Autorenseite

 << zurück weiter >> 

XXIV

Dinny erkrankte aber doch, blieb einen vollen Monat an ihr klösterliches Zimmer in Condaford gefesselt und wünschte ein ums andre Mal, sie wäre tot und hätte alles überstanden. Und sie hätte sich leichten Herzens ins Sterben gefunden, wäre nur mit dem Schwinden ihrer Kräfte der Glaube an ein künftiges Leben in ihr erstarkt, doch auch dieser Glaube zerrann ihr in nichts. Wilfrid wiederzufinden in einer Welt ohne Leid, ohne Ächtung – welch verhängnisvoll bestrickender Gedanke! In den traumlos tiefen Schlaf des Nichtseins zu versinken, war gewiß kein Unglück, wirkte jedoch nicht als Ansporn. Und als sie sich wieder zu erholen begann, schien ihr diese Abkehr vom Leben stets unnatürlicher. Die Sorge der Ihren übte ganz sacht, aber sicher heilende Wirkung. Das Dorf erbat sich täglich ein Bulletin, Tag für Tag mußte die Mutter ein Dutzend Briefe schreiben, ein dutzendmal telephonieren. Clare kam jeden Sonnabend und brachte von Dornford Blumen. Tante Emily sandte ihr zweimal in der Woche die Glanzprodukte ihrer Gärtner Boswell und Johnson; Fleur überhäufte sie mit den Luxuserzeugnissen der Piccadilly. Adrian war dreimal unangemeldet erschienen. Hilary begann scherzhafte Briefchen zu schreiben, sobald die Krise überstanden war.

Am dreißigsten März kam der Frühling in ihr Zimmer, brachte lauen Westwind mit und eine kleine Schale mit den ersten Frühlingsblumen, ein paar samtige Weidenkätzchen und einen Ginsterzweig. Sie erholte sich sehr rasch und durfte drei Tage später schon ins Freie. Die ganze Natur rief ein Entzücken in ihr wach, wie sie es schon lang nicht mehr empfunden: Krokus, Narzissen, schwellende Knospen, der Glanz des Sonnenlichts auf den Schwingen der Pfauentauben, Form und Farbe der Wolken, der Duft des Windes – all das erfüllte sie mit fast schmerzlicher Freude. Dennoch empfand sie kein Verlangen, etwas zu tun oder jemanden zu empfangen. In dieser seltsamen Apathie nahm sie Adrians Einladung an, ihn auf seine kurze Urlaubsreise ins Ausland zu begleiten.

Vierzehn Tage verbrachten sie zu Argelès in den Pyrenäen und erlebten denkwürdige Dinge: Sie unternahmen Ausflüge, pflückten Blumen, sahen die Mandelblüte und pyrenäische Schäferhunde, führten Gespräche – dazu bot sich überreiche Gelegenheit; sie verbrachten ja den ganzen Tag im Freien und nahmen den Lunch mit. Adrian sprach begeistert von den Bergen. Er hatte seine Kletterwut noch immer nicht ganz überwunden. Dinny hatte ihn in Verdacht, er wolle sie um jeden Preis aus der Apathie erwecken, in die sie versunken war.

«Als ich mit Hilary den ‹Kleinen Sünder› in den Dolomiten bestieg», sagte er eines Tages, «kam ich Gott so nahe, wie es mir nie wieder beschieden sein wird. Vor neunzehn Jahren – hol's der Kuckuck! Dinny, wann hast du dich Gott am nächsten gefühlt?»

Sie gab keine Antwort.

«Hör mal, meine Liebe, wie alt bist du jetzt eigentlich – siebenundzwanzig?»

«Fast achtundzwanzig.»

«Noch an der Schwelle. Dinny, täte es dir nicht gut, dich einmal auszusprechen?»

«Du solltest doch wissen, Onkel, wir Cherrells pflegen nicht unser Herz auszuschütten.»

«Ganz richtig! Je tiefer uns etwas trifft, um so tieferes Schweigen wahren wir. Man soll aber den Kummer nicht hochzüchten, Dinny.»

«Ich kann es recht gut verstehn», sagte sie unvermittelt, «daß Frauen ins Kloster gehn oder sich Werken der Nächstenliebe widmen. Nur war ich immer der Meinung, es verrate einen gewissen Mangel an Humor.»

«Es kann auch Mangel an Mut sein, oder übermäßiger Mut, fanatischer Mut.»

«Oder gebrochene Schwingen.»

Adrian sah sie an.

«Die deinen sind noch nicht gebrochen, Dinny – arg verbogen, aber nicht gebrochen.»

«Hoffen wir's, Onkel, aber endlich müßten sie wieder elastisch werden.»

«Du erholst dich prächtig.»

«Ja, ich esse auch genug, sogar Tante Emily wäre mit mir zufrieden. Man muß eben mehr Interesse am eigenen Leben gewinnen, darum dreht sich's.»

«Stimmt. Wäre aber nicht vielleicht doch –»

«Nur keine Roßkuren, liebster Onkel. Die vertrag ich nicht.»

