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XXI

Als sie am nächsten Tag in Condaford eintraf, schien ihr die Stimmung zurückhaltend. Ihre Worte oder deren Klang am Telephon hatten offenbar die Ihren stutzig gemacht, und sie erkannte sofort, daß sorgloses Gehaben niemanden hinters Licht führen könne. Noch dazu ein greuliches Wetter, feucht und kalt – sie mußte mit aller Kraft ihren Mut zusammennehmen und entschloß sich, ihrer Familie nach dem Lunch im Salon die Sache zu enthüllen. Sie langte das Schriftstück aus dem Täschchen und reichte es Sir Conway mit den Worten:

«Vater, das da hab ich erhalten.»

Sie vernahm seinen erstaunten Ausruf und merkte, daß Dinny und die Mutter auf ihn zutraten.

«Nun? Sag uns die Wahrheit!»

Sie hob den Fuß vom Kamingitter und sah ihren Angehörigen voll ins Gesicht.

«Das da ist nicht wahr. Zwischen uns ist nichts vorgefallen.»

«Wer ist dieser Mann?»

«Tony Croom? Ich hab ihn bei der Heimreise auf dem Schiff kennengelernt. Er ist sechsundzwanzig, war in Ceylon auf einer Teeplantage angestellt und wird jetzt das Gestüt mit Jack Muskhams Araberstuten in Bablock Hythe leiten. Er hat kein Geld. Ich hab ihn für heute nachmittags herbestellt.»

«Liebst du ihn?»

«Nein. Aber ich kann ihn gut leiden.»

«Liebt er dich?»

«Ja.»

«Du erklärst also, zwischen euch sei nichts vorgefallen?»

«Er hat mich, glaub ich, zweimal auf die Wange geküßt – weiter nichts.»

«Was bedeutet dann diese – diese Behauptung, du hättest die Nacht des dritten Februar mit ihm verbracht?»

«Ich fuhr mit ihm in seinem Auto aufs Land hinaus, um mir seinen Wohnort anzusehn. Auf der Heimfahrt gingen uns etwa acht Kilometer von Henley die Scheinwerfer aus, es war stockfinster. Ich schlug ihm vor, im Auto zu warten, bis es hell würde. Wir schliefen nur und fuhren bei Tagesanbruch weiter.»

Sie hörte ihre Mutter nach Luft schnappen und den Vater sich seltsam räuspern.

«Und auf dem Schiff? Und in deiner Wohnung? Du sagtest, es sei nichts vorgefallen, er sei aber doch in dich verliebt?»

«Nicht das Geringste.»

«Ist das die lautere Wahrheit?»

«Jawohl.»

«Natürlich ist es wahr», meinte Dinny.

«Natürlich?» fragte der General. «Aber wer wird es glauben?»

«Wir wußten nicht, daß wir bespitzelt wurden.»

«Wann wird er hier sein?»

«Er kann jede Minute kommen.»

«Hast du ihn gesprochen, seit du das da in Händen hast?»

«Gestern abend.»

«Was sagt er dazu?»

«Er sagt, er werde alles tun, was ich will.»

«Finde ich selbstverständlich. Denkt er, daß man euch Glauben schenken wird?»

«Nein.»

Der General nahm das Dokument zum Fenster hinüber, allem Anschein nach, um es dort bei besserm Licht zu studieren. Lady Cherrell ließ sich totenbleich nieder. Dinny ging zu Clare hinüber und faßte sie am Arm.

«Sobald er kommt, will ich ihn allein sprechen», erklärte der General plötzlich und trat vom Fenster zurück. «Bitte – daß ihn niemand vor mir spricht!»

«Getrennte Einvernahme der Zeugen», murmelte Clare.

Der General reichte ihr das Schriftstück. Er sah müde und angegriffen aus.

«Es tut mir furchtbar leid, Vater. Wir waren wirklich wahnsinnig unbesonnen. Tugend trägt doch nicht ihren Lohn in sich.»

«Vorsicht schon», sagte der General, klopfte ihr leicht auf die Schulter und schritt zur Tür hinaus, Dinny hinter ihm.

«Glaubt er mir, Mutter?»

«Ja, aber nur, weil du seine Tochter bist. Er hat das Gefühl, er sollte dir eigentlich nicht glauben.»

«Und du, Mutter?»

«Ich glaube dir, weil ich dich kenne.»

