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XXIX

Vorüber war das Knarren von Bänken und Rascheln von Papieren, das im Gerichtssaal den Abschluß des einen menschlichen Dramas und den Beginn eines neuen ankündigt.

«Gehn wir in den Saal», mahnte der ‹ganz junge› Roger.

In der ersten Reihe ließ sich Dinny mit dem Vater und der Schwester nieder, von Jerry Corven durch den ‹ganz jungen› Roger und den Anwalt der Gegenpartei wie durch einen Schutzwall getrennt.

«Nun wird der Quell des Rechtes fließen», flüsterte Dinny, «auf dessen Grund die Wahrheit liegt – oder ‹lügt›?»

Zwar konnte sie das wachsende Auditorium hinter sich nicht sehn, doch ihr Instinkt und ihr scharfes Ohr verrieten ihr, daß der Gerichtssaal sich rasch füllte. Die unerträgliche Spürnase des Publikums hatte den bevorstehenden Kampf gewittert, vielleicht riefen die Titel der Beteiligten sein Interesse wach. Auch der Richter schien etwas zu wittern, er barg daher sein Gesicht hinter einem großen, bunten Taschentuch. Dinnys Blick starrte zur Decke. Der zum Teil in gotischem Stil gehaltene Gerichtssaal war imposant hoch. Rote Vorhänge umgaben den erhöhten Platz des Richters und schienen ihn dem menschlichen Bereich auf seltsame Art zu entrücken. Dann glitt ihr Blick auf die Geschwornen, die einer hinter dem andern langsam die zweireihige Bank füllten. Der Obmann fesselte ihre Aufmerksamkeit durch sein eiförmiges Gesicht, den eiförmigen Schädel, das spärliche Haar, die roten Wangen, hellen Augen und den eigenartigen Ausdruck, der zugleich an einen Stockfisch und ein Schaf gemahnte; er schien ein seltsames Kreuzungsprodukt dieser beiden artfremden Geschöpfe. Sein Gesicht erinnerte sie auch irgendwie an einen jener Herren in der South Molton Street, denen sie einst Jeannes Anhänger zum Pfand gegeben, und sie war fast sicher, er müsse Juwelier sein. Am Ende der vordern Geschwornenbank saßen drei Frauen, von denen gewiß keine je die Nacht in einem Auto zugebracht haben konnte. Die erste war korpulent und hatte ein angenehmes, etwas plattes Gesicht – wohl eine bessere Haushälterin. Die zweite war schmal, brünett und ziemlich hager – vermutlich eine Schriftstellerin. Das Vogelgesicht der Dritten zeigte deutliche Spuren eines Schnupfens. Die acht übrigen Geschwornen starrten angestrengt nach verschiednen Richtungen. Da erklang eine Stimme:

«Corven contra Corven und Croom – Ehescheidungsklage des Gatten», und Dinny drückte krampfhaft den Arm ihrer Schwester.

«Wenn es Eurer Lordschaft genehm ist –»

Ein rascher Seitenblick Dinnys streifte ein hübsches, etwas gerötetes Gesicht mit kleinen Bartkoteletten unter der Advokatenperücke.

Das gefurchte Antlitz des Richters schien weit entrückt wie das Antlitz eines Priesters. Manchmal schnellte es unerwartet vor wie der Kopf einer Schildkröte. Sein kluger, unpersönlicher Blick schien auch sie zu erfassen, plötzlich kam sie sich seltsam klein vor. Ebenso unvermittelt zog er den Kopf wieder zurück.

Die bedächtige, volltönende Stimme hinter ihr begann Namen und Stand der Parteien aufzuzählen, die Orte, wo die Vermählung stattgefunden und wo die Gatten in gemeinsamem Haushalt gelebt hatten. Dann hielt sie einen Augenblick inne und fuhr fort:

«Mitte September des vorigen Jahres verließ die Beklagte, während der Kläger in Erfüllung einer Amtspflicht ins Innere des Landes gereist war, plötzlich das eheliche Heim, ohne ihre Absicht vorher mit einem Wort zu verraten, und reiste nach England. An Bord des Schiffes befand sich der Mitangeklagte. In der Eingabe des Beschuldigten wird, wenn ich nicht irre, die Behauptung aufgestellt, die beiden seien einander nie zuvor begegnet. Ich werde dartun, daß sie einander schon früher gekannt hatten oder zumindest die beste Gelegenheit hatten, einander kennenzulernen.»

