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I

Clare, die seit siebzehn Monaten die Gattin Sir Gerald Corvens, eines Regierungsbeamten im Kolonialdienst, war, stand auf dem Deck eines die Themse hinauffahrenden Orientdampfers und wartete auf die Landung in London. Es war zehn Uhr morgens an einem milden Oktobertag, doch sie trug einen dicken Tweedmantel, denn auf der Reise war es sehr heiß gewesen. Sie sah blaß, fast ein wenig gelb aus, aber der Blick ihrer klaren braunen Augen, der voll Sehnsucht an der Küste hing, und die leichtgeschminkten, halbgeöffneten Lippen verliehen ihrem Antlitz seinen gewohnten lebhaften Ausdruck. Sie stand allein; dann rief eine Stimme:

«Ah, da sind Sie ja!» Hinter einem Boot auf dem Deck tauchte ein junger Mann auf und trat neben sie.

«Prachtvoller Tag!» sagte Clare, ohne sich umzuwenden. «Zu Haus muß es herrlich sein.»

«Ich dachte, Sie würden wenigstens eine Nacht in London verbringen. Da hätten wir zusammen speisen und ins Theater gehn können. Ist das nicht möglich?»

«Mein lieber junger Mann, ich werde abgeholt.»

«Zu blöd, daß alles in der Welt ein Ende nimmt!»

«Noch blöder, daß manches in der Welt einen Anfang nimmt!»

Er sah sie lange an und erklärte plötzlich:

«Clare – nicht wahr, Sie wissen doch, daß ich Sie liebe?»

Sie nickte:

«Ja.»

«Aber Sie lieben mich nicht?»

«Nur ganz unverbindlich.»

«Ich wollte – ich wollte, Sie fingen nur einen Augenblick Feuer.»

«Tony, ich bin eine anständige verheiratete Frau.»

«Die nach England zurückkehrt, weil –»

«Weil sie das Klima Ceylons nicht verträgt.»

Unmutig stieß er mit dem Fuß an die Reling. «Grade jetzt, wo es so schön wird –. Ich hab ja kein Wort darüber gesprochen, aber ich weiß, daß Ihr Gat–, daß Corven –»

Clare zog die Brauen hoch, er verstummte. Dann blickten beide zum Ufer hinüber und versanken immer tiefer in Gedanken.

Wenn zwei junge Leute fast drei Wochen gemeinsam an Bord eines Schiffes verbracht haben, kennen sie einander nicht halb so gut, wie sie sich's einbilden. Alles setzt aus, alles kommt zur Ruhe in der leeren Eintönigkeit dieses Lebens an Bord, alles außer den Maschinen, dem Wellenschlag an den Flanken des Schiffs und der Bahn der Sonne am Himmel; und dieses tägliche Beisammensein in benachbarten Stühlen wird seltsam vertraut, lässig, warm. Die beiden wissen, daß man über sie klatscht, doch es ficht sie nicht an. Man hat ja nichts andres zu tun, und sie können das Schiff nicht verlassen. Sie tanzen mitsammen, und das leise Schaukeln des Saals bringt sie einander unmerklich näher. Nach etwa zehn Tagen leben sie schon in vertrauter Gemeinschaft, friedlicher als in der Ehe, nur die Nächte verbringen sie noch getrennt. Und plötzlich hat das Schiff seine Fahrt beendet, und auch ihr gemeinsames Leben ist zu Ende, und einer von ihnen, vielleicht auch beide, geben sich erst zu spät über ihr Fühlen Rechenschaft. Jäh erfaßt sie eine wilde, doch nicht unangenehme Erregung, das Hangen und Bangen hat ein Ende, ihre Kräfte sind gespannt. Und die beiden sind so verwirrt wie Landtiere auf hoher See.

Clare brach das Schweigen.

«Sie haben mir noch gar nicht erzählt, warum man Sie Tony nennt, Sie heißen doch James.»

«Eben darum! Aber Clare, seien Sie doch endlich ernst. Uns bleibt nicht mehr viel Zeit, gleich setzt uns dieses verdammte Schiff an Land. Ich kann den Gedanken einfach nicht ertragen, Sie jetzt nicht mehr Tag für Tag zu sehn.»

Rasch streifte ihn Clares Blick und glitt dann wieder zum Ufer hinüber. ‹Wahr und offen!› fuhr es ihr durch den Sinn. Sein gebräuntes, ovales Gesicht wirkte in der Tat ‹wahr und offen›, energisch, aber gutmütig. Die dunkelgrauen Augen pflegten mitunter nachdenklich zu blinzeln; sein Haar war dunkel, die Gestalt hager und beweglich.

