Louis Weinert-Wilton
Der schwarze Meilenstein
Louis Weinert-Wilton

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22

Nach dem reichlichen Mittagessen – die wählerische Miss hatte wieder einmal kaum einen Bissen angerührt – fand Mrs. Drew die Dinge etwas weniger besorgniserregend als mit dem nüchternen Magen, aber man kam überein, daß Molly doch ein bißchen herumhorchen sollte. Nicht oben in Blackfield, wo dies zu gefährlich war, sondern in dem anderen Nachbarort. Dieser lag zwar in der entgegengesetzten Richtung, aber nur wenige hundert Schritte von dem Fahrweg, der von der Spitze des Unglücksgehölzes herführte. Die Leute dort würden also sicher alle an Ort und Stelle gewesen sein und manches gesehen und gehört haben.

Im übrigen kam Molly dieser Spaziergang sehr gelegen, da sie einige Einkäufe zu machen gedachte.

Trotz der Eile, in der sie die Gastzimmer aufgeräumt hatte, waren ihr zwischen den Kleidern der Miss doch zwei verstreute Pfundnoten in die Hände gefallen.

Als sie mit ihrer umständlichen Toilette fertig war, ruhten sogar die Augen der Mrs. Drew mit einigem Wohlgefallen auf der Tochter. Molly sah auch wirklich höllisch vornehm aus, und man hätte ein Taschenbuch des höchsten englischen Geburts- und Geldadels zur Hand nehmen müssen, um die früheren Besitzerinnen all der eleganten Dinge zu ermitteln, die sie vom Kopf bis zu den Füßen auf dem Leibe trug.

Dann trippelte Molly in ihren etwas zu engen Krokodilschuhen davon, Mrs. Drew aber setzte sich in dem plattgedrückten Lehnstuhl zurecht, um ihre »fünf Minuten bis halb sechs« zu nicken.

Sie schlummerte so sorglos und fest, daß Isabel diesmal völlig unbemerkt in den Garten gelangte. Sie hatte lange gezögert, bevor sie diesen Weg neuerlich wagte, denn der Gedanke, vielleicht wiederum die Gesellschaft dieses ordinären Weibes ertragen zu müssen, war ihr schrecklich. Daß jene offenbar alles wußte und sich deshalb zu einer so widerlichen Vertraulichkeit berechtigt fühlte, hatte das junge Mädchen wie ein Peitschenhieb getroffen. Und die Dinge, die sie hatte anhören müssen, hatten ihr aus diesem Munde doppelt grauenvoll geklungen. Das bißchen Fassung war mit einem Mal wieder geschwunden, und wiederum jagten Angst und Verzweiflung ihre Gedanken. Als Molly sie zum Mittagessen gerufen hatte, war sie in förmlicher Flucht auf ihre Zimmer gestürzt, aber in den düsteren Mauern wurden die Schreckgespenster noch lebendiger und drohender.

Isabel wußte nicht, ob Minuten oder bereits Stunden vergangen waren, als der Schatten, der über ihre Schulter fiel, sie aus ihrem qualvollen Brüten auffahren ließ . . .

»Glück muß man haben«, sagte Alf Duncan mit seinem bestrickenden Lächeln, indem er ohne weiteres neben ihr Platz nahm. »Es ist mir lieb, ein bißchen mit Ihnen plaudern zu können, denn ich komme eben von Thame.«

So harmlos das klang, Isabel wußte, welche Bedeutung es hatte, und aus ihrem erschreckten Gesicht wich die letzte Farbe. Sie bewegte die Lippen, aber die Stimme wollte ihr nicht gehorchen.

»Warum spielen Sie mit mir?« brachte sie endlich mühsam hervor. »Warum sagen Sie mir nicht offen, was Sie von mir wollen? Ich habe schon so viel gelitten, daß ich bald am Ende bin . . .«

Sie verschränkte die Hände krampfhaft über den Knien, und ihr hübscher Kopf sank kraftlos herab. Der junge Mann musterte sie mit einem langen Blick, aber weit mehr als der ergreifende Jammer, der aus ihrer Haltung sprach, schien ihn das wundervolle Lichterspiel in dem kupferbraunen Haar zu beschäftigen.

Auch was er nach einigen Sekunden zu erwidern hatte, klang nicht gerade gefühlvoll.

