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IX

Als Dinny das Haus der Tante betrat, war ihre glühende Liebe zur Familie aufs Neue mächtig in ihr erwacht, dennoch verstand sie jetzt besser, was Clare zur Heirat mit Jerry Corven bestimmt haben mochte. Er war in der Tat bestrickend, seine schamlose, unverhüllte Kühnheit schlug einen geradezu in Bann. Offenbar übte er auf die Eingeborenen gewaltigen Einfluß aus, ging mit ihnen rücksichtslos, aber doch glatt und geschmeidig um, bezauberte jeden, der mit ihm zu tun hatte. Auch war es augenscheinlich nicht so leicht, seinem physischen Reiz zu widerstehn, solange er den Stolz des andern nicht aufs schwerste kränkte.

«Da ist sie, Adrian!» rief die Stimme ihrer Tante und riß sie aus ihrem peinlichen Grübeln.

Vom Treppenabsatz blickte das spitzbärtige Gesicht ihres Onkels Adrian über die Schulter seiner Schwester.

«Deine Sachen sind gekommen, meine Liebe. Wo warst du denn?»

«Bei Clare, Tantchen.»

«Dinny», sagte Adrian, «ich hab dich fast ein Jahr lang nicht gesehn.»

«Dann müssen wir uns auf der Stelle einen Kuß geben, Onkel! Wie steht's in deinem Museum, hat die Wirtschaftskrise auch deine Gebeine befallen?»

«Die vorhandenen Gebeine sind in Ordnung; mit den Neuerwerbungen sieht es windig aus – kein Geld für Forschungsreisen. Der Ursprung des homo sapiens bleibt schleierhafter denn je.»

«Dinny, wir brauchen uns nicht umzukleiden. Adrian bleibt zum Abendessen. Lawrence wird ganz erleichtert aufatmen. Ihr könnt miteinander quasseln, ich will mir inzwischen den Gürtel lockern – oder möchtest du den deinen fester schnallen?»

«Nein, Tantchen, danke.»

«Dann kommt hier herein.»

Dinny trat ins Empfangszimmer und nahm neben ihrem Onkel Platz. Ernst, runzlig, hager, bärtig, sonngebräunt selbst noch jetzt im November, hielt er die langen Beine gekreuzt und ließ den Blick voll Interesse auf ihr ruhn – glich er nicht mehr denn je einer Geheimkassette, der man getrost alles anvertrauen durfte?

«Onkel, hast du schon von Clare gehört?»

«Nur die bloßen Tatsachen, kein Warum und Darum.»

«Von solchen Dingen spricht man nicht gern. Hast du je einen Sadisten gekannt?»

«Ein einziges Mal – als ich in Margate die Schule besuchte. Damals ahnte ich natürlich nichts davon, später wurde es mir klar. Willst du damit sagen, Corven sei ein Sadist?»

«Clare behauptet es. Er hat mich von ihrer Wohnung hierher begleitet. Ein höchst sonderbarer Mensch.»

«Doch nicht verrückt?» fragte Adrian schaudernd.

«Keine Spur, lieber Onkel, gescheiter als du oder ich. Er will nur seinen eignen Weg gehn ohne Rücksicht auf die andern; und wer sich ihm entgegenstellt, den rennt er nieder. Könnte Clare eine Scheidung durchsetzen, ohne die Einzelheiten ihres Zusammenlebens öffentlich preiszugeben?»

«Nur, wenn sie ihm in einem ganz bestimmten Fall ein Verschulden nachweisen kann.»

«Müßte das hier in England geschehn?»

«Dort draußen wäre es wohl sehr kostspielig, noch dazu kaum von Erfolg begleitet.»

«Clare mag ihn augenblicklich nicht beobachten lassen.»

«Zweifellos ist das eine unsaubere Sache», meinte Adrian.

«Ich weiß es, Onkel. Aber wenn sie das nicht mag, wie kann sie ihn überführen?»

«Überhaupt nicht.»

«Augenblicklich möchte Clare nur, daß sie beide fortan ihren eigenen Weg gehn; er aber sagt, wenn sie nicht mit ihm zurück will, dann soll sie auf der Hut sein.»

«Ist denn noch ein Dritter im Spiel, Dinny?»

«Ein junger Mann ist in sie verliebt, aber sie erklärt, das habe nichts zu bedeuten.»

«Hm! ‹Die Jugend ist voll Leidenschaft – –›, wie Shakespeare sagt. Ein netter junger Mann?»

«Ich sah ihn nur ein paar Minuten; er macht einen guten Eindruck.»

