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XXXI

Tagaus tagein bleiben die Gerichtssäle steinern und unberührt vom Wandel der Zeit. Man macht dort stets die gleichen Gesten, nimmt stets auf denselben Sitzen Platz. Und stets herrscht dort der gleiche Geruch – nicht zu stark, doch immerhin stark genug.

Clare war am zweiten Verhandlungstag in schwarzem Kleid erschienen und trug eine zarte grüne Feder auf dem schwarzen enganliegenden Hut. Bleich, die Lippen nur von einer Spur Schminke gerötet, saß sie so still, daß man sie gar nicht anzureden wagte. Die Worte: ‹Scheidungsfall in der Londoner Gesellschaft› und der ‹zugkräftige› Titel: ‹Nacht im Auto› hatten ihre Wirkung getan – im Gerichtssaal war kaum Platz zum Stehn. Dinny sah den jungen Croom dicht hinter seinem Rechtsbeistand sitzen. Der Schnupfen der Geschwornen mit dem Vogelblick schien heute schon besser und die Papageienaugen des Obmanns hingen starr an Clare. Der Richter schien tiefer zu sitzen denn je. Beim Klang von Mr. Instones Stimme straffte er sich ein wenig.

«Eure Lordschaft! Verehrte Geschworne! Die Anklage legt der Beklagten und dem Mitbeschuldigten sträfliche Beziehungen zur Last. Ihre Antwort lautet: ‹Wir stellen jedes Verschulden in Abrede.› Ich rufe die Beklagte vor.»

Dinny blickte zu Clare auf, ihr war's, als sähe sie die Schwester zum ersten Mal. Nach Dornfords Rat stand Clare ziemlich weit hinten in der Zeugenbank, der Schatten des Baldachins darüber lieh ihrem Antlitz ein verschlossenes, geheimnisvolles Aussehn. Doch ihre Stimme war klar, und nur Dinny merkte, daß sie etwas schärfer klang als gewöhnlich.

«Lady Corven, ist es wahr, daß Sie Ihrem Gatten die Treue brachen?»

«Es ist unwahr.»

«Sie können das beeiden?»

«Jawohl.»

«Zwischen Ihnen und Mr. Croom ist also nichts vorgefallen?»

«Nichts.»

«Sie können das beeiden?»

«Jawohl.»

«Man hat hier vorgebracht –»

Nun folgte Frage auf Frage. Dinny saß während dieses Verhörs lauschend da und wandte den Blick nicht von der Schwester; im stillen bewunderte sie Clares deutliches Sprechen, ihre reglose Ruhe in Gestalt und Antlitz. Instones Stimme klang heute so völlig anders als gestern, daß Dinny sie kaum wiedererkannte.

«Lady Corven, ich muß jetzt noch eine Frage an Sie richten und gebe Ihnen vor deren Erwiderung zu bedenken, daß von der Beantwortung dieser Frage sehr viel abhängt. Weshalb haben Sie Ihren Mann verlassen?»

Dinny sah, wie die Schwester den Kopf ein wenig zurückwarf.

«Ich verließ ihn, weil ich alle Achtung vor mir selbst verloren hätte, wäre ich länger bei ihm geblieben.»

«Schön! Aber können Sie uns den Grund dafür nicht näher angeben? Sie hatten doch nichts getan, dessen Sie sich zu schämen brauchten?»

«Nein.»

«Ihr Gatte hat, wie er selbst zugab, etwas Derartiges getan und Sie dafür um Entschuldigung gebeten. Stimmt das?»

«Ja.»

«Was hat er getan?»

«Verzeihung, aber über diesen Punkt kann ich keine weitern Fragen beantworten.»

«Lady Corven, es liegt mir völlig fern, Sie in dieser Sache zu veranlassen, gegen Ihr Gefühl zu handeln. Aber ich bitte Sie dringend, setzen Sie alles falsche Zartgefühl hintan.»

«Meiner Meinung nach ist es kein falsches Zartgefühl. Mein Instinkt hält mich davon ab, über mein Eheleben zu sprechen.»

«Bei Gott, sie hat recht!» hörte Dinny ihren Vater murmeln. Sie sah den Kopf des Richters vorschnellen, sah, wie sein Gesicht sich mit halbgeöffnetem Mund zur Zeugenbank wandte.

«Wenn ich Sie recht verstehe, so sagten Sie, Sie hätten Ihrem Gefühl nach Ihre Selbstachtung verlieren müssen, wenn Sie bei Ihrem Gatten geblieben wären.»

«Jawohl, Mylord.»

«Aber Sie konnten Ihrem Gefühl nach Ihre Selbstachtung retten, wenn Sie ihn auf diese Weise verließen?»

«Jawohl, Mylord.»

Dinny sah, wie der Richter sich wieder leicht straffte, wie er das Gesicht bald nach dieser, bald nach jener Seite wandte, als wolle er bei den folgenden Worten keinem der Hörer in die Augen sehn: «Nun, Mr. Instone, ich halte es für nutzlos, die Sache weiter zu verfolgen. Die Beklagte ist offenbar fest entschlossen, jede Antwort zu verweigern.» Sein Blick unter den halbgesenkten Lidern schien wieder an einem unsichtbaren Punkt zu hängen.

«Wie es Eurer Lordschaft beliebt. Nochmals, Lady Corven, an diesen Beschuldigungen, die Sie und Mr. Croom eines sträflichen Verhaltens zeihen, ist demnach kein wahres Wort?»

