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XVI

Seit der Abreise ihres Gatten hatte Clare den jungen Croom zwar häufig getroffen, aber stets mußte er, wie vereinbart, die nötige Distanz wahren. Die Liebe hatte ihn ungesellig gemacht. Auch fand sie es nicht ratsam, sich vor aller Augen mit ihm zu zeigen, deshalb hatte sie ihn ihren Freunden nicht vorgestellt. Sie trafen einander in billigen Restaurants, im Kino oder auf Spaziergängen. In ihre Wohnung hatte sie ihn nicht wieder eingeladen, er hatte sie auch nicht darum gebeten. Er benahm sich in der Tat musterhaft, versank nur manchmal in peinliches, endloses Schweigen oder starrte sie so lange an, bis ihr alle Finger zuckten und sie ihn am liebsten geschüttelt hätte. Allem Anschein nach hatte er Jack Muskhams Gestüt einige Besuche abgestattet und stundenlang über Büchern gebrütet, die das Problem aufwarfen, ob die Vorzüge des Eclipse auf seine Abstammung von dem Rassepferd Lister Turk oder eher vom Rassepferd Darley Arabian zurückzuführen seien, und ob man Blacklock mit St. Simon auf Speculum kreuzen solle, oder mit Speculum auf St. Simon.

Als sie nach Neujahr aus Condaford zurückgekehrt war, hatte sie fünf Tage lang nichts von ihm gehört, so daß sie sich in Gedanken mehr mit ihm beschäftigte als zuvor.

 

‹Lieber Tony›, schrieb sie ihm in den ‹Coffee House›-Klub, ‹wo steckst Du und wie geht es Dir? Ich bin wieder in London. Recht glückliches Neujahr!

Stets Deine Clare›

 

Die Antwort kam erst nach drei Tagen; anfangs hatte sie sich darüber geärgert, dann wurde sie besorgt und schließlich bekam sie Angst. Zuletzt traf ein Brief ein, den er im Gasthaus von Bablock Hythe geschrieben hatte:

 

‹Liebe Clare!

Als ich Deinen lieben Brief empfing, fiel mir ein Stein vom Herzen, denn ich hatte mir fest vorgenommen, Dir erst zu schreiben, nachdem ich von Dir ein paar Zeilen erhalten hätte. Ich möchte Dich um keinen Preis der Welt langweilen, und manchmal frage ich mich, ob ich's nicht am Ende doch tue. Soweit es einem Menschen, der Dich nicht sehn darf, gut gehn kann, geht es mir gut; ich beaufsichtige jetzt die Einrichtung der Ställe für die Araberstuten. Sie (die Stallungen meine ich) werden erstklassig sein. Die Frage ist nur, ob sich die Tiere an das englische Klima gewöhnen werden; hier soll es übrigens mild sein, und die Weidegründe sehn tipptopp aus. Dieser Erdenwinkel ist recht hübsch, besonders der Fluß. Gottlob ist das Gasthaus billig, und ich kann unbegrenzte Zeit von Speck mit Eiern leben. Jack Muskham ist so nobel gewesen, mir schon ab Neujahr Gehalt zu zahlen, drum trage ich mich mit dem Gedanken, die ungefähr sechzig Pfund, die ich noch habe, in Stapyltons altem Zweisitzer anzulegen. Eben hat er sich wieder nach Indien eingeschifft. Wenn ich mich erst einmal hier dauernd niederlasse, ist der Besitz eines Autos gradezu eine Lebensnotwendigkeit, sonst bekomme ich Dich ja gar nicht zu Gesicht, und ohne Dich ist das Leben nicht lebenswert. Hoffentlich hast Du in Condaford recht schöne Tage verbracht. Weißt Du, daß ich Dich nun schon seit sechzehn Tagen nicht gesehen habe? Lang halte ich das nicht mehr aus. Samstag nachmittag komm ich nach London. Wo kann ich Dich treffen?

