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VIII

Das Wahlfieber in Condaford war geschwunden und die gewohnte Stimmung äußerte sich in den Worten des Generals:

«Na, diesen Kerlen ist recht geschehn!»

«Vater, wird dir nicht angst und bang bei dem Gedanken, was den neuen ‹Kerlen› geschehn wird, wenn sie es nicht besser machen?»

Der General lächelte. «Für heute bin ich zufrieden, Dinny. Hat Clare sich schon in London eingerichtet?»

«Sie ist in ihre Bude eingezogen. Vorläufig besteht ihre Arbeit, scheint mir, im Schreiben von Dankbriefen an die Leute, die für Dornford die schmutzige Arbeit auf der Straße besorgten.»

«Im Auto? Mag Clare Dornford gut leiden?»

«Sie hält ihn für ungemein rücksichtsvoll.»

«Sein Vater war ein guter Soldat. Im Burenkrieg stand ich kurze Zeit in seiner Brigade.» Er blickte seine Tochter durchdringend an und fuhr fort:

«Läßt Corven etwas von sich hören?»

«Ja. Er ist in London.»

«Was! Ich wollte, man hielte mich nicht so im Dunkeln. Heutzutage müssen die Eltern vor der Tür stehn und drauf warten, was sie durchs Schlüsselloch zu sehn bekommen.»

Dinny zog seinen Arm durch den ihren.

«Man muß so sehr auf die Gefühle der lieben Eltern bedacht sein. Vater, seid ihr nicht Mimosen?»

«Nun, deine Mutter und ich sehn die Zukunft sehr trüb. Wir wünschen von Herzen, die Sache ließe sich wieder leimen.»

«Doch hoffentlich nicht um den Preis von Clares Glück?»

«Nein», gab der General zögernd zurück, «nein. Aber diese Eheaffären sind heikle Geschichten. Wer kann sagen, was jetzt oder später Glück für sie bedeutet? Sie weiß es nicht, du weißt es nicht und ich weiß es auch nicht. Meist kommt man bei diesen Geschichten nur vom Regen in die Traufe.»

«Man soll also gar nichts versuchen? Soll im Regen bleiben? War das nicht so ungefähr die Maxime der Arbeiterpartei?»

«Ich möchte ihn aufsuchen», erklärte der General und glitt über Dinnys Anspielung hinweg. «Aber ich mag nicht so im Dunkeln tappen. Was meinst du, Dinny?»

«Lieber nicht den schlafenden Leu wecken, wart doch, bis er dich angreift.»

«Du glaubst, das tut er?»

«Jawohl.»

«Traurig!» murmelte der General. «Clare ist noch so jung.»

Das war auch Dinnys steter Gedanke. In der ersten Erregung hatte sie der Schwester gesagt: ‹Du mußt dich freimachen›, und auch jetzt blieb das ihre feste Überzeugung. Aber wie sollte sie sich befrein? Die Kenntnis der Scheidungsparagraphen hatte man sie in der Jugend nicht gelehrt. Scheidungen kamen durchaus nicht selten vor, das wußte sie und hatte wie die meisten ihrer Altersgenossen nicht viel dagegen einzuwenden. Ihren Eltern erschien es offenbar als tiefbetrübliches Ereignis, besonders, wenn Corven sich von Clare scheiden ließe, nicht sie von ihm; diese Schande mußte man wohl um jeden Preis vermeiden. Seit ihrem herzzerreißenden Erlebnis mit Wilfrid war Dinny nur mehr sehr selten in London gewesen. Jede Straße und vor allem der Hydepark gemahnten sie an ihn und die Einsamkeit, in der er sie zurückgelassen. Dennoch war es ihr jetzt ganz klar, daß Clare in der Krise, die ihr nun bevorstand, nicht allein bleiben durfte.

«Meinst du nicht, Vater, ich sollte in die Stadt fahren, um herauszukriegen, was eigentlich los ist?»

