Emil Wilhelm Frommel
Aus der Chronik eines geistlichen Herrn
Emil Wilhelm Frommel

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Siebentes Kapitel

Die rote Jakobinermütze

Je älter der Verfasser wird, desto mehr kommt bei ihm ein altes Familienerbstück, zu seinem lebhaften Bedauern, in Vorschein, das zwar auch in andern Familien mit dem Alter sich findet, doch in besondrem Maß bei uns gepachtet zu sein scheint. Das ist die liebe »Vergeßlichkeit,« die mit der Zerstreutheit Geschwisterkind ist, und bei etlichen davon herkommt, daß sie keine Gedanken, und bei etlichen, daß sie ihrer zu viel haben. Hat doch des Vaters Geschwisterkind sich einmal fix und fertig gemacht, ein Kindlein zu taufen, und schritt schon mit dem Sammtbarett, den Bäffchen und der Agende ein gut Stück in der Straße daher, als die Leute verwundert stehen blieben und ihn so merkwürdig grüßten, bis es ihm selber auffiel und er sich prüfte, ob er denn etwas an sich habe, das nicht ganz kanonisch sei. Plötzlich jagt seine liebe Frau besorgt hinter ihrem Eheherrn her und ruft: »Wilhelm, Wilhelm! ums Himmels willen, du hast ja deinen roten Schlafrock an.« Worüber er freilich über die Maßen erschrak, denn er war der festen Zuversicht gewesen, den schwarzen Chorrock anzuziehen, als er in den roten Schlafrock fuhr. Und noch peinlicher ist's dem Onkel in Baiern gegangen, der am Schluß einer Dekanatsvisitation, als Visitator fungierend, seinen Namen unterzeichnen sollte. Aber so viel er sich besann, er konnte nicht auf seinen eigenen Namen kommen, und mußte zuletzt sich entschließen, die bittere Frage an seinen Nachbar zu thun: »Um Vergebung, Herr Bruder – 's ist mir entsetzlich leid, aber es ist mir total abhanden gekommen, sagen Sie mir doch schnell ins Ohr, wie ich heiße.« Worauf der Herr Bruder freilich ein sehr verwundert Gesicht gemacht und gesagt: »Sie sind ja der Herr Dekan so und so in so und so.« – »Richtig,« sagte der Onkel, »zu Gegendienst sehr verbunden.« Ob der »Herr Bruder« des Abends bei seiner Frau geschwiegen hat von dem, was dem Herrn Dekan passierte, oder mit ihr ausgemacht, daß es bei ihm im Oberstüblein nicht ganz richtig sei, weiß ich nicht. Ebenso ist's des Verfassers seligem Vater ergangen, der zur Audienz ins Schloß befohlen war, und im Frack und weißer Weste ruhig dahin wanderte. Aber in der Audienz wandelte ihn das Nießen an, und er griff in die Fracktasche nach dem Schnupftüchlein, und zog's schnell heraus – da war's aber sein Farbenlumpen, an dem er alle seine Pinsel ausgeputzt hatte, der nun in mehr als in den Regenbogenfarben strahlte. Den hatte er für sein seidenes Sacktuch angesehen; und nun erfüllte zu seinem Schrecken der Duft des Öls und Terpentins das fürstliche Zimmer. Der freundliche Fürst aber lachte und sagte: »Ei, lieber Direktor, was haben Sie für ein neumodisch parfümiertes Taschentuch!« Was Wunder, wenn auch an den Verfasser jetzt dies Erbstück kommt. Aber dafür, daß er vergißt, was gestern war, fällt ihm um so mehr ein, was vor zwanzig bis dreißig Jahren sich zugetragen, und kommen ihm Dinge in den Sinn, die er längst nicht mehr wußte. So geht denn seine erste Erinnerung nach der lieben »wunderschönen« Stadt Straßburg im Elsaß, allwo seine Großmutter mütterlicherseits in der Elisabethengasse wohnte, und in der alten Dauphinsgasse seine Tante und Onkel mit ihrer Herde Buben und der einen teuren Schwester, die wie die Lilie unter diesen Dörnlein war. Darum habe ich die Stadt von Herzen lieb, und nun um so mehr, als keine Rothosen mehr darin herumlaufen und ein deutsches Herz erröten machen, und so oft ich dort bin, fällt mir ein neues Stück der alten Zeit wieder ein. Die große Glocke im Münster, die das Abendläuten besorgt, ist gerade noch so tief und voll, wie anno 1832, wo sie dem Büblein so traurig ins Ohr läutete, weil die Großmutter sagte, das sei die Nachtglocke, da müsse jedermann nach Hause gehen, sonst würden die Thore zugemacht. Aber es läutete aus und die Mutter war noch nicht da, sondern noch drüben in Kehl, und das Büblein wollte sich nicht trösten lassen und meinte die Mutter sein Lebetage nicht mehr sehen zu dürfen.

