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XXIX

In endlosen, gleichmäßigen Spiralen wand sich die lange graue Straße, die auf das Hochplateau des Atlasgebirges führt, unter dem Automobil, und in gleich endlosen, trüben Spiralen kreisten im Kopf des bleichen jungen Mannes, der im Wageninnern lehnte, die Gedanken um die zwei schmerzlichen Erfahrungen, die er in Biskra gemacht hatte: seine Mißerfolge beim Theater und bei Madame Momoro. Und in El Kantara hielt ihn doch jeder, der ihn elegant gekleidet aus dem Frühstückszimmer des Hotels treten und durch den Vorgarten seinem schönen Landaulet zuschreiten sah, für einen beneidenswert reichen und glücklichen Jüngling.

Eine der ungelösten Fragen, die Ogle in seinem Hirn wälzte, sollte rascher Beantwortung finden, als er vermutet hatte. Ein luxuriöses, französisches Automobil mit einem weißgekleideten Araber neben dem livrierten Chauffeur hielt vor dem Gartentor des Gasthofes und Ogle, der den Wagen sogleich erkannt hatte, war gar nicht überrascht, die beiden Schwestern Daurel darin zu erblicken. Überraschend war nur die Verfassung, in der sich die ältere Schwester befand. Chauffeur und Diener mußten sie die wenigen Schritte zum Gasthof von beiden Seiten stützen, denn diese Frau, deren hochmütig abweisende, von trotzigem Willen beseelte Züge er noch gut in Erinnerung hatte, machte den Eindruck einer besiegten, durch ihre Niederlage körperlich zusammengebrochenen Greisin.

Ogle erkannte, daß die Schilderung Madame Momoros wenigstens zum Teil der Wahrheit entsprochen hatte und daß es in der Tat der Lebenszweck dieser Frau gewesen war, den Gegenstand ihrer Liebe zu tyrannisieren. Diesen Lebenszweck schien sie offensichtlich verloren zu haben. Und darin lag die Antwort auf eine der Fragen, die Ogle so sehr beschäftigte: nur eine stolze Zuversicht in ihre Zukunft hatte Madame Momoro veranlassen können, alle Brücken zu ihrer Feindin abzubrechen und sie damit so sichtbar zugrunde zu richten. Sie hatte also bei Tinker schon etwas erreicht! Würde sie ihren großen Barbaren in Tunis erwarten, um noch mehr von ihm zu bekommen?

Die nahe Zukunft mußte alle diese Fragen lösen und bis dahin wollte Ogle an Freundlicheres denken. Eine simple Ansichtskarte aus Batna, die er knapp vor seiner Abreise in Biskra erhalten hatte, bewies ihm, daß es in dieser ihm so feindlichen Welt doch noch einen unbegreiflichen Hauch menschlicher Güte für ihn gab. Ein junges Mädchen, das ihm auf der gleichen Straße zwei Tage voraus war, gedachte freundschaftlich seiner. Olivia schrieb ihm:

»Sie kommen doch auch nach Batna, nicht wahr? Ich rate Ihnen, eine Nacht in Timgad zu bleiben, das dürfen Sie sich wirklich nicht entgehen lassen! Sehe ich Sie nicht in Tunis, ehe wir von hier nach Italien reisen? Wenn nicht, dann denken Sie bitte daran, daß ich nicht vergesse, wieviel Gutes Sie für mich getan haben. Ich wünschte, ich könnte Ihnen einen Gegendienst leisten, aber wahrscheinlich …«

Hier hörte das Geschriebene einfach auf, denn der kleine freie Raum war zu Ende, nur die mikroskopischen Initialen »O. T.« waren in einer Ecke sichtbar. Ogle hatte die Karte nicht weggeworfen; er nahm sie mehrmals am Tage aus der Tasche, um sie in nachdenklicher Melancholie, aber freundlich anzublicken.

Als sein Wagen in einem unfreundlichen, fahlen Zwielicht in die kahle, kleine Stadt Batna einfuhr, befahl Ogle seinem Chauffeur, den Weg bis Timgad fortzusetzen. Es war dunkel geworden, und von dieser Stadt, die die Römer erbaut und die Olivia Tinker achtzehn Jahrhunderte später wieder für Ogle entdeckt hatte, sah er in dieser Nacht nichts mehr.

