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Siebentes Capitel.

Du kannst unter solche Leute wol gehen, aber für eine Dame paßt sich das nicht.« So antwortete Delphine dem Apostel der Armuth, als er sie wenige Wochen nach Stiftung der freien Gemeinde frug, warum sie die Versammlungen derselben nicht besuche.

Delphine, die große, freie, erhabene Delphine, das emancipirte Mädchen war – eine Dame geworden, eine Dame der schönen, glänzenden Welt des guten Tones, in der man stets nur danach fragt, was sich paßt, und für diese paßte die freie Gemeinde allerdings nicht!

Die Parteiungen des öffentlichen Lebens fallen zusammen mit den Classen der Gesellschaft, und die Ansichten der Einzelnen sind bestimmt durch ihre Lebensverhältnisse; ihre »Meinungen« maskiren ihre Interessen. In der freien Gemeinde, der Partei des Radicalismus, sammelten sich die Elemente, die mit der Gesellschaft zerfallen waren, Banquerotteurs, Handwerker von zerrüttetem Hausstande, verkannte Genies, selbst Corrigenden und übelberüchtigte Frauen. Sie selbst rechneten es sich geradezu zum Verdienste an, der öffentlichen Meinung der Welt zu trotzen, die Verrufenen und Verstoßenen des menschlichen Geschlechtes zu erheben.

Manche erfreuliche Frucht sah Wagner als den Segen dieser messianischen Liebe erwachsen. Vor Allem war ihm rührend die blonde Elise, Gottlieb Winkler's unglückliche Schwester, die Jahre lang aus tiefer Scham in keines Menschen Antlitz und nicht in ihr eigenes Herz zu schauen gewagt hatte, die in Zerknirschung sich selbst verzehrend schon einem nahen Tode entgegen zu gehen schien. Als sie nun von ihrem Bruder in die Gemeinde geführt wurde und den neuen Heiland hörte, der die Erlösung von allen Sünden verkündete und sie Sünden der Menschheit nannte, der Glück und Liebe als die Bestimmung des Menschen predigte, da begann ein neues Leben der Seele und des Leibes in ihr zu sprossen. Gesundheit und Lebenssehnsucht erblühten wieder in ihren leidend schmachtenden Zügen.

Niemand empfand ihr Glück lebhafter als ihr Bruder, und mit ihrem Glücke wuchs seine dankbare Anhänglichkeit zu dem Prediger. Wie ehrlich blau war das Auge, mit dem er zu dem begeisterten Lehrer emporblickte; wie derb, vom Fleiße gefirnißt, die Hand, die er ihm reichte! Er war das, was der Socialist unter einem vollendeten Arbeiter sich vorstellt, ehrlich, geschickt, fleißig, und dabei zu geistigem Bewußtsein erweckt. Dieses Geschwisterpaar erfüllte Wagner'n mit Stolz; er sah in ihnen herrliche Früchte heranreifen, den Segen seiner Lehre.

Aber nicht überall schlug sein Evangelium so glücklich an, als es ihm hier erschien. Konnte man vielen Mitgliedern nachsagen, daß sie ihre verloren gegangene, gesellschaftliche Stellung in der Sorge für die Menschheit wiederzufinden suchten; so waren umgekehrt viele, die über der Theilnahme am Allgemeinen ihren wohlbestellten Haushalt zu vergessen schienen. Auch der Parteihaß der Wohlhabenden, die ihnen Arbeit und Credit entzogen, mochte dazu beitragen, daß mehrere der Gewerbtreibenden ihren Wohlstand einbüßten, und mit dem Wohlstande die Ehrlichkeit. Ein Gasthofpächter machte Banquerott, wie man sagte, betrügerisch; ein Buchhalter und ein paar Gesellen wurden wegen Unterschlagungen aus ihren Diensten entlassen.

Ernst verhehlte sich nicht, daß die neuen Grundsätze daran Schuld sein konnten; aber er konnte durch »einzelne Zufälligkeiten«, durch »unvermeidliche Uebelstände der Durchgangsphase« sich nicht irreleiten lassen. Er gab Krist Recht, als dieser sagte: »Wer wird den Besen wegwerfen, wenn es beim Auskehren ein Bischen stäubt! Unverzagt all den großen Dreck der Gesellschaft ausgefegt, dann wird es nie mehr stäuben.«

Undelicater war für Ernst's Zartgefühl eine andere Art von Stäuben. Aus der Lehre, die Freiheit sei, seine Natur zu entfalten, und nur aus der Tyrannei gegen diese entständen die Laster, folgerte man, nur um der Consequenz willen, das Recht, sogar die Pflicht zur Entfaltung der Natürlichkeit in einer gewissen Art, die nach dem gemeinen Sprachgebrauche Unsittlichkeit genannt wird.