«Nicht ganz unbedenklich.»

«Ich setze in Clare unbedingtes Vertrauen.»

«Du kennst sie ja besser als ich, meine Liebe. Ich hielte es für möglich, daß sie sehr leicht die Geduld verliert. Wie lang kann Corven hier in London bleiben?»

«Nicht länger als höchstens einen Monat, glaubt sie; er hat bereits eine Woche hier verbracht.»

«Hat Corven sie gesprochen?»

«Ein einziges Mal. Heute hat er wieder einen Versuch gemacht. Ich hab ihn abgelenkt. Ich weiß, sie hat große Angst davor, ihm wieder zu begegnen.»

«Vorläufig ist er zweifellos dazu berechtigt, sie aufzusuchen, verstehst du?»

«Freilich», sagte Dinny seufzend.

«Kann ihr nicht euer Abgeordneter, bei dem sie angestellt ist, einen Ausweg raten? Er ist ja Rechtsanwalt.»

«Ich möchte ihm lieber nichts davon sagen, eine so intime Angelegenheit. Überdies mengt sich niemand gern in einen Ehezwist.»

«Ist er verheiratet?»

«Nein.»

Sie sah, wie gespannt Adrians Blick auf ihr ruhte und entsann sich Clares Lachens und ihrer Worte: ‹Dinny, er ist in dich verliebt.›

«Morgen abend wirst du ihn hier treffen», fuhr Adrian fort. «Emily hat ihn, wie ich höre, zum Dinner gebeten. Clare ebenfalls, glaub ich. Ehrlich gestanden, Dinny, ich weiß nicht, was sich da tun ließe. Vielleicht überlegt es sich Clare und kehrt zu Corven zurück, oder er überlegt sich's und läßt sie unbehelligt hier bleiben.»

Dinny schüttelte den Kopf. «Sieht keinem von den beiden ähnlich. Jetzt muß ich gehn und mich waschen, Onkel.»

Adrian sann über die unbestreitbare Tatsache nach, daß doch jedermann seine Sorgen habe. Die seinen beschränkten sich augenblicklich darauf, daß seine beiden Stiefkinder Sheila und Ronald Forest an den Masern erkrankt waren, so daß er sozusagen im eignen Haus als Paria und seine Frau abgeschlossen wie eine Haremsdame lebte – die strengen Vorschriften bei Infektionskrankheiten zwangen sie dazu. Er nahm an Clare kein besondres Interesse; für ihn war und blieb sie eine jener Amazonen, die vor keinem Hindernis zurückschrecken und naturgemäß sich dabei ab und zu Arm oder Bein brechen müssen. Seiner Meinung nach war Dinny dreimal soviel wert wie ihre Schwester. Wenn aber Clares Affären Dinny in Kummer stürzten, dann begannen sie auch Adrian zu beunruhigen. Ihr schien nun einmal das Los zugefallen, andrer Bürden zu tragen: Huberts, seine eigne, Wilfrid Deserts und nun Clares.

«Das behagt uns nicht, gelt, Polly?» sagte er zum Papagei seiner Schwester.

Der Papagei, schon an ihn gewöhnt, kam aus seinem offnen Käfig, flog ihm auf die Schulter und zwickte ihn ins Ohr.

«Dir gefällt das auch nicht, gelt?»

Des grünen Vogels Antwort war gedämpftes Kreischen; er klammerte sich an Adrians Weste und Adrian kraulte ihm den Kopf.

«Wer krault ihr den Kopf? Arme Dinny!»

Die Stimme seiner Schwester ließ ihn emporfahren:

«Ich mag nicht, daß Dinny wieder drunter leidet.»

«Emily», fragte Adrian, «hat eins von uns Geschwistern sich so viel um die andern gesorgt?»

«In großen Familien tut man das nicht. Einmal war ich nahe dran – hab mich um Lionels Heirat bemüht. Jetzt ist er Richter – deprimierend. Hast du – diesen Dornford schon gesehn?»

«Noch nie.»

«Sieht aus wie ein Bild. Es heißt, er hat das Steeplechase der Juristen gewonnen. Hat das was zu bedeuten?»

«Es scheint den Leuten erstrebenswert.»

«Sehr gut gebaut», erklärte Lady Mont. «Ich hab in Condaford ein Auge auf ihn geworfen.»

«Was muß ich hören, Emily!»

«Dinnys wegen natürlich. Adrian, was fängt man nur mit einem Gärtner an, der die Steinterrasse durchaus mit der Walze bearbeiten will?»

«Man verbietet's ihm eben.»