Adrian lächelte. «Ich dachte eher an Kinder.»

«Ja, wenn es ohne Mann ginge! Übrigens geht es mir sehr gut, und ich bin mit meinem gegenwärtigen Zustand ganz zufrieden. Hab ich dir schon erzählt, daß die alte Betty gestorben ist?»

«Die gute alte Seele! Sie gab mir immer Lebkuchen.»

«Die war ein ganzer Mensch. Onkel, wir lesen zu viele Bücher.»

«Zweifellos. Mehr herumspazieren, weniger lesen! Komm, lunchen wir jetzt.»

Auf der Heimreise blieben sie zwei Tage in Paris in einem kleinen Hotel mit Restaurant nahe beim St. Lazare-Bahnhof. Dort gab es Holzfeuer und behagliche Betten.

«Nur die Franzosen wissen, was ein gutes Bett wert ist», sagte Adrian.

Die Küche, die man dort führte, schien für Turfleute und Gäste bestimmt, die gute Kost zu schätzen wissen. Die Kellner, die eine Schürze trugen, glichen nach Adrians Ausspruch ‹Mönchen, die an ihre Aufgabe schritten›, sie gossen mit Andacht den Wein ein, mischten mit Andacht den Salat. Er und Dinny waren die einzigen Gäste in Hotel und Restaurant, sie gehörten zu den wenigen Fremden, die sich jetzt in Paris aufhielten.

«Eine wunderschöne Stadt, Dinny; abgesehen von den Autos, die jetzt die Fiaker ersetzen, kommt mir Paris auch heute noch genauso vor, wie bei meinem ersten Besuch im Jahre 1888, als dein Großvater Gesandter in Kopenhagen war. Noch immer riecht man Kaffeeduft und den Rauch von Holzfeuern, die Leute haben noch immer die gleiche Rückenbreite, tragen auf ihren Mänteln die gleichen roten Knöpfe, noch immer sieht man die gleichen Tische vor den gleichen Kaffeehäusern, die gleichen Plakate, die gleichen komischen Bücherstände, das gleiche wunderbar vehemente Getriebe, das gleiche französische Grau überall, sogar am Himmel, das gleiche mißvergnügte Sichverschließen vor allem, was nicht aus Paris kommt. Paris führt in der Mode. Und doch ist es der konservativste Ort der Welt. Die modernen Literaten, heißt es, sind der Ansicht, die Welt habe frühestens im Jahre 1914 begonnen, sie merzen alles aus, was vor dem Krieg gewesen, verachten alles, was von Dauer ist. Diese Literaten sind vorwiegend Polen, Iren, Juden und haben dennoch diese wandellos konservative Stadt zu ihrem Tummelplatz erwählt. Ebenso auch die Maler, Musiker und die andern Extremisten. Hier finden sie sich zusammen, schwatzen und experimentieren sich zu Tode. Und das liebe alte Paris lacht und geht seinen alten Gang, lebt der Wirklichkeit, den verfeinerten Genüssen und der Tradition ganz wie zuvor. Paris erzeugt Anarchie wie dunkles Bier den Schaum.»

Dinny drückte seinen Arm.

«Ein interessanter Vortrag, Onkel. Ich muß sagen, ich fühle mich hier lebendiger als seit Jahren.»

«Verstehe, Paris schmeichelt den Sinnen. Gehn wir doch da hinein, es ist noch zu kalt, im Freien zu sitzen. Was möchtest du trinken, Tee oder Absinth?»

«Absinth.»

«Wird dir nicht schmecken.»

«Gut, dann Tee mit Zitrone.»

Während sie auf den Tee wartete, sah Dinny in das friedliche Getriebe des Café de la Paix, betrachtete das bärtige Gesicht und die hagere Gestalt ihres Onkels und dachte: ‹ Er scheint aus anderem Holz geschnitzt!› Dennoch verriet er ein gewisses Interesse an diesem bunten Treiben, ein Behagen, das ihn mit der Umwelt verband.

Am Leben wieder Interesse finden, ohne sich dabei zu verzärteln? Sie blickte um sich, ihre Nachbarn waren weder auffällig, noch sonst bemerkenswert. Doch schienen sie offenbar stets zu tun, was ihnen gefiel, nicht andern Zielen nachzujagen.

«Die genießen den Augenblick, gelt?» sagte Adrian unvermittelt.

«Jawohl, hab mir's auch gedacht.»

«Die Franzosen sind die echten Lebenskünstler. Wir Engländer hoffen immer auf die Zukunft oder klagen um die Vergangenheit. So wenig macht man sich in England aus der Gegenwart!»

«Warum sind die Franzosen so ganz anders?»

«Weniger nordisches Blut, mehr Wein und Öl. Sie haben rundere Schädel als wir, eine untersetztere Figur, meist braune Augen.»

«Das können wir aber nicht ändern.»