«Ja, tu das, mir fällt ein Stein vom Herzen. Wenn es irgendwie möglich ist, die Sache zu leimen, dann soll es geschehn.»

Dinny schüttelte den Kopf. «Meiner Meinung nach ist es unmöglich, und auch du würdest es nicht wünschen, wenn Clare dir alles gesagt hätte, was sie mir erzählte.»

Der General starrte sie an. «Da hast du's! Ihr laßt mich im Dunkeln.»

«Ganz richtig, lieber Vater, aber solange sie selbst es dir nicht erzählt, kann auch ich nichts sagen.»

«Dann fahr so bald wie möglich zu ihr.»

 

In der Melton Mews, einem Gäßchen nahe den Hofstallungen, roch es zwar nicht nach Pferden, dafür aber ganz aufdringlich nach Benzin. Diese Hintergasse mit ihren Ziegelmauern war zum Stammquartier der Autos geworden. Als Dinny am späten Nachmittag die Gasse betrat, gähnten ihr zur Rechten und zur Linken mehr oder minder frischgestrichene Garagentore entgegen. Ein oder zwei Katzen schlichen vorbei und durch eine offene Tür sah man die Kehrseite eines Chauffeurs, der sich im Arbeitskittel über einen Motor beugte. Im übrigen war hier alles still und öde.

Nr. 2 hatte noch von seiner früheren Besitzerin her eine pfaublaue Haustür; wie so manche andere Luxuswarenhändlerin hatte auch sie infolge der Wirtschaftskrise ihr Geschäft aufgeben müssen. Dinny zog an einem ziselierten Glockengriff und ein schwaches Bimmeln ertönte, das an die Schelle eines verlaufenen Schafes gemahnte. Dann Stille, für einen Augenblick ein Lichtschimmer gerade ihr gegenüber, die Tür tat sich auf. Clare stand im jadegrünen Arbeitskittel im Rahmen und rief:

«Komm doch herein, meine Liebe. Hier findest du die Löwin in der Höhle, die Herrin im Burgsaal.»

Dinny betrat einen kleinen, fast leeren Raum, der mit Matten belegt und mit grüner japanischer Seide behangen war, die noch von der Antiquitätenhändlerin stammte. Eine enge Wendeltreppe mündete in die gegenüberliegende Ecke, und aus einer einzigen Lampe mit grünem Papierschirm in der Mitte drang gedämpftes Licht. Ein elektrischer Messingofen gab keine Wärme.

«Hier ist weiter nichts los», sagte Clare, «komm hinauf.»

Dinny stieg die Wendeltreppe empor und kam in ein noch kleineres Wohnzimmer. Zwei mit Vorhängen versehne Fenster boten Ausblick auf die Hintergasse, dann gab es noch ein Lotterbett mit Kissen, einen kleinen alten Schreibtisch und drei Stühle, sechs japanische Drucke, die Clare offenbar eben erst aufgehängt hatte, einen alten Perser über dem mattenbelegten Boden und ein fast leeres Bücherregal, auf dem einige Familienbilder standen. Die Wände waren blaßgrau getüncht, der Gaskamin brannte.

«Fleur hat mir die Drucke und den Teppich gespendet, Tante Emily den Schreibtisch. Das übrige hab ich von meiner Vorgängerin übernommen.»

«Wo schläfst du?»

«Auf diesem Lotterbett, ganz bequem. Nebenan hab ich ein kleines Bade- und Ankleidezimmer mit Warmwasserleitung und einen – wie heißt das Zeug nur? – einen eingebauten Wandschrank für Kleider.»

«Mutter beauftragte mich, dich zu fragen, was du brauchst.»

«Unsern alten Primus-Kochofen, ein paar Decken, Messer, Gabeln und Löffel, ein kleines Teeservice, wenn ihr es entbehren könnt, und ein paar Bücher, die ihr nicht braucht.»

