Karl Emil Franzos
Der Pojaz / Vorwort
Karl Emil Franzos

 << zurück weiter >> 

Achtundzwanzigstes Kapitel

Hunderte von Meilen erstreckt sich die Ebene gegen Osten, darum hat der Wind, der von dieser Seite weht, eine furchtbare Gewalt, und wächst er zum Sturm an, so bergen sich Mensch und Tier vor seinem tötenden Odem und trauen sich nicht eher hervor, bis er ausgetobt. »Gott, dem Teufel und dem Oststurm kann niemand widerstehen«, geht das Sprichwort in Podolien. Er läßt das Blut erstarren, wirft den Stärksten wie einen Halm nieder und begräbt ihn unter dem Schnee, den er haushoch emporwirbelt! Wütet er mit voller Wucht, so ist kein Entrinnen vor ihm, und alles Leben, das ihm in die grausamen Fänge gerät, erstickt und verkommt.

Noch hatte der »Verderber«, wie sie ihn in der Ebene nennen, in dieser Nacht nicht seine volle Kraft gewonnen. Aber furchtbar genug trieb er es schon, und nach hundert Schritten mußte sich Sender sagen, daß er ein törichtes Wagnis begonnen – nicht mehr. An eine ernste Gefahr glaubte er nicht, obwohl er immer wieder mit abgewandtem Antlitz, den Rücken gebeugt, die Füße breit auseinandergestemmt stehen bleiben mußte, bis ein Windstoß vorüber war, und auch dann nur langsam, Schritt für Schritt vorwärts kam, weil der Fuß im Schnee versank und die eisige Luft das Atmen erschwerte. Aber er hatte nicht umsonst Jahre seines Lebens auf der Landstraße zugebracht. »Zum Schlimmsten kommt's heut' schwerlich«, dachte er, »gegen Morgen wird's besser.« – Freilich war's eine volle Meile bis Miaskowka, aber wenn er erst den Fußweg erreichte, der etwa halben Weges von der Heerstraße abzweigt, dann ging's leichter. Der Fußweg kürzte die Straße ab und ging durch eine Schlucht, wo der Sturm gelinder war. Und er arbeitete sich weiter, von einer Pappel zur anderen, die an der Straße standen, schwer atmend, in Schweiß gebadet, so lang er vorwärts stapfte, dann erstarrend, wenn er innehalten mußte, aber trotzigen Mutes.

Da urplötzlich mit einem Schlage, als hätte eine Riesenfaust dem Verderber die Kehle zugeschnürt, verstummte er. Die Luft ward still, der aufgewirbelte Schnee fiel zur Erde, das Dunkel lichtete sich, daß die verschneite Straße weithin sichtbar wurde. »Barmherziger, erbarme Dich!« stöhnte Sender auf und blieb von Entsetzen gelähmt stehen. Er wußte, was diese jähe Stille bedeutete. Der Sturm sammelte neue Kraft, noch eine Minute, und er kam als Orkan wieder, der alles tötete und dann begrub.

»Zurück«, dachte er, »das Haus erreiche ich vielleicht wieder, den Hohlweg nicht mehr.« Er wandte den Fuß. Da durchfuhr's ihn, daß er sich den Rückweg abgeschnitten, buchstäblich, mit der Schere; ohne Wangenlöckchen, im kurzen Kaftan konnte er der Mutter, den Leuten nicht mehr vor die Augen treten. Und dann war enthüllt, daß er ein »Deutsch« werden wollte.... »Vorwärts!« Und wie ein Verzweifelter eilte er weiter, als gäbe es ein Entfliehen vor dem Verderber.

Aber da war er plötzlich wieder, der Ungeheure. Ein langgezogenes, heulendes Brausen flog ihm voraus, dazwischen dumpfes Dröhnen und Knattern, das Geräusch der splitternden Äste und Bäume; es wurde dunkel, und nun kam er mit entsetzlicher Wucht dahergejagt. Blitzschnell hatte sich Sender auf den Boden geworfen, so allein entging er dem Lose, von dem Rasenden erfaßt und einige Schritte weiter hingeschmettert zu werden. Plattgedrückt lag er auf dem Schnee, das Gesicht nach der sturmfreien Seite gewendet, um atmen zu können.