Er faßte sie an einem Knopf ihres Mantels.

«Sie haben mir noch kein Sterbenswort über Ihr Leben dort erzählt, ich weiß nur eins: Sie sind nicht glücklich.»

«Mir ist es nicht sympathisch, wenn Leute über ihr Privatleben sprechen.»

«Hier», sagte er und übergab ihr eine Visitenkarte, «in diesem Klub bin ich jederzeit zu erreichen.»

Sie las:

 

‹Mr. James Bernard Croom
Coffee House-Klub,
St. James's Street,
London›

 

«Ist das ‹Coffee House› nicht recht altmodisch?»

«Freilich, aber erstklassig ist es noch immer. Mein Vater hat mich schon als Wickelkind in der Mitgliederliste vormerken lassen.»

«Ein angeheirateter Onkel von mir ist in diesem Klub – Sir Lawrence Mont, groß, mager, bewegliche Brauen; Sie werden ihn an einem schildpattgefaßten Monokel erkennen.»

«Ich werd mich nach ihm umsehn.»

«Was wollen Sie in England anfangen?»

«Einen Posten suchen. Das erfordert heute mehr als einen ganzen Mann.»

«Was für einen Posten?»

«Jeden, nur nicht den eines Agenten oder Schulmeisters.»

«Aber findet man heutzutag überhaupt noch andres?»

«Nein. Schlechte Aussichten. Am liebsten möcht ich Realitätenvermittler oder Gestütsbeamter werden.»

«Realitäten und Pferde sterben ja aus.»

«Ich bin mit einigen Züchtern von Rennpferden ziemlich gut bekannt. Aber wahrscheinlich end ich noch als Chauffeur. Wo werden Sie wohnen?»

«Bei meinen Eltern. Wenigstens in der ersten Zeit. Wenn Sie nach einwöchigem Aufenthalt in der Heimat noch immer auf ein Wiedersehn mit mir erpicht sind, dann finden Sie mich in Condaford Grange, Grafschaft Oxfordshire.»

«Warum mußte ich Ihnen nur begegnen?» rief der junge Mann plötzlich düster.

«Danke!»

«Oh, Sie wissen doch, wie ich das meine. Herrgott, da wirft dieser Kasten schon Anker! Da kommt schon das Dampfboot. Ach, Clare!»

«Mein Herr?»

«Hat es Ihnen denn gar nichts bedeutet?»

Clare sah ihn fest an, dann gab sie zur Antwort:

«Doch. Ich weiß aber nicht, ob es mir auch weiter etwas bedeuten wird. Wenn nicht, so danke ich Ihnen jedenfalls dafür, daß Sie mir über drei böse Wochen hinweggeholfen haben.»

Der junge Mann stand stumm da, so stumm, wie nur Menschen sein können, deren Gefühl leidenschaftlich nach Ausdruck ringt …

 

Anfang und Ende jedes menschlichen Tuns bedeuten zumeist einen Wirrwarr: der Bau eines Hauses, der Entwurf eines Romans, das Abreißen einer Brücke und ganz besonders das Ende einer Seereise. Clare stieg, in dem üblichen Gedränge noch immer von dem jungen Croom geleitet, an Land und fiel ihrer Schwester um den Hals.

«Dinny! Wie lieb von dir, daß du dich in diesen Trubel hineingewagt hast! Meine Schwester, Dinny Cherrell – Tony Croom. Nun bin ich in guter Hut, Tony. Kümmern Sie sich jetzt um Ihre eignen Sachen!»

«Ich bin in Fleurs Auto hergekommen», sagte Dinny. «Wie steht's mit deinen Koffern?»

«Die werden direkt nach Condaford befördert.»

«Dann können wir gleich drauflosfahren.»

Der junge Mann begleitete sie noch zum Wagen und nahm mit einer Munterkeit von ihnen Abschied, die niemanden trügen konnte. Dann ratterte das Auto vom Landungsplatz weg.

Die Schwestern saßen Seite an Seite und betrachteten einander mit liebevoll prüfenden Blicken; ihre Hände lagen engumschlungen auf der Wagendecke.

«Nun, Liebste», hob Dinny endlich an, «reizend, dich wiederzusehn! Ich las so manches zwischen den Zeilen – hab ich mich geirrt?»

«Nein, Dinny. Ich kehr nicht mehr zu ihm zurück.»

«Nie und nimmer?»

«Nie und nimmer.»

