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XXXVI

Kaum hatte Dinny Adrian verlassen, da machte er die nicht ganz neuartige Entdeckung, er werde sein Versprechen auch halten müssen. Keine Kleinigkeit, einem königlichen Gerichtsrat ein Geständnis abzuringen – wie sollte er's nur anstellen? Zu ihm hingehn? Allzu durchsichtig! Ihn einladen? Einen Gast konnte man unmöglich ausholen! Emily würde beide einladen, wenn er sie drum anging, besonders, wenn er ihr zu verstehn gab, es handle sich um Dinny; doch selbst dann –? Er wartete, um Angela zu fragen, und begab sich nach dem Abendessen in die Mount Street. Dort fand er die Familie beim Piquetspiel.

«Vier Könige», sagte Lady Mont. «So altmodisch – Lawrence, ich und Mussolini. Kommst du aus einem besondern Grund, Adrian?»

«Natürlich, Emily. Ich möchte gern, daß du Eustace Dornford zum Abendessen einlädst und mich auch.»

«Aha, es handelt sich gewiß um Dinny. Lawrence läßt sich keine Ritterlichkeit beibringen, sooft ich vier Könige hab, hat er vier Asse. Wann?»

«Je eher, desto besser.»

«Klingle, mein Lieber.»

Adrian klingelte.

«Blore, rufe Mr. Dornford an und lade ihn zum Dinner ein – schwarze Krawatte.»

«Für wann, Mylady?»

«Für den ersten Abend, an dem kein andrer Gast im Notizbuch steht. Wie beim Zahnarzt», fügte sie hinzu, als Blore verschwunden war. «Erzähl mir doch von Dinny. Seit dem Prozeß ist sie nicht mehr bei uns gewesen.»

«Der Prozeß», hob Sir Lawrence an, «fiel ganz so aus, wie man erwarten konnte. Was hältst du davon, Adrian? Gab es noch irgendwelche Zwischenfälle!»

«Jemand hat die Kosten beglichen, und Dinny hat Dornford im Verdacht.»

Sir Lawrence legte die Karten hin. «Das sieht gar zu sehr nach einem Kaufpreis für sie aus!»

«Er wird es natürlich nie eingestehn, aber sie trug mir auf, es herauszukriegen.»

«Wenn er es nicht eingesteht, wozu hätte er es dann getan?»

«Ritter», murmelte Lady Mont, «tragen den Handschuh ihrer Dame, lassen sich dafür umbringen, und niemand erfährt, wem der Handschuh gehört hat. Nun, Blore?»

«Mylady, Mr. Dornford nimmt mit Vergnügen Ihre Einladung zum Dinner für Montag an.»

«Trag ihn also in mein Buch ein und Mr. Adrian ebenfalls.»

«Geh nach dem Abendessen mit ihm fort, Adrian», riet Sir Lawrence, «und hol ihn dann aus – das fällt nicht so auf. Und du, Emily, mach keine Anspielung –, kein Seufzer, kein Laut.»

«Ein lieber Kerl», erklärte Lady Mont, «so blaßbraun … »

 

Am nächsten Montagabend ging Adrian mit dem ‹lieben blaßbraunen Kerl› vom Dinner in der Mount Street fort. Die beiden hatten fast denselben Heimweg, denn Dornford war noch nicht in sein neues Heim übersiedelt. Zu Adrians Erleichterung schien sein Begleiter selbst auf eine Aussprache erpicht, denn er begann sofort von Dinny zu reden.

«Mir kommt vor, Dinny ist vor einiger Zeit etwas zugestoßen, nicht wahr? – ich meine jetzt nicht den Prozeß, sondern damals, als sie krank war und mit Ihnen ins Ausland fuhr?»

«Ja, Sie haben recht. Der Mann, den sie vor zwei Jahren liebte – ich erzählte Ihnen ja davon – ist dort unten in Siam ertrunken.»

«Oh!»

Adrian warf ihm verstohlen einen Blick zu. Was mochte Dornfords Miene jetzt ausdrücken? Interesse, Erleichterung, Hoffnung, Mitgefühl? Aber er runzelte nur ein wenig die Stirn.

«Ich wollte Sie übrigens etwas fragen, Dornford. Irgend jemand hat die Kosten getragen, zu denen der junge Croom in diesem Prozeß verurteilt wurde.» Dornford zog die Brauen hoch, seine Miene jedoch blieb undurchdringlich wie zuvor. «Ich dachte, Sie hätten vielleicht eine Ahnung, wer es war. Die Advokaten geben nur die Erklärung ab, es sei nicht die Gegenpartei gewesen.»

«Hab keine Idee.»