Aber der Schnee überdeckte ihn immer dichter, er drohte ihn zu ersticken.... Er wollte sich erheben; der Orkan drückte ihn nieder. Da raffte er alle Kraft zusammen und kroch auf Händen und Füßen vorwärts, bis er die nächste Pappel erreicht. Hier konnte er wieder atmen, aber nun fühlte er, wie ihm die Kälte langsam die Glieder umschnürte. Noch konnte er sich regen, sie abwehren – aber wie lange....

Da wurde es abermals plötzlich still, grabesstill, nur der aufgerührte Schneestaub fiel mit leisem Klirren nieder, und fern, fern ächzte etwas auf. Vielleicht ein Ast, der sich vom froststarren Stamm löste, vielleicht ein verendendes Tier. Sender suchte sich emporzurichten und blickte um sich. Auf dem Acker zur Rechten sah er im matten Schein des Schnees ein Kreuz ragen; er kannte es, es stand etwa halben Wegs zwischen dem Städtchen und dem Hohlweg; eine Viertelmeile hatte er nun doch zurückgelegt, freilich war die Stille ein böses Zeichen. Noch hatte der Orkan nicht seine volle Höhe erreicht, nun galt es jeden Atemzug nützen, bis er wiederkam....

Und wieder watete er durch den Schnee weiter, so rasch ihn die zitternden Kniee tragen wollten, mit keuchender Brust, schweißbedeckt weiter... weiter.... Bald mußte zur Rechten eine kleine Kapelle auftauchen, am Feldweg gegen Biala, vielleicht konnte er sie erreichen, ehe der Orkan losbrach.... Er spannte alle Sehnen an, da, nicht zehn Schritte weit, schimmerte die Kapelle... Aber im selben Augenblick kam der Orkan herangebraust über die ungeheure Ebene, Erde und Himmel ächzten auf und wurden zu einem weißen, brüllenden, stöhnenden Chaos, blitzschnell – ehe sich Sender niederwerfen konnte, fühlte er sich von der Riesenfaust gefaßt und durch die Luft getragen und niedergeschmettert, daß ihm die Sinne vergingen.

Nur einen Augenblick, dann riß ihn die Todesangst empor. Wie eine schwere, eiskalte Hand legte es sich auf sein Antlitz und hielt ihm den Mund zu, daß er sich ersticken fühlte. Der Sturm hatte ihn in den Straßengraben geworfen und mit Schnee bedeckt. Er schlug um sich. »Hilfe, Hilfe!« röchelte er, nun konnte er wieder atmen. Langsam arbeitete er sich aus dem Graben hervor und kroch zur Kapelle, während über ihm das ungeheure Wüten der Lüfte forttobte.

In der Kapelle brach er halb ohnmächtig zusammen. »Wach bleiben, bei Vernunft bleiben!« murmelte er und griff nach Schnee, die brennende Stirne zu kühlen. Da fuhr er zusammen, aus einer Ecke der Kapelle kam ein wimmernder Laut, dann ein leises Heulen. Es mußte ein Tier sein, das sich da geborgen. Und nun kam es langsam auf ihn zu – ein Wolf? ein Hund? Mit wirbelnden Sinnen faßte er seinen Stock und hob ihn. Das Tier kauerte sich nieder und wimmerte und wedelte mit dem Schweif. Nun sah er, es war ein Hund. »Moskal!« rief er, es ist der verbreitetste Hundename in jener Landschaft. Zufällig mochte er es getroffen haben, der Hund kam heran, leckte ihm die Hände und schmiegte sich dicht an ihn. Sender ließ es geschehen und kraute ihm das Fell. So trösteten und wärmten sie sich gegenseitig, der Mensch und das Tier. Und beide hatten wohl in diesem Augenblick tiefster Angst vor dem Toben der Natur dieselbe und keines eine höhere Empfindung.