Dein Dich stets verehrender
Tony›

 

Clare lag auf dem Sofa in ihrem Zimmer, als sie diesen Brief las; beim Öffnen zog sie die Stirn etwas kraus, doch als sie fertiggelesen hatte, lächelte sie ein wenig.

Der arme liebe Tony! Sie griff rasch nach einem Telegrammformular und schrieb: ‹Komm zu mir zum Tee. C.› Auf ihrem Weg zum Temple-Gebäude gab sie die Depesche auf.

Die Bedeutung, die zwei junge Leute ihren Zusammenkünften beimessen, hängt von der Bedeutung ab, die die andern dem Unterbleiben dieser Zusammenkünfte beimessen. Als Tony Croom sich der Melton Mews näherte, drehten sich seine Gedanken ausschließlich um Clare; daher entging seiner Aufmerksamkeit ein gedrungener Mann mit Hornbrille, schwarzen Schuhen und weinroter Krawatte, der wie der Sekretär einer Gelehrtenvereinigung aussah. Dieser Mensch war ihm unaufdringlich und unbemerkt schon von Bablock Hythe zum Paddington-Bahnhof, vom Paddington-Bahnhof zum ‹Coffee House›, vom ‹Coffee House› zur Ecke der Melton Mews gefolgt, hatte beobachtet, wie Tony Croom das Haus Nr. 2 betrat; dann hatte er etwas in ein Notizbuch eingetragen und nun stand er, ein Abendblatt in der Hand, in der Gasse und wartete darauf, daß Tony Croom wieder herauskam. Mit rührender Pflichttreue versagte er sich die Lektüre der Neuigkeiten, hielt den Blick seiner etwas vorquellenden Augen unverwandt auf jene pfaublaue Tür geheftet, bereit, jeden Augenblick wie ein Regenschirm zusammenzuklappen und in eine Seitengasse zu verschwinden. Und während er so wartend dastand (Warten war ja seine Hauptbeschäftigung), dachte er wie so mancher andre Londoner Bürger an die Kosten der Lebenshaltung, die Schale Tee, die er jetzt gern trinken würde, an seine kleine Tochter und ihre Sammlung ausländischer Briefmarken, und ob er jetzt wohl Einkommensteuer werde zahlen müssen. Seine Phantasie verweilte auch bei den rundlichen Formen eines jungen Frauenzimmers in dem Tabakladen, aus dem er seine billigen Zigaretten bezog.

Er hieß Chayne und verdankte seinen Lebensunterhalt seinem außergewöhnlichen Personengedächtnis, seiner unerschöpflichen Geduld, den sorgfältigen Eintragungen in sein Notizbuch, der Fähigkeit, sich selbst ganz in den Hintergrund zu stellen, und der glücklichen Eigenschaft, daß er wie der Sekretär einer Gelehrtenvereinigung aussah. In Wirklichkeit war er Angestellter des Detektivbüros Polteed, das davon lebte, daß es von gewissen Leuten mehr wußte, als ihnen zuträglich war. Er hatte am Tage von Clares Rückkehr nach London diesen Fall übernommen und war schon fünf Tage auf dem ‹Posten›, ohne daß außer seinem Chef und ihm selbst irgend jemand etwas davon wußte. Wenn man den Büchern, die er las, Glauben schenken durfte, war das Ausspionieren der Lebensweise anderer die Hauptbeschäftigung der Bewohner der britischen Inseln, und so kam es ihm keinen Augenblick in den Sinn, sich des Berufs zu schämen, dem er schon seit siebzehn Jahren so gewissenhaft nachging. Er war stolz auf seine Arbeit und hielt sich für einen tüchtigen ‹Spürhund›. Zwar plagte ihn sein Bronchialkatarrh in der letzten Zeit mehr denn je, war er doch häufig der Zugluft ausgesetzt, doch er konnte sich jetzt keinen bessern Zeitvertreib mehr vorstellen, keinen Broterwerb, der eines scharfsinnigen Mannes würdiger gewesen wäre. Die Adresse des jungen Croom hatte er sich ganz einfach dadurch verschafft, daß er sich dicht hinter Clare gestellt hatte, als sie das Telegramm aufgab. Es war ihm allerdings nicht gelungen, den Inhalt der Depesche zu entziffern, und darum war er sofort nach Bablock Hythe gedampft; aber seither hatten sich ihm keine Schwierigkeiten in den Weg gestellt. Ab und zu wechselte er seinen Beobachtungsplatz an der Ecke der Gasse; als die Dämmerung hereinbrach, wagte er sich in die Melton Mews. Um halb sechs öffnete sich die pfaublaue Tür, und die beiden jungen Leute kamen zum Vorschein. Sie gingen zu Fuß, Mr. Chayne trabte hinterdrein. Sie schritten rasch dahin, Mr. Chayne mit seinem durch die Übung erworbnen Sinn für Rhythmus folgte ihnen im gleichen Schritt. Bald merkte er, sie begaben sich nur dorthin, wohin er Lady Corven schon zweimal gefolgt war – zum Temple-Gebäude. Und das war ihm ein Trost, wegen der Tasse Tee, nach der er schmachtete. Unterwegs hielt er sich zumeist hinter dem Rücken von Leuten, die breit genug waren, ihm Deckung zu bieten. Er sah die beiden in die Middle Temple Lane einbiegen und bei Harcourt Buildings Abschied nehmen. Nachdem er festgestellt hatte, daß Lady Corven das Gebäude betrat und der junge Mann zwischen dem Eingangstor und dem Themsekai langsam auf- und abpendelte, warf er einen Blick auf die Uhr, begab sich zum ‹Strand› zurück, stürzte in einen Teeladen und rief:

