Emil Wilhelm Frommel
Aus der Chronik eines geistlichen Herrn
Emil Wilhelm Frommel

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Viertes Kapitel.

Was in böser Zeit einmal mein Großonkel väterlicherseits gethan hat, und wie ihm solches bekommen ist.

I.

Es muß der liebe Leser mit mir einen Krebsgang machen, 76 Jahre hinterwärts, wenn er meine Geschichte recht verstehen will, und wissen was das heißt »böse Zeit im deutschen Reich.« Ob der Leser ferner einen Großvater noch hat, der auch mit dabei war und ihm davon erzählt hat, weiß ich auch nicht. Denn das Geschlecht, das über die Schmach noch mitgeweint und gegen sie gekämpft, ist im Aussterben. Wie die alten verwitterten Eichen unterm jungen Buchenwald und dem zitterigen Espenlaub, stehen auch die Veteranen, die den Napoleon und den Vater Blücher noch von Angesicht gesehen, unter dem heurigen Geschlecht. Vor kurzem habe ich noch einen alten Wachtmeister begraben, 88 Jahre alt war er. Der ist seiner Zeit im russischen Schnee herum gelaufen, hat nach der Schlacht an der Beresina die Fahne von der Stange geschnitten und um den Leib gewickelt und hat sie mit herausgebracht ins Karlsruher Schloß. Der sagte mir einmal, als ich ihn fragte, wie er sich unter dem jetzigen Geschlecht vorkomme: Er habe einmal den Mund voll der schönsten Zähne gehabt, alle schneeweiß, aber er habe sie drinnen lassen müssen in Rußland und vor Danzig; nur so ein paar alte Storren habe er noch im Mund, – so sei's gerade auch mit seinem weißen badischen Regiment gegangen. Die meisten lägen draußen auf dem Schlachtfeld, und nur er und ein paar alte Storren seien noch allein übrig, und die selbst seien allgemach hohl und wacklig.

Er hat recht gehabt, der alte Wachtmeister, es sind nur noch wenige, die's sagen können, wie's gewesen ist. Es war nahe daran, daß das junge Geschlecht es ganz vergessen hätte, unter welchem Druck selbigmal unser deutsches Vaterland geschmachtet hat. Denn es hat leider an allerhand deutschen Buben nicht gefehlt, die jene große Zeit, als unser Volk aufstand, um das Joch abzuwerfen, gesucht haben lächerlich zu machen, und den alten Arndt und den Blücher »Franzosenfresser« gescholten haben. Es ist besser geworden, und der Krieg von anno 70 hat's dem Napoleon gezeigt, daß man seinen Herrn Onkel in Deutschland noch nicht vergessen hatte; so etwas hatte er sich nicht erwartet, als seine Augen sahen, was das deutsche Volk machte, als er seine Adler über Deutschland steigen ließ.


Es war anno 12 und 13, als der Krieg gegen Rußland geführt wurde. Der Kaiser Napoleon, der alte, stand auf dem Gipfel seines Glücks. Er war der gefürchtetste Mann in Europa. Preußen war gedemütigt worden und sein König aus Berlin vertrieben, und Östreich hatte dem Napoleon eine Prinzessin geben müssen aus dem Kaiserhaus, ihm, der sich vom Artillerielieutenant zum Kaiser emporgeschwungen hatte. Außer England und Rußland kam alle Welt, um gutes Wetter bei ihm zu bitten, wie die Bürgermeister beim neuen gestrengen Amtmann; und die kleineren Staaten mußten fein ganz stille sein, sonst machte er ihnen mit einem Strich den Garaus. Zu all seinem Glück kam ihm noch ein Segen vom lieben Gott ins Haus. Er bekam einen Sohn anno 11. Da habe ich erzählen hören, daß ihm, den sonst kein Jammergeschrei der Verwundeten und Sterbenden erbarmt und kein noch so großer Sieg erfreut hat, wie er das neugeborne Kind in den Armen gehalten, eine große Thräne über die Wangen geflossen sei. Ja, da lief Wasser aus dem Felsenherzen, als der Herr mit dem Stabe »Sanft« daran geschlagen hat. Es ist seitdem noch manchem Stadtherrn und Bauersmann auch dasselbe passiert, daß sie Römer am zweiten hätten verstehen lernen können, daß die Güte Gottes den Sünder zur Buße leiten solle. Da hätte man nun denken sollen, der alte Napoleon wäre in sich gegangen und hätte dran gedacht, daß andern Leuten ihre Kinder auch so lieb und wert seien, als ihm seines, und daß es was Trauriges sei ums Kriegführen, wo so mancher Vater und junges Blut sein Leben auf dem Schlachtfeld lassen muß und eingescharrt wird in ein großes Loch, und keiner mehr nur noch den letzten Gruß kann heimsagen lassen. Aber daran hätte nur der Schreiber dieses gedacht, aber der Kaiser Napoleon nicht.

