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II

«Ein feiner Lunch!» sagte Clare und löffelte den Zucker vom Boden ihrer Kaffeetasse. «Die erste Mahlzeit auf festem Land mundet einem herrlich! Wenn man an Bord zum ersten Mal die Speisekarte liest, denkt man: ‹Herrgott, welche Fülle von Leckerbissen!› Und dann gibt man sich fast bei jedem Essen mit kaltem Schinken zufrieden. Kannst du mir diese wachsende Enttäuschung nachfühlen?»

«Und ob!» rief Fleur. «Aber die Reisragouts waren meist recht schmackhaft.»

«Auf der Heimreise nicht. Ich mag mein Lebtag kein Reisragout mehr sehn. Wie steht's mit der Round Table-Konferenz?»

«Sie plätschert weiter. Beschäftigt man sich in Ceylon mit der indischen Frage?»

«Nicht sonderlich. Befaßt sich Michael damit?»

«Wir beide.»

Clare zog rasch die Brauen hoch, was ihr reizend stand.

«Ihr könnt doch darüber nicht im Bild sein.»

«Ich bin ja selbst in Indien gewesen, verstehst du, und früher verkehrten bei uns viele indische Studenten.»

«Ja, diese Studenten! Die sind so fortschrittlich, und die Massen sind noch so weit zurück – das ist ja der Jammer.»

«Fleur», mahnte Dinny, «wenn Clare noch vor unserer Heimfahrt Kit und Kat sehn soll, müssen wir jetzt zu ihnen hinaufgehn.»

Als der Besuch der Kinderzimmer erledigt war, nahmen die beiden Schwestern wieder nebeneinander im Auto Platz.

«Fleur setzt mich immer wieder in Staunen», bemerkte Clare; «sie weiß doch haargenau, was sie haben will.»

«Und zumeist bekommt sie's auch. Doch gibt es Ausnahmen. So hab ich nie recht ergründet, ob sie Michael wirklich zum Mann haben wollte.»

«Spielst du damit auf eine fehlgeschlagene Liebesgeschichte an?»

Dinny nickte. Clare sah aus dem Fenster.

«Na, so was kann auch anderen passieren.»

Ihre Schwester gab keine Antwort.

«In den Bahnzügen», bemerkte Dinny, als sie ein leeres Abteil der dritten Klasse betraten, «bleibt man jetzt stets so allein wie auf weiter Prärie.»

«Dinny, mir graut's vor dem Wiedersehn mit Vater und Mutter – nach dem entsetzlichen Blödsinn, den ich begangen hab. Ich muß mich wirklich nach einer Arbeit umsehn.»

«Freilich, in Condaford wirst du dich nicht lange wohl fühlen.»

«Das ist es nicht. Doch ich möchte beweisen, daß ich kein kompletter Trottel bin. Vielleicht könnt ich ein Hotel leiten. Die englischen Hotels sind ja noch so rückständig.»

«Gute Idee! Da hast du alle Hände voll zu tun und lernst eine Menge Leute kennen.»

«Spottest du?»

«Keine Spur, Liebste. Aus mir spricht nur gesunder Hausverstand. Dir behagt kein Einsiedlerleben.»

«Wie stellt man es nur an, einen solchen Posten zu kriegen?»

«Wenn ich das wüßte! Aber leider kann heutzutage niemand reisen. Obendrein, fürcht ich, erfordert die Leitung eines Hotels auch gewisse technische Kenntnisse, die man erst erwerben muß. Vielleicht kommt dir dein Titel zustatten.»

«Ich möchte nicht seinen Namen führen. Ich möchte mich Mrs. Clare nennen.»

«Verstehe. Hältst du es nicht doch für richtig, mir etwas mehr zu erzählen?»

Clare saß eine Weile schweigend da, dann erklärte sie plötzlich: «Er ist ein Sadist.»

Das Blut schoß ihr in die Wangen; Dinny merkte es und sagte: «Ich weiß nicht recht, was man eigentlich darunter versteht.»

«Einen Menschen, der ungewöhnliche Genüsse sucht und sie am ehesten dann zu finden glaubt, wenn er das Genußobjekt verletzt. Eine Gattin ist dazu besonders geeignet.»

«Ach, Liebling!»

«Er griff zu verschiedenen Mitteln, meine Reitpeitsche war das letzte.»

«Du meinst doch nicht –» rief Dinny entsetzt.