«Bitte, Miss, eine Tasse Tee und Kuchen!» Während er darauf wartete, trug er eine längere Bemerkung in sein Notizbuch ein, dann blies er den Tee, trank ihn aus der Untertasse, aß den halben Kuchen, barg die andere Hälfte in der Hand, zahlte und betrat wieder den ‹Strand›. Kaum hatte er den Rest des Kuchens verzehrt, war er auch schon am Eingang der Middle Temple Lane angelangt. Noch immer pendelte der junge Mann langsam auf und ab. Mr. Chayne wartete, bis er ihm den Rücken kehrte, gebärdete sich wie ein Advokatursbeamter, der sich verspätet hat, und schoß am Eingangstor von Harcourt Buildings vorüber in das innere Temple-Gebäude. Hier vertiefte er sich in das Studium der Namen in einem Hausflur, bis Clare heraustrat. Der junge Croom gesellte sich wieder zu ihr, sie schritten zusammen dem ‹Strand› zu, und Mr. Chayne trabte hinter ihnen her. Als sie bald darauf Kinokarten lösten, nahm auch er eine Karte und ließ sich in der Reihe hinter ihnen nieder. Die ahnungslose Unschuld, die die beiden an den Tag legten, fand er fast amüsant; sie rief in ihm ein wenig Mitleid und Verachtung wach, war er doch an die Finten von Leuten gewöhnt, die auf der Hut zu sein pflegten. Diese beiden aber schienen ihm wahre Kinder. Ob sich ihre Füße berührten, vermochte er nicht festzustellen; er schob sich hinter ihnen vorbei, um die Haltung ihrer Hände zu konstatieren. Das Resultat schien zufriedenstellend, und er ließ sich auf einem freien Sitz nahe dem Gang nieder. Nun waren sie ihm für zwei Stunden sicher, er nahm Platz, genoß die Wärme, eine Zigarette und den Film. Auf der Leinwand erschienen Jagd- und Reisebilder aus Afrika; die Hauptdarsteller schwebten stets in Gefahr, doch der Kameramann, der diese gefahrvollen Situationen festgehalten, war zweifellos noch weit mehr gefährdet gewesen. Mit amerikanischem Akzent riefen sie einander mannhaften Tones zu: «Achtung! Er geht los!» Und Mr. Chayne lauschte ihnen mit angespanntem Interesse, über dem er jedoch nie die beiden, ebenfalls aufmerksamen jungen Leuten aus den Augen verlor. Als die Lichter aufflammten, sah er sie im Profil. ‹Schön ist die Jugend, sie kommt nicht mehr›, dachte er, und seine Gedanken beschäftigten sich noch lebhafter mit der jungen Dame aus dem Tabakladen. Das Pärchen schien so sehr im Banne des Films, daß er die Gelegenheit wahrnahm, einen Augenblick hinauszuschlüpfen. Wer weiß, vielleicht bot sich diese Gelegenheit nicht so bald wieder. Seiner Ansicht nach gehörte es zu den Kapitalschnitzern der Detektivgeschichten, deren eifriger Leser er war, daß die Autoren ihre Spürhunde nichts andres tun ließen, als tagaus tagein fremde Fährten zu verfolgen, ohne zu essen, ohne die Augen abzuwenden. Im wirklichen Leben war es grundverschieden.

