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Neuntes Capitel.

Die gewöhnliche Stille und Einsamkeit, die der unerwartete Besuch auf einige Stunden unterbrochen hatte, war in dem Pfarrhause wieder hergestellt. Nur ein äußeres Ereigniß brachte Aennchen eine schmerzliche Erinnerung: Der Verwalter Kilian, der in der letzten Zeit die Gesellschaft der wildesten Burschen getheilt hatte, gab zum 15. August seine Stelle auf, und verließ, ohne von Pastors Abschied zu nehmen, die Gegend. Sonst ging im Pastorhause das Leben seinen gewöhnlichen Gang fort. Ernst wollte sich sagen, die Erscheinung Horn's müsse ihm ein abschreckendes Beispiel sein, wohin der Mensch komme, der nur ein mal einen Finger breit vom Wege der Wahrhaftigkeit abgewichen, und es müsse ihn aufmuntern, das Letzte zu versuchen, um in die Bahn der Freiheit zurückzulenken. Aber die Macht des Beispiels wirkte auch bei ihm in ihrer beruhigenden Art und zog ihn unvermerkt in die Gewöhnung hinein. Die Erfahrung, daß das Leben anderswo auch nicht vollkommen sei und die Menschen nicht vollkommen mache, ließ ihn seine beschränkten Verhältnisse fügsamer ertragen. Er war innerlich begnügt gestimmt und nahm sich zusammen, auch äußerlich freundlich zu erscheinen. Er wurde gegen Aennchen entgegenkommender und suchte die Beschämung wieder gut zu machen, die er in jener Nacht von ihr verdient hatte. Aennchens Temperament war durch die niederschlagenden Erlebnisse und ihren eigenen Vorsatz weniger ungebunden, und sie störte ihren nachdenklichen Vetter bei ihrem Beisammensein nicht mehr durch ihre Lebhaftigkeit. So fügten sich die beiden, sie lebten nebeneinander, ohne sich zu stören, wie auch der Herr Pfarrer und seine Frau nebeneinander lebten.

Ueber Anna's Entschluß, den jene qualvolle Nacht in ihr erzeugte, von Ernst entweder volle Liebe oder offene Entsagung zu verlangen, ging die Zeit hinweg und er blieb nur der augenblickliche Ausdruck erhitzter Gedanken. Die Zerstreuung durch den liebenswürdigen Besuch und die erneuerte Freundlichkeit ihres Geliebten verwischten in ihr das Verlangen bestimmter Entscheidung. Sie war ernst, aber nicht unglücklich, getröstet, aber auch nicht glücklich. Die Liebe ist ja mit so wenigem zufrieden, und so hoffte sie: es wird noch Alles gut.

Die Mutter freute sich, daß der Sohn zutraulicher wurde und sich an Aennchen anschloß; sie hielt ihn für glücklich, während er nur fügsam war. Der alte Papa lebte ebenfalls mehr und mehr auf und dankte Gott von Tage zu Tage, daß er seinen Fuß fester aufsetzen könne. »Ich werde wie ein Jüngling«, sagte er, wenn er zwanzig Schritte allein gegangen war, und schon seit drei Sonntagen sprach er davon: »in vierzehn Tagen fange ich wieder an zu predigen.«

So begann das Familienleben des Pfarrhauses, das schon in Gefahr war, auseinander gesprengt zu werden, sich wieder in seinen ruhigen Lauf zu finden; das Glied, das halb herausgerissen war, schien wieder eingerenkt zu sein. Dann und wann brach in Ernst die wilde Gährung wieder aus. Wenn er, vom Studiren abgespannt, sich nach einer Zerstreuung sehnte und der wüste Abend beim Herrn Cantor ihm in den Sinn kam und ihn von neuem lockte, dann schauderte er zusammen, sein Freund Louis stand ihm vor der Seele und er rief aus: »Soll es dahin auch mit mir kommen?« Um so eifriger vertiefte er sich dann in seine Arbeit; aber der Geist ist nicht ununterbrochener Anstrengung fähig, und nach tagelanger Beschäftigung wurde Ernst der Kopf dann wüst und es war ihm nicht möglich, seine Gedanken bestimmt zu erfassen und auszudrücken. Dann lief er halbe Tage durch die Felder, um sich zu sammeln; aber, in der Einsamkeit sich selbst überlassen, wurde seine Aufregung nur wüster; sein Geist rieb sich in sich selber auf. »Anregung, Mittheilung, sonst sterb ich ab! O, könnte ich ins reiche Leben hinein!« So sprach er vor sich hin.

Acht Tage nach dem Besuche seines Freundes traf ihn ein Ereigniß, das ihn aus seiner Zerfallenheit aufrichtete. Er bekam einen Brief von fremder Hand.