«Doch!»

Dinny schlang den Arm um sie.

«Clare, du mußt dich freimachen!»

«Aber wie? Meine Aussage steht gegen seine, und wer mag solche Scheußlichkeiten an die große Glocke hängen? Du bist der einzige Mensch, zu dem ich je darüber sprechen könnte.»

Dinny erhob sich und ließ das Fenster hinab. Sie war ebenso feuerrot geworden wie ihre Schwester.

«Sobald ich nur konnte, bin ich ihm davongelaufen», hörte sie Clare verdrossen sagen. «Solche Sachen eignen sich nicht zur Veröffentlichung. Weißt du, gegen normale Genüsse wird man allmählich abgestumpft, und das Klima ist dort heiß.»

«Ach Himmel!» rief Dinny und setzte sich ihr gegenüber hin.

«Meine eigene Schuld. Ich hab ja immer gewußt, ich geh über dünnes Eis, und nun bin ich eingebrochen.»

«Aber, Liebste, mit vierundzwanzig kannst du unmöglich verheiratet und doch nicht verheiratet sein.»

«Warum nicht! Eine mißlungene Ehe kühlt das Blut gründlich ab. Wenn ich doch nur einen Posten bekäme – das ist jetzt meine einzige Sorge. Ich mag Vater nicht zur Last fallen. Sag, Dinny, kann er sich noch über Wasser halten?»

«Nur mit knapper Not. Wir waren schon aus dem Ärgsten heraus, doch diese letzte Steuervorschreibung reißt uns wieder arg hinein. Wie kann man weiter durchhalten, ohne Personal abzubauen? Überall das gleiche Lied. Wir und das Dorf gehören nun einmal zusammen, das fühl ich von Tag zu Tag stärker. Wir müssen gemeinsam schwimmen, gemeinsam untergehn, und irgendwie schwimmen wir eben weiter. Daher stammt ja mein Plan der Brotfabrik.»

«Könnt ich nicht den Transport besorgen, falls ich keine andre Stelle finde? Wir haben vermutlich noch unser altes Auto?»

«Liebling, du kannst mitarbeiten, wo du nur willst. Aber wir müssen doch alles erst in Angriff nehmen. Vor Weihnachten geht das nicht mehr. Inzwischen finden die Wahlen statt.»

«Wer kandidiert für unsern Kreis?»

«Ein gewisser Dornford – ein Neuling. Ganz anständig.»

«Braucht er Stimmenfänger?»

«Und ob!»

«Bravo! Da hab ich wenigstens für den Anfang was zu tun. Wird diese nationale Regierung taugen?»

«Sie schwatzt von der Vollendung ihrer Aufgabe, verrät uns jedoch vorläufig nicht, wie sie's anstellen will.»

«Wahrscheinlich geraten die Herren einander in die Haare, sobald jemand mit einem Aufbauprogramm hervortritt. Aber das geht über meinen Horizont. Vorläufig kann ich jedenfalls in der Gegend umherfahren und rufen: ‹Wählt Dornford!› Wie geht es Tante Emily?»

«Morgen kommt sie zu uns auf Besuch. Sie schrieb plötzlich, sie habe das Baby noch gar nicht gesehn; fühle eine romantische Anwandlung – möchte in der Pfaffenkammer wohnen; unter keinen Umständen dürften wir mit ihr Geschichten machen und so weiter. Ganz die alte.»

«Hab oft an sie denken müssen», sagte Clare, «sie wirkt ungemein beruhigend.»