«Kein wahres Wort.»

«Danke.» Dinny tat einen langen Atemzug und wappnete sich gegen die bedächtige, volltönende Stimme Mr. Broughs zur Rechten hinter ihr und seine irritierenden Pausen.

«Sie, eine verheiratete Frau, betrachten es nicht als sträfliche Beziehungen, wenn Sie einen jungen Mann in Ihre Kajüte laden, sich in Ihrer Wohnung bis halb zwölf nachts allein mit ihm unterhalten, eine Nacht mit ihm im Auto verbringen und in Abwesenheit Ihres Gatten mit ihm herumspazieren?»

«An und für sich nicht.»

«Also gut. Sie behaupten, vor Ihrer Begegnung auf dem Schiff hätten Sie den Mitbeschuldigten nie gesehn. Wie kam es dann, daß Sie schon, wenn ich nicht irre, vom zweiten Tag Ihrer Bekanntschaft an so intim mit ihm waren?»

«Anfangs war ich mit ihm nicht intim.»

«Na hören Sie! Sie steckten doch immer mit ihm zusammen, oder nicht?»

«Oft, nicht immer.»

«Oft, nicht immer – vom zweiten Tag an?»

«Ja, wie es eben auf einem Schiff zu sein pflegt.»

«Stimmt vollkommen, Lady Corven. Und früher hatten Sie ihn nie gesehn?»

«Meines Wissens nicht.»

«Ceylon ist ja gar nicht so groß – ich meine vom gesellschaftlichen Standpunkt.»

«Ganz richtig.»

«Es gibt dort eine Menge Polo-Matches, Kricketpartien und andere Veranstaltungen, bei denen man immer wieder dieselben Leute trifft.»

«Stimmt.»

«Und dennoch sind Sie Mr. Croom nie begegnet? Das ist doch sonderbar!»

«Keineswegs. Mr. Croom lebte auf einer Plantage.»

«Aber wenn ich nicht irre, war er Polospieler.»

«Ja.»

«Und Sie sind Reiterin und interessieren sich für jeden Pferdesport?»

«Ja.»

«Und dennoch sind Sie Mr. Croom nie begegnet?»

«Ich habe Ihnen doch schon erklärt: Nie. Und wenn Sie mich bis morgen so weiterfragen, Sie werden stets dieselbe Antwort hören.»

Dinny hielt den Atem an. Ihr fiel plötzlich ein, wie Clare einmal als kleines Mädchen über Oliver Cromwell hatte Rede und Antwort stehen müssen.

Die bedächtige, volltönende Stimme begann von neuem:

«Sie haben in Kandy nie ein Polomatch versäumt, nicht wahr?»

«Wenn es irgendwie anging, nie.»

«Und einmal bewirteten Sie nachher die Spieler?»

Dinny sah, wie die Schwester die Stirn furchte.

«Ja.»

«Wann war das?»

«Vergangenen Juni, glaub ich.»

«Und Mr. Croom war einer der Spieler?»

«Mag sein, aber ich sah ihn nicht.»

«Sie bewirteten ihn, sahn ihn aber nicht dabei?»

«Nein.»

«Pflegen in Kandy die Gastgeberinnen ihre Gäste nicht zu sehn?»

«Wenn ich mich recht entsinne, waren eine Menge Leute dort.»

«Bitte, Lady Corven, hier ist das Programm jenes Polospiels, werfen Sie doch einen Blick darauf, um Ihr Gedächtnis aufzufrischen.»

«An dieses Match erinnere ich mich ganz genau.»

«Aber an Mr. Croom erinnern Sie sich nicht, weder auf dem Spielplatz, noch später in Ihrem Haus?»

«Nein. Während des Spiels nahm das Kandy-Team meine Aufmerksamkeit ganz in Anspruch und später waren zu viele Leute dort. Wenn ich mich daran erinnern könnte, würde ich es sofort sagen.»

Dinny war es, als sei eine endlose Zeit verstrichen, ehe die nächste Frage kam.

«Ich vermute nämlich, Sie waren einander bei Ihrer Begegnung auf dem Schiff nicht mehr fremd.»

«Vermuten Sie, was Sie wollen, wir waren es aber doch.»

«Das behaupten Sie

«Hol der Teufel den Kerl!» hörte Dinny hinter sich ihren Vater murmeln und berührte seinen Arm mit dem ihren.

«Sie haben doch die Aussage der Stewardeß gehört? War das das einzige Mal, daß der Mitbeklagte Sie in Ihrer Kajüte aufsuchte?»

«Das einzige Mal, daß er länger als eine Minute blieb.»

«Aha! So kam er also öfter?»

«Ein- oder zweimal, ein Buch auszuleihn oder zurückzustellen.»

«Und als er bei dieser Gelegenheit kam und, wenn ich nicht irre, eine halbe Stunde dort verbrachte –»

«Zwanzig Minuten, glaub ich.»

«Zwanzig Minuten? – Was taten Sie während dieser Zeit?»

«Ich zeigte ihm Photos.»

«So! Warum nicht auf Deck?»

«Das weiß ich nicht.»

«Kam es Ihnen denn nicht zu Bewußtsein, wie bedenklich das war?»

«Das überlegte ich gar nicht. Ich hatte eine Menge Lichtbilder, Momentaufnahmen und Photos meiner Familie.»

