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XXV

Am nächsten Morgen raffte Dinny sich auf und besuchte Michael auf dem South Square. Nur einmal, bei Clares Ankunft aus Ceylon, war sie seit Wilfrids Abreise nach Siam dort gewesen.

«Oben in seinem Arbeitszimmer, Miss.»

«Danke, Coaker. Ich gehe hinauf.»

Michael hörte sie nicht eintreten, sie blieb einen Augenblick stehn und betrachtete die vielen Karikaturen an den Wänden. Ihr schien es stets verwunderlich, daß gerade Michael, der die menschlichen Tugenden so gern überschätzte, sich mit den Werken von Künstlern umgab, die davon lebten, menschliche Schwächen zu übertreiben.

«Stör ich, Michael?»

«Dinny, du siehst ja prächtig aus! Hast uns argen Schrecken eingejagt, Mädel! Nimm doch Platz! Hab nur die Kartoffeln studiert – die Ziffern sind überraschend.»

Sie plauderten eine Weile, dann trat Schweigen ein, beide besannen sich auf den Zweck dieses Besuchs.

«Michael, du sollst mir etwas übergeben oder berichten.»

Er trat zu einer Lade und entnahm ihr ein Päckchen. Dinny packte es auf dem Schoß aus. Ein Brief lag drin, ein kleines Lichtbild, ein Orden.

«Sein Paßbild, das Militär-Verdienstkreuz. In dem Brief liegt etwas für dich, der ganze Brief gilt eigentlich dir, alles gilt dir. Entschuldige, ich muß nach Fleur sehn, ehe sie weggeht.»

Dinny saß reglos da und starrte auf das Lichtbild. Vergilbt von Nässe und Hitze, wirkte es ausdruckslos und nüchtern – das richtige Paßbild. ‹Wilfrid Desert› stand quer darüber, aus dem Bild sah er ihr gerade in die Augen. Sie legte es mit der Kehrseite nach oben auf den Schoß und strich das fleckige, zerknitterte Band des Ordens glatt. Dann raffte sie sich auf und öffnete den Brief. Ein zusammengelegtes Blatt fiel heraus, sie entfaltete es. Der Brief war an Michael gerichtet.

 

Neujahrstag

‹Lieber alter M. M.!

Grüße an Dich und Fleur und noch viele glückliche Jahre! Ich bin weit oben im Norden Siams, in einer ganz wilden Gegend; ich gehe einem Ziel nach, das ich vielleicht erreiche, vielleicht auch nicht. Ich suche den Wohnsitz eines Stammes auf, der zweifellos vorsiamesisch ist, nicht mongolisch. Adrian Cherrell hätte gewiß Interesse dafür. Ich hatte oft die Absicht, Dir zu schreiben, doch wenn es dazu kam, unterließ ich es immer wieder, teils, weil Du dieses Land nicht kennst und Beschreibungen ja doch nichts taugen, teils weil ich kaum allzu großes Interesse dafür voraussetzen darf. Jetzt aber schreibe ich Dir wirklich. Bitte, teile Dinny mit, daß ich endlich den Frieden mit mir selbst gefunden habe. Vielleicht verdanke ich ihn dieser starken Luft hier, dieser seltsam fremden Atmosphäre, vielleicht auch der Weisheit des Ostens, die ich mir hier zu eigen gemacht. Was bedeutet uns die Welt der andern? Allein sind wir von der Geburt bis zum Grab, nur das Weltall ist unser alter trauter Gefährte – auch wir sind ein All im kleinen. Seltsamer Frieden erfüllt mich hier, oft fasse ich es kaum, wie ich so zerrissen und gequält sein konnte. Dinny wird sich freuen, das zu hören; ich wäre wirklich froh zu erfahren, daß auch sie den Frieden fand.

Ich habe eine kleine Sache geschrieben, und wenn ich von diesem Ausflug zurückkomme, will ich auch ihn zu schildern versuchen. In drei Tagen erreichen wir den Strom, überschreiten ihn und folgen einem westlichen Nebenfluß bis zu den Ausläufern des Himalaya.

Auch hier sickern vage Gerüchte von der Krise durch, die ihr eben durchmachen müßt. Armes liebes England! Wahrscheinlich sehe ich es nie wieder. Im Grunde doch ein prächtiges Land; ich kann den Gedanken nicht ertragen, es ruiniert zu sehn. Doch nach einer gründlichen Kur wird es sich gewiß erholen und mehr gedeihen denn je.

Leb wohl, lieber Freund, herzliche Grüße euch beiden! Dinny einen ganz besonderen Gruß.

Wilfrid

 

Frieden? Und sie? Sie packte Band, Lichtbild und Brief wieder ein und steckte alles in ihr Täschchen. Lautlos öffnete sie die Tür, ging die Treppe hinab und trat hinaus in den hellen Sonnenschein.

Während sie allein an der Themse stand, entfaltete sie ein Blatt, das sie dem Brief entnommen hatte, und unter einer noch kahlen Platane las sie die folgenden Verse:

 

Halt still!

Die Sonne macht erblühn, sie macht vermodern,
Weckt aus Verwestem neue Blütenpracht,
Und darf doch nur ein kurzes Stündlein lodern,
Ein Flämmchen in des Raumes schwarzer Nacht.

Ein kleiner Flitter, schimmert sie am dunkeln
Gewand des Himmels, nadelspitzengroß,
Ein Sternlein, wie noch tausend andre funkeln
Und aber Tausende im Weltenschoß.

Und ob sie gleich mein ganzes Sein auf Erden
Umschließt, auch sie erliegt dem Weltgeschehn,
Wie ich geworden, trat auch sie ins Werden,
Wie ich vergehe, muß auch sie vergehn.

