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XIII

Wer den weichen grünen Rasen rings um den Temple betrachtet, die Gebäude mit ihren steinernen Schwellen, die schönen Bäume und die Kropftauben, gerät in poetisches Entzücken, dann jedoch ersteht eine andre Bilderreihe vor seinem Blick: Zahllose, mit roten Schnüren umwundne Aktenbündel, eine unübersehbare Schar kleiner Angestellter, die in ihren Büros Daumen lutschen und auf das Erscheinen der Anwälte warten, in Kalbleder gebundene Folianten, voll von Berichten über zahllose Gerichtsfälle und voll so scharfsinniger Beweisführungen, daß die Leichtlebigen bei ihrem Anblick aufseufzen und voll Sehnsucht an das beliebte Londoner ‹Café Royal› denken. Unleugbar, im Temple-Gebäude mit seinen Advokaturskanzleien schwebt der menschliche Geist in den höchsten Regionen, während der Körper in der Tiefe bequemer Stühle ruht. Unleugbar, die Menschlichkeit wird gleich beim Eintritt abgelegt, so etwa, wie der Gläubige beim Betreten der Moschee die Schuhe ablegen muß. Nicht einmal an Festabenden hat die Menschlichkeit hier Zutritt, denn ein Mann des Gesetzes darf sich nicht gehn lassen und die Worte: ‹In Gala› auf der Einladungskarte bedeuten schon eine Warnung. An den seltenen Herbstmorgen, da die Sohne scheint, mag einem Bewohner der Ostseite des Temple zu Mute sein wie einem Bergsteiger auf dem Gipfel, wie einem Musikliebhaber nach den Klängen einer Brahmssymphonie, oder wie dem Naturfreund beim Anblick der ersten Narzissen im Frühling. Plötzlich aber kommt ihm zum Bewußtsein, daß er in seiner Kanzlei sitzt, und er wendet sich rasch seinem Akt zu.

Dennoch, wie seltsam! Eustace Dornford, der schon fast ein Mann in mittleren Jahren war, hatte jetzt unablässig – bei Sonnenschein und auch bei trübem Wetter – das Gefühl, als sitze er in den ersten Frühlingstagen auf einer niedern Mauer und sehe das Leben in Gestalt eines der Frauenbilder Botticellis durch einen Garten voll Orangenbäume und Frühlingsblüten auf sich zuschreiten. Kurzum, er war in Dinny ‹verliebt›. Jeden Vormittag fühlte er bei Clares Eintritt den Wunsch, sie zum Plaudern über ihre Schwester zu bringen, statt ihr Parlamentsangelegenheiten zu diktieren. Doch seine Selbstbeherrschung trug den Sieg davon und mit einem gewissen Humor ergab er sich in seine Berufspflichten und stellte nur an Clare die Frage, ob sie und ihre Schwester am Sonnabend hier oder im Café Royal mit ihm zu Abend speisen wollten.

«Hier wäre es origineller.»

«Möchten Sie vielleicht einen Herrn als Vierten einladen?»

«Möchten Sie das nicht selbst tun, Mr. Dornford?»

«Vielleicht sähn Sie gern einen Ihrer Bekannten dabei?»

«Nun, dann Tony Croom, meinen Reisegefährten vom Schiff – ein netter Junge.»

«Schön! Also Samstag abend. Und Sie laden auch Ihre Schwester ein?»

Clare entgegnete nicht: ‹Wahrscheinlich erwartet sie mich unten›, doch Dinny stand tatsächlich vor dem Tor. Während dieser Woche holte sie Clare jeden Abend um halb sieben ab und begleitete sie nach Hause. Die Gefahr war noch nicht gebannt und die Schwestern wollten nichts riskieren.

Als Dinny von der Einladung erfuhr, sagte sie: «Nachdem ich neulich abend von dir fortgegangen war, stieß ich auf Tony Croom und wir gingen zusammen in die Mount Street zurück.»

«Du erzähltest ihm doch nichts von Jerrys Besuch bei mir?»

«Natürlich nicht!»

«Wie nun die Dinge stehn, hat ers schwer, Dinny. Er ist wirklich ein netter Junge.»

«Das find ich auch. Doch ich hätt es lieber, er wäre jetzt nicht in London.»

Clare lächelte. «Na, lang bleibt er nicht mehr hier. Mr. Muskham hat ihn mit der Aufsicht über einige Araberstuten in Bablock Hythe betraut.»