»Berlin, den … Juli 1845.

Hochgeehrtester Herr!

Ein Zufall läßt mich mit Ihnen in Beziehung treten, dessen Bekanntschaft ich mir schon lange gewünscht. Ihr Freund, Herr Dr. Horn, hat mir während einer kurzen Ferienreise die Besorgung seiner Correspondenz anvertraut. Dadurch habe ich Ihren verehrten Brief an ihn und Ihre werthvolle Schrift in die Hände bekommen. Erlauben Sie, daß ich Ihnen den Dienst erweise, um den Sie unsern gemeinschaftlichen Freund gebeten hatten. Ich übernehme den Aufsatz und seine Veröffentlichung ganz auf mich und sende Ihnen hiermit das Honorar, dessen er zum Mindesten werth ist. Im Uebrigen seien Sie ohne Besorgniß; Sie können meiner Discretion vertrauen.

Sobald Sie von einem Freunde einen ähnlichen Dienst verlangen und Herr Dr. Horn, bei der eigenthümlichen Stellung, die er seit einiger Zeit einnimmt, dabei zu peinlich und vorsichtig sein sollte, so werden Sie mich glücklich machen, wenn Sie mich damit beehren wollten. Ich kenne Ihren Charakter und Ihre Fähigkeiten, verehrtester Herr Wagner, schon seit längerer Zeit, und es könnte für mich keinen größeren Stolz geben als den, ein Genie, wie Sie, der Zeit und der Freiheit erhalten zu haben. Es bedürfte nur Ihres Entschlusses und einer persönlichen Unterredung mit mir, und ich könnte hoffen, Ihnen eine Gelegenheit zu verschaffen, in der Sie Ihre Kräfte einer Ihnen würdigen Wirksamkeit widmen könnten. Es wird mir eine Freude sein, Ihre Bekanntschaft schriftlich fortzusetzen, und das größte Glück meines Lebens, Sie hier in Berlin, so lange Sie wollen, als meinen Gast zu behandeln um persönlich mich um Ihre Freundschaft zu bewerben.

In Hochachtung der Ihrige
Cesar.«

Dem Briefe lagen sechs Doppel-Louisd'or bei. Ernst fühlte sich neu belebt durch diese Zeichen der Anerkennung, die aus der großen Welt in seine Einsamkeit gelangten. An die Aussicht auf eine unabhängige, literarische Stellung wagte er nicht zu glauben, denn seinen altersschwachen Vater konnte er nicht für immer im Amte ohne seine Hülfe lassen, und nach dessen Tode konnte er die Seinigen nicht dem Ungewissen eines solchen Lebens preisgeben. Eine Hoffnung aber, die ihm blieb, und die ihn mit seinen Verhältnissen versöhnte, war die, sobald der Vater seine Amtsgeschäfte übernehmen könne, auf einige Zeit nach Berlin zu gehen, dort sich zu zerstreuen, dort im großen Leben Anregung und Mittheilung zu finden. Das reiche Honorar gab ihm die Mittel dazu in die Hand.

Wenige Tage darauf erhielt Ernst den begonnenen Abdruck seines Aufsatzes. Den zweiten Sonntag nach dem war der alte Herr Pastor fest entschlossen, zum ersten male wieder zu predigen.

Es war Freitag Nachmittag. Ernst hatte nach dem Essen dem Alten das Evangelium der Woche aufgeschlagen, mit ihm die Disposition der Predigt besprochen und ging dann ins Feld hinaus, um seinen Gedanken überlassen zu sein. Er beschäftigte sich mit einem neuen Aufsatze, den er mit sich nach Berlin bringen wollte, und die Hoffnung auf diese Reise, die durch des Vaters Genesung bestärkt war, hatte ihn so aufgelegt gemacht, daß die Gedanken ihm reichlich zuströmten. Er konnte sich aus seinem Nachdenken nicht herausreißen und es war bereits Abend geworden, als er, mit sich selbst zufrieden, guter Dinge in das Dorf hineinwanderte.

Bei den ersten Häusern redete Pfarrer Striegnitz ihn an. »Machen Sie Sich nach Hause, Herr College!« sagte er mit einer Miene noch impertinenter als sonst. »Besuch ist dagewesen, ehrenvoller Besuch. Schöne Sachen angerichtet! Gott verzeih's ihm. Machen Sie nach Hause!« Und damit rannte er ihm fort.

Ernst war wie versteinert. Wie der böse Feind war der Herr College ihm in seiner Heiterkeit begegnet. Er konnte keine Erklärung seiner unzusammenhängenden Rede finden. Mit verdoppelten Schritten eilte er nach Hause. Als er über den Kirchplatz schritt, sah er in dem matterleuchteten Wohnzimmer des älterlichen Hauses mehrere Personen sich bewegen. Am Fenster erkannte er den Kreisphysicus.