«Es waren aber doch keine darunter, die Sie ihm nicht ebensogut im Salon oder auf Deck hätten zeigen können?»

«Vermutlich nicht.»

«Sie dachten wohl, er würde nicht gesehen werden?»

«Ich sagte Ihnen ja schon, ich überlegte es gar nicht.»

«Wer von Ihnen schlug vor, er solle in die Kajüte kommen?»

«Ich.»

«Sie wußten doch, daß Sie sich in einer sehr heiklen Situation befanden?»

«Allerdings, aber die andern wußten es nicht.»

«Sie hätten ihm also diese Photographien überall zeigen können? Wenn Sie sich jetzt darauf besinnen, finden Sie es nicht selbst sonderbar, daß Sie sich für nichts und wieder nichts so kompromittierten?»

«Es war einfacher, sie ihm gleich in der Kajüte zu zeigen. Überdies gingen diese Familienbilder andere Leute nichts an.»

«Lady Corven! Sie wollen allen Ernstes behaupten, daß während jener zwanzig Minuten zwischen Ihnen beiden nichts vorgefallen ist?»

«Vor dem Weggehn küßte er mir die Hand.»

«Immerhin etwas, aber keine Antwort auf meine Frage.»

«Weiter nichts, was Sie befriedigt hätte.»

«Wie waren Sie bekleidet?»

«Zu meinem lebhaften Bedauern muß ich Ihnen mitteilen, daß ich vollständig bekleidet war.»

«Mylord, darf ich bitten, mich gegen derart höhnische Bemerkungen in Schutz zu nehmen?»

Dinny bewunderte die stille Art, in der der Richter sagte:

«Bitte, die Fragen ganz schlicht zu beantworten.»

«Jawohl, Mylord.»

Clare war aus dem Schatten des Baldachins hervorgetreten und stützte die Hände auf die Brüstung der Zeugenbank. Rote Flecken brannten auf ihren Wangen.

«Ich vermute, Sie hatten schon ein Verhältnis miteinander, noch ehe Sie das Schiff verließen.»

«Wir hatten keines, und dabei ist es geblieben.»

«Wann sahn Sie den Mitbeschuldigten zum ersten Mal wieder nach der Landung?»

«Ich glaube, ungefähr eine Woche später.»

«Wo?»

«In der Nähe des Landsitzes meiner Familie in Condaford.»

«Was taten Sie da?»

«Ich saß in einem Auto.»

«Allein?»

«Ja. Ich war ausgefahren, um für die Wahl zu werben, und begab mich nach Hause zum Tee.»

«Und der Mitbeklagte?»

«Er saß ebenfalls in einem Auto.»

«Und sprang bei Ihrem Anblick natürlich auf, wie?»

«Mylord, ich bitte, mich gegen derart höhnische Bemerkungen in Schutz zu nehmen.»

Dinny vernahm ein Kichern und hörte, wie die Stimme des Richters ins Leere sprach:

«Was dem einen recht ist, ist dem andern billig, Mr. Brough.»

Das Kichern wurde deutlicher vernehmbar. Dinny konnte sich einen Seitenblick nicht versagen. Clares hübsches Gesicht war puterrot.

Der ‹ganz junge› Roger neben ihr sah erfreut und zugleich ein wenig ängstlich drein.

«Wieso kam der Mitbeklagte auf diese Landstraße achtzig Kilometer von London?»

«Er wollte mich treffen.»

«Das geben Sie also zu?»

«Er sagte es mir.»

«Vielleicht können Sie die Worte wiederholen, die er gebrauchte?»

«Das kann ich nicht mehr, doch entsinne ich mich noch, daß er mich um einen Kuß bat.»

«Und Sie ließen sich den Kuß gefallen?»

«Ja. Ich streckte den Kopf aus dem Auto, er küßte mich auf die Wange, ging dann zu seinem eignen Auto zurück und fuhr davon.»

«Dennoch wollen Sie uns erzählen, Sie hätten auf der Seereise nichts miteinander zu tun gehabt?»

«Wie Sie es meinen, nicht. Ich stelle ja nicht in Abrede, daß er in mich verliebt war; er hat es wenigstens behauptet.»

«Wollen Sie damit sagen, daß Sie nicht in ihn verliebt waren?»

«Ganz richtig.»

«Aber küssen ließen Sie sich trotzdem?»

«Er tat mir leid.»

«Und es scheint Ihnen ein geziemendes Benehmen für eine Ehefrau?»

«Vielleicht nicht. Doch nachdem ich meinen Gatten verlassen hatte, betrachtete ich mich nicht mehr als Ehefrau.»

«So!»

Dinny war's, als hätten alle im Gerichtssaal diesen Ausruf getan. Der ‹ganz junge› Roger hatte irgendeinen Gegenstand aus der Rocktasche gezogen; er sah ihn aufmerksam an und schob ihn wieder zurück. Die Geschworne mit dem angenehmen, breiten Gesicht, die einer Haushälterin glich, furchte bekümmert die Stirn.

«Und was taten Sie nach dem Kuß?»

«Ich fuhr nach Hause zum Tee.»

«Und fühlten sich nicht schlechter, wie?»

«Nein, eher besser.»

Wieder erhob sich ein Kichern. Der Richter wandte das Gesicht der Zeugenbank zu.

«Sprechen Sie im Ernst?»