Dinny sah ihre Schwester verächtlich die Achseln zucken.

«Wie dem auch sei», fuhr die Stimme langsam fort, «es steht doch außer Frage, daß sie auf dem Schiff immer beisammen waren. Jedenfalls werde ich folgende Tatsache unter Beweis stellen: Gegen Ende der Seereise traf man den Mitbeschuldigten dabei, wie er die Kajüte der Beklagten verließ.» Unaufhörlich tönte die Stimme und klang schließlich in die Worte aus: «Verehrte Geschworene, ich will nicht bei den Einzelheiten verweilen, die die Beobachtungsorgane über das Verhalten der Beklagten und ihres Partners ans Licht brachten; Sie werden diese Einzelheiten aus dem Munde sachverständiger und glaubwürdiger Zeugen vernehmen. Sir Gerald Corven.»

Als Dinny den Blick hob, stand Jerry in der Zeugenbank. Sein Gesicht schien ihr jetzt aus noch härterm Holz geschnitzt denn zuvor. Sie gewahrte den verhaltnen Groll in den Zügen des Vaters, sah den Richter nach der Feder greifen, sah Clare die Hände auf dem Schoß ballen; sah den ‹ganz jungen› Roger die Augen zusammenkneifen, sah den leichtgeöffneten Mund des Obmanns, vernahm das unterdrückte Niesen der dritten Frau auf der Geschwornenbank. Und alles im Saal schien so trostlos grau, dieses Grau drang aus allen Ecken und Enden des Raumes, ertränkte in seiner Flut alles, was im Menschenleben rosig, hellblau, silbrig, golden oder grün erglänzte.

Die bedächtige Stimme erhob sich zu einer Frage, hielt im Fragen wieder inne. Ihr stattlicher Eigner schien gewissermaßen seine schwarzen Schwingen zu falten, dann erklang eine andre Stimme hinter ihr:

«Sie hielten es also für Ihre Pflicht, Sir, dieses Verfahren einzuleiten?»

«Jawohl.»

«Keine Rachsucht im Spiel?»

«Nein.»

«Diese Schadenersatzforderung – ist sie nicht heutzutage unter Ehrenmännern ungewöhnlich?»

«Die Summe soll meiner Frau zufallen.»

«Hat Ihre Gattin an Sie je den Anspruch auf Alimente gestellt?»

«Nein.»

«Überrascht es Sie nicht, zu erfahren, daß Ihre Gattin erklärt, von Ihnen keinen Groschen anzunehmen, einerlei, ob das Geld von dem Mitbeschuldigten oder von Ihnen kommt?»

Dinny sah, wie das katzenhafte Lächeln um den Mund sich in dem kurzgeschnittnen Schnurrbart verlor.

«Mich überrascht nichts mehr.»

«Nicht einmal die plötzliche Abreise Ihrer Frau kam Ihnen überraschend?»

Dinny wandte den Kopf nach dem Fragesteller. Das also war Instone, von dem ihr Dornford gesagt, er sei so ‹behindert›. Er hatte ein Gesicht mit mächtiger Nase und Menschen mit solcher Nase ließen sich durch gar nichts behindern.

«Doch, das hat mich schon überrascht.»

«Warum nur? … Vielleicht, Sir, belieben Sie uns Ihren Eindruck näher zu schildern.»

«Pflegen denn Ehefrauen ohne Angabe eines Grundes den Gatten zu verlassen?»

«Nein, es sei denn, der Grund wäre so offenbar, daß man ihn überhaupt nicht festzustellen braucht. War das der Fall?»

«Nein.»

«Was war dann Ihrer Meinung nach der Beweggrund? Darüber dürften doch Sie am ehesten orientiert sein.»

«Das glaub ich nicht.»

«Wer denn?»