Der wollte noch über den Gipfel hinaus. Wenn man aber über einen Berggipfel noch hinaus will, dann kann man nur wieder auf der andern Seite hinunter; das Wort ist eben ewig wahr, daß »Gott den Hoffärtigen widersteht.«

Auf den Kaiser von Rußland hatte er es abgesehen und ein Heer gesammelt von fast einer halben Million Menschen, darunter viele gezwungene deutsche Brüder. Als er davon hörte, daß der Kaiser von Rußland beim Herannahen dieses ungeheuren Menschentrosses befohlen hätte, in allen Kirchen gegen den Feind zu beten, sagte er lachend und trotzig: Er wolle mit seinen 500 000 Bajonetten die Gebete des russischen Kaisers zu Schanden machen. Aber dem Russenkaiser seine Gebete haben weiter geschossen, als dem Franzosenkaiser seine Flinten. In einer Nacht sprach Gott: »Bis hierher und nicht weiter.« Das war, als Moskau zusammenbrannte. Die Russen selbst hatten es angesteckt, damit Napoleon kein Obdach hatte. Und darnach kam der russische Winter herangezogen, der ein bekanntlich noch ein gut Teil grimmigerer und kernfesterer Mann ist, als der deutsche und gar der französische, – und fing an mit dem Franzosen zu streiten und legte ganze Regimenter ohne Schuß und Schwertstreich hin, und deckte sie noch mitleidig mit einem weißen Totentuch, mit Schnee und Eis zu. Dort schlafen auch viele badische Grenadiere und Husaren dem großen Auferstehungstag entgegen. In vielen Schlachten geschlagen, kam aber das französische Heer zurück, um über den Rhein zu gehen. Es war immer noch ein großes Heer, wenn gleich es geschlagen war; aber zügellos und verwildert dabei durch den langen Krieg. So wurde denn auf dem Heimweg auch gebrandschatzt und mitgenommen, was nicht nagelfest oder kein glühendes Eisen war. Und leider fanden sich unter den Deutschen Helfershelfer genug, die ihnen zur Seite standen und auch ihren Profit dabei machten. Da gab's Spione, die es mit den Franzosen insgeheim hielten und ihnen die »guten Patrioten,« das heißt die guten Vaterlandsfreunde anzeigten, die sich über die Niederlage der Franzosen gefreut hatten; sie wurden aufs grausamste behandelt. Kaum drei Männer konnten damals sich zusammenthun, um sich gegenseitig auszusprechen, ohne Gefahr zu laufen, verraten zu werden. Wem das Herz blutete über die Schmach des Vaterlands, der mußte die Hand gut auf die Wunde halten, damit man es nicht merkte. Andere hatten Lieferungen für das französische Heer übernommen und saugten ganze deutsche Ortschaften aus und trieben das Vieh von der Weide weg. In jene Zeit hinein fällt auch meine Geschichte, – das war die böse Zeit, von der ich zuerst sagte.