Das Haus aber in der Dauphinsgasse, das alte – jetzt neu gebaut, und Nr. 16 in der Austerlitzergasse, – war so ein rechtes Haus für das Kindervolk. Zwar etwas eng und hoch in die Luft gebaut, und winkelig, aber Versteckens konnte man da drin spielen und »Räuberles,« daß es eine Art hatte. Da gingen allerhand geheime Hintertreppen herauf und herunter, da gab's so düstre Gänglein und kleine Erker – und unten im Hof Sirupfässer, die man mit einem Nagelbohrer anzapfen konnte, und große Säcke mit Mandeln, die ein »zufälliges« Loch hatten, da man hineingreifen konnte; denn der Onkel war Kaufmann – kurz, wenn man sich eine Herrlichkeit träumen konnte, so war's das alte Haus und die vielen Buben drin. Zwar die alten Ahnherrn der Familie, die auf den Gängen in Bildern hingen, schauten mit ihren Perücken und scharlachroten Röcken sehr ernst und warnend drein, wenn wir so durchrasten, als wollten sie sagen: »Ach, wo ist die gute alte Zeit hin.« Nur hinauf in den vierten Stock getraute sich keiner, weil dort die Tante Grethel wohnte, die einen höchst bösartigen Mops und eine scharfe Zunge hatte. Beim Spiel aber wurde nicht wählerisch mit den Kästen des Onkels und der Tante umgegangen; jeder bat und suchte sich ein Kostüm aus, das ihm eben paßte und ihm ein recht grimmiges Aussehen gab. Da gab's noch einen alten großblumigten Hochzeitsrock von der Großtante, und einen Spitzdegen vom Großonkel, der seiner Zeit im großen Rat saß; einmal aber kamen wir hinter eine Reliquie bei solchen antiquarischen Forschungen, die uns eine gehörige Vorlesung zuzog.