Knapp ehe die Lichter wieder erloschen, begab er sich zu einem Sitz auf der andern Seite, der sich fast unmittelbar hinter dem jungen Paar befand. Auf der Leinwand zeigte sich jetzt eine seiner Lieblingsschauspielerinnen; überzeugt davon, sie müsse unfehlbar in Situationen geraten, in denen sie ihm ihre ganze Herrlichkeit entschleiern werde, steckte er ein Pfefferminzbonbon in den Mund und lehnte sich mit einem Seufzer zurück. Seit langem hatte er keinen so vergnügten Abend im Beobachtungsdienst erlebt. Um diese Jahreszeit war sein Beruf beileibe nicht immer eine vergnügliche Angelegenheit, oft konnte man sich dabei einen gründlichen Schnupfen holen.

Nach zehn Minuten – sein Star hatte sich erst bloß in Abendgala geworfen – stand das Pärchen auf.

«Ihre Stimme geht mir auf die Nerven», hörte er Lady Corven sagen. «Scheußlich!» lautete die Feststellung des jungen Mannes.

Verletzt und peinlich überrascht wartete Mr. Chayne, bis die beiden durch die Vorhänge des Eingangs hinausgeschritten waren, dann folgte er ihnen mit einem tiefen Seufzer nach. Auf dem ‹Strand› blieben sie stehn, beratschlagten, gingen dann wieder weiter, doch nur in ein gegenüberliegendes Restaurant. Dort kaufte Mr. Chayne sich an der Tür eine Zeitung und sah die beiden die Treppe emporsteigen. Am Ende gar in ein Separée? Vorsichtig klomm er die Stufen hinan. Nein, sie gingen auf die Galerie! Dort standen vier Tische, von den Pfeilern diskret verdeckt!