Wagner sprach in einer Versammlung mit seinem würdigen Ernste, daß gerade die Mitglieder der freien Gemeinde die besondere Pflicht hätten, sich sittlich zu erhalten, um der Welt ein Zeugniß davon zu geben, daß die Tugend nicht vom Aberglauben abhinge und nicht falle mit diesem, sondern daß sie der innewohnende Rhythmus sei, in dem das menschliche Wesen sich von selbst bewege, sobald es wahrhaft frei sei.

Ein College Wagner's, ein verunglückter Candidat der Theologie und eifriger Apostel des neuen Unglaubens, der durch naturwissenschaftliche Vorträge den Atheismus und die Bestimmung des Menschen zur Liebe zu begründen pflegte, wobei er ohne Rücksicht auf die Anwesenheit der weiblichen Gemeindemitglieder, natürlich in rein wissenschaftlichem Interesse, mit mehr als kindlicher Naivität den Grundsatz befolgte: naturalia non sunt turpia, – dieser, in seiner Erscheinung ein erbarmungswürdiges Bild von Noth und Ausschweifung, warf Ernst am Tage darauf in engerem Kreise vor, seine Rede sei doch nur eine Inconsequenz, eine Concession an den Aberglauben der öffentlichen Meinung; für den, der consequent sein wolle, gebe es keine andere Sittlichkeit, als der Natur gehorchen; die Natur kenne selbst ihr Maß; der Mensch sei nicht eher zur Freiheit, zur wahren Gesundheit des Leibes und des Geistes gelangt, als bis er die Differenz zwischen Mann und Weib negirt und so zum ganzen, zum absoluten Menschen sich erhoben habe. Diese Unbefangenheit, diese Vollendung zu erstreben einer ganzen Welt von alten Jungfervorurtheilen zum Trotz, sei die wahre Sittlichkeit.

Ernst mußte erschrecken, den todten Freund Horn auch in der neuen Zeit noch leben zu sehen. Mit dem Hinübertreten auf den Boden der Praxis, in das Wirken für das Allgemeine glaubte er den Geist vor allen individuellen Verirrungen gerettet zu sehen; und nun trat ihm auch hier dieses Afterbild des freien Geistes entgegen. Um so mehr war er dadurch geängstigt, da er sich eingestehen mußte, daß der logische Schluß zu dieser Consequenz dränge, wie sehr sein Gefühl sich auch dagegen sträubte. »Mag das die vollendete Freiheit sein; wir aber erstreben sie erst, und wir erstreben sie nicht um unseret willen, sondern um ihrer selbst willen, um sie der ganzen Menschheit zu schenken. Deshalb müssen wir allerdings der öffentlichen Meinung eine Concession machen. Wir dürfen die Früchte der Freiheit nicht genießen, sondern müssen sie als Saat ausstreuen für spätere Geschlechter.«

Der Denker von der traurigen Gestalt antwortete diesmal nur mit dem suffisanten Lächeln des Radicalismus, der über Alles, auch über jeden begründeten Widerspruch, längst hinaus ist. Es dauerte aber nur wenige Wochen, in denen er vor den Mitgliedern durch seine Consequenz sich Achtung verschafft hatte, so trat er in offener Versammlung gegen Wagner auf, dem er »sentimentalen Stoicismus, romantische Märtyrerlust« vorwarf. »Was ist das mit der Freiheit, der ich und du und wir alle Alles und uns selbst opfern sollen? Wer genießt sie? Weder ich, noch du, noch irgend einer, und sie selbst sich doch auch nicht! Wir sollen für die Nachwelt wirken? – was hat denn die Nachwelt für uns gethan? Fangen wir mit dem Märtyrerthum an, so lacht alle Welt uns aus; fangen wir aber damit an, die Freiheit zu genießen, so werden die Andern einsehen, was für Narren sie sind und klug sein wie wir. Der Genuß der Freiheit ist die beste Propaganda für die Freiheit.«

Als nach diesen Worten Bravo und Klatschen durch den Saal dröhnte, überkam Ernst unwillkürlich ein aristokratischer Dünkel: es widerte ihn heute an, daß der Athem dieses Jubels übelriechend und die Hände ungewaschen waren. Er, der viel zu abstract war, als daß er um Beifall hätte eifersüchtig sein können, war bis zur Wuth verletzt durch diesen Widerspruch. Es fiel ihm wider Willen ein, daß Hermann von dieser Menge einst gesagt hatte, sie sei »viehisch.« Damals entsetzte er sich über das Wort; heute noch viel mehr darüber, daß er ihm Recht geben mußte.