Im kleinen Speisesaal seines Hotels war nur noch ein Tisch besetzt. Ein Mann von sechzig Jahren und ein Mädchen in den Zwanzigern verzehrten an ihm ihr Mahl und unterhielten sich eifrig in einer Ogle unverständlichen Sprache. Ebenso fremdartig erschien ihm auch das Aussehen der beiden. Der Mann hatte einen großen Kopf mit vollem, weißem Haar und ein durchfurchtes rundes Gesicht, seine klugen haselbraunen Augen waren hinter der silbernen Brille in ständiger Bewegung. Fraglos war dies ein abendländischer Kopf, aber darauf saß ein roter Fes mit einer langen Quaste, und unter seinem Rock aus rauhem schottischem Zeug trug dieser phantastische Alte eine Tunika aus roter, mit bunten Blumen bestickter Seide. Den Abschluß dieser ungewöhnlichen Kleidung bildeten Hosen aus braunem Baumwollsamt, die in hohe leichte Stiefel aus rotem Maroquinleder gefleckt waren. Das Mädchen in seiner Gesellschaft war klein und dunkelhäutig, mit kurzgeschnittenen braunen Locken, sie war in einen langen schwarzen Samtmantel gekleidet, unter dem man eine weiße Bluse, schwarze Samthosen, dunkelblaue Seidenstrümpfe, Lackhalbschuhe mit silbernen Schnallen und hohen französischen Absätzen bemerkte. Ogle mußte zugeben, daß sie höchst dekorativ wirkte.

Während des Speisens bemerkte Ogle, daß der alte Mann ihn immer wieder auffällig musterte. Und als die beiden, die ihr Mahl früher beendet hatten, beim Verlassen des Speisesaales an seinem Tisch vorbeikamen, blieben sie zu Ogles Überraschung bei ihm stehen. Der seltsame Alte begrüßte ihn durch eine freundliche Verbeugung und sprach ihn an:

»Ich vermute, daß Sie Amerikaner sind«, sagte er, und nach seiner Aussprache schien er selbst einer zu sein. »Ich spreche so gerne mit Amerikanern, denn ich habe einige Jahre in den Staaten gelebt …«

Unglück und Leiden tragen wirklich das meiste zur Erziehung des Menschen bei. Einige Wochen früher noch hätte Ogle dieser bizarren Persönlichkeit nur mit einer gewissen Kühle und mit leichter Entrüstung geantwortet; nun bot er ihr, aufstehend, seine Hand.

»Ich freue mich«, sprach er liebenswürdig, »jemandem zu begegnen, der fast ein Landsmann ist.«

»Ich bin Doktor Medschila, Archäologe«, stellte sich der Fremde vor, und nachdem auch Ogle seinen Namen genannt hatte, fuhr er fort: »Wir verbringen jedes Jahr einige Wochen hier, um die Ruinen von Timgad zu erforschen. Erlauben Sie, daß ich Sie meiner Schülerin vorstelle – –« Er machte eine Handbewegung, das junge Mädchen nickte ruhig, Ogle verneigte sich und Dr. Medschila schien weitere Erklärungen über seine Schülerin überflüssig zu finden. »Wir werden Sie jetzt nicht länger stören, morgen treffen wir Sie ja gewiß bei den Ruinen, wir sind immer dort!«

Damit endete ihre Unterhaltung.

Als Ogle am nächsten strahlenden Morgen durch die gerade gepflasterten Straßen der Ruinenstadt schritt, begriff er, daß er aus dem mohammedanischen Orient in eine Stadt der römischen Cäsaren getreten war. Und trotz seiner Bedrücktheit und Unruhe erregte ihn dieser ungeheure Schritt. Ziellos umherstreifend, entdeckte er das Theater, durchforschte es nachdenklich, stieg dann bis zu seinen oberen Reihen hinauf, ließ sich dort nieder und blickte auf die steinerne Bühne hinab. Hatte wohl je ein nervöser Dramatiker von diesem Sitze aus die Premiere seines Stückes verfolgt? Dann sah er tief unten zwischen den Trümmern der Bühne den Archäologen mit seiner jungen Begleiterin. Sie winkten ihm freundschaftlich zu, kamen zu ihm herauf und ließen sich neben ihn nieder.