»Ja«, meinte er leichthin, »das kann ich mir vorstellen. Eine sehr schreckliche Sache. Ich habe einmal als Junge etwas Ähnliches durchlebt – aber gottlob nur im Schlaf. Mir träumte nämlich, ich hätte auf der Jagd meinen besten Freund erschossen. Seither bin ich bei solchen Gelegenheiten ein sehr vorsichtiger Schütze geworden, und die schlimme Nacht hat also doch ihr Gutes gehabt. – Wieviel soll die Geschichte Sie kosten, Miss Longden?«

Die bedeutungslose Erinnerung hatte auf Isabel keinen Eindruck gemacht, aber die unvermittelte, geschäftsmäßige Frage rüttelte sie auf. Sie blickte Duncan aus scheuen Augen betroffen an.

»Wieso wissen Sie auch davon?«

»Nun, das ist doch bei solchen Fällen üblich«, erwiderte er ausweichend. »Also wieviel hat man von Ihnen verlangt?«

»Verlangt hat man nichts, sondern ich habe mich selbst dazu erboten«, erklärte Isabel hastig und nachdrücklich. »Aber wer weiß, ob man darauf eingehen wird. Ich habe augenblicklich nicht mehr als fünfzehntausend Dollar zur Verfügung.«

»Nicht mehr als fünfzehntausend Dollar, so . . .« Um die Lippen Alf Duncans ging ein flüchtiges Zucken. »Das ist allerdings nicht viel, aber ich glaube, man wird sich damit zufriedengeben. – Und was dann?«

Isabel hielt den Blick gesenkt und fiel noch mehr in sich zusammen. Sie vermochte sich keine Rechenschaft darüber zu geben, weshalb sie dem völlig Unbekannten so willig Rede und Antwort stand. Vielleicht war es die Gelassenheit, mit der er über die schreckliche Sache sprach, die sie dazu veranlaßte. Der Gedanke, daß es einen Menschen gab, der ihre furchtbare Schuld so leicht nahm, richtete sie unwillkürlich auf, und es drängte sie, an ihm in ihrer ratlosen Verzweiflung einen Halt zu suchen.

»Ich weiß, daß ich das nicht tun durfte«, brach sie plötzlich los. »Ich hätte halten und alles über mich ergehen lassen müssen. – Ich konnte ja doch nichts dafür. Bitte, glauben Sie mir, es war nicht meine Schuld. Ich bin nicht unvorsichtig und rücksichtslos gefahren . . . Aber es kam wenige Schritte vor meinem Wagen von der Seite und . . .«

Sie schauderte zusammen und barg das Gesicht in den Händen, denn das furchtbare Bild war wieder da.

Der robustere Alf Duncan aber schlug gemächlich ein Bein über das andere.

»Ja«, bestätigte er, »es kam aus einem Feldwege, der durch Hecken ganz verdeckt und an seiner Einmündung in die Straße auch noch ein wenig abschüssig ist. – Ein geradezu idealer Platz für solch ein Unglück. Ich habe mir ihn gründlich angesehen und kann mir ganz genau vorstellen, wie es zugegangen ist. Sogar den betreffenden Fleck glaube ich gefunden zu haben, denn es sind dort einige deutliche Spuren zurückgeblieben. – Und aus dem Grase am Rande habe ich verschiedene Überreste aufgeklaubt«, fügte er hinzu, indem er eine kleine Schachtel zum Vorschein brachte und damit schüttelte.

Es gab einen eigentümlich scheppernden Laut, und Isabel hob mit einem scheuen Blick jäh den Kopf.

»Was ist es?« wagte sie endlich mit zuckenden Lippen zu fragen und wurde völlig fassungslos, als sie nur ein kurzes, belustigtes Auflachen zur Antwort erhielt. Schon aber war ihr sonderbarer Unbekannter wieder ernst, und in seiner Stimme lag eine gewisse Schärfe.