«Schön», sagte Dinny. «Also Liebste, wie geht es dir?»

«Körperlich gut, aber seelisch bin ich unruhig. Ich hab dir ja erzählt, er ist in London.»

«Weiß er von dieser Wohnung?»

«Vorläufig nicht. Du, Fleur und Tante Emily – ja und Tony Croom, ihr seid die einzigen, die davon wissen. Meine offizielle Adresse ist Mount Street. Aber wenn er es sich in den Kopf setzt, kriegt er es bestimmt noch heraus.»

«Hast du ihn gesehn?»

«Ja, ich hab ihm auch gesagt, daß ich nicht mehr zu ihm zurückkomme. Und ich gehe auch nicht mehr zurück, Dinny. Darüber ist weiter kein Wort zu verlieren. Möchtest du Tee? Ich kann ihn in einem braunen Topf kochen.»

«Nein, danke, hab auf der Fahrt getrunken.» Sie saß auf einem der übernommenen Stühle, in einem flaschengrünen Kostüm, das ihr zu ihrem buchenlaubfarbenen Haar ausgezeichnet stand.

«Wie hübsch du dich nur in diesem Sessel ausnimmst!» sagte Clare und rekelte sich auf dem Diwan. «Zigarette?»

Dinny dachte das gleiche von ihrer Schwester. Ein anmutiges Geschöpf, ein Geschöpf, das stets anmutig wirken mußte, mit dunklem, kurzgeschnittnem Haar, dunklen, lebhaften Augen, elfenbeinfarbenem Gesicht und der Zigarette zwischen den nur wenig geröteten Lippen. Sie sah – mit einem Wort – begehrenswert aus. Diese Feststellung berührte Dinny peinlich. Clare war ja stets lebhaft und reizvoll gewesen, doch zweifellos hatte die Ehe diesen Reiz noch gesteigert, noch vertieft, geradezu dämonisch gemacht. Plötzlich fragte sie:

«Tony Croom, sagtest du?»

«Er half mir diese Wände malen. Eigentlich hat er's allein gemacht, ich nur das Badezimmer, diese hier sind besser ausgefallen.»

Dinnys Augen prüften die Wände mit offenkundigem Interesse.

«Recht nett. Vater und Mutter sind unruhig, Liebste.»

«Kann ich mir denken.»

«Nur natürlich, gelt?»

Clares Brauen zogen sich hinab. Dinny entsann sich auf einmal, wie ernst sie beide einst die Frage erörtert hatten, ob man sich die Brauen auszupfen lassen solle oder nicht. Gott sei Dank, Clare hatte es noch nicht getan.

«Ich kann es nicht ändern, Dinny. Ich weiß nicht, was Jerry vorhat.»

«Er kann wohl nicht lange hierbleiben, ohne sein Amt niederzulegen.»

«Vermutlich nicht. Aber ich zerbreche mir darüber nicht den Kopf. Was kommt, kommt.»

«Wie lang könnte der Scheidungsprozeß dauern, ich meine, wenn du die Klage einbringst?»

Clare schüttelte den Kopf. Eine dunkle Locke fiel ihr in die Stirn und erinnerte Dinny an ihre Kindertage.

«Ihn überwachen zu lassen, ginge mir gegen den Strich. Und ich mag auch nicht vor Gericht gehn und dort haargenau auseinandersetzen, wie brutal er mich behandelt hat. Übrigens steht auch nur mein Wort gegen das seine. Den Männern ist nicht so leicht beizukommen.»

Dinny erhob sich und nahm neben Clare auf dem Lotterbett Platz.

«Umbringen könnt ich ihn!» rief sie.

Clare lachte.

«In mancher Hinsicht war er gar nicht so übel. Doch ich mag einfach nicht zu ihm zurück. Wenn man dich einmal so erniedrigt hätte, tätest du's auch nicht.»

Dinny saß schweigend mit geschlossenen Augen da.

