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III

Dinny sah sich nach Tante Emily um – keine einfache Sache! Unter gewöhnlichen Leuten tauschte man Frage und Antwort, und damit war die Geschichte abgetan. Doch Lady Mont ließ sich mit bloßen Worten nicht abspeisen. Sie schnupperte an einem Verbenensäckchen, während Dinny für sie das Auspacken besorgte.

«Herrlicher Duft! Dinny, Clare sieht ziemlich gelb aus. Ist vielleicht ein Baby im Anzug?»

«Nein, Tantchen.»

«Schade! Als wir in Ceylon waren, bekam jedermann Babies. Und die Elefantenbabies waren so herzig! In diesem Zimmer haben wir immer ein Spiel gespielt – dem eingekerkerten katholischen Priester wurde in einem Korb vom Dach aus Essen herabgelassen. Dein Vater saß meist auf dem Dach, und ich war der Priester. Nur ganz selten fand ich in dem Korb etwas wirklich Eßbares. Deine Tante Wilmet hockte auf einem Baum und rief: ‹Achtung!›, wenn ein Protestant in Sicht kam. Lawrence behauptet, damals waren die Protestanten wahre Teufel. Die Katholiken ebenso. Und die Mohammedaner nicht minder.»

Dinny zuckte zusammen und barg ihr Gesicht hinter Tante Emilys Hüfthalter.

«Wohin soll ich diese Wäsche legen?» fragte sie.

«Wart doch, laß mich überlegen. Bück dich nicht so viel! Jedermann war damals ein Teufel. Und die Tiere wurden grauenhaft behandelt! Hat es Clare in Ceylon gefallen?»

Dinny richtete sich auf, einen Stoß Wäsche unterm Arm.

«Nicht besonders.»

«Warum nicht? Leberleidend?»

«Tantchen, versprich, daß du außer Onkel Lawrence und Michael niemandem verraten wirst, was ich dir jetzt sage. Es ist zum Bruch gekommen.»

Lady Mont barg ihre Nase in dem Verbenensack.

«Oh», rief sie, «seine Mutter sah ganz danach aus. Glaubst du auch an das Sprichwort: ‹Wie die Mutter, so der Sohn›?»

«Eigentlich nicht.»

«Dinny, ich hab's ja immer gesagt: Ein Altersunterschied von siebzehn Jahren ist des Guten zu viel. Lawrence behauptet, die Leute meinen immer nur: ‹Ah, Jerry Corven!›, und dann sagen sie kein Wort mehr. Was war denn los?»

Dinny beugte sich über eine Lade und begann die Sachen zu ordnen.

«Ich kann nicht näher drauf eingehn, aber er scheint ein Biest zu sein.»

Lady Mont warf das Verbenensäckchen in die Lade und murmelte: «Die arme liebe Clare!»

«Sie ist also nur wegen ihrer Gesundheit heimgekehrt, Tantchen.»

Lady Mont steckte die Nase in eine Blumenschale. «Boswell und Johnson nennen sie ‹Dalkien›. Sie riechen nicht. Was für eine Krankheit kann Clare jetzt nur haben – Nerven?»

«Das Klima, Tantchen.»

«So viele Engländer in Indien kehren immer wieder heim.»

«Ich weiß. Doch was nun? Irgend etwas wird geschehn. Bitte, sag es vorläufig niemandem, nicht einmal Fleur.»

«Fleur erfährt es ja doch, ob ich etwas sage oder nicht; du kennst sie ja. Hat Clare einen jungen Mann?»

«Ach nein!» Dinny hob einen flohfarbnen Schlafrock hoch und entsann sich dabei der Miene jenes jungen Mannes beim Abschiednehmen.

«An Bord vielleicht», murmelte Tante Emily zweifelnd.

«Beschäftigt sich Onkel Lawrence jetzt noch viel mit Politik?» sprang Dinny auf ein neues Thema über.

«Ja. Zu langweilig. Sterbensfad, wenn die Männer damit anfangen. Hat euer Kandidat hier sein Mandat so sicher in der Tasche wie Michael?»