»Wir Modernen sind sonderbare Menschen«, bemerkte der Archäologe, nachdem sie sich einige Zeit unterhalten hatten. »Wenn wir Skulpturenreste an einer alten Mauer sehen, dann fragen wir, was für ein Narr das wohl gemacht haben mag. Und belehrt man uns, daß diese Arbeit zweitausend Jahre alt sei, dann sprechen wir andächtig von ›herrlicher Kunst‹. Die Reisenden, die hierher kommen, erkennen keinen Unterschied zwischen guten und schlechten Arbeiten. Bisher habe ich nur einen einzigen Touristen gesehen, der Timgad augenblicklich verstanden hat, und zwar verstanden, wie nur ein Römer selbst. Erst vor wenigen Tagen war er hier.«

»Ein Italiener?« fragte Ogle.

»Nein, nein! Natürlich einer von Ihren Landsleuten! Dieser Mann hatte zwar einen Führer mit, aber er war es, der dem Führer alles erklärte. ›Lassen Sie nur‹, pflegte er zu sagen, ›ich weiß das alles, ohne daß Sie es mir sagen.‹ Und das stimmte. Er wußte es wirklich.« Dr. Medschila schlug sich laut lachend aufs Knie, so sehr unterhielt er sich noch in der Erinnerung. »Wie reich dieser Kerl nur sein mag! Er meinte, er müsse es wohl wissen, wie man eine Stadt anlege und baue, und die Römer hätten es fast ebenso gemacht, wie er es täte – nur nicht ganz so gut!«

Ogle brauchte nicht erst nach dem Namen zu fragen, aufs neue erlebte er die schmerzhafte Überzeugung, daß es unmöglich sei, mit Tinker auf dem gleichen Erdteil zu sein und ihm auf die Dauer zu entrinnen.

»Dieser Bursche erzählte uns,« fuhr der Archäologe fort, »wie unvergleichlich schöner seine eigene Stadt sei als Timgad und als überhaupt jede Stadt, wäre sie nun antik oder modern. Aber er schätzte auch Timgad; bei Betrachtung des Triumphbogens dort drüben sagte er: ›Das muß ein schönes Stück Geld gekostet haben; wurde wahrscheinlich mit einer Anleihe bezahlt. Aber natürlich mußten sie es haben, sie konnten doch ihre Jungens nicht aus dem Krieg kommen lassen, ohne ihnen ein Heldendenkmal zu errichten!‹ Das Forum nannte er den ›Marktplatz‹ und behauptete, deutlich erkennen zu können, wo die Fuhrleute ihre Tiere angebunden und ihr Glas Wein getrunken hätten.«

»Das muß peinlich gewesen sein«, warf Ogle verächtlich ein.

»O nein, im Gegenteil«, lachte Dr. Medschila. »Dieser Mensch war imstande, sich die römische Stadt so zu rekonstruieren, wie sie wirklich gewesen ist, er nahm sie als etwas Menschliches. Wenn ein Künstler herkommt, so betrachtet er die Ruinen als Bild. Ihr Landsmann aber war der richtige Realist, und ich wollte mein ganzes armseliges Wissen gern hingeben, wenn ich dafür, so wie er, solch einen Ort beim ersten Sehen sofort verstehen könnte. Kommt da ein neuer Römer in seinem Automobil und ist der erste, der sofort die richtige Auffassung von jenen armen toten Leuten hat, die vor so langer Zeit hier gelebt haben! Ich sagte ihm auch, daß er ein Römer sei, aber er verstand nicht, wie das gemeint war.«

»Das kann ich mir denken«, sagte Ogle und erhob sich dann, um Abschied zu nehmen. »Es tut mir leid, daß ich schon gehen muß. Aber ich will noch vor Abend in Konstantine sein.«