Dann begann Sender seine Gedanken zu sammeln. Die schlimmste Gefahr war nun wohl vorbei. Noch tobte der Orkan in ungeschwächter Kraft fort, aber lange, das wußte er, konnte dies nicht mehr währen. Entweder linderte sich allmählich seine Gewalt oder es trat jählings eine neue Stille ein, wo der Verderber gleichsam Atem schöpfte. In beiden Fällen konnte er die Schlucht erreichen, dort war sicherlich leichter vorwärts zu kommen. Denn hier sitzend den Morgen heranwachen, war unmöglich; es wäre der sichere Tod gewesen. Die Kälte war entsetzlich. Wieder fühlte er, wie sie sich um seine Glieder legte, die Füße wurden starr und die Hände. Er sträubte sich dagegen, suchte sich aufzurichten, preßte den Hund fester an sich. Aber seine Bewegungen wurden immer langsamer, seine Kraft verließ ihn.... »Schlafen!« murmelte er und schloß die Augen. »Aber Schlafen ist Tod!« fuhr es ihm durchs Hirn, und er richtete sich angstvoll auf. Aber sich zu erheben, vermochte er nun nicht mehr. Wieder sanken ihm die Lider zu.

Anders der Hund, vielleicht weil sein Instinkt der schärfere war. Er schüttelte sich und bellte, leckte dem Menschen übers Gesicht und zerrte an seinem Rock. Das brachte Sender wieder zu sich. Er taumelte empor, begann auf und nieder zu stampfen, sich zu schütteln. Dabei kollerte etwas aus seinem Rock zur Erde nieder. Es war sein Gebetbuch. Er hob es auf und umklammerte es mit beiden Händen. Ihm war's, als strömte ihm daraus neue Kraft zu, als hätte er damit Gottes Gewand gefaßt und brauchte es nur festzuhalten, um nicht zu vergehen. Das Gebet, das man in Lebensgefahr zu sprechen hat, fiel ihm wieder bei, er sprach die Worte vor sich hin. »Herr über Leben und Tod, begnade mich zum Leben!« Der Klang der eigenen Stimme gab ihm neue Kraft, er kauerte sich wieder hin, das Büchlein legte er neben sich und die Rechte drauf, und der Hund kam wieder herangekrochen.

Da wurde es wieder einmal jählings still. Nun auf – zur Schlucht! Sender erhob sich, erst als er ins Freie trat, wurde er gewahr, daß ihm der Orkan den Hut entführt – wer weiß, wie viele Meilen weit. Er band ein Tuch um den Kopf und schritt aus – der Hund folgte. Da erhob sich jenes Ächzen, das er vorhin gehört. Es war ein heiserer, krächzender, langgezogener Laut. Sender erstarrte das Blut: das waren Wölfe! Auch der Hund hatte wohl den Ton erkannt, er blieb, den Schweif eingeklemmt, stehen, und stieß ein ängstliches Heulen aus.

»Das hilft nichts«, murmelte Sender. »Vorwärts! der Ton scheint von der Straße zu kommen, ich will in die Schlucht. Mit Gott!« Und er tastete nach dem Büchlein.

Er fand es nicht. Er durchwühlte die Taschen, er hatte es nicht mehr. Da fiel ihm bei, daß es wohl in der Kapelle liegen geblieben. Er blickte zurück, kaum zweihundert Schritte war's bis dahin, aber nicht viel mehr zur Schlucht, und auch diese Stille währte wohl nur kurz. Aber gleichviel, der Hut ließ sich ersetzen, das Büchlein nicht. Und er eilte zurück, der Hund folgte mit freudigen Sprüngen.

Da lag das Buch wirklich zu Füßen des Kreuzes. Er hob es auf – da brach der Orkan wieder los. Abermals war er in der Kapelle festgebannt, von neuem begann der Kampf gegen die Kälte. So geschwächt seine Kraft war, Sender fühlte sich mutiger als früher. Er hielt das Büchlein, das Gewand Gottes, der Sturm mußte sich ja endlich legen. Und nun rötete sich's im Osten, das Licht kam wieder, grau und häßlich, aber doch der Tag, der Tag!

Gegen die siebente Stunde schwieg der Orkan. Sender erhob sich und taumelte zurück; er war zu schwach, die Kniee trugen ihn nicht mehr. Er versuchte es nochmals – nein, es ging nicht. Er mußte ausharren, bis ein Gefährt vorbeikam. Zum Glück hatte sich mit dem Orkan auch die Kälte gebrochen. Wie fast nach jedem Oststurm in der »großen Ebene«, begann nun der Wind aus Westen zu wehen, sanft, warm und weich.

Etwa eine Stunde, nachdem es Tag geworden, kam endlich von Barnow her ein Schlitten. Ein Bauer lenkte ihn, sein Weib lag drin. Der Hund schlug an. Sender trat vor die Kapelle und winkte dem Manne. Es war der Richter von Miaskowka.