»Wir haben Besuch?« fragte er Hanne beim Hereintreten.

»Herr mein Jesus!« sagte diese, und Ernst fuhr zusammen über ihr verstörtes Wesen. »Die Polizei mit Herrn Striegnitz war da und vor Schreck darüber ist unser Herr Pastor sterbenskrank geworden.«

Das waren zwei Schläge, vor denen Ernst nahe daran war, die Besinnung zu verlieren. Bebend und kraftlos vor Erschütterung öffnete er die Stubenthür. Beim ersten Blick sah er, daß er in einem Sterbezimmer war. Der Vater lag zusammengebrochen im Lehnsessel; sein Gesicht war aschfarben; unter den Augen tiefe, dunkele Flecke; der Blick stier und gläsern. Der linke Arm war entblößt und mit einer weißen Binde umwunden. Der Arzt und der Bader betrachteten mit besorgtem Aussehen ein von wenig Blut geröthetes Becken. Man hatte das letzte Rettungsmittel versucht und dem Kranken zur Ader gelassen; aber das Blut war nur spärlich geflossen; es war keine Hoffnung mehr vorhanden.

Die Mutter saß hinter dem Kranken; sie war durch den Anblick des Blutes einer Ohnmacht nahe gekommen. Ihr thränenloser, angstvoller Blick starrte auf ihren Sohn. Aennchen war bleich, aber unerschrocken thätig um den Kranken. Auf dem Tische daneben lag ein erbrochenes Couvert und ein entfalteter Brief.

Erst als Ernst näher trat, erkannte ihn der Sterbende. Eine entsetzliche Angst wurde an ihm sichtbar. Endlich unter schwerer Anstrengung mit wimmernder Stimme brachte er die Worte hervor: »Deine Sorge sind sie – o, mein Gott, mein Gott, was soll daraus werden! Wir sind so arm, so arm! – Du hast mir nichts als Kummer gemacht – mein eigenes Weib mir entfremdet – die Mutter ist Schuld –«

Mit einem Schrei stürzte seine Frau ihm zu Füßen. Schluchzend barg sie ihr Gesicht an ihm. Er konnte nicht weiter reden; die Stimme versagte ihm. Stöhnendes Röcheln drang tief aus seiner Brust. Seine Lippen bewegten sich, wie im Gebet; der Todeskampf stand auf seinem Angesicht.

Die Mutter raffte sich plötzlich auf. Anna's und Ernst's Hände ergriff sie, legte sie ineinander und führte die Hand des Sterbenden hinzu, damit er sie einsegne. Noch einmal schien das Bewußtsein ihn zu beleben, er schien das Paar zu erkennen und seine Lippen bebten betend noch einmal. Dann sank er zusammen; noch ein angstvolles Röcheln, und er hatte vollendet. Ernst fühlte die Pulse des Greises an seiner Hand absterben.

Dumpf starrte er ins Leere. Sein Blick betrachtete die Falten auf der Hand des Todten, dann eine Fliege, die auf seinem Rocke saß. Er konnte keinen Gedanken erfassen. Dann irrte sein Auge umher und fiel auf den Tisch; der Brief zog seinen Blick auf sich und da erwachte er aus dem Erstarrtsein. Er erkannte auf dem Blatte die Schriftzüge seines Onkels, des Consistorialraths in Berlin. Er las: »Dein unverbesserlicher Sohn – staatsgefährliche Schreibereien –« Krampfhaft erfaßte er das Blatt und sah hinein; aber vor seinem Blicke tanzten die Buchstaben, er konnte nicht den Zusammenhang, nur Bruchstücke herauslesen: »– auch in der neuesten Zeit«, so hieß es »– die Kirche die Lüge des Staates – er selber ein Lügner – Freunde der Kirche haben seine Anonymität enthüllt – Haussuchung verhängen müssen – Beschlagnahme seiner sämmtlichen Papiere –.«

Vernichtet sank er zusammen zu den Füßen der Mutter, die bewußtlos auf dem Sopha saß. Er umfaßte ihre Knie. »Verzeihung!« flehte er mit tonloser Stimme. »Ich will Alles thun, Alles gut machen; ich gehöre jetzt ganz, ganz nur euch!

Drei Tage darauf wurde der Todte begraben. Ernst schrieb einen verzweifelten Brief nach Berlin an Freund Horn. Am Tage nach der Beerdigung reiste er ab nach Berlin. Er wollte einen Fußfall thun vor seinem Onkel, Alles widerrufen, Alles versprechen, und ihn bitten, um der Seinen willen ihm Verzeihung bei den Behörden auszuwirken, damit er nur eine Pfarrstelle, und wenn es die schlechteste im Lande sei, erhalten könne.

*


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