«Ach, Liebling! Armes Kind!»

«Ich will jetzt nicht näher darauf eingehen, aber die Sache wurde ganz unmöglich.» Clare schwieg, dann warf sie den Kopf zurück und sagte hastig: «Unmöglich!»

«War er mit deiner Heimreise einverstanden?»

Clare schüttelte den Kopf. «Ich bin ihm durchgebrannt. Er war verreist. Ich hab ihm ein Radiogramm gesandt und von Suez geschrieben.»

Wieder trat Schweigen ein. Dann drückte ihr Dinny die Hand und meinte: «Ich hab es immer gefürchtet.»

«Und was das Ärgste ist – ich hab keinen roten Heller. Dinny, läßt sich etwas in Hüten machen?»

«Ich weiß nicht recht, am besten gehn ja doch französische Hüte.»

«Vielleicht könnt ich Hunde züchten – Terriers. Was hältst du davon?»

«Hm. Wir wollen uns erkundigen.»

«Wie geht's in Condaford?»

«Wir wursteln so weiter. Jeanne ist wieder zu Hubert gefahren, aber das Baby ist noch hier – gerade ein Jahr alt. Cuthbert Conway Cherrell. Wie der Onkel Bischof. Ein herziger Kerl!»

«Gottlob, diese Komplikation blieb mir erspart. Gewisse Dinge haben auch ihren Vorteil.» Ihre Züge wurden so hart und scharf wie das Bild auf einer Münze.

«Hast du schon Nachricht von ihm?»

«Nein. Aber die werd ich schon kriegen, wenn er merkt, daß es mir ernst ist.»

«Ist eine andre Frau im Spiel?»

Clare zuckte die Achseln.

Wieder umschloß Dinnys Hand die ihre.

«Ich mag diese Sache nicht breittreten.»

«Reist er dir vielleicht zu uns nach?»

«Ich weiß nicht. Wenn er kommt, empfange ich ihn nicht.»

«Liebling, du verrennst dich in eine böse Geschichte.»

«Ach was, zerbrechen wir uns nicht den Kopf über mich. Wie ist es denn dir gegangen?» Prüfend glitt ihr Blick über die Schwester. «Du gleichst mehr denn je einem Botticelli-Bild.»

«Ich hab mich zur Sparmeisterin entwickelt. Und treibe Bienenzucht.»

«Lohnt sich das?»

«Augenblicklich noch nicht. Aber eine Tonne Honig könnte uns etwa siebzig Pfund tragen.»

«Wieviel Honig hast du heuer erzielt?»

«Ungefähr hundert Kilogramm.»

«Haben wir noch die Pferde?»

«Ja, die sind vorläufig gerettet. Ich hab den Plan für eine Brotfabrik in Condaford ausgearbeitet. Unser Landgut produziert doppelt so viel Weizen, als wir verkaufen können. Ich will unser Getreide vermahlen, Brot backen und die Nachbarn damit beliefern. Man müßte nur ein paar Pfund aufwenden, um die alte Mühle wieder in Gang zu setzen, ein Gebäude für die Bäckerei ist vorhanden. Das Unternehmen erfordert etwa dreihundert Pfund Anfangskapital. Wir sind fast entschlossen, das Geld aus unserm Wald herauszuschlagen.»

«Die Händler in der Nachbarschaft werden Zeter schreien.»

«Zweifellos.»

«Kann der Betrieb sich wirklich rentieren?»

«Ein Hektar Land liefert durchschnittlich zweieinhalb Tonnen Weizen – so behauptet das Lexikon, unsere zwölf Hektar Weizenboden liefern also dreißig Tonnen Weizen; dazu kommen noch ungefähr ebenso viele Tonnen kanadischer Weizen. Damit können wir gutes Weißbrot erzeugen; wir erzielen so mindestens achthundertfünfzig Pfund, wovon wir fünfhundert Pfund für das Mahlen und Backen in Abrechnung bringen. Wir müßten dann täglich hundertsechzig zweipfündige Laib Brot backen und jährlich etwa sechsundfünfzigtausend Laib absetzen. Mit diesem Brot würden wir achtzig Haushaltungen versorgen, also mehr oder weniger das ganze Dorf. Und wir würden das beste, weißeste Brot herstellen.»

«Also dreihundertfünfzig Pfund Reingewinn», bemerkte Clare. «Wenn's wahr ist.»