Clare beugte sich über sie und gab ihr einen Kuß auf die Wange.

«Sehr nett, liebe Mutter, aber nicht besonders tröstlich.»

«Du sagst, du kannst diesen jungen Mann gut leiden. Hast du ihn schon in Ceylon gekannt?»

«Ich sah ihn auf dem Schiff zum ersten Mal. Ich kann es dir ja sagen, Mutter, die Lust an der Liebe ist mir gründlich vergangen. Wer weiß, wann sie mir wiederkommt. Vielleicht nie mehr!»

«Warum nicht?»

Clare schüttelte den Kopf. «Ich mag keine Einzelheiten aus meinem Leben mit Jerry erzählen, nicht einmal jetzt, obwohl er so niederträchtig war, Schadenersatz zu verlangen. Das regt mich wahrhaftig mehr auf als meine eigene Affäre.»

«Dieser junge Mann wäre vermutlich bereit gewesen, jeden Augenblick mit dir durchzubrennen?»

«Ja, aber ich wollt es nicht. Überdies hab ich Tante Emily ein Versprechen gegeben, eine Art Schwur, mich ein Jahr lang tadellos aufzuführen. Und hab ihn gehalten – bis heute. Der Gedanke ist verlockend, auf die Verteidigung zu verzichten und wieder frei zu werden.»

Lady Cherrell schwieg.

«Nun, Mutter?»

«Dein Vater muß in dieser Angelegenheit auf deinen und unserer Familie guten Ruf bedacht sein.»

«Also die Klage anfechten? Dafür spricht eine Reihe von Gründen, und ebenso viele dagegen. Wenn wir uns gar nicht verteidigen, dringt die Klage glatt durch und wird kaum Aufsehen erregen. Wenn wir uns verteidigen, wird die Sache Sensation machen. Nacht im Auto und so weiter, selbst wenn man uns Glauben schenkt. Mutter, stell dir nur die Zeitungen vor. Die werden sich mit Wonne auf die Affäre stürzen.»

«Schließlich», sagte Lady Cherrell langsam, «wird unser Verhalten davon abhängen, wie Vater über jenen Schlag mit der Reitpeitsche denkt. Ich hab ihn noch nie so aufgebracht gesehn wie über diesen Fall. Er wird wohl der Ansicht sein, daß du das nicht auf dir sitzen lassen darfst.»

«Von diesem Peitschenhieb sag ich vor Gericht kein Wort; übrigens läßt er sich ja leicht abstreiten. Ich hab auch meinen Stolz, Mutter.»

Dinny war ihrem Vater in sein Arbeitszimmer gefolgt, in die ‹Kasernenstube›, wie man den Raum bisweilen scherzhaft nannte.

«Du kennst diesen jungen Mann, Dinny?» stieß der General hervor.

«Ja, und ich finde ihn sympathisch. Er liebt Clare wirklich von Herzen.»

«Mit welchem Recht?»

«Lieber Vater, sei doch menschlich!»

«Du glaubst ihr die Geschichte mit dem Auto?»

«Jawohl. Ich war dabei, wie sie Tante Emily das feierliche Versprechen gab, sich ein Jahr lang tadellos aufzuführen.»

«Sonderbar, so was erst versprechen zu müssen!»

«Warum hast du mich gefragt?»

«Hm!»

«Wichtig ist nur eines: Clare soll und muß frei werden.»

Geneigten Hauptes stand der General da und schien in tiefes Nachdenken versunken. Langsam stieg ihm das Blut in die Wangen.

«Hat sie dir», fragte er plötzlich, «erzählt, was sie mir sagte, daß dieser Bursche sie mit der Reitpeitsche traktierte?»

Dinny nickte.

«In frühern Tagen hätt ich ihn deshalb fordern können – und hätt es auch getan. Du hast ganz recht, sie muß frei werden, aber – nicht auf diese Art.»

«Du glaubst ihr also doch?»

«Sie kann doch nicht uns alle so belügen.»

«Bravo, Vater! Aber wer außer uns wird ihr glauben? Tätest du es als Geschworner?»

«Ich weiß nicht», erwiderte der General düster.

Dinny schüttelte den Kopf. «Du tätest es nicht.»

«Die Advokaten sind so verdammt gerissen. Dornford würde einen solchen Fall wohl nicht übernehmen?»