»Wenn Sie nichts dagegen haben, werden wir Sie bis zum Gasthof begleiten«, erwiderte Dr. Medschila und sprach unterwegs weiter von dem starken Eindruck, den Tinker auf ihn gemacht hatte. »Ja, Ihr Landsmann ist ein großer Römer und die Welt behandelt ihn auch so. Wenn ein großer Römer reiste, wurde er genau so empfangen, wie dieser Mann überall empfangen wird. Jeder erhofft sich etwas von ihm.« Medschila kicherte. »Selbst ich … Aber ich glaube, Sie kennen ihn, Herr Ogle?«

»Ich glaube auch«, gab der junge Mann mißmutig zu. »Falls Sie nämlich Tinker meinen.«

»Natürlich. – Wissen Sie, wie lange er in Tunis bleibt?«

»Nein.«

»Wenn er einige Zeit dort bleiben sollte«, sagte Dr. Medschila nachdenklich, »so würde ich unseren Aufenthalt hier abkürzen, denn ich möchte gern noch einmal mit ihm reden. Ich könnte ihn vielleicht für eine kleine Expedition interessieren – sie würde durchaus nicht viel kosten. Nun, wir werden ja sehen …« Er seufzte. »Ein alter Traum!«

»Wieso konnten Sie annehmen, daß ich ihn kenne?« erkundigte sich Ogle.

»Wieso?« Medschila zwinkerte vergnügt mit seinen lebhaften Augen. »Ich will es Ihnen sagen, Herr Ogle. Es war sehr lustig. Wir gingen – so wie jetzt – zum Gasthof zurück. Tinker, seine Tochter, der Kurier, meine Schülerin und ich. Frau Tinker war nicht zu den Ruinen gegangen, sie wartete in einem der Automobile am Museum, und ich glaube, sie wartete schon recht ungeduldig. Tinker und meine Schülerin gingen voraus. Das Mädchen spricht zwar kein Wort englisch, aber Tinker hörte trotzdem nicht auf, ihr alles mögliche zu erzählen, er wies lachend auf einzelne Häuser zwischen den Ruinen und erzählte ihr, was für nette junge Männer darin wohnten und fragte sie, ob nicht einer oder der andere sie am Abend besuchen werde. Er neckte sie und sie begriff es, obwohl sie nicht ein Wort von dem verstand, was er sagte. Sie hat Sinn für derlei Scherze und lachte fröhlich mit. Und gerade als wir zum Tor des Museums kamen, war sie so guter Laune, daß sie ihm laut lachend einen leichten Klaps auf die Schulter gab. Da sprang Frau Tinker wie ein junges Mädchen aus dem Wagen, Tinker mußte sofort zu ihr einsteigen, und sie fuhren so schnell davon, daß sie ihre Tochter vergaßen. Die hätte allerdings im zweiten Wagen nachfahren können, aber sie wollte mir noch etwas sagen. Sie sagte es, ehe die anderen wieder zurückkamen. Und so erfuhr ich, daß Sie mit Tinker bekannt seien.«

»Was sagte sie denn?«

»Es gefiel ihr so gut, daß ich ihren Vater einen Römer genannt hatte, und die Begründung, warum ich ihn so genannt hatte, daß sie mich um eine Gefälligkeit bitten wollte. Sie beschrieb mir Ihr Aussehen und nannte Ihren Namen; sie sagte, Sie würden vielleicht in einigen Tagen hier vorbeikommen, und bat mich, Ihnen zu erzählen, warum ich Tinker einen Römer genannt hatte.«

»Das war alles?« erkundigte sich Ogle enttäuscht, während sie schon vor dem fahrbereiten Automobil stehen blieben.

»Das war alles«, erwiderte Dr. Medschila. »Aber es schien ihr sehr wichtig. Sie war sehr ernst, als sie mich darum bat – eigentlich waren sie alle drei sehr ernst – aber schon sehr ernst! – als ihre Eltern zurückkamen, um sie abzuholen. Ich habe meiner Schülerin auch gesagt, sie dürfe nie wieder und unter gar keinen Umständen einen Amerikaner auf die Schulter klopfen!«


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