«Jack Muskham wohnt doch in Royston.»

«Die Araber sollen ein eigenes Gestüt in einem mildern Klima bekommen.»

Dinny riß sich gewaltsam von ihren Erinnerungen los.

«Also Liebling, wollen wir in einem Taxi dahinsausen oder uns von der Untergrundbahn durchrütteln lassen?»

«Ich brauche frische Luft. Magst du zu Fuß gehn?»

«Gern. Gehn wir den Themsekai und die Parkanlagen entlang.»

Sie schritten rasch des Wegs, denn es war kalt. Im Glanz der Laternen sah diese breite, unverbaute Stadtzone eigenartig schön aus unter dem dunklen Sternenhimmel. Auch die Gebäude hatten ihr alltägliches Aussehen verloren und wirkten groß und mächtig.

«London bei Nacht ist doch wirklich schön», murmelte Dinny.

«Stimmt, man geht abends mit einer Schönheit zu Bett und des Morgens entpuppt sie sich als Schankmädel. Was ist London im Grunde? Eine Riesenmenge zusammenwirkender Kräfte, ein Ameisenhaufen.»

«‹So ermüdend!› würde Tante Emily sagen.»

«Doch welchen Zweck hat das alles, Dinny?»

«Eine Werkstatt, die gern vollendete Erzeugnisse liefern möchte; eine Million Fehlschläge auf einen Erfolg.»

«Ist das überhaupt der Mühe wert?»

«Warum nicht?»

«Woran soll man in dieser Welt eigentlich glauben?»

«An Charakterstärke.»

«Wie meinst du das?»

«Charakterstärke fördert unser Streben nach Vollendung und unsere besten Anlagen.»

«Hm!» ließ Clare sich vernehmen, «wie können wir wissen, was das Beste in uns ist?»

«Meine Liebe, darauf weiß ich keine Antwort.»

«Ich auch nicht, ich bin jedenfalls zu jung dafür.»

Dinny hängte sich in die Schwester ein.

«Du bist älter als ich, Clare.»

«Nein, ich hab vielleicht bloß mehr erlebt, aber noch nicht Zwiesprache mit mir selbst gehalten und mich selbst gefunden. Du, ich hab das sichere Gefühl, Jerry treibt sich in der Nähe meiner Wohnung herum.»

«Komm mit in die Mount Street, wir gehn dann später ins Kino.»

In der Halle überreichte Blore Dinny einen Brief.

«Sir Gerald Corven sprach hier vor, Miss, und ließ das für Sie zurück.»

Dinny riß den Umschlag auf.

 

‹Liebe Dinny!

Ich reise schon morgen aus England ab, nicht erst Sonnabend. Wenn Clare ihren Entschluß ändert, werde ich sehr glücklich sein, sie mitzunehmen. Bleibt sie hier, so soll sie nicht zu fest auf meine Geduld bauen. Ich habe einen Brief gleichen Inhalts bei ihr eingeworfen, da ich aber nicht weiß, wo sie steckt, schreibe ich auch Dir, um ganz sicher zu gehen, daß sie die Nachricht erhält. Bis morgen Donnerstag drei Uhr nachmittags findet sie mich im Bristol-Hotel oder kann mich dorthin verständigen. Von diesem Zeitpunkt an – Kriegszustand.

Es tut mir aufrichtig leid, daß sich die Dinge so zugespitzt haben. Dir selbst wünscht alles Gute

Dein aufrichtig ergebener
Gerald Corven›

 

Dinny biß sich auf die Lippe.

«Da, lies!»

Clare überflog den Brief.

«Er soll tun, was er will, ich geh nicht zu ihm.»

Während sich die Schwestern in Dinnys Zimmer zurechtmachten, trat Lady Mont ein.

«Ah!» rief sie. «Jetzt kann ich ja mein Sprüchlein hersagen: Euer Onkel hatte mit Jerry Corven noch eine Unterredung. Clare, welchen Entschluß hast du also gefaßt?»

Clare wandte sich vom Spiegel fort und das Licht fiel grell auf ihre noch nicht ganz gepuderten Wangen und die halbgeschminkten Lippen.

«Ich kehre nie mehr zu ihm zurück, Tante Emily.»

«Dinny, darf ich mich auf dein Bett setzen? ‹Nie› ist ein großes Wort, und da ist dieser junge – äh – Mr. Wie heißt er geschwind? Ich bin überzeugt, du hast die strengsten Grundsätze, Clare, aber du bist viel zu hübsch.»