‹So!› dachte Adrian. ‹Da bin ich also keinen Schritt weitergekommen. Hm, wenn er lügt, dann kann er gut lügen!›

«Der junge Croom gefällt mir», sagte Dornford. «Er hat sich anständig benommen und arges Pech gehabt. Jetzt ist er vor dem Bankrott bewahrt.»

«Immerhin etwas mysteriös», murmelte Adrian.

«Allerdings.»

‹Wenn ich's recht überlege›, dachte Adrian, ‹trau ich ihm die Sache zu. Doch welch eine steinerne Miene!›

«Wie finden Sie Clare seit dem Prozeß?» fragte er dann.

«Noch ein wenig zynischer als früher. Bei unserm heutigen Morgenritt hat sie mir ihre Ansichten über meinen Beruf recht offenherzig auseinandergesetzt.»

«Was meinen Sie, wird sie den jungen Croom heiraten?»

Dornford schüttelte den Kopf.

«Möcht ich bezweifeln, schon gar, wenn jetzt die Kosten beglichen sind, wie Sie behaupten. Sonst hätte sie sich vielleicht dazu verpflichtet gefühlt. Im übrigen hat dieser Prozeß ihm eher die Chancen verdorben. Sie liebt ihn nicht wirklich – wenigstens scheint es mir so.»

«Corven hat ihr alle Illusionen geraubt.»

«Ich habe wahrhaftig schon lange kein Gesicht gesehn, das einem so alle Illusionen rauben kann wie das seine. Doch mir scheint, sie geht drauf aus, auf eigene Faust ein amüsantes Leben zu führen. Sie hat Mut und ist wie alle jungen Frauen unsrer Zeit im Grunde ganz unabhängig.»

«Stimmt, ich kann mir Clare nicht in einem Haushalt vorstellen.»

Dornford schwieg. «Dinny auch nicht?» fragte er unvermittelt.

«Nun, Clare kann ich mir nicht als Mutter vorstellen, Dinny schon. Clare ist für ein bewegtes Leben wie geschaffen, Dinny nicht. Immerhin – ‹häuslich› ist für Dinny nicht die richtige Bezeichnung.»

«Ganz und gar nicht!» stimmte Dornford eifrig bei. «Ich weiß nicht recht, wie man sie nennen könnte. Sie halten von Dinny wohl sehr viel, nicht wahr?»

Adrian nickte. «Außerordentlich viel.»

«Mir hat es ungeheuer viel bedeutet», erklärte Dornford ganz leise, «daß ich sie traf. Doch ich fürchte, ihr bedeutet es vorläufig gar nichts.»

«Wollen's abwarten», meinte Adrian. «‹Geduld ist eine Tugend› – war es wenigstens, solang die Welt noch nicht von dieser Hast ergriffen war, von der sie sich noch immer nicht befreit hat.»

«Ich bin aber fast vierzig.»

«Na, und Dinny fast neunundzwanzig.»

«Was Sie mir da eben erzählten – hat das die Situation für mich verändert oder – nicht?»

«Sie meinen den Todesfall in Siam? Ich denke doch – ganz beträchtlich.»

«Also besten Dank!»