«Er ist ein Neuling, wird aber durchdringen.»

«Verheiratet?»

«Nein.»

Lady Mont neigte den Kopf leicht zur Seite und blinzelte unter halbgeschloßnen Lidern die Nichte prüfend an.

Dinny zog den letzten Gegenstand aus dem Koffer: eine Büchse Antiphlogistin.

«Tantchen, das ist doch kein britisches Erzeugnis!»

«Aber gut für die Brust. Celia hat mir's eingepackt. Ich gebrauch es schon seit Jahren. Hast du mit eurem Kandidaten schon ein Privatgespräch geführt?»

«Jawohl.»

«Wie alt ist er?»

«Noch weit unter vierzig, scheint mir.»

«Hat er auch noch einen andern Beruf?»

«Er ist Königlicher Gerichtsrat.»

«Wie heißt er?»

«Dornford.»

«Einen Dornford kannte ich noch zu meiner Mädchenzeit. Wo war's doch nur? Richtig, in Algeciras! Er war Oberst in Gibraltar.»

«Vermutlich sein Vater.»

«Dann hat er kein Geld.»

«Nur das Einkommen aus seiner Gerichtspraxis.»

«Und das ist nicht hoch – unter vierzig Jahren.»

«Bei ihm, glaub ich, doch.»

«Rührig also?»

«Sehr.»

«Blond?»

«Nein, brünett. Er gewann heuer das Steeplechase der Juristen. Soll man dir gleich Feuer machen, Liebste, oder erst, wenn du dich umkleiden mußt?»

«Erst dann. Ich möchte das Baby sehn.»

«Gut. Es muß eben von seiner Ausfahrt zurück sein. Dein Badezimmer liegt am Fuß der Treppe. Ich erwarte dich im Kinderzimmer.»

Das Kinderzimmer war noch ganz so wie einst, da Dinny und Tante Emily selbst ihre ersten Eindrücke vom Leben, diesem Rösselsprungrätsel, darin empfangen hatten; dieselben steinernen Fensterpfeiler, dieselbe niedrige Decke. Jetzt machte das Baby darin seine wackeligen Gehversuche. Ob es sich mehr zu einem Cherrell oder Tasburgh entwickeln würde, ließ sich noch nicht sagen. Pflegeschwester, Tante und Großtante standen bewundernd im Dreieck um den Kleinen herum und streckten die Hände aus, ihn aufzufangen.

«Er kräht ja gar nicht», bemerkte Dinny.

«Am Morgen schon, Miss.»

«Plumps, da liegt er!» rief Lady Mont.

«Nicht weinen, Herzchen!»

«Er weint nie, Miss.»

«Ganz wie Jeanne. Clare und ich haben oft geheult bis zum siebenten Jahr.»

«Ich bis zum fünfzehnten», stellte Lady Mont fest, «und mit fünfundvierzig hab ich wieder begonnen. Haben Sie auch geweint, Schwester?»

«Nein, Mylady. Wir waren zuviel Kinder, hatten zu wenig Raum.»

«Nannys Mutter war reizend – fünf prächtige Schwestern.»

Die frischen roten Wangen der Pflegerin wurden noch röter; sie lächelte mit halbgeöffnetem Mund wie ein schüchternes Kind.

«Jetzt ist er genug herumgezottelt», entschied Lady Mont. «Achtung, sonst bekommt er O-Beine!»

Die Schwester zog das noch immer widerstrebende Baby an sich und brachte es in sein kleines Bett; von dort aus starrte das Kind Dinny nachdenklich an.

«Mutter ist in ihn verliebt», sagte sie. «Sie glaubt, er wird Hubert nachgeraten.»

Lady Mont gab einen Laut von sich, der nach Ansicht der Erwachsenen für Babyohren verführerisch klang.

«Wann kommt Jeanne wieder nach Hause?»

«Erst bei Huberts nächstem langem Urlaub.»

Lady Monts Blick ruhte auf ihrer Nichte.

«Wie der Pfarrer sagt, bleibt Alan noch ein Jahr lang in China.»