Doch drum kein Stolz! Der kleinste Keim in meinem Blut
Durchlebt sein Leben mit derselben Glut
Und fügt sich unbewußt wie ich und sie
Als Glied ein in des Weltalls Harmonie.

Wir müssen Werden, Sein und Tod ertragen,
Der kleine Keim und ich, das Sonnenlicht.
«Halt still!» erwidert Gott auf alle Fragen.
«Halt still, ertrag! Warum? Ich weiß es nicht.»

 

‹Halt still!› Der Kai war fast menschenleer, fast ohne Fuhrwerk. Sie wanderte weiter, überschritt die Hauptverkehrsadern und kam zum Kensingtonpark. Hier gab es auf dem ‹runden Teich› viele Spielzeugboote, und Kinder standen da und sahn ihnen beim Schwimmen zu. Ein blondhaariger kleiner Junge, der ein wenig an Kit Mont gemahnte, trieb sein Boot mit einem Stock neuerlich zu dem Versuch an, den Teich zu durchqueren. Er hörte und sah nichts andres – wie herrlich! Lag vielleicht darin das Geheimnis des Glücks? Sich an den Augenblick zu verlieren, selbstvergessen wie ein Kind!

«Da fährt es, sieh doch!» rief er plötzlich.

Die Segel blähten sich, das kleine Boot schwamm davon. Der Knabe stand da und hielt die Arme in die Seite gestemmt; rasch sah er zu Dinny auf und rief:

«Ha! Jetzt muß ich laufen!»

Dinny sah ihn ab und zu jäh innehalten, offenbar wollte er abschätzen, wo sein Boot an Land treiben würde.

So jagte man durchs Leben, hoffte bei jedem Wagnis auf die Landung im sichern Port und am Ende lag man still! So schmetterten ja auch die Vögel ihre Weisen, jagten nach Würmern, putzten ihr Gefieder, flogen anscheinend ziellos hin und her, aus reiner Lust am Fliegen. Sie paarten sich, bauten Nester, fütterten ihre Jungen, und wenn alles vorbei war, lagen sie starr und kalt, ein kleines Bündel Federn, verwesten, zerfielen in Staub. Langsam folgte sie dem Knaben um den Teich herum, sah ihm wieder zu, wie er das Boot mit dem Stock lenkte, und fragte: «Wie nennt man eigentlich ein solches Boot?»

«Einen Kutter. Zuerst hatte ich einen Schoner, aber unser Hund hat das Takelwerk gefressen.»

«Ach ja», sagte Dinny, «Hunde fressen das gern, es ist sehr saftig.»

«Was?»

«Wie Spargel.»

«Ich hab noch nie Spargel gegessen, der ist zu teuer.»

«Aber genascht hast du schon davon?»

«Ja. Sieh doch, der Wind treibt es schon wieder fort.»

Das Boot fuhr davon, und der kleine, hellblonde Junge lief ihm nach.

Ihr schossen Adrians Worte durch den Kopf: ‹Ich dachte eher an Kinder.›

Sie trat auf eine kleine Lichtung hinaus. Auf dem Rasen blühten Krokus, gelb, lila und weiß, und Narzissen. Die Bäume streckten sehnend jeden Zweig, jede Knospe der warmen Sonne entgegen. Die Amseln sangen. Sie ging weiter und dachte: ‹Frieden! Es gibt keinen Frieden. Es gibt nur Leben und Tod!›

Die Vorübergehenden blickten sie an und dachten:

‹Schönes Mädchen!› oder ‹Diese kleinen Hüte!› oder ‹Wo geht sie hin?› oder ‹Warum trägt sie den Kopf so hoch?› oder auch nur ‹Holla!› Sie überquerte die Straße und kam zum Hudsondenkmal, das ein Vogelasyl sein sollte. Doch außer einem oder zwei Spatzen und einer fetten Taube sah sie keinen einzigen Vogel dort sitzen. Nur drei Leute betrachteten das Denkmal. Einst hatte sie es mit Wilfrid besichtigt, nun streifte sie es mit dem Blick und ging weiter.

Sie ging zum ‹Serpentine›-Teich hinab und schritt das Ufer entlang. Die Sonne glitzerte auf dem Wasser, das Gras drüben sah trocken aus. Die Zeitungen schwatzten schon von der Dürre! Die Geräusche aus Nord, Süd und Westen klangen zu gedämpftem Brausen zusammen. Dort wo er lag, herrschte gewiß Schweigen; fremdartige Vögel und kleine Tiere des Waldes waren wohl die einzigen Besucher, seltsam geformte Blätter sanken nieder auf sein Grab. Plötzlich fielen ihr einige Filmszenen ein aus dem ländlichen Heim Briands in der Normandie, die sie zu Argelès gesehn. ‹Schade, daß wir all das zurücklassen müssen›, hatte sie damals gesagt.

Hoch oben glitt surrend ein Flugzeug nach Norden, ein silbriges, kleines, ratterndes Ding. Er hatte sie seit dem Krieg gehaßt. ‹Wenn's Götter gibt, das stört selbst ihren Frieden.›

Die tapfere Welt von heute! Gott thronte nicht mehr in seinem Himmel!

Sie bog nach Norden ab, wich der Stätte aus, wo sie ihn so oft getroffen. Der offne Rednerplatz am Marble Arch war menschenleer. Sie verließ den Hydepark und wandte sich zur Melton Mews. Vorbei! Mit seltsamem, leisem Lächeln auf den Lippen, betrat sie die Mews und blieb vor der Tür der Schwester stehn.


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