Clare legte den Lippenstift weg.

«Sehr lieb von dir, Tante Emily, aber ich weiß recht gut, was ich zu tun habe.»

«Wahrhaftig ein Trost! Ich kann das von mir nie behaupten.»

«Tantchen, wenn Clare etwas verspricht, dann hält sie es auch.»

Lady Mont stieß einen Seufzer aus. «Ich hab seinerzeit auch meinem Vater versprochen, noch ein Jahr ledig zu bleiben. Doch kaum waren sieben Monate um – da kam dein Onkel dazwischen. Immer kommt jemand dazwischen.»

Clare hob die Hände zu den Löckchen im Nacken.

«Ich verspreche, ein Jahr lang keine Dummheit zu machen. Dann muß ich doch wissen, was ich will. Weiß ich es dann noch immer nicht, so weiß ich überhaupt nicht, was ich will.»

Lady Mont strich die Daunendecke glatt.

«Hand aufs Herz!»

«Lieber nicht!» rief Dinny rasch.

Clare drückte die Schwurfinger aufs Herz.

«Ich schwöre, wie es sich gehört.»

Lady Mont erhob sich.

«Heut nacht sollte sie hier bleiben, meinst du nicht auch, Dinny?»

«Jawohl.»

«Dann werd ich's gleich den Leuten sagen. Meergrün steht dir wirklich am besten. Lawrence sagt, mir stünde überhaupt keine Farbe.»

«Doch, Liebe, schwarz und weiß.»

«Die Farben der Elstern und des Herzogs von Portland beim Ascot-Rennen. Seit Michael das College in Winchester bezog, war ich nicht mehr in Ascot – wir müssen unsere paar Groschen zusammenhalten. Hilary und May kommen zum Dinner. Sie werden nicht in Abendtoilette sein.»

«Oh!» rief Clare plötzlich, «weiß Onkel Hilary schon von meiner Sache?»

«So tolerant», murmelte Lady Mont. «Aber ich kann mir nicht helfen, mir tut es leid.»

Clare erhob sich.

«Glaub mir, Tante Emily, Jerry ist nicht der Mann, der sich lange kränkt.»

«Stellt euch Rücken an Rücken, ihr beiden. Hab mir's ja gedacht – Dinny ist zweieinhalb Zentimeter größer.»

«Ich bin hundertfünfundsechzig», sagte Clare, «ohne Schuhe.»

«Na schön. Wenn ihr fertig seid, dann kommt hinunter!»

Mit diesen Worten segelte Lady Mont zur Tür und sprach zu sich selbst:

«Muß doch Boswell an die Salomonssiegel erinnern.» Dann verließ sie das Zimmer.

Dinny trat an den Kamin zurück und starrte wieder in die Flammen.

Dicht hinter ihr sagte Clare: «Du, am liebsten möcht ich singen, Dinny, ein ganzes Jahr lang frei zu sein von all dem Zeug! Bin froh, daß mir Tante Emily das Versprechen abnahm. Doch sag, ist sie nicht ein Unikum?»

«Keine Spur. Sie ist die Gescheiteste in unsrer ganzen Familie. Wo kommt man hin, wenn man das Leben ernst nimmt! Sie tut das nicht. Vielleicht möchte sie's, doch es gelingt ihr nicht.»

«Sie hat eben keine wirklichen Sorgen.»

«Bloß einen Gatten, drei Kinder, mehrere Enkel, zwei Haushalte, drei Hunde, zwei schwachköpfige Gärtner – und obendrein hat sie zu wenig Geld und zwei Passionen: Ehestiften und französische Nadelmalerei; zu alledem kommt noch ihr hartnäckiger Kampf gegen das Dickwerden!»

«Ja, sie ist in der Tat ein lieber Kerl. Was hältst du von diesen Nackenlöckchen, Dinny? Sie sind eine wahre Plage! Soll ich das Haar wieder kurz schneiden?»

«Laß sie nur wachsen, wer weiß, was uns die Mode bringt; am Ende gar Schmachtlocken.»

«Was meinst du, putzen sich die Frauen nur darum so heraus, damit sie den Männern gefallen?»

«Keine Idee!»

«Dann also, um ihre Mitschwestern zu ärgern und zu reizen?»

«Die Mode befiehlt – und alle trotten mit wie die Schafe.»