Dinny rasselte mit einer Glasperlenkette vor der Nase des Kleinen und schien diese Bemerkung gar nicht zu hören. Seit jenem Sommerabend vor einem Jahre, da sie nach Wilfrids Flucht heimgekommen war, hatte sie nie mehr von ihren Gefühlen gesprochen oder eine Anspielung darauf geduldet. Niemand, vielleicht nicht einmal sie selbst, wußte, ob diese Wunde nun wirklich geheilt war. Sie wußte nicht einmal, ob sie überhaupt noch ein Herz habe, so mühsam hatte sie es niedergezwungen; nun war ihr's, als habe es sich ganz tief verkrochen, und sie fühlte kaum mehr seinen Schlag.

«Was möchtest du jetzt tun, Tantchen? Er geht nun schlafen.»

«Führ mich durch den Garten.»

Sie stiegen die Treppe hinab und traten auf die Terrasse.

«O weh!» rief Dinny verstimmt. «Glover hat von dem kleinen Maulbeerbaum das Laub abgeschüttelt. Es hat immer so anmutig gezittert und lag dann wie ein Ring auf dem Rasen. Gärtner haben doch gar keinen Sinn für das Schöne.»

«Sie fegen nicht gern. Wo ist die Zeder, die ich als fünfjähriges Mädel gepflanzt habe?»

Sie bogen um die Ecke einer alten Mauer und kamen zu der Zeder, einem breitästigen, noch immer jugendfrischen Baum von nahezu sechzig Jahren, mit flachhängenden, von der Abendsonne beglänzten Zweigen.

«Dinny, ich möchte gern darunter begraben sein, aber man wird es vermutlich nicht tun und legt mich in eine muffige Gruft.»

«Mich soll man verbrennen und die Asche in den Wind streun. Sieh nur, der Pflüger dort auf dem Feld! Ich seh so gern die Rosse langsam auf- und abgehn, und im Hintergrund Bäume.»

«‹Und die muhenden Küh' auf den Auen›», zitierte Lady Mont wider Erwarten.

Von einer Schafhürde, die weiter östlich lag, drang leises Schellengebimmel herüber.

«Hör nur, Tantchen!»

Lady Mont schob ihren Arm in den der Nichte.

«Wär ich doch auch solch eine Ziege!» rief die Tante. «Hab mir's so oft gewünscht.»

«Aber nicht bei uns in England, wo man die Ziegen an einen Pfahl bindet und nur ein paar Schritt weit grasen läßt, die Armen!»

«Nein, mit einer Glocke, im Gebirg. Und lieber ein Bock, der sich nicht melken lassen muß.»

«Komm doch und sieh dir unser neues Schnittblumenbeet an. Jetzt ist natürlich nicht mehr viel los, nur Dahlien, Chrysanthemen, Godetia, Astern, Phlox und ein paar Herbstmaßliebchen.»

«Dinny!» sagte Lady Mont aus den Dahlien hervor, «und Clare? Scheidungen sind jetzt sehr einfach, heißt es.»

«Solang man es nicht selbst probiert hat.»

«Böswilliges Verlassen und so weiter.»

«Man muß aber verlassen werden

«Er hat sie doch dazu getrieben, sagst du.»

«Tantchen, das ist nicht dasselbe.»

«Diese Paragraphenreiter machen sich immer so patzig. Erinnerst du dich noch an den Polizeirichter mit der langen Nase in Huberts Auslieferungsprozeß?»

«Ach ja! Aber der benahm sich am Ende doch ganz menschlich.»

«Wieso?»

«Er sagte zum Innenminister, Hubert habe die Wahrheit gesprochen.»

«Eine schauderhafte Geschichte!» murmelte Lady Mont, «aber es ist ganz nett in der Erinnerung.»

«Sie nahm ein glückliches Ende», versetzte Dinny rasch.

Lady Mont sah sie traurig an.

Dinny starrte auf die Blumen und sagte plötzlich: «Tante Emily, auch bei Clare muß sich alles noch zum Guten wenden.»


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