Mr. Chayne stieg zur Toilette hinab, vertauschte seine Hornbrille mit einem Zwicker und seine weinrote Krawatte mit einer flotten, schwarzweiß gemusterten Masche. Diese Vorsichtsmaßnahme hatte sich schon oft glänzend bewährt. Man brauchte nur eine grellfarbene Krawatte gegen eine ruhigere von andrer Fasson zu vertauschen. Eine auffallende Krawatte hatte den besonderen Vorzug, die Aufmerksamkeit vom Gesicht abzulenken. Man war dann für die Leute nur ‹der Mann mit der scheußlichen Krawatte›, und sobald man diese Krawatte nicht mehr trug, hielten einen alle für jemand anders. Dann stieg Mr. Chayne wieder empor, nahm an einem Tisch Platz, der guten Ausblick bot, bestellte eine gemischte Platte und ein großes Glas Schwarzbier. Vermutlich blieben sie ungefähr zwei Stunden bei der Mahlzeit, daher nahm er jetzt die Allüren eines Literaten an, holte einen Tabakbeutel hervor, drehte sich eine Zigarette und bat den Kellner um Feuer. So trug er also eine gewisse Individualität zur Schau, las seine Zeitung wie jeder andre Gentleman und besah prüfenden Blicks die Wandmalerei. Sie war in warmen, glühenden Farben gehalten. Weite Landschaften mit tiefblauem Himmel, der schäumenden See, mit Palmen und Villen, die ein freudiges Dasein verhießen – es machte tiefen Eindruck auf ihn. Er war nie weiter als bis Boulogne gekommen und würde vermutlich nie in seinem Leben weiter reisen. Fünfhundert Pfund, eine elegante Frau, eine Zimmerflucht auf der Sonnenseite und Spieltische zur Hand – in diesen Farben malte er sich das Paradies. Aber all diese Herrlichkeiten blieben für ihn unerreichbar. Er beschwerte sich nie darüber, doch angesichts solcher Lockungen an der Wand konnte er sich eines Gefühls tiefer Sehnsucht nicht erwehren. Oft schien es ihm wie eine Ironie des Schicksals, daß die Paare, die seine Beobachtungsmanöver vor den Scheidungsgerichtshof brachten, in ein solches Paradies reisten und dort so lange blieben, bis die Scheidung rechtskräftig geworden, bis sie heiraten, zur Erde und in die Gesellschaft zurückkehren konnten. Er lebte in der Vorstadt Finchley von einem jährlichen Durchschnittseinkommen von fünfhundert Pfund, sah die Sonne nur alle vierzehn Tage; bei solchem Leben mußte seine poetische Ader fast versiegen. Daher gewährte es ihm einen gewissen Trost, seine Phantasie um das Leben derer kreisen zu lassen, die unter seiner Beobachtung standen. Dieses junge Paar dort drüben – beide waren wirklich bildhübsch – würde vermutlich zusammen in einem Taxi nach Hause fahren und aller Voraussicht nach konnte er stundenlang auf das Weggehn des jungen Mannes warten. Bei diesem Ausblick in seine nahe Zukunft tat er ein wenig Paprika in die gemischte Platte, die man ihm soeben vorgesetzt hatte. Immerhin, dieses Wachpostenstehn heute und vielleicht noch ein- oder zweimal mußte die Sache klären. Im Grunde genommen leicht verdientes Geld. Langsam genoß er jeden Bissen, damit ihm das Essen gut anschlüge, dann blies er mit Geschick und Kennermiene den Schaum von seinem Schwarzbier und betrachtete die beiden, wie sie sich im eifrigen Gespräch über den Tisch beugten. Was sie aßen, konnte er nicht sehen. Die genaue Beobachtung aller Einzelheiten ihrer Speisenfolge hätte ihm einen wichtigen Fingerzeig für ihre Gemütsverfassung gegeben. Essen und Liebe! Nach dieser gemischten Platte würde er noch Käse und Kaffee bestellen und als ‹Spesen› verrechnen.

Er hatte alles bis aufs letzte Krümchen aufgegessen, alle erdenklichen Informationen aus seiner Zeitung geschöpft, seine Phantasie solange um die Wandgemälde kreisen lassen, bis sie ganz erschöpft war, die verschiedenen Pärchen genau studiert, die Rechnung beglichen und drei billige Zigaretten geraucht, ehe seine Beobachtungsobjekte sich erhoben. Sie waren kaum bei der Treppe angelangt, als er schon im Überzieher draußen vor dem Eingang stand. Nachdem er sich vergewissert hatte, daß drei Taxis sich in Rufweite befanden, wandte er seine Aufmerksamkeit den Anschlagzetteln eines benachbarten Theaters zu. Endlich sah er den Portier einen der Chauffeure heranwinken, trat auf den ‹Strand› hinaus und nahm den nächsten Wagen.