«Er führt überhaupt keine Scheidungsprozesse. Noch dazu ist sie seine Sekretärin.»

«Ich muß doch hören, was die Anwälte Kingson dazu sagen. Lawrence hält große Stücke auf sie. Fleurs Vater war Teilhaber dieser Kanzlei.»

«Dann –» Dinny hielt inne, denn die Tür ging auf.

«Mr. Croom, Sir.»

«Bleib nur, Dinny.»

Der junge Croom trat ein. Er streifte Dinny mit einem Blick und ging auf den General zu.

«Clare hat mich aufgefordert, hierherzukommen, Sir.»

Der General nickte. Scharf und prüfend hing sein Blick an seiner Tochter Liebhaber in spe. Der junge Mann ließ diese Prüfung wie die Musterung bei einer Militärparade gelassen über sich ergehn und hielt ruhig dem Blick des Generals stand.

«Ich mag nicht wie die Katze um den heißen Brei schleichen», sagte der General plötzlich, «wie es scheint, haben Sie meine Tochter in eine arge Patsche gebracht.»

«Jawohl, Sir.»

«Erzählen Sie mir nun gefälligst den Hergang!»

Der junge Croom legte den Hut auf den Tisch, nahm eine stramme Haltung an und erklärte:

«Was immer sie Ihnen erzählt hat, ist wahr, Sir.»

Dinny sah erleichtert, daß ein verhaltenes Lächeln um die Lippen des Vaters zuckte.

«Sehr korrekt, Mr. Croom, entspricht aber nicht meinen Wünschen. Sie hat mir ihre Darstellung gegeben, nun möchte ich hören, was Sie zu sagen haben.»

Dinny sah, wie der junge Mann sich die Lippen feuchtete und dann den Kopf zurückwarf.

«Ich liebe sie, Sir, habe sie geliebt, seit ich sie zum ersten Mal auf dem Schiff sah. Wir sind in London ziemlich viel beisammen gewesen, sind ins Kino, Theater und in Gemäldegalerien gegangen. Ich war auch dreimal in ihrer Wohnung – nein, fünfmal im Ganzen. Am dritten Februar fuhr ich mit ihr im Auto nach Bablock Hythe, um ihr meinen künftigen Arbeitsplatz zu zeigen, auf der Rückfahrt – sie hat Ihnen das wohl erzählt – gingen die Scheinwerfer aus, und wir standen etwa acht Kilometer von Henley im stockfinstern Wald. Da – nun, da hielten wir es für das Beste, bis zum Morgengrauen zu warten, statt eine Fahrt durch die Nacht zu wagen. Ich war schon zweimal von der Straße abgekommen. Man sah tatsächlich nicht die Hand vor den Augen, und ich hatte keine Taschenlampe mit. Drum – na, drum warteten wir also in dem Auto bis halb sieben, dann brachen wir auf und kamen gegen acht zu ihr nach Hause.» Er hielt inne und befeuchtete seine Lippen, dann richtete er sich wieder auf und sprudelte hervor: «Ob Sie es mir nun glauben oder nicht, Sir, ich schwöre Ihnen, im Auto ist nicht das Geringste zwischen uns vorgefallen – überhaupt nie, nur – nur hat sie mir zwei- oder dreimal einen Kuß auf die Wange erlaubt.»

Der General, der ihn die ganze Zeit unverwandt angesehn hatte, erwiderte: «Das deckt sich im wesentlichen mit Clares Angaben. Haben Sie sonst noch etwas zu bemerken?»

«Nachdem ich jene Zuschrift erhalten hatte, Sir, fuhr ich sofort im Auto zu ihr – das war gestern. Natürlich werd ich mich ganz nach ihren Wünschen richten.»

«Ihr habt also nicht gemeinsam ausgeheckt, was ihr uns aufbinden wolltet?»

Dinny sah, wie der junge Mann sich langsam emporreckte.

«Natürlich nicht, Sir!»

«Dann darf ich mich darauf verlassen, daß Sie bereit sind, Ihre Schuldlosigkeit zu beschwören und sich zu verteidigen?»

«Selbstverständlich, wenn Sie der Meinung sind, daß man uns irgendwie Glauben schenken wird.»

Der General zuckte die Achseln. «Wie stehn Sie finanziell?»

«Vierhundert Pfund Jahresgehalt.» Ein leises Lächeln spielte um seine Lippen. «Sonst keinen roten Heller, Sir.»