«Sag mir doch, wie du mit Tony Croom stehst», bat sie endlich.

«Will sehen, wie er sich bewährt. Solange er sich anständig aufführt, mag ich ihn gern sehn.»

«Wenn man erfährt», sagte Dinny langsam, «daß er dich hier besucht, wäre der gewünschte Scheidungsgrund wohl gegeben, wie?»

Clare lachte wieder.

«Grund genug in den Augen von Weltmännern. Ich glaube, einer solchen Bezeichnung können die Geschworenen nie widerstehn. Aber versteh mich recht, Dinny, ehe ich anfange, die Welt mit den Augen von Geschworenen anzusehn, laß ich mich lieber gleich begraben. Doch ich fühl mich noch springlebendig. Drum geh ich unbekümmert meinen Weg. Tony weiß, ich hab so viel ‹Physiologie› genossen, daß ich für lange Zeit genug hab.»

«Ist er in dich verliebt?»

Die blauen Augen blickten in die braunen.

«Ja.»

«Bist du in ihn verliebt?»

«Ich hab ihn gern, recht gern. Andere Gefühle kenn ich vorläufig nicht.»

«Hältst du es nicht für klüger, während Jerrys Anwesenheit –»

«Nein. Solange er hier ist, bin ich sicherer als nach seiner Abreise. Wenn ich nicht mit ihm zurückkehre, läßt er mich wahrscheinlich beobachten. Er tut, was er sagt, darauf kannst du dich verlassen.»

«Wenn das ein Vorteil sein soll! Komm, gehn wir fort, zum Abendessen.»

Clare dehnte sich.

«Leider ausgeschlossen, Liebste. Ich speise mit Tony in einem kleinen, schäbigen Restaurant, wie es sich unsrer magern Börse ziemt. Dieses Leben von der Hand in den Mund macht mir Spaß.»

Dinny stand auf und begann, die japanischen Drucke gerade zu hängen. Clares Sorglosigkeit war ihr nichts Neues. Sich als ältere Schwester aufzuspielen, als Tugendrichterin! Unmöglich!

«Gute Arbeiten, meine Liebe», erklärte sie. «Fleur hat sehr hübsche Sachen.»

«Verzeih, bitte, wenn ich mich jetzt umkleide», sagte Clare und verschwand im Badezimmer.

Dinny blieb mit dem Problem ihrer Schwester allein zurück. Ein Gefühl der Hilflosigkeit überkam sie, wie es niemandem erspart bleibt, nur vielleicht den gebornen Besserwissern. Niedergeschlagen trat sie ans Fenster und zog den Vorhang beiseite. Alles schien finster und schmutzig. Ein Auto war aus einer benachbarten Garage hervorgekommen und harrte nun des Lenkers.

‹Hier Antiquitäten an den Mann bringen zu wollen, närrischer Einfall!› dachte sie. Sie sah einen Mann um die nahe Ecke biegen und nach den Hausnummern spähn. Er trat auf die gegenüberliegende Seite, dann blieb er gerade vor dem Haus Nr. 2 stehn. Wie kräftig und selbstsicher diese schlanke Gestalt in dem gutgeschnittenen Überrock nur wirkte!

‹Hilf Himmel!› schoß es ihr durch den Kopf, ‹Jerry!› Sie ließ den Vorhang fallen und eilte zum Badezimmer. Als sie die Tür auftat, hörte sie das Schafglöokchen der Antiquitätenhändlerin melancholisch bimmeln.

Clare stand im Negligé unter der einzigen Glühbirne und besah in einem Handspiegel prüfend ihre Lippen. Dinny trat in den Raum, der nur vier Fuß zu zwei maß; nun war fast kein Zoll breit Platz mehr vorhanden.

«Clare!» rief sie, « er kommt!»

Clare wandte sich um, der Schimmer ihrer blassen Arme, der Glanz der Seidenwäsche, das erschrockene Aufleuchten ihrer dunklen Augen – sogar ihrer Schwester erschien sie wie ein Bild.