Sie schieden mit kräftigem Händedruck, und Adrian wandte sich nordwärts. Langsam schritt er hin und sann darüber nach, wie die Bilanz des Lebens für jeden Liebenden eine unerhört hohe Schuldsumme aufwies. Durch keine Kapitalserhöhung, durch keine Versicherung war man imstande, dieser lebenslänglichen Verschuldung zu entrinnen. Liebe stieß den Menschen in die Welt; Liebe füllte fast sein ganzes Leben aus, stürzte ihn in Glück und Unglück; und sobald er starb, wurde er – wenn nicht von der Pfarrgemeinde – von der Liebe begraben und vergessen. In diesem Ameisenhaufen London gab es kein einziges Geschöpf, das sich nicht in die Liebe verstrickt hatte, jener unberechenbaren, unerbittlichen, gewaltigen Macht verfallen war. Müßte nicht jeder vernünftige Mensch, wenn ihm die Wahl freistünde, es vorziehn, mit ihr nichts mehr zu tun zu haben? Die Feststellung: ‹Gute Partie›, ‹glückliche Ehe›, ‹ideale Kameradschaft›, ‹Gemeinschaft fürs Leben› stand gegen die Feststellung: ‹sie vertragen sich nicht›, ‹eine kurze Leidenschaft›, ‹tragische Situation›, ‹Mißgriff›! Was der Mensch sonst auch unternahm, er konnte sich versichern, die Dinge voraussehn und modifizieren, Vorsorge dagegen treffen (bis auf die unbequeme Einrichtung des Sterbens); gegen die Liebe aber war kein Kraut gewachsen. Plötzlich trat sie aus der Nacht ans Licht hervor und verschwand wieder in die Nacht. Sie blieb, sie floh. Zu dem einen kam sie, von dem andern ging sie, der eine hoffte, daß sie blieb, der andre, daß sie wiederkam. Sie trieb ihr Spiel mit Diktatoren, Parlamenten, Richtern, Bischöfen, mit der Polizei, ja selbst mit den besten Vorsätzen; sie machte trunken vor Freude, wahnsinnig vor Kummer; sie trog, zeugte, stahl und mordete; war ergeben, treu, wetterwendisch. Sie kannte keine Scham, keinen Herrn und Meister; sie gründete Heime und zerstörte sie wieder; sie ging an manchem vorbei, und nur ab und zu verschmolz sie zwei Herzen in eines – bis der Tod sie schied. Aus London, Manchester, Glasgow sich die Liebe wegzudenken, schien Adrian, wie er so die Charing Cross Road dahinschritt, eine ganz einfache Angelegenheit. Und dennoch – wäre die Liebe nicht, kein einziger dieser Passanten würde jetzt den Benzingeruch der Nachtluft atmen, kein Ziegel läge auf dem andern, kein Autobus führe dröhnend vorbei, kein Straßenmusikant winselte, kein Laternenschein glänzte gegen das dunkle Firmament. Also eine Hauptbeschäftigung der Menschheit. Und er, dessen Hauptbeschäftigung im Studium von Gebeinen vorgeschichtlicher Menschen bestand, wäre ohne die Liebe zu keinen ausgegrabenen Gebeinen gelangt, die mit Etiketten versehn, unter Glas aufbewahrt wurden. Und wieder mußte er an Dornford und Dinny denken; ob die wohl zueinander passen würden? …

Dornford dachte auf seinem Weg zu den Harcourt Buildings noch lebhafter an sich und sie. Fast vierzig! Jetzt oder nie fand dieses übermächtige Sehnen in ihm Erfüllung! Wollte er nicht der Streberei verfallen, dann mußte er jetzt heiraten und Kinder haben. Wenn Dinny seinem Leben nicht Wert und Würze lieh, dann blieb es unerfüllt. Was war sie ihm nicht schon alles geworden! Und als er durch die schmalen Torbogen der Middle Temple Lane schritt, rief er einem seiner gelehrten Kollegen zu, der jetzt wohl ebenfalls heimwanderte, um zu Bett zu gehn:

«Nun, Stubbs, wer wird das Derby gewinnen?»

«Weiß der Himmel!» erwiderte der Rechtsgelehrte und sann über das Problem nach, warum er seinen letzten Trumpf in dem Prozeß nicht lieber zu einem andern Zeitpunkt ausgespielt habe …

Als Sir Lawrence in der Mount Street das Zimmer seiner Frau betrat, um ihr ‹Gute Nacht› zu sagen, fand er sie in ihrer Spitzenhaube im Bett sitzen. Wie jugendlich sie darin noch immer aussah! In seinem schwarzseidnen Schlafrock ließ er sich auf dem Bettrand nieder.

«Nun, Emily?»

«Dinny wird zwei Buben und ein Mädel kriegen.»

«Was nicht gar! Du zählst ihre Küken wahrhaftig zu früh.»

«Na, irgendwer muß sich darum kümmern. Komm, gib mir einen schönen Kuß!»

Sir Lawrence beugte sich über sie und kam diesem Wunsche nach.

«Wenn sie heiratet», erklärte Lady Mont und schloß die Augen, «wird sie lange Zeit nur mit halbem Herzen dabei sein.»

«Besser am Anfang nur halb als am Ende gar nicht mehr. Wer sagt dir übrigens, daß sie ihn nehmen wird?»

«Das spür ich in meinen Knochen. Lawrence, wir Frauen wollen schließlich doch nicht sitzen bleiben.»

«Hm, der Arterhaltungstrieb!»

«Wenn er doch nur in eine Patsche geriete oder ein Bein bräche!»

«Vielleicht machst du ihm diesen Vorschlag?»

«Jedenfalls hat er eine gesunde Leber.»

«Woher hast du das?»

«Das Weiße seiner Augen schimmert bläulich. Brünette Männer wie er haben häufig mit der Leber zu tun.»

Sir Lawrence erhob sich und sagte:

«Mir macht nur eines Kopfzerbrechen: Ob Dinny je wieder so viel Interesse für ihre eigene Person aufbringen wird, um eine Ehe zu schließen. Das Heiraten ist am Ende doch eine persönliche Angelegenheit.»

«Die Betten müssen sie bei Harridge kaufen», murmelte Lady Mont.

Sir Lawrence zog die eine Braue hoch. Emily war doch unverbesserlich!


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