Der Idealist mußte sich eingestehen, daß seine Proletarier ebenso menschlich waren als die Bourgeois, daß sie Idealisten waren aus demselben Grunde, aus dem jene es nicht waren, aus Egoismus. Sie verwechselten die Freiheit mit ihrem eigenen Vortheil; sie wollten ihre ewige Sorge um das Dasein einem Anderen aufbürden, und wer war dazu bereitwilliger als der Gedanke des Staates, der Menschheit! Eine Zeitlang verzagte Ernst auch bei dieser Enttäuschung nicht; er wollte den Politiker spielen, und das egoistische Interesse für den allgemeinen Zweck benutzen; aber er wurde bald aufs neue enttäuscht und mußte erfahren, daß dieses egoistische Interesse den Gedanken des Allgemeinen, den es als sein Mittel benutzte, aufgab, sobald ein näherer Weg sich ihm öffnete.

Krist's Erscheinung hatte in der letzten Zeit ein unheimlich verändertes Ansehn gewonnen. Der weiße Hemdekragen, der ihn sonst geziert hatte, verschwand; nirgends zog er mehr den Paletot aus, weil er keinen Rock darunter hatte; seine spitze Nase wurde noch spitzer; seinen eingefallenen Backen sah man den Hunger, seinen umherrollenden Augen die Wuth an. Die liberalen Kunden hatten dem Corrigenden die Arbeit entzogen, und sie hatten Grund genug dazu, denn er arbeitete schlecht und unregelmäßig. »Keine Almosen!« hatte er früher gesagt; »der Hunger muß das Volk klug und tapfer machen.« Jetzt mußte er selbst diese Schule kosten. Der Gesellschaft, die ihn verstoßen, zum Hohn wurde er Tagelöhner: »Die Menschen müssen gleich sein; die Unterschiede zwischen Handwerker und Tagelöhner, Meister und Gesellen sollen aufhören; alle Menschen müssen Tagelöhner werden.« Er arbeitete als Sackträger beim Schiffsabladen. Diese Erniedrigung steigerte seinen inneren Grimm nur höher. Er zog sich von Wagner zurück, den er den »Demokraten mit weißen Händen, den Aristokraten der Bildung« nannte. Ein paar rohe, verliederte Subjecte zog er an sich in einen engsten Kreis, den Wagner nur mit Mistrauen betrachten konnte.

Ernst war immer noch weich gestimmt und hatte die Hoffnung nicht aufgegeben, durch gemächliche Verständigung die Welt zu reformiren. Er ging zu Krist. Obgleich gewohnt, die traurigsten Wohnstätten der Armuth zu besuchen, war er doch erschreckt über die wüste Kellerhöhle, in der er den heruntergekommenen Schneider fand, beschäftigt mit der Abfassung communistischer Gedichte. Er bemerkte, wie der Poet bei seinem Hereintreten die Schnapsflasche, die er als Hippokrene benutzt haben mochte, schnell verbarg. »Du hast noch immer keine Arbeit?« frug er ihn.

»Arbeit genug, zu viel, wie es scheint, für das ganze Menschengeschlecht!« erwiderte der Schneider mit rollenden Augen in einem düsteren Tone, der ihm selber imponirte.

»Ich meine, du scheinst kein Verdienst zu haben.«

»Wenigstens nicht mit der Nadel. Die Leute scheinen doch zu merken, daß ich zu gut dazu bin.«

»Wenn du Noth leidest, will ich dir helfen.«

»Schön Dank! Ich nehme keine Almosen.«

»Ich leihe dir, bis du dich herausgearbeitet hast.«

»Könnt ich mich herausarbeiten, so wär ich nicht hineingekommen. Lieber verhungern, als meine Existenz der Gnade verdanken. Und ehe ich verhungere, will ich sie mir lieber nehmen, wo sie mir nicht gegeben wird.«