«Jerry?»

Dinny nickte.

«Ich mag ihn nicht sehn!» Sie warf einen Blick auf die Uhr an ihrem Handgelenk. «Und um sieben soll ich dort sein! Verdammt!»

Dinny lag zwar nicht das mindeste daran, daß Clare ihre unüberlegte Verabredung einhielt, dennoch fragte sie zu ihrer eigenen Überraschung:

«Soll ich hinuntergehn? Er hat bestimmt das Licht bemerkt.»

«Könntest du ihn nicht fortlocken, Dinny?»

«Ich kann es versuchen.»

«Dann tu es doch, Liebste! Es wäre ganz reizend von dir. Weiß der Kuckuck, wie er meine Adresse herausbekommen hat. Zum Teufel! Der Mensch beginnt mich zu verfolgen.»

Dinny schritt ins Wohnzimmer zurück, drehte das Licht ab und stieg die Wendeltreppe hinunter. Beim Hinabgehn hörte sie die Schafglocke nochmals bimmeln. Sie durchquerte den kleinen leeren Raum vor dem Eingang und dachte: ‹Die Tür geht nach innen auf, ich muß sie fest hinter mir zuschlagen!› Ihr Herz pochte wild, sie holte tief Atem, öffnete rasch die Tür, schritt hinaus und schlug sie fest hinter sich zu. Sie stand Aug in Auge ihrem Schwager gegenüber. Mit glänzend gespielter Überraschung wich sie zurück:

«Wer ist das?»

Er zog den Hut, die beiden sahn einander an.

«Dinny, ist Clare zu Hause?»

«Ja, sie kann aber niemanden empfangen.»

«Das heißt wohl, sie mag mich nicht empfangen?»

«Wenn du es so formulieren willst, bitte.»

Er sah sie mit seinen kühnen Augen scharf an.

«Gut, dann ein andermal. Wohin gehst du?»

«In die Mount Street.»

«Ich begleite dich, wenn ich darf.»

«Gewiß.»

Sie schritt an seiner Seite hin und dachte: ‹Vorsicht!› In seiner Gesellschaft fühlte sie sich keineswegs so sicher wie in seiner Abwesenheit. Jerry Corven war bezaubernd, das sagte ja alle Welt.

«Clare stellt mir wohl kein gutes Zeugnis aus, wie?»

«Bitte, sprechen wir nicht drüber. Ich teile ganz ihre Gefühle.»

«Natürlich. Dein Familiensinn ist ja sprichwörtlich. Aber bedenk doch, Dinny, wie aufreizend sie wirkt.» Sein lächelnder Blick streifte sie. Jenes Bild: der Hals, die schimmernden Arme, das dunkle Haar, die dunklen Augen! Sex appeal – scheußlicher Ausdruck! «Du hast ja keine Ahnung, wie sie einen auf die Folter spannt. Obendrein war ich stets ein Freund von Experimenten.»

Dinny blieb plötzlich stehn. «Sie ist meine Schwester, begreifst du?»

«Du bist davon wohl überzeugt, aber man möchte es kaum glauben, wenn man euch beide nebeneinander sieht.»

Dinny schritt weiter und gab keine Antwort.

«Also paß auf, Dinny!» hob die angenehme Stimme wieder an, «ich bin ein Genußmensch, zugegeben. Aber was liegt schon dran! Der Sexualtrieb führt naturgemäß auf Abwege. Falls das jemand leugnet, so glaub ihm nicht. Derlei Wünsche verfliegen wieder von selbst, sie sind jedenfalls belanglos. Wenn Clare zu mir zurückkommt, denkt sie an diese Geschichte in zwei Jahren längst nicht mehr. Ihr gefällt ein solches Leben und ich bin kein Fadian. In der Ehe soll jeder nach seiner Fasson selig werden.»