«Jawohl, Mylord. Ich will die volle Wahrheit sagen. Auch wenn Frauen selbst nicht lieben, sind sie doch dankbar für die Liebe, die man ihnen entgegenbringt.»

Der Blick des Richters schien wieder an etwas Unsichtbarem über Dinnys Kopf zu hängen.

«Bitte weiter, Mr. Brough!»

«Bei welcher Gelegenheit sahn Sie den Mitbeklagten das nächste Mal?»

«Im Haus meiner Tante, wo ich in London wohnte.»

«Kam er zu Ihrer Tante auf Besuch?»

«Nein, zu meinem Onkel.»

«Gab er Ihnen bei diesem Anlaß einen Kuß?»

«Nein. Ich erklärte ihm, wenn wir uns weiter treffen sollten, müßten unsere Beziehungen platonisch bleiben.»

«Eine Bezeichnung, die Ihnen wohl recht gelegen kam?»

«Wie hätte ich es denn sonst bezeichnen sollen?»

«Gnädige Frau, nicht Sie haben hier zu fragen. Was erwiderte er darauf?»

«Er werde sich ganz meinen Wünschen fügen.»

«Sprach er Ihren Onkel?»

«Nein.»

«Bei dieser Gelegenheit also sah Ihr Gatte Mr. Croom das Haus verlassen?»

«Vermutlich.»

«Und gleich nach seinem Fortgehn kam Ihr Gatte?»

«Ja.»

«Er sprach mit Ihnen und fragte Sie, wer dieser junge Mann sei?»

«Ja.»

«Und Sie sagten es ihm?»

«Ja.»

«Wenn ich nicht irre, nannten Sie den Mitbeklagten Tony?»

«Ja.»

«Ist das sein wirklicher Name?»

«Nein.»

«Also Ihr Kosename für ihn?»

«Ganz und gar nicht. Jedermann nennt ihn so.»

«Und er nannte Sie vermutlich ‹Clare› oder ‹Liebling›?»

«Das eine oder das andre.»

Dinny sah den Richter wieder auf einen unsichtbaren Punkt starren.

«Mr. Brough, die jungen Leute gebrauchen heutzutage Vornamen und vertrauliche Bezeichnungen, ohne daß das viel zu bedeuten hätte.»

«Dessen bin ich mir bewußt, Mylord … Nannten Sie ihn ‹Liebling›?»

«Möglich, ich glaube aber nicht.»

«Sie sprachen Ihren Gatten bei diesem Anlaß ohne Zeugen?»

«Ja.»

«Wie empfingen Sie ihn?»

«Kalt.»

«Aha! Sie hatten ja eben von dem Mitbeklagten Abschied genommen?»

«Das hatte nichts damit zu tun.»

«Forderte Sie Ihr Gatte auf, zu ihm zurückzukehren?»

«Ja.»

«Und Sie schlugen es ab?»

«Ja.»

«Und das hatte mit dem Mitbeklagten nichts zu tun?»

«Nein.»

«Lady Corven, wollen Sie den Geschwornen wirklich weismachen, daß Ihre Beziehungen zu dem Mitbeklagten oder, sagen wir, Ihr Gefühl für ihn bei dieser Weigerung keine Rolle spielten?»

«Gar keine.»

«Erwägen Sie doch selbst: Sie hatten drei Wochen im vertrauten Zusammensein mit diesem jungen Mann verbracht; hatten ihm erlaubt, Sie zu küssen, und sich danach ‹besser gefühlt›. Sie hatten eben von ihm Abschied genommen. Kannten sein Gefühl für Sie. Und trotz allem wollen Sie den Geschwornen einreden, er habe auf Ihren Entschluß keinen Einfluß geübt?»

Clare senkte den Kopf.

«Antworten Sie, bitte!»

«Ich glaube nicht.»

«Psychologisch nicht ganz klar.»

«Wie meinen Sie das?»

«Ich will damit nur sagen, Lady Corven, daß es den Geschwornen nicht leicht fallen dürfte, Ihnen Glauben zu schenken.»

«Zum Glauben kann ich sie nicht zwingen, ich kann nur die Wahrheit sagen.»

«Na schön! Wann trafen Sie den Mitbeklagten das nächste Mal?»

«Am folgenden Abend. Tags drauf kam er des Abends in die unmöblierte Wohnung, die ich beziehen wollte, und half mir die Wände tünchen.»

«Hm! War das nicht ein wenig ungewöhnlich?»

«Vielleicht. Ich besaß kein überflüssiges Geld, und er hatte auch seinen Bungalow in Ceylon selbst ausgemalt.»

«Verstehe. Ein kleiner Freundschaftsdienst von ihm, nichts weiter. Und während der Stunden, die er damals in Ihrer Wohnung verbrachte, fiel zwischen Ihnen gar nichts vor?»

«Zwischen uns ist überhaupt nie etwas vorgefallen.»

«Um wieviel Uhr verließ er Sie?»

«Wir gingen an den beiden Abenden zusammen gegen neun Uhr fort, etwas essen.»

«Und dann?»

«Kehrte ich in das Haus meiner Tante zurück.»

«Und unterwegs kehrten Sie nirgendwo ein?»

«Nirgendwo.»

«Na schön! Trafen Sie Ihren Gatten noch ein andres Mal, ehe er nach Ceylon zurückreisen mußte?»

«Ja, zweimal.»

«Wo fand die erste dieser Begegnungen statt?»

«In meiner Wohnung. Ich hatte sie inzwischen bezogen.»