Es sollte wieder ein Aufzug stattfinden auf dem großen obersten Speicher; das großblumigte Kleid der Tante, die Allongeperücke und der Stoßdegen des Onkels figurierten wieder bei dieser Gelegenheit, da kam auch einer in einer blutroten Mütze, die oben am Zipfel eingebogen war, herein gesprungen. Wir waren mitten im Spiel und guter Dinge, plötzlich erschien der Onkel und erblickte auch den Rotmützigen unter uns. Hatte er bisher gelacht, so wurde er jetzt doch ernst und sagte: »Halt, Kinder, das geht doch über den Spaß.« Wir stellten uns um ihn, der Rotmützige mußte die Mütze hergeben und der Onkel begann: »Ihr lieben Kinder, ihr spielt hier mit einem ernsten Spielzeug und wißt nicht, was es ist. Ihr müßt gut gesucht haben, um sie zu finden. Denkt, im vorigen Jahrhundert anno 93, da noch keins von euch auf der Welt war, war's schlimme Zeit in Frankreich. Dem König hatten sie den Prozeß gemacht, und der Königin auch, und sie wurden beide enthauptet in Paris, und nach ihnen viele Tausende vom Adel und der Geistlichkeit, und keiner war sicher, wie lang ihm der Kopf noch zwischen den Schultern saß. Denn wenn man angezeigt wurde als ein Königsfreund, dann war's um einen geschehen. Und das war nicht bloß in Paris so, sondern auch hier in Straßburg. Denkt euch, da kam ein Mann, mit Namen Eulogius Schneider, der früher Hofprediger des Herzogs von Württemberg war, und später Bürgermeister in Hagenau, der hatte Befehl, im Elsaß alles umzubringen, was verdächtig schien und nicht mit der neuen Freiheit halten wollte. Und der zog mit der Guillotine (das ist so eine Maschine, mit der man den Leuten schnell den Kopf heruntermacht) von Ort zu Ort, und schonte weder Männer noch Frauen, und nicht Alter noch Jugend. Alles floh vor ihm vor Entsetzen, und so kam er auch mit seiner Maschine nach Straßburg. Und wo meint ihr, daß er gewohnt hat, dieser Tiger? Meint ihr etwa im Mordbrennergässel? oder im Tannenzapfengässel? oder im Finkwiller? Nein, hier in der Dauphinsgasse – gerade deswegen, weil sie Dauphinsgasse heißt – hier in unserem Haus, bei dem Großvater, hat er sich einlogiert, weil ihm das Haus gefallen hat, und der Großvater mußte ihn einziehen lassen, und war Tag und Nacht seines Lebens nicht sicher. Den ganzen Tag ging's mit Blutbriefen aus und ein, und die Leute verklagten einander, und der Eulogius ließ den Großvater scharf bewachen, und des Nachts sein Zimmer umstellen, weil er Angst hatte, von ihm umgebracht zu werden. Alle Freiheitsmänner haben solche rote Mützen getragen, und wer keine trug, war auch kein rechter Freiheitsmann. Aber der Eulogius war so hochmütig geworden, daß er sich von Paris nichts mehr sagen ließ. Das ließen sich aber die Herren dort nicht gefallen und so kamen im Dezember 1793, nachts, eine Menge Soldaten ins Haus, die griffen und banden ihn, und schleppten ihn mir nichts, dir nichts nach Paris und machten ihm dort ohne weiteres den Kopf herunter. Und seht diese Mütze, das ist die des schrecklichen Eulogius Schneider, die hat er aufgehabt, wenn er den armen Leuten den Kopf heruntermachen ließ, und die fand sich noch, als er so Hals über Kopf aus dem Hause mußte, als Andenken an die schrecklichen Tage, und seitdem ist sie immer gut verwahrt worden, zum Gedächtnis daß der liebe Gott den Großvater behütet hat. Darum weiß ich nicht, wie ihr dahinter gekommen seid, und muß sie wieder aufheben und einschließen.«

Wir hatten schon lange mit Grausen zugehört auf dem Speicher, und hätten die rote Mütze um keinen Preis mehr angegriffen, denn es gruselte uns davor und jeder meinte, es seien Blutflecken dran. – In spätern Jahren hat der Verfasser die rote Mütze noch oft gesehen, und hatte derweilen Geschichte studiert, und verstand darum jetzt erst recht die geheimnisvolle Rede des Onkels. So spielt oft das Kind mit Dingen, deren Schrecken es nicht ahnt, und erfährt oft erst hintennach, welch gefährlich Spielzeug es in der Hand gehabt, wie jenes Kind in Indien, das am heißen Nachmittage spielte, und den Besuch eines Tigers erhielt. Das Tier spielte mit dem Kinde und entfernte sich, als es Geräusch hörte. Die Mutter kam herein. »Aber Mutter, eben war einmal eine schöne, große Katze da,« rief das Kind. Die Mutter sah aber den Tiger noch zum Garten hinausschleichen. Des lieben Gottes Schutzleute leben ja noch.

Wir hatten auch nicht gewußt, daß wir mit einem Tigerzeug gespielt hatten!


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