«Das heißt, du willst dann deine Experimente an andern machen?»

Er zuckte die Achseln, maß sie von der Seite und lächelte.

«Diese Unterredung macht dich fast verlegen, nicht wahr? Nur eines möchte ich dir klarlegen: Ich hab gewissermaßen ein doppeltes Ich, das eine – und auf das kommt es an – muß arbeiten und kann diese Arbeit auch leisten. Von diesem Jerry sollte Clare nicht lassen, denn er wird ihr ein Leben verschaffen, in dem sie nicht rostet. Sie wird mitten drin in den Ereignissen stehn, mitten in der Gesellschaft. Sie wird Leben und Bewegung haben und beides liebt sie. Auch eine gewisse Macht wird sie besitzen, was ihr gar nicht übel behagt. Mein zweites Ich – na, das will sein Vergnügen und nimmt es sich eben. Aber das Schlimmste ist vorüber, wenigstens für sie, wird zumindest vorüber sein, wenn wir wieder zusammen hausen. Wie du siehst, bin ich ehrlich, oder schamlos, wenn dir das besser gefällt.»

«Doch was hat das alles mit Liebe zu tun?» fragte Dinny trocken.

«Vielleicht gar nichts. Die Ehe beruht auf gemeinsamen Interessen, gemeinsamem Begehren. Die Interessen nehmen mit den Jahren zu, das Begehren nimmt ab. Doch gerade das dürfte ihr willkommen sein.»

«Ich kann nicht für Clare das Wort führen, aber für meine Person sehe ich die Sache anders.»

«Du hast es eben noch nicht ausprobiert, meine Liebe.»

«Nein», gab Dinny zurück, «und werd es auch nie, wenigstens nicht auf dieser Basis. Mich ekelt vor einer Mischung von Laster und Geschäft.»

Er lachte.

«Du sprichst frisch von der Leber weg, das gefällt mir. Doch im Ernst, Dinny, du solltest Clare umstimmen. Sie macht einen schweren Fehler.»

Dinny ergriff plötzlich wilder Zorn.

«Den schwersten Fehler hast du begangen, scheint mir», stieß sie zwischen den Zähnen hervor. «Wenn man gewisse Pferde auf gewisse Weise traktiert, kommt man nie mehr wieder mit ihnen aus.»

Er schwieg.

«Eure Familie wünscht doch gewiß keine Scheidung», erklärte er schließlich und sah sie fest an. «Ich hab es Clare schon gesagt: ich dulde einfach nicht, daß sie sich von mir scheiden läßt. Tut mir leid, aber es läßt sich nicht ändern. Wenn sie aber doch nicht zu mir zurück will, soll sie trotzdem nicht freie Hand haben.»

«Das heißt also», stieß Dinny wieder zwischen den Zähnen hervor, «wenn sie zu dir zurückgeht, dann kann sie freie Hand haben?»

«So ungefähr stell ich mir's vor.»

«Verstehe. Höchste Zeit, daß ich dir gute Nacht sage.»

«Wie du willst. Du hältst mich für einen Zyniker. Magst ja recht haben. Ich aber werde alles dransetzen, Clare zurückzuholen. Wenn sie sich weigert, dann soll sie auf der Hut sein.»

Sie waren unter einem Laternenpfahl stehngeblieben; mühsam zwang sich Dinny, seinem Blick standzuhalten. Er schien furchtbar, schamlos, bestrickend, ohne Erbarmen wie ein Panther, mit diesem lauernden Lächeln, diesem unheimlich ruhigen Blick. «Ich verstehe vollkommen», sagte sie gelassen. «Gute Nacht!»

«Gute Nacht, Dinny! Tut mir leid, aber es ist wohl am besten, wir wissen, woran wir sind. Reichst du mir nicht die Hand?»

Zu ihrer eignen Überraschung ließ sie sich seinen Händedruck gefallen, dann bog sie um die Ecke in die Mount Street.


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