»Aber, lieber Bruder, wie willst du dein Recht dir nehmen, was kannst du denn thun?«

»Was ich thun kann? Nun, du studirter Kopf, dazu bist du ja da, mir das zu sagen. Dazu frißt du ja unser Brot. Und wenn auch du es mir nicht sagen kannst, nun, dann werd ich thun müssen, was mir selber gut scheint.«

»Du allein aber kannst doch die Gesellschaft nicht anders machen als sie ist! Halten wir nur alle zusammen! Die Wahrheit wird siegen und um so eher, je unverzagter, besonnener und einiger wir handeln. Also nimm das Geld, das ich dir gerne gebe, und warte bis –«

»Abwarten –? So? Vielleicht bis wir alle verhungert sind, die wir Hunger leiden. Dann ist allerdings die Noth abgeschafft, radical abgeschafft!«

»Was willst du denn sonst thun?« frug Wagner, beunruhigt durch die Wuth, die aus Krist's Blicken und Mienen noch mehr als aus seinen Worten sprach.

»Was sonst? Pah – z. B. nach Amerika gehen.«

»Woher willst du die Mittel dazu nehmen?«

»Oho!« sagte er, in der Aufregung der Wuth und Trunkenheit sich steigernd; »glaubst du, du hast allein den Verstand gepachtet? Wir wissen auch, was wir thun, wir –.« Hier verrieth er durch sein plötzliches Abbrechen, daß er zu viel gesagt zu haben fürchte, aber in seinem Taumel redete er aus Schreck darüber sich nur tiefer hinein. »Aber halt«, schrie er auf, in stierer Angst ihn anblickend, »du kommst wol her, uns auszuforschen? Haben dich die Bourgeois gedingt, uns zu verrathen? Wart, Spion, du kommst mir nicht von der Stelle!« Damit sprang er auf und packte ihn am Rock, aber er war seiner selbst nicht mehr mächtig und mußte sich taumelnd an die feuchte Wand lehnen.

»Was ist dir, Krist? Ich komme dir zu helfen, und du –«

»Mir zu helfen?« lallte jener und suchte sich zu sammeln, um sich nicht zu verrathen. »Mir zu helfen?« wiederholte er, dumpf in sich hineinsprechend. »O, mir ist nicht mehr zu helfen. Und ich wollte der Menschheit helfen! Pah! die Menschen sinds nicht werth. Ich muß mich selber restauriren – ha, ha! mich selber restauriren!« so lachte er im Taumel über den Doppelsinn dieses Wortes, und indem er mit der Hand nach der Flasche suchte, sank er lallend in Schlaf. –

Kein Radicalismus der Intelligenz kommt dem der Noth gleich. Das war das Resultat, das Wagner aus seiner Alliance mit den Zöllnern und Sündern des neuen Evangeliums davontrug.

Hier war der Punkt, wo er endlich hätte lernen müssen, daß zur Einwirkung auf die Wirklichkeit, zur Reformation der Welt es nicht hinreicht, aus dem reinen Denken Principien zu entwickeln und deren Consequenzen kühn zu verfolgen; sondern daß eine aus dem Detail zusammengetragene Kenntniß der Wirklichkeit, ein den Charakter der Individuen durchdringender Scharfblick, eine nur durch Beobachtung und Uebung zu erlangende, berechnende Lebensgewandtheit, kurz, daß eine Kunst, nicht nur Principien, dazu erforderlich sind, um in die spröde, widerspenstige Oberfläche der realen Welt die Resultate des höheren, freien Geisteslebens hineinzuzwängen und zu schmeicheln. Wagner aber erlebte jene Enttäuschungen eben deshalb, weil seine Natur dieser Weltbildung nicht fähig war, und weil sie es nicht war, sammelte er auch aus allen seinen Enttäuschungen keine Erfahrungen. Er sah die Erfolglosigkeit seines Strebens, aber nicht, daß sie in der Einseitigkeit seines Idealismus ihren Grund hatte. So konnte er nur verzagen, aber nicht den muthigen Entschluß einer neuen wirksameren Handlungsweise gewinnen. Er fürchtete, daß Krist, durch den Hunger tapferer als klug gemacht, irgend eine wahnsinnige Handlung begehen werde, die auch ihn ins Verderben stürzen könne, aber hatte nicht Rath noch Kraft dem entgegenzutreten. Eine muthlose Beängstigung bemächtigte sich seiner, die ihn in planloser Verwirrung hin- und hertappen ließ.

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