«Erzählten Sie ihm, daß der Mitbeklagte Ihnen geholfen hatte, die Wände zu tünchen?»

«Nein.»

«Weshalb nicht?»

«Weshalb hätt ich es erzählen sollen? Ich teilte meinem Gatten lediglich meinen Entschluß mit, nicht mehr mit ihm zurückzukehren. Ich betrachtete mein Zusammenleben mit ihm als abgeschlossen.»

«Bat er Sie bei dieser Gelegenheit, mit ihm zurückzureisen?»

«Ja.»

«Und Sie schlugen es ab?»

«Ja.»

«In herausfordernder Weise?»

«Bitte?»

«In beleidigender Weise?»

«Nein. Ich lehnte einfach ab.»

«Hatte Ihr Gatte in Ihnen den Argwohn erweckt, er wolle sich scheiden lassen?»

«Nein. Ich weiß aber nicht, mit was für Plänen er sich trug.»

«Und Sie gaben ihm offenbar keine Gelegenheit, die Ihren zu erraten?»

«So wenig wie möglich.»

«Eine stürmische Zusammenkunft?»

Dinny hielt den Atem an. Die Röte war von Clares Wangen gewichen, sie sah blaß und verärgert aus.

«Nein, quälend, sie ging mir auf die Nerven. Ich hatte ihn ja nicht treffen wollen.»

«Sie hörten doch vorhin die Behauptung Ihres Anwalts, Ihr Gatte habe gleich nach Ihrer Abreise aus Ceylon in seinem verletzten Stolz den Entschluß gefaßt, sich beim nächstbesten Anlaß von Ihnen scheiden zu lassen? Hatten Sie diesen Eindruck?»

«Ich hatte ihn nicht, hab auch heute noch keinen solchen. Es wäre möglich. Ich bilde mir nicht ein, seine Gedanken lesen zu können.»

«Obwohl Sie fast achtzehn Monate mit ihm lebten?»

«Ja.»

«Doch weigerten Sie sich wieder ganz entschieden, zu ihm zurückzukehren?»

«Das habe ich bereits erklärt.»

«Hielten Sie seine Aufforderung zur Rückkehr für ernstgemeint?»

«Im Augenblick wohl.»

«Trafen Sie ihn nochmals vor seiner Abreise?»

«Ja, ein oder zwei Minuten, aber nicht allein.»

«Wer war dabei zugegen?»

«Mein Vater.»

«Und forderte er Sie bei dieser Gelegenheit nochmals zur Rückkehr auf?»

«Ja.»

«Und Sie weigerten sich?»

«Ja.»

«Und dann erhielten Sie von Ihrem Gatten vor seiner Abreise aus London wieder eine Nachricht, in der er Sie noch einmal bat, Ihren Entschluß doch zu ändern und ihn zu begleiten?»

«Ja.»

«Und Sie weigerten sich wieder?»

«Ja.»

«Gestatten Sie, daß ich Ihnen jetzt nochmals das Datum des – äh – dritten Januar» – Dinny holte wieder tief Atem – «ins Gedächtnis zurückrufe, jenes Tages, den Sie von fünf Uhr nachmittags bis fast gegen Mitternacht in Gesellschaft des Mitbeklagten verbrachten. Geben Sie das zu?»

«Ja.»

«Und nichts fiel zwischen Ihnen vor?»

«Nur das eine: Er hatte mich beinah drei Wochen nicht gesehn und küßte mich auf die Wange, als er das erste Mal zum Tee kam.»

«So! Wieder auf die Wange! Nur die Wange?»

«Nur die, sonst nichts – bedaure.»

«Auch er hat das gewiß bedauert.»

«Schon möglich.»

«Und nach dieser Trennung verbrachten Sie die erste halbe Stunde Ihres Zusammenseins beim – Tee?»

«Ja.»

«Ihre Wohnung liegt, wenn ich nicht irre, in einer alten Hintergasse und besteht aus einem Zimmer im Erdgeschoß, einer Treppe und einem Zimmer im Stockwerk – Ihrem Schlafraum.»

«Ja.»

«Und einem Badezimmer? Und beim Tee haben Sie wohl auch geplaudert?»

«Ja.»

«Wo?»

«In dem Zimmer im Erdgeschoß.»

«Und dann gehn Sie plaudernd zusammen ins Temple-Gebäude, danach ins Kino und zum Abendessen in ein Restaurant und plaudern dabei, vermute ich; und dann fahren Sie im Auto in Ihre Wohnung zurück und plaudern unterwegs wieder?»

«Ganz richtig.»

«Und dann, nach fast sechsstündigem Beisammensein, finden Sie, Sie hätten ihm noch eine Menge zu sagen, er müsse unbedingt in Ihre Wohnung mitkommen – und er kommt mit?»

«Ja.»

«Es ist elf Uhr vorbei, nicht wahr?»

«Eben elf vorbei.»

«Und wie lange bleibt er bei dieser Gelegenheit?»

«Etwa eine halbe Stunde.»

«Und währenddessen fällt nichts vor?»

«Nicht das Geringste.»

«Es wird nur getrunken, man raucht eine oder zwei Zigaretten und plaudert noch ein wenig?»

«Stimmt aufs Haar.»

«Was haben Sie denn so viele Stunden mit dem jungen Mann zu plaudern, der das Privileg genießt, Sie auf die Wange küssen zu dürfen?»