»Weshalb haben Sie also nicht sofort gehalten, Miss Longden?«

»Weil ich den Kopf verloren hatte«, bekannte sie kleinlaut. »Es war ja so entsetzlich. – Und weil man . . .«

Sie brach plötzlich fast erschreckt ab, aber Duncan fuhr für sie fort:

»Und weil man Ihnen zurief, so rasch wie möglich weiterzufahren. Es scheint also, daß auch der arme Mr. Fielder den Kopf verloren hatte.«

»Mr. Fielder . . .?« Die Verwunderung Isabels wirkte ehrlich und überzeugend. »Sie irren. Ich war zwar am Nachmittag in seiner Gesellschaft, aber dann« – sie zögerte einen Augenblick – »hatte ich eine andere Verabredung.«

Zum ersten Male geriet der überlegene Mann etwas aus seiner Gelassenheit.

»Eine andere Verabredung?« wiederholte er überrascht. »Aber Mr. Fielder hat doch sicher wenigstens davon gewußt?«

»Nein.« Sie schüttelte entschieden den Kopf. »Ich hatte sogar versprechen müssen, ihm nichts davon zu sagen. – Es handelte sich um ein Geschäft«, fügte sie verwirrt hinzu, weil die scharfen Männeraugen mit einem so eigenartigen Ausdruck auf ihr ruhten. »Und Mr. Fielder hätte sich vielleicht gekränkt, daß er dabei ausgeschaltet wurde. Das wäre mir sehr peinlich gewesen, denn er ist mir in liebenswürdigster Weise an die Hand gegangen.«

»Sicher hätte er sich sehr gekränkt«, pflichtete Duncan bei und begann dann ein nachdenkliches Selbstgespräch zu führen. »Also ein anderer – sieh da . . . Das ändert die Sache etwas.« Er blinzelte eine Weile vor sich hin, dann wandte er sich wieder an Isabel. »Dieser nette Mr. Fielder ist Ihnen wohl in Paris von Ihrem Landsmann Mr. Nash empfohlen worden?«

Sie nickte nur stumm.

»Und wie sind Sie zu dieser Bekanntschaft gekommen?«

»Durch einen Zufall. Ich sah in dem Antiquitätengeschäft einen alten Ring, der mir gefiel, und habe ihn erworben. Und Mr. Nash ist mir dann auch noch bei verschiedenen anderen Käufen behilflich gewesen.«

»In ebenso liebenswürdiger Weise wie Mr. Fielder.« Der junge Mann hatte schon wieder einen unerfindlichen Grund, ein höchst amüsiertes Lachen hören zu lassen. »Ja, verehrte Miss Longden, dieses gemütliche Europa wimmelt nur so von liebenswürdigen Leuten. – Wie alt sind Sie eigentlich?«

Die unvermittelte Frage klang sehr unverschämt, aber Isabel wurde sich dessen in ihrer augenblicklichen Verfassung nicht bewußt.

»Zwanzig Jahre«, erklärte sie freimütig. »Das heißt, bereits vorüber.«

»Na ja . . .« Die kurze, nichtssagende Bemerkung klang noch unverschämter als vorhin die Frage. »Und dieser andere, von dem Mr. Fielder nichts wissen sollte, hat Sie also veranlaßt, sich hier zu verkriechen?«

Aber mit Isabels willenloser Fügsamkeit war es nun plötzlich vorbei. In ihrem Gesicht erschien ein abweisender Zug, und ihre ganze Haltung änderte sich mit einem Male.

»Darauf werde ich Ihnen keine Antwort geben«, erklärte sie fast schroff. »Eigentlich habe ich überhaupt schon zu viel gesagt. Ich kenne Sie ja gar nicht und weiß auch nicht, welche Absichten Sie eigentlich haben. Wenn Sie es wirklich gut meinen, und ich Ihnen vertrauen soll, so müssen Sie völlig offen mit mir sprechen. Ihre geheimnisvollen Andeutungen haben mich nur noch ratloser und unsicherer gemacht.« Sie schwieg einen Augenblick und schöpfte tief Atem, um dann etwas stockend fortzufahren. »Wenn jemand mir behilflich wäre, aus dieser schrecklichen Lage herauszukommen, würde ich ihm aufrichtig dankbar sein. Ich meine, daß ich . . .«

Sie wußte nicht, wie sie das, was sie sagen wollte, möglichst taktvoll in Worte kleiden sollte, aber der gewiegte Mr. Alf Duncan hatte bereits begriffen und kam ihr unbefangen zu Hilfe.