»Alle Heiligen!« rief er und hielt den Schlitten an. »Senderko, wie kommst du her? Hast du die Nacht im Freien verbracht, diese Nacht?«

Sender nickte. »Nehmt mich in Euer Dorf mit«, bat er. Der Richter war dazu bereit. Nur mit dem Platz ging es nicht so leicht. »Du siehst, mein Weib ist besoffen. Aber wir wollen sie auf die Seite legen.« Nachdem dies geschehen, konnte Sender sich setzen. Der Hund sprang mit auf.

»Gehört der Köter dir?« fragte der Richter. »Ein schönes Tier hast du dir da ausgesucht.«

Liebevoll strich der todmatte Mann über das struppige Fell. »Ja, der gehört zu mir«, erwiderte er, »für immer. Fahrt zu, Richter.«

Die Pferde zogen an. »Du hast mir noch nicht gesagt, wie du herkommst«, sagte der Bauer. »Und wie du aussiehst! Zum Erschrecken! Und ohne Hut!«

Sender erwiderte, er habe in aller Frühe nach Miaskowka wollen, da habe ihn der Sturm knapp vor der Schlucht eingeholt.

Der Bauer riß die Augen auf. »Durch die Schlucht wolltest du? Da kannst du dem Sturm dankbar sein. Sie ist ja tief verschneit, und es haben sich dort Wölfe festgesetzt. Du wärest nicht lebend davongekommen. Aber was schneidest du für ein sonderbares Gesicht, Jude?«

In der Tat, bewegt genug mochte Senders Antlitz sein. »Das Büchlein hat mich gerettet«, dachte er. »Gott durch das Büchlein. Wäre ich nicht in die Kapelle zurückgekehrt, es zu holen –« er schloß die Augen, und ein Schauer überlief ihn. Dann bewegten sich leise seine Lippen zum Dankgebet.

Nach einer Weile begann der Richter wieder: »Verrücktheit, in solcher Nacht nach Miaskowka zu laufen. Und was willst du dort?«

»Ein Geschäft besorgen«, erwiderte Sender, »mit dem Schänkwirt.« Er fühlte sich todmüde und mußte nun gleichfalls ruhen. »Dann will ich nach Tluste weiter. Wollt Ihr mich fahren? ich zahle gut.«

Der Richter schüttelte stolz den Kopf. »Das ist nicht mein Geschäft«, sagte er würdevoll. Dann aber kratzte er sich nachdenklich hinter dem Ohr. »Übrigens«, sagte er, »ausnahmsweise mag es sein. Wir haben gestern am Wochenmarkt unser ganzes Geld versoffen. Was das für ein Rausch war, kannst du an meinem Weib sehen. Was wißt ihr verdammten Juden, die ihr uns aussaugt, davon, was der Bauer für ein schweres Leben hat! Ohne Lotterie geht es wirklich nicht mehr! Aber du hast mir ja versprochen...«

»Gewiß!« murmelte Sender mühsam. Die Nachwehen der Nacht machten sich nun erst voll fühlbar; jeder Atemzug schmerzte ihn.

Taumelnd ging er in die Kammer, die ihm der Schänkwirt im Dorfe anwies, ließ sich einen Tee bereiten und versank, noch ehe er das Glas ganz geleert, in bleiernen Schlaf.

Als er erwachte, empfand er starkes Kopfweh, auch ein Brennen in Rachen und Nase, aber das Stechen in der Lunge war etwas linder geworden. Da er zugleich heftigen Hunger fühlte, schloß er daraus, daß er noch gnädig weggekommen. In der Kammer war Dämmerung, er schob es auf das verhangene Fenster, aber während er sich ankleidete, wurde es immer dunkler; er hatte den ganzen Tag verschlafen.

Der Schänkwirt trug ihm auf, was das arme Haus bieten konnte; der Gast langte tapfer zu. Da stieß etwas Nasses, Kaltes an seine Hand, es war Moskals Schnauze. »Armer Kerl«, rief er mitleidig, »hast du auch den Tag über nichts gegessen?« Dann teilte er redlich mit ihm.