«Sooft ich nach Lippinghall komme, tut er's, taucht bald da, bald dort mit seiner Walze auf. Ah, der Gong! Und hier ist Dinny, gehn wir hinein.»

Sir Lawrence stand am Büffet des Speisezimmers und zog einen zerbröckelnden Kork aus der Flasche.

«Lafite vom Fünfundsechzigerjahr. Weiß Gott, wie der schmeckt. Füll ihn besonders vorsichtig um, Blore. Was meinst du, Adrian, soll man ihn ein wenig anwärmen oder nicht?»

«Lieber nicht, einen so alten Wein.»

«Einverstanden.»

Beim Abendessen herrschte zunächst Schweigen. Adrian dachte an Dinny, Dinny an Clare und Sir Lawrence an den Rotwein.

«Französische Kunst», sagte Lady Mont.

«Ach richtig», rief Sir Lawrence. «Emily, da fällt mir was ein. Einige von den Bildern des alten Forsyte kommen leihweise in eine Ausstellung. Na, das ist man ihm ja schließlich schuldig – hat er doch ihre Rettung mit dem Leben bezahlt.»

Dinny hob den Blick.

«Fleurs Vater? War er ein liebenswürdiger Mann, Onkel?»

«Liebenswürdig?» wiederholte Sir Lawrence, «keine ganz zutreffende Bezeichnung. Aber ehrlich und vorsichtig, jawohl, allzu vorsichtig für diese Zeit. Bei jenem Brand fiel ihm ein Bild auf den Kopf – armer alter Knabe! Aber von französischer Kunst hat er wirklich was verstanden. Die geplante Ausstellung hätte ihm gewiß gefallen.»

«Der ‹Geburt der Venus› kommt ja doch keines dieser Bilder gleich», meinte Adrian.

Dinny streifte ihn mit freundlichem Blick.

«Ein herrliches Kunstwerk!» bemerkte sie.

Sir Lawrence zog die Braue hoch.

«Ich wollte schon oft die Frage behandeln: ‹Warum verliert eine Nation ihre poetische Ader?› Diese alten Italiener – und seht sie euch jetzt an!»

«Ist Poesie nicht ein Überschäumen, Onkel? Setzt sie nicht Jugend voraus oder zumindest Begeisterungsfähigkeit?»

«Jung waren die Italiener nie und begeisterungsfähig sind sie auch heute noch gerade genug. Hättest du doch nur gesehn, mit welchem Feuereifer sie sich im vergangnen Mai auf unsere Pässe stürzten!»

«Rührend!» stimmte Lady Mont bei.

«Die Ausdrucksformen wandeln sich eben», erklärte Adrian. «Im vierzehnten Jahrhundert machten die Italiener ihren Gefühlen durch Dolchstiche und Verse Luft, im fünfzehnten und sechzehnten durch Gift, Skulptur und Malerei, im siebzehnten durch Musik, im achtzehnten durch Intrigen, im neunzehnten durch Revolten, im zwanzigsten tobt sich ihre poetische Ader im Rundfunk, Vorschriften und Erlässen aus.»

«Diese Vorschriften haben mich so gelangweilt», murmelte Lady Mont, «ich hab sie nicht lesen können.»

«Dein Glück, meine Liebe! Ich konnt es.»

«Eins muß man den Italienern lassen», fuhr Adrian fort, «Jahrhundert um Jahrhundert bringt ihr Land wirklich große Männer hervor. Macht das die Rasse, das Klima oder die Landschaft, Lawrence?»

Sir Lawrence zuckte die Achseln. «Was hältst du vom Rotwein? Riech nur einmal dran, Dinny! Sechzig Jahre! Vor sechzig Jahren wart ihr beiden jungen Frauen noch nicht auf der Welt und Adrian und ich hätten in Sentimentalität geschwelgt. Fast vollkommen in seiner Art.»

Adrian schlürfte und nickte: «Das Beste vom Besten.»

«Nun, Dinny?»

«Zweifellos ganz vorzüglich, lieber Onkel – nur an mir verschwendet.»

«Der alte Forsyte hätte diesen Tropfen gewürdigt; bei ihm gab es wundervollen Sherry. Emily, spürst du die Blume?»

Lady Emily ließ den Ellbogen auf dem Tisch ruhn und umschloß das Glas mit der Hand; sie begann bedächtig zu schnuppern.

«Quatsch!» murmelte sie, «Blumen riechen bedeutend besser.»

Diese Äußerung rief tiefes Schweigen hervor.

Dinny hob als erste wieder den Blick.

«Wie geht es Boswell und Johnson, Tantchen?»