II.

Nun muß ich auch sagen, was der Großonkel Registrator drin gethan hat.

In einer Amtsstadt im badischen Mittelrheinkreis lebte damals der Registrator mit seiner Familie. Er war ein starker großer Mann, von dem man denken konnte, er könne besser den Säbel als die Feder führen. Das lange wallende Haar stand ihm gut an: nur wenn er heftig wurde, da war es anzuschauen wie die Mähne eines gereizten Löwen. Er war aber sonst ein stiller ernster Mann; die schweren Zeiten hatten ihm auf der Stirne gepflügt, daß es tiefe Furchen gegeben hatte, und sein Blick, so freundlich er sonst war, hatte doch etwas Schwermütiges. Man sah es ihm an, den Mann drückte etwas, und doch durfte er nicht sagen was. Wo ihn zunächst der Schuh drückte, das konnte man merken, wenn man die Thür aufmachte, die aus seiner Amtsstube führte. Da war seine Frau und seine fünf unerzogenen Kinder, und wie die Orgelpfeifen einander folgend, der älteste ein Knabe von zwölf Jahren. Ja das machte ihm Sorge, wenn er auf sie und ihre Zukunft sah. Schon jetzt gab's schmale Bissen; denn die Besoldung war klein, und die beiden letzten Quartale waren gar nicht ausbezahlt worden um der Kriegszeiten willen. Es war noch ein Glück für ihn, daß zum Teil seine Besoldung in Holz, Frucht und Wein bestand, denn sonst hatte er gar nicht gewußt, woher nehmen, um die vielen Mäuler zu stopfen. Aber wie sollte das noch werden, wenn der Krieg weiter fortging? Das hatte ihm schon manchmal den Kopf warm gemacht. Und doch war's nicht das, was ihn zumeist drückte, denn wenn er seine Schreiber entlassen hatte und seinen Schlafrock anzog, war's ihm doch eine Wonne, bei dem jungen Volk zu sein. Da nahm er einen nach dem andern und verküßte ihn, daß die Jungen schrieen, oder er nahm sie auf seinen Schoß und ließ den Jüngsten reiten und sang ihnen deutsche Kriegslieder, – daß die Mutter oftmals besorgt herein kam und zu ihm sagte: »Bscht! Alter! nicht so laut, die Speichellecker könnten's hören.« Da wurde er dann jedesmal ernst, und die milden Augen fingen an zu rollen, und das lange Haar sträubte sich, und aus der Brust kam ein tiefer Seufzer. Ja da war der Fleck, wo ihn der Schuh drückte. In dem Amtsstädtchen war mehr denn ein Franzosenfreund, zum Teil auch bestochene Leute, die am liebsten ganz französisch geworden wären. Sie führten ein scharfes Register über alle ihnen verdächtigen Personen in der ganzen Umgegend, und suchten sich einen roten Rock oder wenigstens einen roten Bändel ins Knopfloch zu verdienen durch ihre Angeberei. Und gerade der nächste Vorgesetzte des Registrators, der Amtmann, war solch ein Mensch. Ihm war der Registrator in der innersten Seele zuwider, denn der war eine ehrliche deutsche Seele und der Schmerz und der Gram um sein Vaterland brachte ihn fast um. Oftmals hatte ihm der Amtmann gedroht, er werde ihn noch um Amt und Brot bringen, wenn er sich nicht in alles fügen wolle und zu allem schweigen, was er sähe. Denn er hatte oftmals Einsprache gethan, wenn einzelne gutgesinnte Patrioten mit schwerer Einquartierung oder mit Lieferungen belegt wurden, und Speichellecker und Achselträger ganz frei ausgingen. Er hatte ihm schon Summen geboten, wenn er sich zu dem oder jenem Dienst hergebe, aber der Registrator hatte sein langes Haar geschüttelt und stand in seiner ganzen Länge mit einem durchbohrenden Blick vor dem Amtmann, und hatte ihm schon mehrmals gesagt, er solle sich schämen und sich hüten, solch ein Wort noch einmal vor ihm auszusprechen, sonst sei er seiner nimmer mächtig. Scheu war der Amtmann zurückgewichen, denn er fürchtete sich vor der Körperstärke des Mannes. Hatte er doch einmal vom Fenster aus gesehen, wie der Registrator einen schwer beladenen Wagen, der im Graben lag, den zwei Pferde nicht im stande waren von der Stelle zu rücken, mit seinen zwei Armen auf einen Ruck herausgezogen hatte. Um so mehr suchte die Frau an ihm zu beruhigen und sagte ihm mehr denn einmal: »Denk an Weib und Kinder und harre auf Gott, der wird's ändern.« Und er ließ sich auch zurechtweisen; aber manchmal brach eben auch sein natürliches Rechtsgefühl hervor, und in der ausharrenden Geduld war er just kein Held. Und um die Geduld ist's allerwege, und auch heuer noch, was Köstliches; und die Schrift hat recht, wenn sie sagt: »Wer seines Mutes Herr wird, der ist mehr, denn der Städte gewinnt.« So weit es sein deutsches Herz erlaube, hat er manchmal gesagt, wolle er in Gottes Namen schweigen; aber das werde sie doch sagen, es müsse selbst unsern Herrgott im Himmel erbarmen, wie man mit seinem deutschen Volk umginge. »Seine liebsten Kinder schlägt er auch, wenn sie's brauchen,« hatte sie ihm schon öfters darauf entgegnet.

