsche zweimal über den Rücken. »Fauler Schlingel,« rief er, »halte das Faß besser. Thorwart, Ihr glaubt nicht, was das für ein Schlingel ist, dem steckt das Fest im Kopf und will nicht zu Paris hinaus.« Der Thorwart lachte und ließ sie hinaus. So aber hatte es der Großvater mit dem Bedienten einstudiert. Der Graf entkam und der Bediente fuhr zum andern Thor wieder zur Stadt hinein.

Jahre gingen drüber hin. Napoleon hatte Ordnung gestiftet in Frankreich und gezeigt, was er unter Republik verstehe, und den Franzosen war's auch recht. Von dem Grafen Narbonne hatte aber mein Großvater nichts mehr gehört.

Da war eines Abends bei der berühmten Frau von Staël große Gesellschaft. Mein Großvater, den sie hochschätzte und dem sie auch in ihren Briefen ein Denkmal setzte, war auch eingeladen. Sie wollte ihm und sich eine besondere Freude bereiten. Mitten im Abend rief sie ihn und führte an der Hand einen vornehmen Herrn.

»Graf Narbonne, hier ist der Pfarrer Gambs, der Ihnen das Leben gerettet,« sagte sie.

»Ah so,« sagte der Graf vornehm, machte eine Verbeugung und ging wieder unter das Gewühl der Gesellschaft.

»Ist das sein Dank gewesen, Herr Pfarrer? Sie haben mit der Gefahr Ihres Lebens einen Elenden gerettet!« rief Frau von Staël.

»Ich würde es noch einmal thun,« sagte ernst und feierlich mein Großvater.


 << zurück weiter >>