Der Wirt setzte sich zu ihm. »Verzeiht, Sender, aber ich halt's vor Neugierde nicht mehr aus! Was wollt Ihr hier? Wo sind Eure Löckchen? Wo die Kaftanschöße?«

Sender dachte nach. »Gut, Euch will ich's sagen, wenn Ihr Schweigen gelobt«, flüsterte er ihm zu. »Ich habe in Rabbi Manasses Auftrag etwas in Tluste auszuführen, wobei man mich für einen Christen halten muß. Es ist für die ganze Gemeinde. Erfährt es jemand vor Ablauf eines Monats, so ist der Rabbi verloren. Ihr seht, wir sind in Eurer Hand.« – »Hoffentlich hält er jetzt seinen Mund«, dachte er. Den Richter, der sich am Abend einfand, bestellte er für den nächsten Morgen.

Wieder schlief er zehn Stunden fest und traumlos. Am Morgen erwachte er mit einem Schnupfen, daß ihm die Augen tränten, fühlte sich aber sonst fast wohl. »Gottlob«, dachte er, »es wäre ja aber auch zu entsetzlich gewesen, jetzt zu erkranken.« Und als er nun doch Schmerzen in der Brust empfand, zwang er sich förmlich, nicht darauf zu achten. »Ich muß ja gesund sein«, dachte er. Fröhlich fuhr er davon, nachdem er von einem Bauer eine Pelzmütze eingehandelt und dem Wirt noch einmal Rabbi Manasses Schicksal auf die Seele gebunden.

Es war ein grauer, aber fast warmer Tag. Der Westwind wehte unablässig. »Verrücktes Wetter«, meinte der Richter, »so schlimm hat's schon lange weder der Verderber, noch die Tränenmagd getrieben. Seit gestern freilich ist sie unablässig an der Arbeit.« Die »Tränenmagd«, so nennen sie den Westwind, weil er Regen bringt oder den Schnee schmelzen macht. »Am Dniester kann's böse werden, über Nacht kommt plötzlich der Eisstoß, und es gibt eine Überraschung. Und was ist das für ein Weg!«

In der Tat arbeiteten sich die Pferde schwer durch den weichen Schnee, und es war bereits später Nachmittag, als sie in Tluste einführen. Bei dem ersten Hause des Fleckens begegnete ihnen ein großer Schlitten, in dem wohl zehn Juden dichtgepreßt saßen. Sender wandte sich hastig ab, in einem von ihnen hatte er seinen einstigen Lehrer, Schlome Rosenthal erkannt. »Hoffentlich hat er mich nicht erkannt«, dachte er, »sonst wissen die Barnower morgen Mittags, welchen Weg ich eingeschlagen habe.«

Er kehrte in einem Wirtshaus ein, dessen Besitzer ihm nicht bekannt war, aber kaum, daß ihm der Mann die Suppe vorgesetzt hatte, begann er auch: »Ihr seid doch Sender, der Pojaz? Ich bitt' Euch, sagt mir, warum Ihr wie ein ›Deutsch‹ reiset, ohne Löckchen, im kurzen Rock und mit einem Hunde? Und dazu eine Bauernmütze?«

Sender dachte nach. Per Wirt machte nicht den Eindruck eines Frommen, in seine Hände konnte er also das Schicksal Rabbi Manasses nicht legen. »Später«, sagte er, »Ihr werdet mein Vertrauen lohnen und den Spaß nicht verderben...«

»Behüte!« beteuerte der Wirt. »Dazu sind Eure Späße zu gut. Über Eure Brautschau bei der Uhrmacherstochter in Mielnica hab' ich mich krank gelacht.«

»Vortrefflich«, dachte Sender, »der Mann hilft mir.« Nachdem er ihm das Gelöbnis strengster Verschwiegenheit abgenommen, sagte er: »Es ist was Ähnliches, aber, glaub' ich, noch besser. Meine Mutter will, daß ich eines Chassids Tochter in Sadagóra bei Czernowitz heirate. In dem Zustand stell' ich mich ihr vor.«

Der Wirt wollte sich ausschütten vor Lachen und behandelte den Gast fortab mit noch größerer Aufmerksamkeit. Auch schaffte er ihm eine billige Fahrgelegenheit, einen Kutscher, der mit leerem Schlitten nach Czernowitz zurückmußte. Freilich konnten sie nicht vor Sonntag dort sein, da sie über Sabbat in Zalefzczyki rasten mußten. Sender war leicht darüber getröstet. »Da schau' ich mir dort die berühmte Gesellschaft Stickler an«, dachte er, »und die Ruh' wird mir wohltun.« Denn obgleich sich auch nun seine Erfahrung bestätigte, wie sehr sein Befinden von seinem Gemütszustand abhing, so konnte ihn doch all die fröhliche Tatkraft, die ihn erfüllte, die Schmerzen in der Brust nicht ganz vergessen machen. Die böse Nacht hatte doch tiefere Spuren hinterlassen, als er anfangs gehofft. Sein Trost war nur das warme Wetter.

