Egon Erwin Kisch
Hetzjagd durch die Zeit
Egon Erwin Kisch

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Werften und Docks

Die christliche Neuzeit hat den Tempel aufgerichtet und nach dem heidnischen Kriegsgott Ares benannt. Kein Theologe und kein Archäologe wäre imstande, den Ritus dieses seltsamen Gotteshauses zu beschreiben. Schiffe werden hier gebaut und das, wessen ein Schiff bedarf: Maschinen und Masten, Seile und Segel, Anker und Antennen, Kessel und Ketten, Schaufeln und Schlote: wenn es Schlachtschiffe sind, und es sind Schlachtschiffe, auch Panzer, Geschütze und Mitrailleusen.

Fabriken zur Rechten, Fabriken zur Linken. Essen verbreiten unheimliche Glut, Schlote verwandeln den Horizont in eine geometrische Zeichnung, Werkstättenschiffe schwimmen auf das Land, und Lokomobile rollen ins Wasser – Dampfhämmer sausen – Treibriemen drehen sich nach allen Richtungen – eine Felsenlandschaft steht düster am Rande des Geländes: Kohle – Batterien fahren auf – Dynamos fauchen und zittern – Preßluft von hundertfünfzig Atmosphären wird aus einem Torpedo gelassen und sperrt, eine unsichtbare Schlange, zischend den Weg – Ketten klirren und quietschen – flüssiger Stahl blendet die Pupillen – auf dem für die Schlitten geseiften Boden der Werften gleitet man aus – Eisenbahnzüge queren signallos die Wege – oberhalb deines Schädels baumelt ein Geschützrohr (und wenn auch ein Kranhaken haltbarer ist als ein Pferdehaar, so hat doch dafür das Damoklesschwert sicherlich nicht 46 448 Kilogramm gewogen!) – das Surren des pneumatischen Bohrers läßt an einen kosmischen Zahnarzt denken mit gigantischen Apparaten – über Luftleitungsröhren stolpert man – Stickgeruch der Lacke kriecht in die Lungen – Gendarmen fahnden nach Spionen und überprüfen jedermanns Legitimation . . .

Ja, ja, du siehst höchst verdächtig aus, dieweil du ängstlich überall Gefahren witterst und Feindschaft des Objekts, dieweil dein Blick die Genrebilder und Riesengemälde, die Seestücke und Interieurs aufzunehmen strebt, dieweil du herumirrst im Artilleriebezirk, im Maschinenbauviertel, im Elektroquartier, in der Takel- und Torpedovorstadt und auf der Ile de cité, der Schiffbaustadt, in diesen Komplexen, deren jeder eine Direktion hat und die allesamt dem Bürgermeisteramte unterstehen, als welches den Titel »Seearsenals-Kommando« führt. Etwa sechstausend Bewohner, Werftarbeiter, Nieter, Verstemmer, Kalfatterer, Bohristen, Feinmechaniker, Handwerker, Schiffsleute, Elektriker, Metalldreher, Maschinisten, Schmiede, Tischler, Stahlarbeiter, Offiziere, Ingenieure, Beamte, Bauzeichner, Bootsbauer, Installateure, Soldaten, Matrosen, Seiler, Kupferschmiede, Werkschüler, Eisengießer, Lackierer, Drechsler, Böttcher – beiläufig fünfzig Berufe.

Alles wird hier gemacht, Konstruktion, Reparatur, Ausrüstung, Instandhaltung, Überprüfung, Taucherkähne, Torpedoboote, Kreuzer, Minensucher, Torpedobootzerstörer, Tender, Barkassen und Plätten, die feinsten Apparate der Starkstromtechnik, Radioanlagen, Ferndrucker, Telefonverbindungen, sogar Textilindustrie, Glasfabrikation und andere Spezialgewerbe werden betrieben, ein chemisches Laboratorium analysiert Spezialstahl, macht Pulverproben, Rauchgas- und Sprengstoffexperimente, stellt Kaloriengehalt von Brennstoffen und die Wertigkeit von Ölen, Fetten und Seifen fest, fabriziert Wanzenvertilgungsmittel.

In einer der Hallen spielen Männer im Sand und graben Ornamente wie Kinder am Strande. Aber ein tiefer Sinn liegt in dem kind'schen Spiel. Nach einem Modell, das in der Tischlerei geschnitten worden ist, werden in den Formkasten auf der Erde die Negative der kompliziertesten Teile geknetet, gepreßt und mit Graphit bestrichen; dann wird flüssiges Gußeisen aus den Kupolöfen eingelassen.