Dann herrschte langes Schweigen. Dinny dachte an Clare und Clare an sich selbst. Bald bekam sie es satt und blickte zur Schwester hinüber. Hatte Dinny diese Affäre mit Wilfrid Desert nun wirklich überwunden? Als die Verlobung noch bestand, hatte Hubert so erregt darüber geschrieben, so erleichtert, als es zum Bruch gekommen war. Er hatte ihr auch Dinnys Bitte mitgeteilt, man solle nie mehr über die Sache sprechen, aber das war schon über ein Jahr her. Durfte man es wagen, dieses Thema zu berühren, oder würde sie sich wie ein Igel zusammenrollen? ‹Arme Dinny!› schoß es ihr durch den Kopf. ‹Ich bin vierundzwanzig, sie ist also siebenundzwanzig!› Ganz still saß sie da und betrachtete das Profil der Schwester. Ein reizendes Gesicht, das zarte Stumpfnäschen wirkte ein wenig keck. Die Augen waren schön wie immer, tiefblau wie Kornblumen – einfach entzückend! –, und die Wimpern schienen ungleich dunkler als das kastanienfarbne Haar. Doch ihr Antlitz war magerer geworden und hatte seine sprühende Munterkeit verloren. ‹Wenn ich ein Mann wäre›, fuhr es Clare durch den Sinn, ‹würd ich mich in sie verlieben, Dinny ist ja so gut. Doch ihr Gesicht scheint jetzt ziemlich traurig, außer beim Sprechen.› Clare senkte den Blick, lugte hinter den halbgeschloßnen Lidern zu Dinny hinüber und kam zu dem Schluß: ‹Nein, man darf sie nicht fragen.› Sie las in diesem Gesicht einen mühsam errungenen Frieden, den man um keinen Preis stören durfte.

«Liebling», fragte Dinny, «möchtest du wieder dein altes Zimmer haben? Nur leider – unsere Pfauentauben haben sich vermehrt wie der Sand am Meere, sie gurren jetzt gerade unter deinem Fenster.»

«Tut nichts.»

«Und das Frühstück? Willst du es auf deinem Zimmer nehmen?»

«Meine Liebe, mach keinerlei Aufhebens mit mir. Das wär mir furchtbar peinlich. Wieder in England an einem Tag wie heute! Diese Rasen sind doch wirklich etwas Schönes, dazu die Ulmen und diese Bläue!»

«Noch eins, Clare», sagte Dinny. «Soll ich Vater und Mutter davon erzählen oder lieber schweigen?»

Clare preßte die Lippen zusammen.

«Sie müssen ja wohl erfahren, daß ich nicht mehr zu ihm zurückkehre.»

«Freilich – und auch etwas von deinen Gründen.»

«Sag ihnen nur ganz allgemein, es sei mir unmöglich.»

Dinny nickte. «Sie sollen aber nicht denken, daß du im Unrecht bist. Die andern lassen wir im Glauben, du seist wegen deiner Gesundheit heimgekommen.»

«Und Tante Emily?» fragte Clare.

«Um die werd ich mich kümmern. Die wird nur Augen und Ohren für das Baby haben. – Da sind wir schon ganz nah.»

Der Kirchturm von Condaford kam in Sicht und jene kleine Gruppe strohgedeckter Häuschen, die den Kern dieser Pfarre mit den zerstreuten Siedlungen bilden. Schon sahn sie die Wirtschaftsgebäude des Guts, das Schloß selbst aber noch nicht, denn es lag hinter Bäumen versteckt, in einer flachen Mulde, die bereits ihren Ahnen gefallen hatte.

Clare drückte die Nase ans Fenster und sagte:

«Es geht einem durch und durch, Dinny, hängst du noch immer so an der Heimat?»

«Mehr denn je.»

«Seltsam. Ich liebe sie heiß, kann aber hier nicht leben.»

«Echt englisch. So kam es zur Kolonisierung Amerikas und zum Entstehen der Dominions. Nimm du das Reisenecessaire, ich nehm den Handkoffer.»

Der Weg durch die Alleen mit dem goldgesprenkelten Ulmenlaub verlief kurz und angenehm in den Strahlen der Abendsonne; aus dem Tor der dunklen Halle sprangen ihnen wie gewöhnlich mit munterm Gebell die Hunde entgegen.

«Den da kenn ich noch nicht», sagte Clare und wies auf einen schwarzen Wachtelhund, der ihre Strümpfe beschnupperte.

«Ja, das ist Foch. Scaramouch und er haben miteinander einen Kellogg-Pakt geschlossen, halten ihn natürlich nicht. Ich bin die Mandschurei, um die sie raufen.» Dinny öffnete die Tür zum Empfangszimmer.

«Da ist sie, Mutter!»

Blaß und bebend stand die Mutter mit freundlichem Lächeln da; als Clare auf sie zutrat, fühlte sie sich zum ersten Mal ganz beklommen. So zurückkehren zu müssen, so den Familienfrieden zu stören!

«Nun, liebste Mutter», sagte sie, «da hast du deine verlorene Tochter wieder. Mütterchen, du hast dich gar nicht verändert!»

Nach einer innigen Umarmung sah Lady Cherrell ihre Tochter zaghaft an.