Da kamen die Nachrichten von Moskau und Leipzig: je unruhiger der Amtmann wurde, desto ruhiger ward sein Registrator. Aber als die französischen Truppen ins Land kamen, war jener bei Nacht und Nebel fortgegangen, um sich für die spätere Zeit wieder möglich zu machen. Da niemand Rat wußte, so wurde dem Registrator auf seinen Bericht erwidert, er solle einstweilen den Amtmann machen, man werde später sehen, was zu thun sei.

So hatte er denn sein schweres Amt angetreten. Bereits kamen die französischen Quartiermeister, um die Anweisungen für die Lieferungen zu holen. Dem Registratur ward's immer schwüler; bald war kein Ort mehr im Amtsbezirk, der nicht schon gebrandschatzt gewesen wäre. Denn wenn auch die Lieferungen bezahlt werden sollten, weil das Großherzogtum nicht als Feindesland angesehen wurde, so waren die Bezahlungen so gering, daß die Leute um einen Spottpreis ihre Habe hergeben mußten. Seinem ehrenfesten Charakter ging das gegen den Sinn und er hörte im Geiste den Jammer der Leute. »Jetzt kann ich nicht mehr,« sagte er zu seiner Frau, als der letzte Quartiermeister gekommen und der letzte Ort mit Lieferungen belegt war. Eben wollte er seine Amtsstube schließen, da es schon spät am Abend war, als es plötzlich die Stiege herauf rasselte und ein französischer Quartiermeister in Husarenuniform stürmisch Einlaß begehrte. »Ah, ist das die Register« – sagte er höhnisch zu ihm in gebrochenem Deutsch, »die gute Patriot. Parlez-vous français?« sagte er weiter. »Nichts französisch hier, wir sind auf deutschem Boden. Was wollen Sie?« fragte der Registrator.

»Fourage für 200 Pferd, und Brot und Fleisch und Wein für mein' Leut!« sagte der Quartiermeister. »Das ist unmöglich, das geht nicht, wir haben alles vergeben,« sagte der Registrator. – »Ah, unmöglick – impossible, das soll Sie nicht mehr sagen. Ich werde Sie lassen einsperren in die cachot."