«Steht es mit ihren sittlichen Grundsätzen ebenso?»

«Haben wir denn überhaupt welche? Und wenn, dann sind sie von Männern erdacht. Von Natur aus haben wir Frauen nur Gefühle.»

«Ich hab jetzt gar keine Gefühle mehr.»

«Wirklich nicht?»

Clare lachte. «Zumindest hab ich sie jetzt ganz in der Hand.» Sie schlüpfte in ihr Abendkleid, und Dinny nahm den Platz vor dem Spiegel ein …

 

Ein Pfarrer des Elendviertels speist nicht außer Haus, um seine Mitmenschen zu beobachten. Er widmet sich ganz dem Essen. Hilary Cherrell hatte den größten Teil des Tags, sogar die Mittagspause, damit zugebracht, den Klagen jener Pfarrkinder zu lauschen, die nicht wußten, was sie am nächsten Tag anfangen sollten, weil sie sich nicht einmal am heutigen sattessen konnten. Nun genoß er das gute Mahl, das man ihm aufgetischt, mit offenkundigem Behagen. Vielleicht wußte er, daß die junge Frau, die er mit Jerry Corven getraut hatte, dem Ehejoch wieder entschlüpft war, er ließ sich jedenfalls nichts anmerken. Zwar saß er neben ihr, spielte jedoch mit keinem Wort auf ihr Eheschicksal an, sondern plauderte ungezwungen über die Wahlen, französische Kunst, die Wölfe im Whipsnade Zoo und eine neue Bauart von Schulgebäuden, deren flache Dächer bei schönem Wetter den Kindern als Aufenthaltsort dienen konnten. Über sein langes, faltiges Gesicht, das energisch, schlau und doch gütig schien, flog ab und zu ein Lächeln, als sei ihm gerade ein Licht aufgegangen. Doch er verriet sich mit keinem Wort, nur einmal sah er zu Dinny hinüber, als wollte er sagen: ‹Wir beide müssen nach Tisch miteinander reden.›

Aber es kam nicht zu dieser Unterredung, denn noch ehe er sein Glas Portwein leergetrunken hatte, wurde er telephonisch an ein Sterbebett gerufen. Mrs. Hilary begleitete ihn.

Die beiden Schwestern ließen sich mit Onkel und Tante am Bridgetisch nieder und gingen um elf zu Bett.

«Heut ist der Jahrestag des Waffenstillstandes», äußerte Clare vor der Tür ihres Schlafzimmers. «Erinnerst du dich?»

«Ja.»

«Heut vormittag um elf fuhr ich in einem Autobus. Da bemerkte ich, daß ein paar Leute recht sonderbar dreinsahn. Wie soll man heute noch ein besonderes Gefühl dafür haben? Ich war doch bei Kriegsende erst zehn Jahre alt.»

«Ich erinnere mich noch an den Waffenstillstand», erwiderte Dinny, «weil Mutter damals weinte. Onkel Hilary war bei uns in Condaford. Er predigte über das Thema: ‹Auch die, so in der Heimat harren, dienen dem Vaterland.›»

«Wer leistet Dienste, wenn er sich dafür keinen Lohn verspricht?»

«Eine Menge Leute rackern sich ihr Leben lang um einen erbärmlichen Lohn.»

«Allerdings.»

«Warum nur?»

«Dinny, mitunter hab ich den Eindruck, du wirst dich im höhern Alter noch ganz der Religion zuwenden. Wenn du nicht heiratest, bestimmt.»

«‹Geh in ein Kloster, Ophelia!›»

«Allen Ernstes, Liebling, ich wollt, du hättest mehr von der ‹alten Eva› in dir. Meiner Meinung nach solltest du Kinder bekommen.»

«Gern. Wenn mir der Arzt die Präliminarien erspart.»

«Meine Liebe, du vergeudest deine Jugend. Du brauchst nur den kleinen Finger zu rühren, und der gute Dornford sinkt dir zu Füßen. Magst du ihn nicht leiden?»

«Er ist der netteste Mann, den ich seit langem getroffen habe.»

«‹So sprach sie eisigkühl und schritt zur Tür.› Gib mir einen Kuß.»

«Liebling, hoffentlich wendet sich noch alles zum Guten», sagte Dinny. «Beten werd ich nicht für dich, wenn ich auch so aussehe, als ob ich's bald täte. Doch ich werde davon träumen, daß dein Schifflein im sichern Hafen landet.»


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