«Die Franzosen halten stets die Mitte, ihr seelisches Gleichgewicht ist ungemein hochentwickelt. Sinne und Intellekt halten einander die Waage.»

«Aber fett werden sie, Onkel.»

«Allerdings, doch schön gleichmäßig am ganzen Körper, kein Spitzbauch und so weiter. Natürlich bin ich lieber Engländer. Doch wenn ich kein Engländer wäre, möcht ich Franzose sein.»

«Lockt einen nicht immer das, was man nicht hat?»

«Hm! Ist es dir noch nie aufgefallen, Dinny, sooft wir sagen: ‹Sei doch brav!› sagt der Franzose: ‹Sei gescheit!›? Das verrät viel. Wie ich höre, führen die Franzosen unser Mißbehagen auf die puritanische Tradition zurück. Doch das heißt, die Wirkung mit der Ursache verwechseln, Symptome für die Wurzel halten. Zugestanden, wir sehnen uns immer nach dem Lande der Verheißung; dieser Sehnsucht entspringt unser Puritanertum, doch auch unsere Wanderlust, unser Kolonisationstrieb, unser Protestantismus. Wikingerblut, Meer und Klima. Das alles macht uns kaum zu Lebenskünstlern. Bedenk auch unsere Industrialisierung, unsere alten Jungfern, unsere Sonderlinge, unsere humanitären Bestrebungen, unsere Dichtung! Wir stechen immer hervor. Wir haben ja einige Einrichtungen, die in hohem Maße nivellierend wirken, unsere Colleges, das Kricket in seinen verschiedenen Spielarten, aber unser Volkscharakter neigt stets zu Extremen; der Durchschnittsbrite ist von Natur aus ein Sonderling und ist im Grunde auch stolz darauf, trotz seiner offenkundigen Scheu, aufzufallen. Wo in aller Welt sieht man noch so mannigfache Schädelbildungen wie in England und durchweg so eigenartige? Wir geben uns die größte Mühe, bloßer Durchschnitt zu sein, doch bei Gott, wir stechen immer hervor.»

«Onkel, du bist ja begeistert.»

«Sieh dich zu Hause nur ordentlich um.»

«Das werd ich», entgegnete Dinny.

Am nächsten Tag hatten sie eine gute Überfahrt, und Adrian setzte Dinny in der Mount Street ab.

Beim Abschiedskuß drückte sie ihm liebevoll den kleinen Finger.

«Onkel, du hast mir unendlich viel Gutes getan.»

Diese sechs Wochen über hatte sie kaum je an Clares Affäre gedacht, und jetzt erkundigte sie sich sofort nach dem neuesten Stand der Dinge. Die beiden hatten in ihren Eingaben die Klagepunkte bestritten und Einwände erhoben, wahrscheinlich fand die Verhandlung in mehreren Wochen statt.

«Ich hab seither weder Clare noch den jungen Croom gesehn», sagte Sir Lawrence, «erfuhr aber von Dornford, daß sich in ihren Beziehungen nichts geändert hat. Der ‹ganz junge› Roger ist noch immer versessen drauf, Clare zu Mitteilungen aus ihrem Leben in Ceylon zu bewegen. Die Advokaten scheinen die Gerichtshöfe als Beichtstühle zu betrachten, in denen man die Sünden des Gegners beichtet.»

«Na, sind sie das vielleicht nicht?»

«So viel aus den Zeitungen zu ersehn ist, allerdings.»

«Clare kann und will es aber nicht. Es wäre ein schwerer Fehler, wollte man es von ihr erzwingen. Hat man schon etwas von Jerry gehört?»

«Er muß bereits unterwegs sein, wenn er rechtzeitig eintreffen will.»

«Gesetzt den Fall, sie verlieren den Prozeß, was soll dann aus Tony Croom werden?»

«Versetz dich nur einmal in seine Lage, Dinny. Wie immer es ausgeht, er dürfte jedenfalls vom Richter abgekanzelt werden. Er wird nicht gesonnen sein, sich Gnade erweisen zu lassen. Wenn er nicht blechen kann, weiß ich nicht recht, was ihm geschehn wird. Zweifellos etwas Unangenehmes. Auch fragt es sich, wie Jack Muskham die Sache aufnimmt – er ist sonderbar.»

«Ja», sagte Dinny verhalten.

Sir Lawrence ließ das Monokel sinken.

«Deine Tante schlägt vor, der junge Croom soll Goldgräber werden, reich zurückkommen und Clare heiraten.»

«Und Clare?»

«Liebt sie ihn denn nicht?»

Dinny schüttelte den Kopf. «Vielleicht später – wenn er ruiniert ist.»

«Hm! Und wie steht's mit dir, meine Liebe? Bist du wieder ganz die alte?»

«Freilich!»

«Michael möchte dich gern einmal sehn.»

«Ich werd ihn morgen besuchen.»

Mehr als diese vielsagenden Worte wurden über das Ereignis, das ihre Krankheit hervorgerufen, nicht gewechselt.


 << zurück weiter >>