«Worüber wird denn überhaupt geplaudert?»

« Ich habe hier zu fragen.»

«Wir plaudern über allerlei und nichts.»

«Etwas präziser, bitte!»

«Über Pferde, Filme, meine Familie, seine Familie, Theater – ich entsinne mich nicht mehr.»

«Und sie vermeiden es dabei ganz besonders, von Liebe zu sprechen?»

«Ja.»

«Also rein platonisch von A bis Z!»

«Das ist die richtige Bezeichnung.»

«Hören Sie, Lady Corven, wagen Sie wirklich zu behaupten, dieser junge Mann, der Sie nach Ihrem eigenen Geständnis liebt und Sie drei Wochen lang nicht gesehn hat, habe sich während dieser ganzen Zeit kein einziges Mal von seinem Gefühl hinreißen lassen?»

«Er hat mir wohl ein- oder zweimal seine Liebe gestanden, doch hält er jederzeit ehrlich sein Versprechen.»

«Was für ein Versprechen?»

«Alle Liebesbezeigungen zu unterlassen. Die Liebe an und für sich ist ja kein Verbrechen, eher ein Unglück.»

«Sie sprechen aus Ihrem Gefühl heraus, wohl aus eigener Erfahrung?»

Clare gab keine Antwort.

«Wollen Sie uns allen Ernstes erklären, Sie hätten diesen jungen Mann nicht geliebt, liebten ihn noch immer nicht?»

«Ich hab ihn sehr gern, aber nicht, wie Sie es meinen.»

Dinny durchschoß warmes Mitgefühl mit dem jungen Croom, der all dies mitanhören mußte. Ihre Wangen glühten, der Blick ihrer blauen Augen ruhte auf dem Richter. Eben hatte er Clares letzte Antwort notiert; plötzlich sah sie ihn gähnen. Das Gähnen eines Greises, und so lang! – ihr schien es endlos. Das stimmte sie um, erfüllte sie mit einem gewissen Mitleid. Auch er mußte Tag für Tag diese langwierigen Versuche von Leuten anhören, die nur darauf abzielten, einander zu verletzen und zu übertölpeln.

«Sie hörten vorhin die Aussage des Detektivs, daß nach Ihrer Rückkehr aus dem Restaurant in Gesellschaft des Mitangeklagten in Ihrem Zimmer oben ein Licht brannte. Was sagen Sie dazu?»

«Mag sein. Wir saßen dort.»

«Warum oben, warum nicht unten?»

«Weil es dort oben viel wärmer und behaglicher ist.»

«Ist es Ihr Schlafzimmer?»

«Nein, ein Wohnraum. Ich habe kein Schlafzimmer. Ich schlafe auf dem Sofa.»

«Verstehe. In diesem Zimmer also verbrachten Sie in Gesellschaft des Mitangeklagten die Zeit von etwas nach elf bis knapp vor Mitternacht?»

«Ja.»

«Und Ihrer Ansicht nach war das völlig harmlos?»

«Harmlos wohl, aber höchst unbesonnen, glaub ich jetzt.»

«Sie wollen damit sagen, wenn Sie von der Überwachung gewußt hätten, wäre dieses Zusammensein unterblieben?»

«Ganz bestimmt.»

«Was veranlaßte Sie, gerade diese Wohnung zu mieten?»

«Der billige Zins.»

«War das nicht höchst unbequem – kein Schlafraum, kein Dienstbotenzimmer, kein Portier?»

«Derartiger Luxus kostet viel Geld.»

«Wollen Sie in Abrede stellen, daß Sie diese Wohnung nur deshalb mieteten, weil nichts Derartiges vorhanden war?»

«Nein. Aber mit meinem Gehalt finde ich nur knapp das Auskommen.»

«Und als Sie diese Wohnung nahmen, dachten Sie keinen Augenblick an den Mitangeklagten?»

«Nein.»

«Keinen einzigen Augenblick?»

«Mylord, ich habe bereits geantwortet.»

«Mr. Brough, auch ich bin dieser Ansicht.»

«Und dann trafen Sie den Mitangeklagten regelmäßig?»

«Nein. Gelegentlich. Er lebte auf dem Lande.»

«Verstehe. Und besuchte Sie?»

«Er traf mich jedesmal, wenn er nach London kam, etwa zweimal in der Woche.»

«Und was taten Sie bei diesen Zusammenkünften?»

«Wir besuchten eine Bildergalerie oder ein Kino. Einmal waren wir, glaub ich, auch im Theater. Wir pflegten dann gemeinsam zu speisen.»

«Wußten Sie, daß Sie überwacht wurden?»

«Nein.»

«Suchte er Sie in Ihrer Wohnung auf?»

«Vor dem dritten Februar nicht wieder.»

«Ja, mit diesem Tag will ich mich jetzt befassen!»

«Das hab ich erwartet.»

«So, das haben Sie erwartet? Dieser Tag und diese Nacht sind Ihnen also unauslöschlich in Erinnerung?»

«Ich erinnere mich noch ganz genau.»

«Mein Kollege hat die Ereignisse dieses Tages mit Ihnen gründlich erörtert und, abgesehn von einigen Stunden Aufenthalt in Oxford, haben Sie diesen Tag offenbar fast ganz im Auto verbracht. Stimmt das?»

«Ja.»

«Und dieses Auto war ein Zweisitzer mit Rücksitz?»