»Herr, das probieren Sie einmal,« sagte der Registrator und richtete sich hoch auf. »Was, Sie will mick umbring hier?« schrie der Quartiermeister und wollte zur Thüre hinaus. Aber der Registrator sagte: »Nur hier geblieben und mich angehört. Ich sage Ihnen, es geht nicht. Schon sechs von Ihren Leuten sind da gewesen und wir haben alles verteilt. Die armen Leute können das nicht leisten.«

»Was, die deutsche Hund will nix geben vor die Franzos? Sie muß geben. Ich werd' das sagen an französisch Général!« schrie der Franzose.

»Das mögen Sie thun; aber wenn Sie noch einmal sagen von deutschen Hunden, so werde ich Ihnen etwas anderes zeigen.«

»Aber ich werde sagen noch einmal von die deutsche cochon, wenn Sie nir geb'!«

»Herr, reizen Sie mich nicht, ich könnte mich sonst an Ihnen vergreifen,« und damit hielt ihm der Registrator drohend die Faust unter die Augen.

Der Quartiermeister mochte merken, daß hier nichts zu machen sei, er änderte plötzlich den Ton und sagte freundlich: »Nun, sei Sie nick bös, Herr Registre, das ist die Krieg! Aber wir wollen machen ein Geschäft ensemble (zusammen), versteht Sie!« und damit schnallte er eine schwere Gurte los und legte sie auf den Tisch – der Registrator verstand ihn nicht gleich. – »Ah, Sie verstehen nicht,« sagte der Quartiermeister, »ick geb Sie 1000 Franken in Gold und Sie schreib mir 3000 Frank Quittung, dann hat Sie 1000 Frank und ick zweitausig. Versteht Sie!« »Was sagen Sie!« rief der Registrator, »Sie wollen mich bestechen?« – und mit einem Sprung hatte er den dünnleibigen Quartiermeister gefaßt, seinen kräftigen Arm um seinen Leib geschlungen, die Thür mit der andern Hand aufgemacht, und mit großer Gewalt den Franzosen die Treppe hinuntergeworfen, daß der Säbel aus der Scheide fuhr und die Sporen ihm abbrachen. – Der Registrator schlug die Thür zu und sagte laut: »So, mein Alter, da drunten kannst du über deine Schlechtigkeit nachdenken.«

»Um Gotteswillen, Vater, was ist das!« rief die Mutter, die hereinsprang, »was hast du gemacht, du hast den Menschen doch nicht die Treppe hinuntergeworfen! Du bist verloren.«

»Sei nur ruhig, der erholt sich wieder,« sagte der Registrator, »ich hab' mich schelten lassen, und hab' nichts dazu gesagt, aber dem hab' ich nur auf deutsch expliziert, was Ehrlichkeit ist, das soll ihm, denk wohl, sein Lebtag gedenken.« Er schloß die Thür ab und ging zu seinen Kindern.

Eine Stunde darnach wurde Generalmarsch geschlagen, in Eile sah man die Franzosen aus dem Städtlein ziehen, da eine Ordre eingetroffen war zum schnellsten Aufbruch. Das Haus wurde geschlossen, von dem Quartiermeister war keine Spur mehr da, nur seine zerbrochenen Sporen lagen auf der Treppe und die Lehne war stark beschädigt.

Nach dem Nachtessen ging der Registratur noch einmal ins Amtszimmer. Im Städtlein war alles still und ruhig, und eben wollte man Lichter anzünden. Auch der Registrator machte Feuer, stieß aber dabei auf einen schweren Sack. Als er Licht gemacht, sah er die Geldgurte des Franzosen vor sich liegen. Über dem Hinuntergeworfenwerden und dem schnellen Aufbruch mußte sie der Quartiermeister vergessen haben. Die Gurte war schwer, wohl von lauter Gold gefüllt. Der Registratur schaute mit einem prüfenden Blick hin, – seine Frau und seine Kinder traten ihm vor den Sinn – aber nur einen Augenblick, und er warf den Sack hin, petschierte ihn mit dem Amtssiegel und schellte seinem Knecht.