»Sie meinen, daß Sie sich die Sache etwas kosten lassen würden? Schön, das läßt sich hören. Ich werde mir also zu gegebener Zeit gestatten, Sie daran zu erinnern. – Vorläufig wollen Sie mir offen und ehrlich sagen, ob und wovor Sie sich fürchten. Danach wird nämlich mein Rat ausfallen. Ist es nur die Polizei, so würde ich Ihnen empfehlen, noch einige Tage in diesem sicheren Versteck zu bleiben. Ängstigen Sie sich aber wegen der Einsamkeit hier draußen oder wegen sonst irgend etwas, dann wäre es allerdings geratener, Sie trachteten, schleunigst von hier fortzukommen. Es dürften sich dabei zwar einige Schwierigkeiten ergeben, aber diese ließen sich schließlich aus dem Wege räumen. – Lieber wäre es mir allerdings, Sie blieben. Ich halte Sie für eine ganz tapfere, junge Dame, und wenn Sie meine Warnungen beherzigen, kann Ihnen kaum etwas geschehen. Übrigens werde ich schon selbst dafür sorgen.«

Er sah sie erwartungsvoll an, aber Isabel wich seinem Blicke unschlüssig aus. Sie hatte eine rückhaltlose Aufklärung erwartet, war aber wieder bloß mit unverständlichen Anspielungen abgefertigt worden. Nur das Wesentliche seiner Frage hatte sie begriffen und gab darauf endlich Antwort.

»Ich fürchte mich nur wegen der Folgen«, stammelte sie kaum hörbar. »Die Frau, die hier im Hause ist, hat mir davon so Entsetzliches erzählt.«

»Ach«, machte Duncan vergnügt, und in seinem Gesicht zeigte sich ein geradezu teuflisches Lächeln. »Also die liebe Mrs. Drew hat Ihnen erzählt . . . Natürlich, das gehört ja wohl auch dazu. Und wenn die würdige Frau mit ihren reichen Erfahrungen auspackt, muß dies allerdings gehörigen Eindruck machen. Das verstehe ich vollkommen. Aber damit ist es genug. Falls sie Ihnen noch einmal mit diesen angenehmen Erinnerungen in den Ohren liegen sollte, so sagen Sie ihr, sie möchte noch ein bißchen zuwarten. So in fünf oder sechs Jahren würde sie ganz bestimmt noch mehr und noch schauerlichere Erlebnisse zu berichten haben, und dann würden Sie sie gerne anhören. – Ich nehme an, die gute Mrs. Drew wird daraufhin sehr einsilbig werden und Sie werden Ruhe haben.«

Er verkniff ein Auge und blinzelte ihr aufmunternd zu, und seine Art, alle diese ernsten Dinge so leichthin abzutun, verfehlte nicht ihre Wirkung. Isabel atmete etwas auf, und auch ihr Vertrauen zu dem rätselhaften Mann stellte sich wieder ein.

»Was soll ich also tun?« fragte sie.

»Ein bißchen beherzt sein und aushalten«, bekam sie zur Antwort, und dann folgten wieder einige beiläufige Bemerkungen, deren Sinn sie nicht verstand. »Es ist ja nicht gerade gemütlich und unterhaltend hier, aber in so einem Polizeigefängnis lebt es sich auch nicht sonderlich angenehm. Ich kenne das. Und eine Strafe muß schließlich sein. Warum haben Sie nicht angehalten? – Vergessen Sie aber nicht, was ich Ihnen gestern geraten habe. Wie ich sehe, tragen Sie die Waffe in Ihrer Handtasche. Das ist gut. Man kann nicht wissen . . .«

Er war immer leiser und schleppender geworden, und sein Gesicht hatte einen gespannten Ausdruck angenommen. Nun legte er mit einer hastigen Bewegung seine Rechte warnend auf ihre Hand und lauschte mit zurückgeneigtem Kopfe in das Buschwerk in ihrem Rücken. Und ehe Isabel sich noch darüber klar wurde, was das zu bedeuten hatte, voltigierte er plötzlich mit einem federnden Sprung über die Bank.

Es raschelte und brach sekundenlang in den Sträuchern, dann war eine aufgeregt keuchende Frauenstimme zu vernehmen.