Es hielt auch am Freitag an, wo sie aus Tluste weiter nach Süden fuhren, dem Flußtal des Dniester zu, noch mehr, nun wurde der West zum Schirokko, es war so schwül, daß Sender den Mantel ablegen mußte. Der Wind leckte den Schnee weg und weichte das Eis auf. Auf der Straße war nun ein Gemisch von Kot und Schnee, durch das sich der Schlitten mühsam durcharbeitete, von allen Feldern rieselte das graue Schneewasser, füllte die Straßengräben und ließ die Bäche zu Flüssen anschwellen. Überall, so weit der Blick reichte, quirlte und schäumte es, das eintönige Rauschen der Wasser erfüllte unablässig das Ohr.

»So jäh' hab' ich's noch selten erlebt«, sagte der Kutscher. »Heut' nacht oder morgen früh macht sich der Eisstoß im Dniester auf den Weg. Mit der Sabbatruhe in Zalefzczyki ist's nun nichts. Wir müssen noch heute über die Schiffbrücke, sonst nimmt sie der Eisstoß mit.«

»Und wo bleiben wir dann über Sabbat?« fragte Sender.

»In einem Feldwirtshaus jenseits des Flusses. Freilich ist's ein elendes Haus, aber weiter kommen wir heute nicht.«

Damit war Sender schlecht zufrieden, er hatte sich auf die Vorstellung und das gute Bett in Zalefzczyki so gefreut. »Wir wollen doch erst sehen, ob's nötig ist«, erwiderte er.

Die Fuhrleute, die ihnen begegneten, waren verschiedener Ansicht. »Die Eisdecke hat Sprünge«, erwiderte der eine, »am Montag geht's wohl los.« – »Schon heute nacht«, meinte ein Zweiter. Der Dritte wieder sagte: »Vor dem Mittwoch ist nichts zu befürchten. Und wenn auch der Eisstoß abgeht, der Brücke tut er nichts.«

Am heftigsten aber beteuerte die Wirtin des Gasthofs in Zalefzczyki, vor dem Sender halten ließ, daß nicht das geringste zu befürchten sei.

»Das Eis steht wie eine Mauer«, schwor sie, »vor einer Woche rührt sich's nicht. Und wenn auch, was verschlägt's Euch. Vor fünf Jahren hat der Eisstoß die Schiffbrücke zerstört, aber seither nie. Und jetzt ist die Brücke neu und ruht auf Ketten, so dick wie ich.«

Dann mußten es allerdings verläßliche Ketten sein, die Frau war wie eine Tonne, aber der Kutscher schüttelte den Kopf. »Euch ist's um die Sabbatgäste zu tun«, erwiderte er, »und mir ums Heimkommen. So einen furchtbaren Eisstoß, wie er diesmal wird, hat's lange nicht gegeben. Der nimmt die Brücke mit.«

Schon wollte Sender in die Weiterreise willigen, da fiel sein Blick auf einen riesigen roten Zettel am Tor: »Theater in Zalefzczyki«, und gleichzeitig trat ein blonder, schlanker Mensch im schäbigen Mantel, einen riesigen Filzhut schief auf den Kopf gedrückt, vors Tor und blickte gähnend um sich. Das verlebte Gesicht war glatt rasiert. Ein Schauspieler!

Senders Herz begann zu pochen. »Ist das Theater hier in Eurem Haus?« fragte er die Wirtin.