»Andres, auf der Stelle ein Pferd gesattelt und dich fertig gemacht, und reitst dem Franzosen nach, der zuletzt da war.«

»Dem, wo Ihr die Treppe hinuntergeworfen habt?« sagte schauernd der Knecht.

»Versteht sich, gerade dem. Da hast du den Passierschein, die Geldgurt und den Brief, und sagst, ich ließ dem Herrn gute Besserung wünschen, das sei vom Registrator; ich lasse um die Quittung bitten.«

Der Andres schüttelte den Kopf, er war ein ehrlicher, treuherziger Mensch, aber das ging ihm doch über den Verstand. Er war aber gewohnt, pünktlich und schnell zu folgen. Eine Viertelstunde nachher saß er schon auf dem Rappen und ritt dem Franzosen nach.

Spät in der Nacht kam der Andres zurück. Der Registrator war noch auf und kam ihm entgegen. »Nun, hast du ihn erwischt, was hat er gemacht?«

»Da habt Ihr die Quittung, Herr,« sagte der Andres, »und wenn Ihr's wissen wollt, was er gemacht hat: geheult hat er vor Freud, der Tropf, und herumgetanzt und mich verküßt, und einen Napoleon gegeben. Den müßt Ihr aber nehmen.«

»Bleib mir weg mit dem Geld, Andres, du kannst dir ein paar Reithosen dafür kaufen, wenn's gegen Paris geht.«

Mit einem stillen, friedlichen Herzen legte sich der Registrator zu Bett. Aber nachts sagte seine Frau zu ihm: »Alter, mein' als, hältst doch dem Franzos ein bissel arg weh gethan, denk' die ganze Lehne ist kaput an der Stiege.«

»Laß gut sein, Mutter,« sagte er; »ich hab' ihm ein Pflaster drauf gelegt.« Aber was das Pflaster war, das hat sie erst spät, nach langen Jahren erfahren.

III.

Nun aber bin ich noch schuldig, dem geneigten Leser zu berichten, wie dem Registratur solches bekommen ist. Wenn er etwa denken sollte, der Registrator hätte an einem schönen Tag einen Brief bekommen, worin der Franzose von Dank und so weiter geschrieben, oder gar ein Paketlein geschickt mit allerhand Pariser Sachen, so hat er sich getäuscht. Er mag wohl gedacht haben, er sei quitt mit dem Registrator, denn so die Treppe sich hinunterwerfen zu lassen, sei auch aller Ehren und einen halben Sack Napoleon wert. Ebensowenig hat er sonst eine Anerkennung bekommen. Der Amtmann kam wieder, nachdem Paris erobert war, und that, als ob gar nichts vorgefallen wäre, und als ob er von je die ehrlichste deutsche Haut von der Welt wäre. Er führte jetzt das große Wort vom deutschen Vaterland und half die alten Franzosenfreunde verfolgen. Dem Registrator aber konnte er nicht offen ins Angesicht sehen, und wäre ihm am liebsten gewesen, der wäre weit versetzt worden. Ein böses Gewissen ist eben wie ein Ofen, der immer raucht. Der Registrator aber trieb's nach wie vor, nur war's ihm jetzt leichter ums Herz, denn er durfte frisch von der Leber herausreden und mit seinen Buben nach Herzenslust singen von Blücher und Scharnhorst und Gneisenau. Da fiel ihm einmal ein kleines Erbteil unverhofft zu. Schon lange hatte er sich gewünscht, einmal aus seinen Aktenkästen hinauszukommen und die Welt zu sehen. Dazu kam noch ein reiselustiger Neffe gezogen, der dem Onkel keine Ruhe ließ, er solle mit ihm nach Paris gehen. Zuerst wollte er nicht recht dran, weil's gerade Paris war, aber dann dünkte es ihm doch so schön, dahin zu gehen, um die Stadt zu sehen, die die Deutschen eingenommen hätten. Nachdem er sich so auf einen patriotischen Standpunkt gestellt hatte, schnallte er seinen großen Mantelsack, und nahm Abschied von Weib und Kind auf etliche Zeit.