»Lassen Sie los, oder ich hetze den Hund auf Sie . . .«

»Bemühen Sie Ihr niedliches Schoßhündchen nicht, denn ich möchte nicht gerne Flöhe bekommen«, beruhigte sie Duncan in den sanftesten Tönen. »Es geschieht Ihnen ja nichts. Aber als Gentleman kann ich doch nicht zugeben, daß eine so feine, junge Dame hinter dem Busch die Ohren spitzen muß wie ein nichtsnutziges Stubenmädchen.«

Im nächsten Augenblick brachte er wirklich die heftig widerstrebende Molly mit einem festen Griff angeschleift. Sie glühte vor Wut und Scham, und ihr eleganter Hut saß schief auf dem Kopfe.

Isabel begriff, den Zweck der peinlichen Szene nicht, und die Erklärung Duncans machte ihn ihr nicht verständlicher.

»Miss Molly ist etwas neugierig«, sagte er, als ob er von einer alten Bekannten spräche, »und möchte für ihr Leben gerne wissen, was wir uns hier zu sagen haben. Ich bin daher dafür, daß wir sie zuhören lassen.« Er lächelte das robuste Mädchen, das sich zu einem giftigen Ausbruch sammelte, mit harmloser Liebenswürdigkeit an. »Ich war also eben dabei, eine kleine Geschichte von einem jungen Mann in Pimlico zu erzählen, die allerdings noch kein richtiges Ende hat. Aber das werden Sie vielleicht später einmal erfahren. Dieser junge Mann, ein kleiner Angestellter, hatte einen Griff in die Kasse seines Geschäftes getan, um sich einen guten Tag zu machen. Aber die Sache ist ihm sehr übel bekommen. Man fand ihn am nächsten Morgen jämmerlich zugerichtet und völlig ausgeplündert am Themseufer. Und die Polizei sucht nun seit Monaten nach seiner Begleiterin, die vielleicht etwas Näheres darüber wissen dürfte. – Ist Ihre Neugierde damit gestillt, Miss Drew?«

Molly hatte auf diese, höfliche Frage nichts zu erwidern. Sie stand da, als ob sie eben ein eisiges Sturzbad abbekommen hätte, und starrte den jungen, eleganten Mann mit einem geradezu entsetzten Blick an.

Duncan nickte ihr gnädig zu.

»So, und nun wollen wir Sie nicht länger aufhalten. Ich hoffe, daß Sie die interessante Geschichte nicht Mrs. Drew erzählen werden, denn die gute Frau könnte sich zu sehr aufregen. – Und dann noch eins.« Er blinzelte Isabel bedeutsam zu. »Wenn Sie vielleicht, einmal das eine oder das andere plötzlich vermissen sollten, Miss Longden, so wenden Sie sich vertrauensvoll an diese Perle aller Kammerzofen. Sie wird es binnen fünf Minuten herbeischaffen. – Binnen fünf Minuten«, wiederholte er noch einmal mit Nachdruck. »Haben Sie gehört, Miss Molly?«

Miss Molly hatte nichts mehr gehört, denn sie stürmte bereits dem Haus zu, und der Schreck lag ihr in allen Gliedern.

Isabel saß noch immer mit großen, scheuen Augen da, aber Alf Duncan hatte für ihre begierige, stumme Frage kein Verständnis. Er sah plötzlich nach der Uhr und zog die Brauen hoch.

»Also, über den gewissen andern wollen Sie mir wirklich nichts verraten?« fragte er dann unvermittelt.

Sie schüttelte auch diesmal sehr entschieden den Kopf.

»Nein. Es wäre unschön gehandelt, wenn ich ihm Ungelegenheiten bereiten würde.«

»Nun ja, es wären allerdings gewaltige Ungelegenheiten«, gab er mit zuckendem Mund zu und tat dann noch eine andere Frage. »Für wann sollen Sie also das Geld bereithalten?«

»Für einen der nächsten Tage . . . Das heißt, einen Scheck – und wenn es überhaupt dazu kommt . . .«

»Dann haben wir also vorläufig noch Zeit«, meinte er in seiner geheimnisvollen Art und streckte ihr die Hand hin.

Isabel schlug mit gesenkten Lidern ein, und als sie den Blick wieder hob, sah sie gerade noch, wie der junge Mann mit erstaunlicher Behendigkeit über die Mauer setzte.


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