«Meine Frau selbst.»

«Sie müssen aber wenigstens etwas ahnen. Möchten Sie nicht doch sagen, was es war?»

«Lieber nicht.»

«Sir, Sie sagen hier unter Eid aus. Haben Sie Ihre Frau in irgendeiner Weise mißhandelt oder nicht?»

«Ich will nicht behaupten, daß ich ein Mustergatte war.»

«Aha! Aber eine Antwort auf meine Frage ist das nicht. Haben Sie sie mißhandelt oder nicht?»

«Behauptet sie das?»

«Ihre Frau hat sich geweigert, irgend etwas gegen Sie auszusagen. Haben Sie Ihre Frau je mißhandelt? Ja oder nein?»

«Ich gebe einen Vorfall zu; ich bedaure ihn und bat sie um Entschuldigung.»

«Was für ein Vorfall war das?»

Dinny, die zwischen dem Vater und der Schwester eingekeilt saß, spürte, wie beide vor gekränktem Stolz erbebten, fühlte auch sich selbst von Stolz erschauern. Dann vernahm sie wieder die bedächtige, volltönende Stimme von Sir Gerald Corvens Rechtsbeistand hinter sich:

«Eure Lordschaft, mein Kollege hat eben selbst eingeräumt, daß es ihm an Beweisen für einen derartigen Vorfall mangelt. Meines Erachtens ist er nicht berechtigt, diese Frage zu stellen; sollte er es dennoch sein, so braucht mein Klient nicht darauf zu antworten.»

«Eure Lordschaft –»

«Alles recht schön und gut, Mr. Instone, wenn es Ihnen aber an Beweisen gebricht –»

«Eure Lordschaft, meine Klientin lehnt jede Andeutung über das Benehmen ihres Gatten ab, eine Haltung, die ihr alle Ehre macht. Der Kläger hat jedoch in einem Fall die Mißhandlung selbst zugegeben, ich halte mich daher für berechtigt, die Frage zu stellen, welche Art von Mißhandlung es war.»

«Augenblicklich nicht.»

«Ich füge mich dem Ermessen Eurer Lordschaft … Sir, sind Sie jähzornig?»

«Nein.»

«Sie pflegen also alle Ihre Handlungen immer einigermaßen zu überlegen?»

«Das hoffe ich.»

«Auch dann, wenn diese Handlungen – sagen wir – nicht eben wohlwollender Natur sind?»

«Jawohl.»

«Verstehe; die Geschwornen ebenfalls, davon bin ich überzeugt. Sir, wir wollen nun auf einen andern Punkt übergehn. Halten Sie allen Ernstes die Behauptung aufrecht, Ihre Gattin und Mr. Croom hätten einander schon in Ceylon kennengelernt?»

«Ich habe keine Ahnung, ob das der Fall war oder nicht.»

«Sie erhielten also persönlich davon keine Kenntnis?»

«Nein.»

«Mein Kollege erklärte aber vorhin, er werde beweisen, daß diese Begegnung stattfand –»

«Stattfinden konnte», warf die bedächtige, volltönende Stimme ein.

«Na schön, stattfinden konnte. War Ihnen bekannt, Sir, daß die beiden eine solche Gelegenheit auch wahrnahmen?»

«Nein.»

«Hatten Sie in Ceylon von Mr. Croom je etwas gesehn oder gehört?»

«Nein.»

«Wann erfuhren Sie zum ersten Mal von der Existenz dieses Herrn?»

«Im vergangenen November sah ich ihn in London aus dem Haus treten, das meine Frau bewohnte, und fragte sie nach seinem Namen.»

«Hat sie ein Hehl daraus gemacht?»

«Nein.»

«Blieb das Ihre einzige Begegnung mit diesem Herrn?»

«Ja.»

«Wieso hielten Sie gerade ihn für ein taugliches Mittel, Ihnen die Scheidung von Ihrer Frau zu ermöglichen?»

«Ich verwahre mich gegen diese Formulierung der Frage!»

«Also gut. Was lenkte Ihre Aufmerksamkeit just auf diesen Herrn, warum führten Sie ihn als Mitschuldigen an?»