In Frankreich war's Ruhe geworden; Napoleon war auf der Insel Helena gestorben in großer Einsamkeit, wo er auch die andere Seite des Spruchs hat verstehen lernen können, daß Gott den Demütigen Gnade giebt, wenn sie wollen demütig sein. So war für den Registrator keine Gefahr mehr da. Die beiden Reisenden zogen über Straßburg nach Nancy, über Chalons nach Paris, wo sie nach acht Tagen ankamen, denn dazumal gab's noch keine Eisenbahn. Da war denn allerlei zu sehen, denn so hatte sich der Registrator Paris doch nicht gedacht; und mehr denn einmal mußte er sein deutsches Herz wappnen, damit er sich nicht von allzu großer Bewunderung hinreißen ließ. Des Abends aber waren die beiden müde vom vielen Sehen; denn man wird endlich auch vom Schönsten müde, zumal wenn der Magen dabei knurrt und brummt und auch was haben will. So traten sie schon am zweiten Tage nach ihrer Ankunft in ein Kaffeehaus des Abends, um sich ein wenig zu stärken. Sie setzten sich still in eine Ecke hinein und schauten sich das französische Wesen an. In einem geöffneten Nebenzimmer saß eine Gesellschaft Herren, meistens ausgediente Militärs und Angestellte, die lebhaft mit einander diskurierten. Sie sprachen gerade von den Deutschen und ihren Fehlern. Da wußte denn einer mehr als der andere. Der eine schalt sie dumm, der andere grob, der dritte unmanierlich und so ging's fort. Im Registrator regte sich wieder ein bekanntes Etwas von anno 13, und es griebelte ihm durch die Arme, wieder einmal seine Kraft los zu lassen. Der Neffe aber sagte ihm höchst klug: »Herr Onkel, bedenken Sie, daß wir in Frankreich sind, das könnte blutige Köpfe geben und wir müßten am Ende noch zum Städtlein hinaus.« Und er ließ sich beschwichtigen. Noch mehr aber beschwichtigte ihn, was er jetzt hörte.

»Ja, ihr Herren,« sagte ein kurzer dicker Herr in nobler Kleidung und mit dem Ehrenlegionskreuz auf der Brust, – »das mag wahrhaftig richtig sein, daß die Deutschen grob sind. Wenn ich nur daran denke, so thun mir noch alle Glieder weh. Aber das muß ich sagen, ehrlich sind sie, Respekt davor. Da komme ich anno 13 durch ein klein Städtchen und will Fourage haben, und bin aufgetreten wie ein Menschenfresser und hab' raisonniert, als der Mann, ein großer, ellenlanger, deutscher Kerl nicht dran gewollt hat. Und ich will so ein klein Manöver mit ihm machen mit ein paar Franks, um den Brummbär still zu machen, der aber nimmt mich wie die Katze eine Maus unter den Arm und wirft mich die Treppe hinunter, daß ich nicht gewußt habe, ob ich fliegen gelernt oder noch gehen muß. Alle Knochen thaten mir weh. Da wird Alarm geschlagen und wir müssen schnell fort. Ich war schon drei Stunden weit weg, da fällt mir ein, daß ich mein Geld bei dem groben Mann habe liegen lassen. Denken Sie sechzigtausend Franken von der Armee. Ich war ganz desperat, denn der General sagte, er werde mich erschießen lassen, wenn ich das Geld nicht hätte. Da kommt eine Ordonnanz und sagt, ein Bursche sei da, der mich begehrt. Ich komme heraus, da steht der Bursche da von dem groben Deutschen und ach! (ich muß weinen, wenn ich daran denke) hat das ganze Geld, kein Sous hat gefehlt, und einen Gruß von ihm, der mich fragt, ob mir meine Knochen noch weh thäten.«