«Das frag ich mich auch», meinte Dinny. «Zwar weiß ich noch nicht aus Erfahrung, daß man jeden erhofften Reingewinn halbieren muß – Erfahrungen hab ich ja noch keine, doch auch die Hälfte würde uns schon ein wenig sanieren und allmählich wäre der Betrieb zu erweitern. Mit der Zeit könnte man noch so manche Wiese umackern.»

«Kein übler Plan», sagte Clare. «Aber wird das Dorf hinter euch stehn?»

«Ich denke schon – soweit ich den Leuten auf den Zahn fühlen konnte.»

«Da brauchst du wohl jemanden, der das Unternehmen leitet.»

«Fr– freilich. Und der müßte sich scharf ins Zeug legen. Wenn es gelänge, hätte er eine Existenz vor sich.»

«Wenn's wahr ist», wiederholte Clare und runzelte die Stirn.

«Wer war der junge Mann vorhin?» fragte Dinny plötzlich.

«Tony Croom? Ach, der war auf einer Teeplantage beschäftigt, aber der Betrieb wurde eingestellt.» Und sie sah ihrer Schwester voll ins Gesicht.

«Netter Kerl?»

«Ja, ein recht netter Kerl. Er sucht übrigens einen Posten.»

«Ebenso wie drei Millionen andrer Leute.»

«Mich inbegriffen.»

«Meine Liebe, du wirst keine sehr erquicklichen Verhältnisse in England finden.»

«Wenn ich nicht irre, haben wir den Goldstandard aufgegeben, während ich auf dem Roten Meer schwamm. Was ist eigentlich der Goldstandard?»

«Etwas, das man los sein möchte, solang man es hat, und zurückersehnt, sobald man es los ist.»

«Verstehe.»

«Offenbar können unser Export, unser Gewinn aus dem Güterverkehr und die Zinsen unsres im Ausland angelegten Kapitals dem Import nicht länger die Waage halten. Wir leben also über unsere Mittel. Nach Michaels Behauptung hätte das jeder voraussehen können. Aber wir hoffen immer, über Nacht werde alles wieder gut sein. Es kam jedoch anders. Daher die nationale Regierung und die Neuwahlen.»

«Kann das Kabinett was leisten, wenn es das Feld behauptet?»

«Michael meint, ja, doch er ist ein berüchtigter Optimist. Onkel Lawrence erklärt, die Regierung könnte der Panik Einhalt tun, die Kapitalflucht ins Ausland verhindern, das Pfund möglichst stabil halten und den Spekulanten das Handwerk legen. Doch müßte der Wiederaufbau zielsicher und mit großem Weitblick durchgeführt werden, aber das würde zwanzig Jahre beanspruchen. Und inzwischen werden wir allesamt von Tag zu Tag ärmer. ‹Zum Unglück›, sagt er, ‹kann die Regierung uns nicht so umkrempeln, daß wir lieber arbeiten als spielen, uns diese schauderhaften Steuern vom Mund absparen und der Zukunft zuliebe auf die Gegenwart verzichten. Bildet euch nur ja nicht ein›, sagt er, ‹daß die Leute jetzt solche Opfer für das Vaterland bringen werden wie in der Kriegszeit. Damals standen wir als ein Volk gegen einen äußern Feind, heute stehn wir als zwei Volksparteien gegen den innern Feind und haben ganz entgegengesetzte Ansichten über den Weg, der zur Rettung führt.›»

«Glaubt er, die Sozialisten kennen das Rettungsmittel?»

«Nein, er behauptet, die Sozialisten vergessen ganz, daß niemand auf die Dauer Leute ernähren will, die ihr Essen weder produzieren noch bezahlen können. Seiner Meinung nach haben der Kommunismus und ein Sozialismus, der den Freihandel predigt, nur in einem Lande Aussicht, das sich selbst ernähren kann. Wie du siehst, lausch ich unsern Politikern ihre Weisheit ab. Alle führen übrigens die Nemesis beständig im Munde!»

«Uff! Wohin fahren wir jetzt, Dinny?»

«Wenn's dir paßt, wollen wir zunächst bei Fleur lunchen und hernach mit dem Dreiuhrfünfziger nach Condaford dampfen.»

Dann herrschte Schweigen; jede der Schwestern dachte angestrengt über die andere nach, und keiner war dabei sonderlich wohl zumute. Clare entdeckte an Dinny eine geheime Veränderung, als sei in ihr etwas zerbrochen und nur notdürftig wieder geleimt worden. Dinny aber sann: ‹Das arme Kind! Nun sind wir beide durchs Feuer gegangen. Was wird sie nur anfangen? Und wie kann ich ihr helfen?›


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