«Eben hab ich Adrian erzählt, daß Boswell immer die Steinterrasse mit der Walze bearbeitet, und Johnson hat seine Frau verloren – der arme Kerl! Er ist jetzt total verändert. Die ganze Zeit pfeift er – man sollte seine Melodien sammeln.»

«Wohl ein Überbleibsel des alten England?»

«Nein, modern – er ist total verdreht.»

«Weil gerade von Überresten des alten England die Rede ist – hast du je ‹Fragen Sie Mama› gelesen, Dinny?»

«Nein. Wer hat das geschrieben?»

«Surtees. Solltest es wirklich tun – sozusagen ein Korrektiv.»

«Wessen, Onkel?»

«Der Moderne.»

Lady Mont stellte das Glas nieder, es war leer.

«Sehr vernünftig, damals – 1900 war's – jene Bilderausstellung zu sperren, erinnerst du dich noch, Lawrence? In Paris – diese Schlangenlinien – und soviel Gelb und Lichtblau – Spiralen und Tropfen – und Gesichter, das Oberste zu unterst. Dinny, ich denke, wir gehn lieber hinauf.»

Als aber bald darauf Blore mit der Bitte kam, Miss Dinny möge ins Arbeitszimmer hinunterkommen, sagte Lady Mont leise:

«Es handelt sich um Jerry Corven. Rede deinem Onkel nicht zu. Er bildet sich ein, er kann etwas ändern, aber gar nichts kann er ändern!» …

«Nun, Dinny?» sagte Sir Lawrence, «ich freue mich jedesmal, mit Adrian zu sprechen. Ein gutmütiger Geselle mit originellen Ansichten. Ich hab Clare versprochen, Corven aufzusuchen, aber wenn ich nicht genau weiß, was ich ihm sagen soll, ist die Unterredung wohl zwecklos. Ich hab keine blasse Ahnung, was ich ihm sagen soll. Was hältst du davon?»

Dinny, die auf der Kante ihres Sessels saß, ließ die Ellbogen auf den Knien ruhn. Sir Lawrence fand diese Haltung unheilverkündend.

«Nach allem, was Corven mir heut sagte, weiß er nur zu gut, was er will, Onkel Lawrence. Clare muß entweder zu ihm zurück, oder er bringt die Scheidungsklage ein.»

«Wie werden sich die Deinen dazu stellen?»

«Es wird sie sehr betrüben.»

«Weißt du, daß ein junger Mann am Horizont aufgetaucht ist?»

«Ja.»

«Er hat keinen roten Heller.»

Dinny lächelte. «Das sind wir gewöhnt.»

«Ich weiß. Aber sich ohne roten Heller in eine heikle Affäre einzulassen, ist eine ernste Sache. Corven wird vielleicht Schadenersatz beanspruchen; er sieht ganz danach aus – ein rachsüchtiger Patron.»

«Traust du ihm das wirklich zu? Heutzutage gilt so etwas doch für sehr unanständig, nicht?»

«Wenn der Mensch in Saft ist, kümmert er sich verdammt wenig um den Anstand. Könntest du Clare nicht dazu bewegen, dem jungen Croom vorläufig den Laufpaß zu geben?»

«Ich fürchte, Clare läßt sich von mir nicht vorschreiben, wen sie empfangen darf. Ihrer Meinung nach trägt einzig und allein Jerry Schuld an dem Bruch.»

«Ich wäre dafür», erklärte Sir Lawrence und blies bedächtig eine Rauchwolke vor sich hin, «Corven während seines Aufenthaltes in London überwachen zu lassen; dann könnten wir vielleicht durch einen Gegenstoß seinen Angriff parieren. Aber Clare will nichts davon wissen.»

«Sie ist überzeugt, daß er eine große Karriere vor sich hat, und möchte sie ihm nicht verderben. Auch geht einem ein solches Verfahren wirklich gegen den Strich.»

Sir Lawrence zuckte die Achseln.

«Was tun? Gesetz ist Gesetz. Corven ist Mitglied des Burton-Klubs. Soll ich ihm dort auflauern und beibringen, er möge Clare in Ruhe lassen und warten, bis durch die Trennung ihr Gefühl für ihn aufs neue erwacht?»

Dinny zog die Brauen hoch.

«Du kannst ja den Versuch wagen, aber er geht wahrscheinlich nicht drauf ein.»

«Wie wirst du dich zu dieser Sache stellen?»

«Ich halte zu Clare, was immer sie tun oder lassen mag.»

Sir Lawrence nickte; er hatte keine andre Antwort erwartet.


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