»Das ist sehr schön,« riefen sie aus einem Mund, denn die Franzosen haben einen feinen Sinn für Edelmut – »das ist ein braver Mann!«

»Ja, es ist sehr schade,« sagte der Franzose wieder, »daß ich seinen Namen nicht weiß. Ich habe ihm schon schreiben wollen, denn er hat mir mein Leben gerettet!«

Der Leser mag sich's denken, wie's dem Registrator geworden ist, bald warm, bald kalt, – ja, wahrhaftig, das war der Quartiermeister, dem er auf deutsch expliziert hatte, was Ehrlichkeit sei.

Der Registratur stand auf, dem Neffen, der nichts von der Sache wußte, ward's bang, als er ihn aufstehen sah – aber der Onkel sagte ihm: »Nur zufrieden, du wirst gleich was sehen.« Und damit trat er hinein und stellte sich dem Quartiermeister gegenüber und faßte ihn ins Auge, und sagte laut und ernst: »Herr Quartiermeister, kennen Sie mich noch?« Die ganze Gesellschaft schaute hin, – der Quartiermeister aber schaute nur einen Augenblick ihn an und rief: »Mein Gott, er ist's! er ist's!« und stand auf und sprang an dem großen, stämmigen Mann hinauf und küßte ihn, daß der Registrator vor Verlegenheit gar nicht wußte, wo er nur hinschauen sollte. »Er hat mir das Leben gerettet, meine Freunde!« Endlich machte sich der Registrator los und sagte: »Das war nur meine Pflicht. Aber, um Vergebung, spüren Sie noch etwas an Ihrem Körper?« – »Nein, nein,« sagte der Franzose, »aber ich habe die gute Lehre nicht vergessen, Gott sei Dank, und bin jetzt ein ehrlicher Mann geworden.«

Aber nun drang er in ihn, bei ihm zu bleiben in seinem Hause. Am selben Abend wurde noch sein Koffer zu dem Quartiermeister geschafft, der sich's nicht nehmen ließ, ihn überall hinzuführen. Abends brachte er ihn seiner Frau und seinen Kindern, und sagte: »Küßt dem Herrn die Hand, das ist mein Retter!« Arm in Arm ging der kurze, dicke Quartiermeister mit dem stämmigen Registrator durch die Straßen von Paris, und die zwei radebrechten ein Deutsch und Französisch mit einander, daß es einen Stein hätte erbarmen mögen. Er hielt ihn ganz frei die drei Wochen durch seines Aufenthaltes und nahm einen rührenden Abschied von ihm, als er heimkehrte.

Nach seiner Rückkehr war ein großes Familienfest zu Ehren des Onkels, der Paris gesehen hatte. Da konnte er es doch nicht verhalten, was ihm geschehen war; denn alles verwunderte sich, daß er so wenig Geld gebraucht hatte. Am Ende stießen sie noch auf den Quartiermeister an.

Die Geschichte ist zu Ende. Das Item wird sich der Leser finden; sollte er es aber nicht finden, so will ich's hersetzen.

Erstens: Wer ein Deutscher ist, muß sich auch als ein guter Deutscher aufführen.

Zweitens: Zum guten Deutschen gehört nicht ein großes Maul, sondern vor allem Gottesfurcht, dann bleibt die Menschenfurcht von selber weg.

Drittens: Es ist manchem schon gut gewesen, daß er die Treppe hinuntergeworfen worden ist und manchem ist schon sein Fall zum Aufstehen geworden.

Viertens: Es giebt immer noch dankbare Leute in der Welt, auch unter dem Franzosenvolk.


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