«Warten Sie, bis dieses Auto davonfährt, und fahren Sie hinter ihm her», befahl er dem Lenker. «Wenn es stehn bleibt, halten Sie nicht gar zu nah.» Er nahm im Taxi Platz, sah auf die Uhr und machte eine Eintragung in sein Notizbuch. Erst unlängst hatte er das unrichtige Auto verfolgt und dabei ein schönes Stück Geld hinausgeworfen, darum starrte er jetzt angestrengt auf die Autonummer, die er in seinem Büchlein vermerkt hatte. Um diese Stunde vor Theaterschluß herrschte nur schwacher Verkehr, die Verfolgung gestaltete sich daher spielend leicht. Das verfolgte Auto hielt an der Ecke der Mews. Mr. Chayne klopfte an die Scheibe und fiel auf den Sitz zurück. Durch das Fenster sah er die beiden aussteigen, der junge Mann zahlte. Mr. Chayne zahlte gleichfalls und folgte ihnen bis zur Ecke. Sie hatten die pfaublaue Haustür erreicht und standen plaudernd davor. Dann steckte Lady Corven den Schlüssel ins Schloß und öffnete die Tür, der junge Mann lugte vorsichtig nach allen Seiten und folgte ihr. Mr. Chaynes Gefühle waren fast so gemischt wie seine Platte. Natürlich hatte er nichts anderes gehofft und erwartet. Allerdings bedeutete es für ihn vielleicht stundenlanges Herumstehn in der Kälte. Er schlug den Kragen des Mantels hoch und sah sich nach einer geschützten Haustür um. Jammerschade, daß er sich nicht damit begnügen konnte, etwa eine halbe Stunde zu warten und dann ohne weiteres einzudringen. Heutzutage nahm es das Gericht mit einem zwingenden Beweis sehr genau. Er hatte fast das Gefühl eines Jägers, der einen Fuchs vor der Nase in seinen Bau schlüpfen sieht und weit und breit keinen Spaten finden kann, um ihm nachzugraben. Einige Minuten stand er da, überflog die Eintragungen in seinem Notizbuch beim Licht einer Straßenlaterne und fügte noch einen Schlußsatz hinzu; dann begab er sich vor die Haustür, die er ausgewählt hatte, und stand dort Wache. In ungefähr einer halben Stunde mußten die Autos von den Theatern zurückkommen, dann würde er hin- und hergehn müssen, um nicht die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Im Fenster oben war Licht zu sehn, doch das war freilich an und für sich kein Beweis. Zu dumm! Zwölf Shilling die Rückfahrkarte, zehneinhalb Shilling das Übernachten draußen, Autos siebeneinhalb Shilling; Kinokarte dreieinhalb Shilling. Abendessen sechs Shilling – den Tee würde er nicht anrechnen – also in Summa neununddreißigeinhalb Shilling – rund zwei Pfund! Mr. Chayne schüttelte den Kopf, steckte ein Pfefferminzbonbon in den Mund und trat von einem Fuß auf den andern. Dieses Hühnerauge begann ihn zu jucken! Er dachte an recht angenehme Dinge, an das Seebad Broadstairs, an die Nackenlöckchen seiner kleinen Tochter, Austernpastetchen, an seine Lieblingsdiva, als sie fast nur einen Hüfthalter trug, an seinen warmen Nachttrunk: Whisky mit Zitrone. Doch das alles half ihm nur wenig. Da wartete er und wartete, stand auf schmerzenden Füßen und hatte nicht einmal die Hoffnung, wirklich wertvolles Belastungsmaterial zu gewinnen. Bei Gericht hatte sich die Auffassung eingebürgert, es sei durchaus verständlich, wenn die betreffenden Leute nach einem Ausflug noch gemütlich eine Tasse Tee miteinander tranken, dagegen wurde jedes kürzere Beisammensein für verdächtig gehalten. Wieder zog er die Uhr. Über eine halbe Stunde hatte er hier gestanden. Jetzt ratterte auch schon das erste Auto heran! Nun hieß es aus der Mews verschwinden! Er zog sich bis zum Ende der Gasse zurück. Doch kaum hatte er Zeit gefunden, sich umzudrehn, da kam auch schon der junge Mann mit hochgezognen Schultern und marschierte, die Hände in den Taschen, eilig davon. Mr. Chayne stieß einen Seufzer der Erleichterung aus, schrieb in sein Taschenbuch: ‹Mr. C. verließ das Haus um elf Uhr vierzig nachts› und begab sich zu der Haltestelle des Autoomnibusses, der ihn nach Finchley brachte.


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