«Vater ist in seinem Arbeitszimmer», bemerkte sie.

«Ich hol ihn», rief Dinny.

In dem kahlen, nüchternen Raum, der noch immer sein streng militärisches Aussehen hatte, plagte sich der General mit einem Werkzeug ab, das ihm beim Anlegen der Reitstiefel und Breeches Zeit ersparen sollte.

«Nun?» fragte er.

«Sie ist wohlauf, lieber Vater, aber leider ist es zum völligen Bruch zwischen den beiden gekommen.»

«Schlimm!» rief der General und runzelte die Stirn.

Dinny faßte ihn an beiden Rockklappen.

«Vater, sie kann wirklich nichts dafür. Ich möchte sie nicht zu viel fragen. Wir wollen es vorläufig so nehmen, als wäre sie bei uns zu Besuch, und ihr den Aufenthalt so angenehm wie möglich machen.»

«Was hat der Kerl angestellt?»

«Ach, es liegt in seiner Natur. Ich kenne seinen Hang zur Grausamkeit schon längst.»

«Du kennst ihn – wie meinst du das, Dinny?»

«Sein Lächeln – dieser Zug um die Lippen.»

Der General stieß einen Laut tiefen Mißbehagens aus.

«Komm jetzt!» sagte er, «erzähl mir das später.»

Clare gegenüber gab er sich vielleicht etwas allzu munter und freimütig, befragte sie über das Rote Meer und die Landschaft von Ceylon – von dieser Insel kannte er fast nur den Gewürzduft, der vom Strand herüberwehte; nur einmal hatte er einen Spaziergang durch die Zimtgärten von Colombo gemacht. Clare wußte ihm für seine Rücksicht Dank, sie war noch immer vom Wiedersehen mit der Mutter bewegt. Bald zog sie sich auf ihr Zimmer zurück, wo sie ihre Koffer schon ausgepackt vorfand.

Nun stand sie am Mansardenfenster und lauschte dem Gurren der Pfauentauben und ihrem Flügelschwirren, wenn sie in den eibenumsäumten Garten hinausflogen. Die Sonne stand schon sehr tief, ihre Strahlen drangen noch durchs Ulmenlaub. Kein Windhauch war zu spüren; die Stille und das Gurren der Tauben beruhigten Clares Nerven – hier war es doch ganz anders als in Ceylon. Köstlich, diese gesunde Heimatluft, frisch, echt englisch, und der herbe Duft verbrannten Laubs! Vom Obstgarten, wo die Gärtner ein kleines Reisigfeuer entzündet hatten, stieg eine dünne blaue Rauchsäule empor. Mit jäher Bewegung steckte sich Clare eine Zigarette an. Diese einfache Handlung offenbarte ihr ganzes Wesen. Nie konnte sie ruhn, nie ganz still sein, mußte immer jenes Lebenssprühen um sich fühlen, wie es solche Naturen stets verlangen. Auf den schrägen Ziegeln an der Dachrinne hockte eine Pfauentaube und sah Clare aus ihren sanften, dunklen Äuglein an, dann putzte sie sacht ihr Gefieder. Sie war blendend weiß, wirkte stattlich, ebenso wie der kleine Maulbeerbaum mit der runden Krone; ein Kreis von Blättern lag auf dem Boden, hob sich hell vom Gras ab. Die letzten Sonnenstrahlen spielten durchs gelbgrüne Laub, der Baum sah wie verzaubert aus. Siebzehn Monate war es nun her, seit sie zum letzten Mal an diesem Fenster gestanden und über den Maulbeerbaum hinweg auf die Felder und Wälder am Hügelhang geblickt hatte. Siebzehn Monate unter fremdem Himmel, fremde Bäume und Düfte, fremde Stimmen und Wasser. Und alles war neu gewesen, erregend, aufreizend, unbefriedigend. Nirgendwo Ruhe! Und schon gar nicht in jenem weißen Haus mit der großen Veranda, das sie zu Kandy bewohnt hatte! Zuerst war es ihr eine Freude gewesen, dann hatte sie sich gefragt, ob es sie freue, dann hatte sie erkannt, es freue sie nicht, und am Ende wurde ihr alles aus tiefster Seele verhaßt. Und nun war alles vorbei, und sie saß wieder zu Hause! Sie streifte die Asche von der Zigarette und räkelte sich – mit schwirrendem Flügelschlag schwang sich die Taube empor.


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