Die Giftküche: Landschaft der Grottenbahn im Vergnügungspark. Grellgrün gefärbte Fabelwesen, gespenstisch, mit vermummten Gesichtern, kochen Grünspan, mischen ihn mit Kolophonium und Leim. Gesegnete Mahlzeit! Die Austern, die Algen und Muscheln und anderes Meeresungeziefer, das sich am lebenden Werk der Schiffe ansetzt, deren Fahrtgeschwindigkeit vermindernd, sollen es fressen und daran krepieren. Nun, sie fressen's – und dennoch ist es aller Toxikologie, allen Hexenkesseln und allen Giftmischern mit Gasmasken und grünen Dämpfen noch nicht gelungen, den Unterwasseranstrich zu mixen, der Fauna und Flora und Rost davon abhielte, als blinde Passagiere auf dem Ozean zu fahren.

Ein Berg verrosteter Ketten. Jahrzehntelang haben sie Meeresgrund mit Meeresoberfläche treu verbunden. Jetzt liegen sie da, ein Häufchen Unglück. Alte, einarmige Anker lehnen an einer niedrigen Mauer gleich Straußen, die sich über eine Hürde recken: wie Augen sehen die Bujen aus, der Ankerarm wie der Kopf und der Schaft wie der Straußenhals.

Der Mallboden ist ein hölzernes Zeichenblatt von mehr als achtzig Meter Länge und fünfzehn Meter Breite; direkt auf das Parkett wird gezeichnet, ein ganzer Dampfer mit allen Konstruktionsteilen in natürlicher Größe. Die Arbeiter, bäuchlings auf der Erde, haben die Detailpläne vor sich, den Zirkel in der Hand und vergrößern nun mit Kreide und Ölfarben die Zeichnung fünfzigfach auf Millimeter genau, den »Stracks«, einen langen, biegsamen Holzstreifen, als Lineal für Gerade und Kurve benutzend. Nach den Konturen auf dem Mallboden schnitzt man die Holzschablonen, und auf der Spantenbiegeplattform gießt man sie in Eisen.

In der großen Schiffsschmiede fallen Hämmer von sieben Tonnen Schwere auf weißglühenden Stahl, der sich dehnt und drückt wie Nougat. Dahinter der Abraum: so lange wurden Asche, Schlacke, Abfälle und Unrat in die See geschüttet, bis Festland entstand, ein neuer Bauplatz gewonnen war. Dafür hat man anderswo dem Meere zwei Absteigequartiere in den Felsenboden gesprengt, die Trockendocks. Diente das Amphitheater des Augustus, dessen Ruinen nahe sind, als Vorbild? Auch hier die Ellipsenform, auch hier die Riesenmaße, auch hier die Verkleidung mit Quadern und Ränge wie für das Publikum!

In dieses submarine Kolosseum schwimmt das erkrankte oder verwundete oder krankheitsverdächtige Fahrzeug, um auf Kielaufklotzungen zwischen Kimmböcke und Seitenstützen gebettet zu werden. Das Dock-Tor, ein Schiff von der Form einer abgeplatteten Kugel, verschließt hermetisch das Dock, aus dem das Wasser ausgepumpt wird. Die Behandlung kann beginnen. Wenn schließlich der Befund auf »geheilt entlassen« lautet, wird durch Röhren wieder Wasser eingelassen, empor steigt der Dampfer, fährt von dannen.

Auch hölzerne Trockendocks gibt es, und weit draußen haben Schwimmdocks ihren Platz, die eigentlich selbst riesenhafte Schiffe sind und Dreadnoughts mit einem Deplacement von zweiundzwanzigtausendfünfhundert Tonnen aufnehmen können. Jedes Dock ein Krankenbett oder ein Operationstisch, die Gesamtheit der Dockanlagen ein Sanatorium. Gebäranstalt sind die Stapel. Hier kommen Schiffe zur Welt. Schräg ist der Boden, die Helling, gegen das Meer geneigt und reicht unter dessen Oberfläche, das Werftdach, aus Eisen und Glas konstruiert, wölbt sich in einer Höhe von dreißig Metern, und dort oben, entlang der Galerie, fahren die Hebezüge. Unten stellt man die eisernen Skelette der Dampfer zusammen, setzt die Extremitäten an, fügt Herz und Eingeweide ein und umgibt das Geschöpf mit Haut und Kleidung und Rüstung; dann rutscht es auf geseiften Schlitten ins Meer hinab, läuft vom Stapel. Odysseus hat schneller gebaut:

Bohlen sodann zum Bord, an häufigen Rippen befestigt,
Stellt er umher und schloß des Verdeckes weitreichende Bretter.
Drinnen erhob er den Mast, mit der kreuzenden Rahe gefüget,
Auch ein Steuer daran bereitet er, wohl zu lenken.

Hoch über alle Dächer des Konstruktionsarsenals und über alle Masten reckt sich der Hellingkran. Seiner schlanken Geliebten auf der anderen Seite der Bucht, der Kranschere, streckt er den Arm entgegen. Tausend Hämmer schlagen auf Eisen.

 


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