«Kennen Sie den Gatten meiner Tochter?»

«Nein.»

«Sie sind ihm nie begegnet?»

«Nein, Sir.»

«Wann trafen Sie Clare zum ersten Mal?»

«Am zweiten Tag der Seereise.»

«Was haben Sie in Ceylon getan?»

«Tee gepflanzt; dann aber zog man aus Ersparnisgründen meine Plantage mit zwei andern zusammen.»

«Verstehe. Wo sind Sie erzogen worden?»

«Am Wellington-College und später in Cambridge.»

«Sie fanden bei Jack Muskham Anstellung?»

«Jawohl, Sir, als Gestütsleiter, bei seinen Araberstuten. Im Frühjahr sollen sie kommen.»

«Sie verstehn sich also auf Pferde?»

«Ja. Ich hab Pferde schrecklich gern.»

Dinny sah den forschenden Blick des Vaters von dem jungen Mann zu ihr hinübergleiten.

«Wie ich höre, kennen Sie meine Tochter Dinny.»

«Ja.»

«Ich überlasse Sie jetzt ihr. Ich möchte mir diese Sache überlegen.»

Der junge Mann machte eine leichte Verbeugung und trat auf Dinny zu, dann aber wandte er sich zu dem General zurück und erklärte mit einer gewissen Würde:

«Sir, die Sache tut mir furchtbar leid, aber ich kann nicht sagen, daß ich meine Liebe zu Clare bereue. Das wäre unwahr. Ich hab sie unendlich lieb.»

Er schritt zur Tür.

«Einen Augenblick», rief der General. «Was verstehn Sie – unter Liebe?»

Unwillkürlich krampfte Dinny die Hände zusammen. Eine gräßliche Frage! Der junge Croom wandte sich ihm zu. Sein Gesicht war reglos.

«Ich versteh schon, was Sie meinen, Sir», stieß er heiser hervor. «Begehren – oder mehr? Mehr, sag ich Ihnen, sonst hätt ich jene Nacht im Auto nicht ertragen.»

Er wandte sich wieder zur Tür.

Dinny trat hin und hielt sie ihm offen. Sie folgte ihm in die Halle hinaus; Croom runzelte die Stirn und holte tief Atem. Sie nahm ihn beim Arm und führte ihn vor das Kaminfeuer. Dort standen die beiden und starrten in die Flammen.

«Ein hochnotpeinliches Verhör», meinte sie endlich. «Aber Soldaten sagen gern alles grade heraus. Jedenfalls – ich kenne meinen Vater – glauben Sie einen guten Eindruck auf ihn gemacht zu haben?»

«Ich kam mir wie ein Hampelmann vor. Wo ist Clare? Hier?»

«Ja.»

«Miss Cherrell, darf ich sie sehn?»

«Versuchen Sie es doch, mich Dinny zu nennen. Sie können Clare sehn, doch halte ich es für besser, wenn Sie erst meine Mutter begrüßen. Gehn wir in den Salon.»

Er drückte ihr kräftig die Hand.

«Sie sind ein Prachtkerl! Den Eindruck hatt ich von allem Anfang an.»

Dinny verzog das Gesicht. «Aber auch Prachtkerle halten einem gewissen Druck nicht stand.»

«Ach, verzeihn Sie! Ich vergesse immer, mein Händedruck ist so verdammt kräftig. Clare fürchtet ihn auch. Wie geht es ihr?»

Dinny zuckte ein wenig die Achseln und erwiderte mit mattem Lächeln:

«Den Umständen angemessen.»

Tony Croom fuhr sich an den Kopf.

«So ungefähr ist mir auch zu Mut, nur noch ärger. In andern Fällen hofft man noch auf Besserung – aber in meinem? Wird sie mich je wirklich liebhaben? Was meinen Sie?»

«Das hoffe ich.»

«Ihre Familie denkt doch nicht am Ende gar, ich sei ihr nur nachgelaufen, um – na, Sie verstehn mich schon, um mir vergnügte Stunden zu machen?»

«Von heut ab denken es die Meinen bestimmt nicht mehr. Ihre Seele ist wie ein klares Wasser – man sieht bis auf den Grund. Das hat einmal jemand von mir gesagt.»

«Von Ihnen? Ich weiß nie recht, was Sie wirklich denken.»

«Ja, das war vor langer Zeit. Kommen Sie!»


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