«Die Angaben des Schiffspersonals auf meiner Heimreise von Port Said nach Ceylon im November. Es war dasselbe Schiff, auf dem meine Frau und der Mitbeklagte nach London gekommen waren.»

«Und was erfuhren Sie da eigentlich?»

«Daß die beiden die ganze Zeit über zusammensteckten.»

«Nicht so ungewöhnlich an Bord eines Schiffs – oder doch?»

«Eigentlich nicht.»

«Auch nach Ihren eigenen Erfahrungen nicht?»

«Vielleicht auch nach denen nicht.»

«Welche andern Mitteilungen riefen Ihren Argwohn wach?»

«Eine Stewardeß sagte mir, sie habe ihn aus der Kajüte meiner Frau kommen gesehn.»

«Um welche Tages- oder Nachtzeit?»

«Kurz vor dem Dinner.»

«Wie ich vermute, haben Sie aus beruflichen Gründen schon manche Seereise zurückgelegt?»

«Schon viele.»

«Und haben Sie noch nie beobachtet, daß die Reisenden einander in der Kajüte besuchen?»

«Doch, recht häufig sogar.»

«Ruft das stets Ihren Argwohn wach?»

«Nein.»

«Darf ich noch einen Schritt weiter gehn und der Vermutung Ausdruck geben, daß etwas derartiges Sie nie zuvor argwöhnisch gemacht hat?»

«Nein.»

«Sind Sie von Natur aus argwöhnisch?»

«Ich glaube nicht.»

«Auch nicht eifersüchtig?»

«Nein.»

«Ihre Frau ist viel jünger als Sie?»

«Um siebzehn Jahre.»

«Immerhin sind Sie keineswegs so alt, daß Sie nicht wüßten, wie heutzutage junge Männer und Frauen miteinander umgehn – ohne viele Zeremonien und ohne viel Bedenken wegen des Geschlechtsunterschieds.»

«Wenn Sie mein Alter wissen wollen, ich bin einundvierzig.»

«So gehören Sie fast zur Nachkriegsgeneration.»

«Ich machte den Krieg noch mit.»

«Sie wissen also, daß manches, was vor dem Weltkrieg Verdacht erregt hätte, heutzutage längst nicht mehr als verdächtig gilt?»

«Ich weiß, daß man sich heute ganz frei und ungezwungen unterhält.»

«Danke! Gab Ihnen Ihre Frau vor ihrer Abreise je Anlaß, an ihrer Treue zu zweifeln?»

Dinny sah empor.

«Nie.»

«Trotzdem bot Ihnen der geringfügige Vorfall, daß man Mr. Croom aus ihrer Kajüte treten sah, hinlänglichen Grund, sie beobachten zu lassen?»

«Dieser Vorfall – und ihr ständiges Zusammensein auf dem Schiff und der Umstand, daß ich ihn in London aus ihrem Haus kommen sah.»

«Erklärten Sie ihr nicht in London, sie müsse zu Ihnen zurückkehren oder die Folgen tragen?»

«Ich entsinne mich nicht, diese Worte gebraucht zu haben.»

«Welche denn?»

«Wenn ich nicht irre, sagte ich ihr, sie habe nun einmal das Pech, meine Frau zu sein, und könne doch nicht ewig Strohwitwe bleiben.»

«Keine sehr großartige Ausdrucksweise, wie?»

«Vielleicht nicht.»

«Sie griffen in der Tat nur zu begierig nach jeder Gelegenheit, sich frei zu machen?»

«Keineswegs, ich setzte alles dran, sie zur Rückkehr zu bewegen.»

«Trotz Ihres Verdachtes?»

«In London hatte ich noch keinen.»

«Vermutlich haben Sie Ihre Frau mißhandelt und sind sich dessen bewußt. Nun möchten Sie sich von einer Verbindung befreien, die Ihren Stolz verletzt.»