»Ja«, erwiderte sie eifrig. »In meinem Saale. Solche Spieler habt Ihr noch nicht gesehen. Und nach der Vorstellung sind alle in meiner Wirtsstube. Schöne Mädchen darunter«, setzte sie mit einem unangenehmen Lächeln hinzu. »So eine Unterhaltung werdet Ihr noch nie erlebt haben.«

Sender schwankte. Die schönen Mädchen lockten ihn nicht, aber die Vorstellung. Und er sollte dein Sabbat in einem elenden, langweiligen Feldwirtshaus verbringen? Aber anderseits – Montag war ja der 1. März, da mußte er in Czernowitz sein.... »Wir wollen's uns ansehen, wie's da unten aussieht«, sagte Sender zum Kutscher und deutete nach dem Flusse. »Kommt mit.«

Sie schritten die Straße hinab bis zu einem kleinen, künstlich erhöhten Platz am Flußufer, einer Art Bastion dicht an der Brücke. Da konnten sie den Dniester weithin übersehen, eine schmutzige, graue, breite Riesenschlange, die sich durch das Weiß der Äcker wand. Unter ihnen lag die Schiffbrücke, eine Reihe flacher, mit Bohlen überdeckter Kähne, die zwischen zwei mächtigen, um steinerne Pfeiler gewundene Eisenketten befestigt waren. Fußgänger und Wagen zogen darüber hin, weit und breit war nichts Bedrohliches zu sehen.

»Ich bleib' nicht«, sagte der Kutscher dennoch. »Seht Euch die Farbe des Dniester an. Das Eis steht noch, aber das Wasser über der Decke ist schon wohl einen Fuß hoch, sonst würde es nicht so schmutzig aussehen. Die Farbe des Eises schlägt kaum noch durch. Ich kenn' das.«

»Das Wasser steht drüber«, gab Sender zu, »aber man hört ja noch nicht das leiseste Krachen im Eis, und das fängt tagelang vorher an.«

»So bleibt Ihr«, erwiderte der Kutscher. »Ich fahre.«

Ungeduldig spähte Sender um sich; vielleicht war ein Eingeborener da, der diesen hartnäckigen Menschen bekehren konnte. Und da war wirklich einer, und gar eine Amtsperson.

In einer Ecke der Bastion schaufelte ein junger Mann in grauem Soldatenmantel eine Grube aus. Der Mantel war zerfetzt und das Gesicht des Menschen ganz ungewöhnlich dumm, aber auf seinem Strohhut blinkte ein Blechschild: »Städtische Polizei«.

»Glaubt Ihr«, sprach ihn Sender ruthenisch an, »daß die Brücke bedroht ist?«

»Zu mir sagt man Sie«, erwiderte der Zerlumpte würdevoll, »weil ich die Polizei bin. Aber die Brücke? fragt Ihr. Wer sollte ihr denn was antun?«

»Nun, der Eisstoß.«

»Der tut ihr nichts! Er darf nicht. Der Herr Bürgermeister hat's verboten. Ich war selbst dabei, wie er gesagt hat: ›Diesmal darf der Eisstoß die Brücke nicht zerstören, es macht zu viel Kosten.‹«

»Nun seid Ihr beruhigt?« lachte der Kutscher höhnisch auf.

Sender aber fragte: »Und hat der Herr Bürgermeister nicht gesagt, wann der Eisstoß kommt?«

»Nein. Aber er sagt: ›Nicht so bald, denn ich habe noch kein Telegramm‹.«

»Telegraphiert ihm der Eisstoß?« fragte der Kutscher.

»Ich weiß nicht, wer«, erwiderte der Polizist. »Aber vorher müssen wir vom Amt die Telegramme bekommen, aus Mikolajow, aus Halicz, aus Jezupol, aus allen Städten da oben.« Er deutete flußaufwärts. »Dann erst kann er kommen. Und er darf auch gar nicht früher kommen, als Mittwoch.«

»Warum?«

»Wegen dieser Sache da.« Er deutete auf die Grube. »›Heute, Hritzko‹, hat mir der Herr Bürgermeister gesagt, ›schaufelst du die Grube für den Mörser aus, Montag schaffen wir ihn hin, Dienstag laden wir ihn.‹ Also«, schloß er gewichtig, »vor Mittwoch ist es nichts, denn durch diese Mörserschüsse wird's der Stadt angezeigt.«

»Nun können wir ruhig schlafen«, lachte der Kutscher. Sender aber dachte: »Wenn's nicht gerade Theater wäre, ich wollt' in Gottes Namen nachgeben. So aber?!« Da jedoch auch der Fuhrmann fest blieb, so machten sie im Gasthof ihre Rechnung glatt und schieden.


 << zurück weiter >>