Der Richter machte eine Bewegung:

«Ich kenne diese Wagentype, obzwar ich noch nie selbst damit fuhr.»

«War es ein geräumiges, behagliches kleines Auto?»

«Ganz richtig.»

«Geschlossen, nicht wahr?»

«Ja. Man konnte es nicht öffnen.»

«Mr. Croom chauffierte, und Sie saßen neben ihm?»

«Ja.»

«Auf der Rückfahrt von Oxford gingen also, Ihrer Aussage nach, die Scheinwerfer aus, etwa um halb elf, in einem Wald ungefähr acht Kilometer vor Henley?»

«Ja.»

«War das Zufall?»

«Natürlich.»

«Prüften Sie die Batterie?»

«Nein.»

«Waren Sie dabei gewesen, als die Batterie geladen wurde?»

«Nein.»

«Wußten Sie, wann die Batterie zum letzten Mal geladen worden war?»

«Nein.»

«Warum finden Sie es dann natürlich?»

«Wenn Sie den Verdacht aussprechen wollen, Mr. Croom habe mit der Batterie absichtlich –»

«Bitte, antworten Sie auf meine Frage!»

«Ich antworte ja. Mr. Croom ist solcher schmutzigen Schliche einfach unfähig.»

«Die Nacht war finster?»

«Stockfinster.»

«Und es war ein großer Wald?»

«Ja.»

«Wohl der geeignetste Platz, den man sich auf dem ganzen Weg von Oxford nach London aussuchen konnte?»

«Aussuchen?»

«Wenn man den Plan gefaßt hatte, die Nacht im Auto zu verbringen.»

«Gewiß, aber dieser Verdacht ist eine Ungeheuerlichkeit!»

«Nichts für ungut, Lady Corven. Sie hielten es also für puren Zufall?»

«Natürlich.»

«Erzählen Sie uns doch, was Mr. Croom Ihnen sagte, als die Scheinwerfer ausgingen.»

«Wenn ich nicht irre, rief er: ‹Herrje! Die Scheinwerfer sind ausgegangen!› Dann stieg er aus dem Wagen und untersuchte die Batterie.»

«Hatte er eine Taschenlampe?»

«Nein.»

«Und es war stockfinster. Möchte wissen, wie er da die Batterie untersuchen konnte. Sie nicht auch?»

«Nein. Er brannte ein Zündholz an.»

«Und was war denn eigentlich in Unordnung?»

«Mir scheint, er sagte, ein Draht sei kaputt.»

«Und dann – Sie erzählten uns, er habe weiterzufahren versucht und sei zweimal von der Straße abgekommen. Da muß es ja wirklich stockfinster gewesen sein?»

«War es auch, ungewöhnlich finster.»

«Und Sie machten, wenn ich mich recht entsinne, Ihrer Aussage nach den Vorschlag, die Nacht im Auto zu verbringen?»

«Ja.»

«Nachdem Mr. Croom ein oder zwei andre Vorschläge gemacht hatte?»

«Ja. Er schlug vor, wir sollten zu Fuß nach Henley gehn, er würde dann mit einer Taschenlampe zum Auto zurückkehren.»

«Schien er auf diesen Vorschlag sehr erpicht?»

«Erpicht? Nicht besonders.»

«Er drängte Sie nicht dazu?»

«N– nein.»

«Meinte er es Ihrer Ansicht nach überhaupt ernst?»

«Natürlich.»

«Sie setzen also unbedingtes Vertrauen in Mr. Croom?»

«Unbedingtes Vertrauen.»

«Schön! Kennen Sie den Ausdruck: jemandem eine Karte in die Hand spielen?»

«Ja.»

«Sie kennen seine Bedeutung?»

«Ja, jemanden zwingen, gerade die Karte zu ziehn, die man ihm zuschanzen möchte.»

«Stimmt haargenau.»

«Wenn Sie damit sagen wollen, Mr. Croom habe den Vorschlag, im Auto zu übernachten, mir abzuzwingen versucht, so sind Sie gewaltig im Irrtum. Übrigens ein niedriger Verdacht!»

«Was bringt Sie nur auf den Gedanken, ich wolle diesen Verdacht aussprechen, Lady Corven? Kam Ihnen damals diese Idee?»

«Nein. Mr. Croom war über meinen Vorschlag ganz überrascht.»

«So! Wodurch verriet er diese Überraschung?»

«Er fragte mich, ob ich ihm so viel Vertrauen schenkte. Ich mußte ihn erst mahnen, doch nicht so altmodisch zu sein. Natürlich konnte ich ihm vertrauen.»

«Daß er sich ganz Ihrem Wunsch fügen würde?»

«Daß er alle Liebesbezeigungen unterlassen würde. Ich hatte stets Vertrauen zu ihm, wenn ich ihn traf.»

«Sie hatten noch nie zuvor eine Nacht mit ihm verbracht?»

«Natürlich nicht.»

«Natürlich! Sie gehn mit diesem Ausdruck ziemlich verschwenderisch um und, wie mir scheint, haben Sie kaum Grund dazu. Es bot sich Ihnen doch oft genug Gelegenheit, die Nacht mit ihm zu verbringen, nicht wahr? – auf dem Schiff und in Ihrer Wohnung, sobald Sie unter vier Augen waren?»

«Oft genug, aber ich nützte diese Gelegenheit nie aus.»