Die bedächtige, volltönende Stimme warf dazwischen:

«Eure Lordschaft, ich erhebe Einspruch –»

«Eure Lordschaft, der Kläger hat ja selbst zugegeben –»

«Allerdings, Mr. Instone, doch fast jeder Ehemann benimmt sich einmal in einer Weise, für die er sich dann bereitwillig entschuldigt. Wenn Sie später genauere Einzelheiten vorzubringen haben, kann der Kläger ja nochmals vernommen werden.»

«Wie es Eurer Lordschaft beliebt … Jedenfalls haben Sie den Auftrag erteilt, Ihre Frau zu überwachen. Nennen Sie uns doch den genauen Zeitpunkt, in dem das geschah.»

«Nach meiner Rückkehr nach Ceylon.»

«Gleich nachher?»

«Fast gleich.»

«Das verrät keine besondre Sehnsucht, sie zurückzugewinnen, wie?»

«Was ich auf dem Schiff erfuhr, stieß meine frühern Entschlüsse gänzlich um.»

«Auf dem Schiff. Nicht besonders nett von Ihnen, dem Klatsch über Ihre Frau ein so williges Ohr zu leihn!»

«Schon möglich, doch sie hatte die Rückkehr verweigert, ich mußte daher einen Entschluß fassen.»

«Schon im zweiten Monat nach ihrer Abreise?»

«Der war schon verstrichen.»

«Zugegeben, aber der dritte noch nicht. Sie waren sich vermutlich darüber genau im klaren, daß Sie Ihre Frau eigentlich zu der Abreise gezwungen hatten. Und nun nahmen Sie die erste Gelegenheit wahr, ihr die Rückkehr unmöglich zu machen?»

«Das stimmt nicht.»

«Das behaupten Sie. Na schön! Diese Detektive, die Sie beauftragt haben –, verhandelten Sie mit denen schon vor Ihrer Rückfahrt aus England nach Ceylon?»

«Nein.»

«Können Sie das beeiden?»

«Ja.»

«Wie verfielen Sie gerade auf diese Firma?»

«Ich überließ die Wahl meinen Anwälten.»

«Aha! Also Sie hatten Ihre Anwälte bereits vor Ihrer Abreise besucht?»

«Ja.»

«Obwohl Sie damals noch keinen Verdacht hegten?»

«Ehe man eine so weite Reise antritt, hat man natürlich manches mit seinen Anwälten zu besprechen.»

«Sie sprachen auch über Ihre Frau?»

«Unter anderm.»

«Was sagten Sie damals den Anwälten über Ihre Frau?»

Wieder sah Dinny empor. Es wurde ihr immer peinlicher mitanzusehn, wie man das Wild in die Enge trieb, mochte es sich auch um ihren Gegner handeln.

«Wenn ich mich recht entsinne, erklärte ich ihnen nur, sie würde bei ihrer Familie bleiben.»

«Weiter nichts?»

«Wahrscheinlich fügte ich auch hinzu, die Lage sei heikel.»

«Weiter nichts?»

«Ich erinnere mich noch, daß ich bemerkte: ‹Ich weiß nicht recht, was aus der Sache werden soll.›»

«Können Sie unter Eid erklären, daß Sie nicht sagten: ‹Vielleicht werde ich Ihnen den Auftrag erteilen, sie beobachten zu lassen›?»

«Das kann ich.»

«Und Sie unterließen auch jede Anspielung, die Ihre Rechtsvertreter auf die Idee gebracht hätte, Sie dächten an Scheidung? Können Sie das ebenfalls beeiden?»

«Über die Vermutungen meiner Rechtsanwälte kann ich Ihnen keinen Aufschluß geben.»

«Keine Haarspaltereien, Sir. Ist das Wort ‹Scheidung› gefallen?»

«Kann mich nicht erinnern.»

«Sie können sich nicht erinnern? Ließen Sie nicht bei Ihren Anwälten den Eindruck zurück, Sie würden vielleicht weitere Schritte unternehmen?»

«Ich weiß es nicht. Ich erklärte ihnen nur, die Lage sei heikel.»

«Das haben Sie schon vorhin erklärt. Das ist keine Antwort auf meine Frage.»

Dinny sah den Kopf des Richters vorschnellen.