«Das sagen Sie. Doch wenn diese Behauptung auf Wahrheit beruht, mutet Ihr Vorschlag in jener Nacht nicht höchst sonderbar an?»

«Keine Spur. Der Gedanke machte mir einen Heidenspaß.»

«Einen Heidenspaß? Sie wußten doch, daß dieser junge Mann Sie leidenschaftlich liebte?»

«Ich bedauerte es ja nachher. Es war nicht nett ihm gegenüber.»

«Lady Corven, Sie, eine erfahrene, verheiratete Frau, wollen uns wirklich einreden, daß es Ihnen nicht zum Bewußtsein gekommen sei, welcher Tortur Sie diesen jungen Mann dabei aussetzten?»

«Erst nachher kam es mir zum Bewußtsein, und es tat mir furchtbar leid.»

«So, nachher! Aber ich spreche von vorher

«Vorher kam es mir nicht in den Sinn.»

«Sie stehn hier unter Eid. Sie beharren also auf der Aussage, in der Nacht des dritten Februar sei in jenem finstern Wald innerhalb oder außerhalb des Autos zwischen Ihnen beiden nicht das geringste vorgefallen? Und Sie sind nach wie vor bereit, das zu beschwören?»

«Ja.»

«Sie hörten ja die Zeugenaussagen des Detektivs, er habe sich gegen zwei Uhr morgens an das Auto herangeschlichen, habe hineingespäht und beim Schein seiner Taschenlampe Sie beide in tiefem Schlaf gefunden, wobei Ihr Kopf an der Schulter des Mitbeklagten ruhte?»

«Ja, das habe ich gehört.»

«Ist es wahr?»

«Wie kann ich das wissen, da ich schlief? Doch halte ich es für ganz wahrscheinlich, ich hatte ja schon früher meinen Kopf an seine Schulter gelehnt.»

«Ah! Das geben Sie also zu?»

«Gewiß. So war es bequemer. Ich hatte ihn ja gefragt, ob er etwas dagegen habe.»

«Und natürlich hatte er nichts dagegen?»

«Ich dachte, Ihnen mißfalle das Wort ‹natürlich›! Jedenfalls sagte er, er habe nichts dagegen.»

«Dieser junge Mann, der Sie liebte, hatte eine bewunderungswürdige Selbstbeherrschung, wie?»

«Ja, seit damals bin ich auch dieser Ansicht.»

«Sie wußten es also, wenn Ihre Darstellung wahr ist. Aber ist sie wahr, Lady Corven? Ist sie nicht von A bis Z erfunden?»

Dinny sah, wie die Hände ihrer Schwester krampfhaft die Brüstung umschlossen, sah, wie ihr das Blut in die Wangen schoß und wie sie wieder erbleichte, und vernahm ihre Antwort:

«Es mag ja phantastisch klingen, aber es ist wahr von A bis Z. Alles, was ich hier ausgesagt habe, ist wahr.»

«Und am Morgen wachten Sie dann auf, als sei nichts geschehn, und sagten: ‹Jetzt fahren wir nach Hause und frühstücken!› Und Sie fuhren tatsächlich nach Hause, in Ihre Wohnung?»

«Ja.»

«Wie lange blieb er bei dieser Gelegenheit?»

«Fast eine halbe Stunde, vielleicht etwas länger.»

«Und Ihre Beziehungen blieben so rein und unschuldig wie immer?»

«Wie immer.»

«Und drei Wochen später wurde Ihnen dieses Schriftstück überreicht?»

«Ja.»

«Überraschte es Sie?»

«Ja.»

«Sie waren sich Ihrer völligen Unschuld bewußt und in Ihren Gefühlen tief verletzt?»

«Nicht, als ich mir die Sache überlegte.»

«So? Nicht, als Sie sich die Sache überlegten? Was verstehn Sie eigentlich darunter?»

«Da erst erinnerte ich mich, mein Mann habe gesagt, ich möge auf der Hut sein. Nun sah ich erst ein, wie dumm es von mir war, so gar nichts davon geahnt zu haben, daß ich unter Überwachung stand.»

«Sagen Sie mir doch, Lady Corven, warum haben Sie diese Klage angefochten?»

«Weil wir uns keiner Schuld bewußt waren, mochte auch der Schein noch so sehr gegen uns sprechen.»

Dinny sah, wie der Richter einen Blick auf Clare warf, ihre Antwort notierte und die Feder hob, dann vernahm sie seine Stimme:

«In jener Nacht im Auto befanden Sie sich auf einer Landstraße. Was hinderte Sie, irgendein vorüberfahrendes Auto anzuhalten und den Lenker zu bitten, Sie nach Henley zu fahren?»

«Mylord, ich glaube, das kam uns gar nicht in den Sinn. Ich bat Mr. Croom, einem der vorbeifahrenden Wagen zu folgen, doch sie flitzten zu rasch vorüber.»

«Was aber hinderte Sie daran, zu Fuß nach Henley zu gehn und das Auto im Wald zu lassen?»

«Eigentlich nichts, doch wären wir kaum vor Mitternacht in Henley eingetroffen. Ich hielt das für peinlicher, als einfach im Auto zu bleiben. Und ich hatte mir's schon immer gewünscht, einmal eine Nacht im Auto zu schlafen.»

«Und Sie wünschen es sich jetzt noch immer?»

«Nein, Mylord, ein solches Vergnügen wird überschätzt.»

«Mr. Brough, wir schalten jetzt die Mittagspause ein.»


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