«Mr. Instone, der Kläger hat ja schon einmal gesagt, er wisse nicht, was für Vermutungen diese Bemerkung bei seinen Anwälten hervorrief. Weshalb legen Sie auf diesen Punkt gar so viel Gewicht?»

«Eure Lordschaft, meine Argumentation läuft auf Folgendes hinaus – und ich begrüße die Gelegenheit, das jetzt ausdrücklich feststellen zu können: Nachdem der Kläger durch sein unqualifizierbares Verhalten seine Frau dazu getrieben hatte, sein Haus zu verlassen, war er zur Scheidung entschlossen und griff gierig nach dem erstbesten Anlaß, sich den Grund zu verschaffen.»

«Gut, verhören Sie seinen Anwalt.»

«Eure Lordschaft!»

Dieser schlichte Ausruf klang, als habe der Sprecher einen Hieb auf die Schultern erhalten.

«Gut, weiter!»

Da merkte Dinny, der ‹behinderte› Instone hole endlich zur Schlußwendung aus, und sie seufzte erleichtert.

«Obwohl Sie, wie Sie selbst gestehn, Ihre Frau durch einen Akt der Mißhandlung gezwungen hatten, Ihr Haus zu verlassen; obwohl Sie beim erstbesten Klatsch, der Ihnen zu Ohren kam, diese Klage einbrachten; obwohl Sie an einen Mann, den Sie Ihr Lebtag nie gesprochen haben, eine Schadenersatzforderung stellen – trotz alledem wollen Sie als duldsamer und gerecht denkender Gatte gelten, dem einzig die Rückkehr seiner Frau am Herzen lag? Und das wollen Sie den Geschwornen weismachen?»

Zum letzten Mal glitt Dinnys Blick zu jenem Gesicht empor, das sich mehr denn je hinter seiner Maske barg.

«Ich will den Geschwornen gar nichts weismachen.»

«Na schön!»

Rascheln eines Seidentalars hinter ihr.

«Eure Lordschaft», hob die bedächtige, volltönende Stimme wieder an, «da mein Kollege auf diesen Punkt so großes Gewicht legt, will ich den Anwalt des Klägers zur Vernehmung laden.»

Der ‹ganz junge› Roger beugte sich vor und sagte:

«Dornford lädt Sie alle zum Lunch ein …»

 

Dinny brachte fast keinen Bissen hinunter, sie fühlte sich beinahe seekrank. Huberts Fall und das Totenschaugericht nach Forests Selbstmord hatten sie zwar mehr erregt und bekümmert, aber so übel war ihr nicht dabei geworden. Zum ersten Mal ermaß sie jetzt die bösartig übertriebene Bedeutung, die ganz belanglose Vorfälle des Privatlebens in den Augen der Welt gewinnen. Die Art, wie man hier dem Gegner nur Niedertracht, Bosheit und Lüge unterschob, ging ihr geradezu auf die Nerven; aber offenbar mußte das bei jedem Verhör so sein.

Auf dem Rückweg zum Gericht sagte Dornford:

«Ich kann Ihnen alles nachfühlen. Doch bedenken Sie, man trägt hier eine Art Wettkampf aus, beide Parteien müssen sich an dieselben Spielregeln halten. Der Richter ist dazu da, Übertreibungen zu verhindern. Wenn ich mir nur vorstellen könnte, wie es sich anders erledigen ließe!»

«Man hat dabei das Gefühl, als gäbe es gar nichts Reines mehr.»

«Dieses Gefühl dürfte Sie kaum trügen.»

Den Nachmittag, den die Zeugenaussagen und das Verhör der Stewardeß und der Detektive füllten, überstand Dinny etwas besser, vielleicht dank ihrer kurzen Unterredung mit Dornford, vielleicht, weil sie sich nun schon an das Verfahren gewöhnt hatte. Um vier Uhr wurde die Vernehmung des Klägers und seiner Zeugen abgeschlossen, der ‹ganz junge› Roger warf Dinny einen Seitenblick zu, der zu sagen schien: ‹Jetzt wird die Sitzung aufgehoben, und endlich komme ich zu meiner Rede.›


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