Karl Emil Franzos
Der Pojaz / Vorwort
Karl Emil Franzos

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Achtes Kapitel

So ward Senders Wunsch erfüllt, wenn auch in recht sonderbarer Weise: der einstige Wiener Legionär Heinrich Wild wurde sein Lehrer und Moritz Hartmanns »Reimchronik des Pfaffen Mauritius« sein Fibelbuch.

Von solchem Lehrer und aus solcher Fibel lernt sich mehr, als das bloße Lesen. Es ging in den nächsten Monaten etwas wirr zu im Kopfe des Pojaz. Wenn die Morgensonne aufsteigt, muß sie einen harten Strauß kämpfen mit den Schatten der Nacht, den Dünsten der Dämmerung. Heinrich Wild hatte da ein schweres Stück Arbeit übernommen.

Aber er vollführte es gern, nach bester Kraft und mit wachsendem Eifer. Es war nicht leicht zu entscheiden, ob sich Lehrer oder Schüler mehr nach diesen Stunden im einsamen Gemäuer sehnten. Sie mußten auf getrennten Wegen emporschleichen und es hatten beide oft rechte Mühe, sich unbemerkt davonzustehlen. Aber sie kamen dennoch pünktlich, weil sie einander lieb hatten, weil sie einander boten, was jeder bedurfte: der Schüler dem Lehrer ein empfängliches, teilnehmendes Herz, der Soldat dem armen Judenjungen den Einblick in die fremde Welt, nach der er sich sehnte, das Mittel zu jenem Ziel, das ihm der Leitstern seiner Tage war und der Traum seiner Nächte...

»Theater!« – In der Reimchronik stand wahrlich nichts darüber. Diese Reime, in denen ein freiheitsdürstendes Herz wettert und stöhnt, segnet und flucht, spottet und weint, hofft und verzweifelt, diese holprigen, ungefügen und doch so ergreifenden Reime schilderten wohl auch eine Tragikomödie, aber eine wirkliche und wahrhaftige, welche die Menschen selbst kurz vorher erlitten und erlebt. Das zuckende Leben der Gegenwart lag darin mit allen, allen seinen Strebungen. Darum konnte Sender ohne den Lehrer auch nicht eine Zeile davon verstehen, und der Exlegionär mußte viel erklären, besonders da Sender, nach Art seiner Genossen, unablässig neue Fragen tat. Aber mochten sie von welchem Thema immer sprechen, von Goethe oder Frankfurter Würsten, von Windischgrätz oder der Nordsee, schließlich fand Sender doch den Übergang zu dem Brennpunkt seiner Gedanken.

Da lasen sie einmal in der Chronik das schöne Gedicht: »Der arme Jude.« Ein gebückter Hebräer schleicht zu Kossuth ins Zelt und bringt dem Diktator das Letzte, was er besitzt:

»Was mir geblieben an Geld und Gut
Und was ich gerettet: mein Leben und Blut,
Ich bring's fürs Vaterland heran,
Das ich in Ungarn neu gewann!«

Sender hatte seine Freude daran.

»Da sieht man«, sagte er stolz, »daß wir Juden auch dankbar sind, wenn man uns gut behandelt.«

Wild bestärkte ihn in diesem Stolze und wies darauf hin, wie die Reaktion auch die Juden wieder in ihren Rechten gekürzt habe.

»Das ist wahr«, meinte Sender. »Aber«, setzte er zögernd hinzu, »gar so schlecht ist es doch nicht und ich könnte mich nicht beklagen –«

»Wie?« rief der Andere erstaunt.

»Nun, Komödiant, darf der Jud' doch auch werden.«

Ein andermal lasen sie die ergreifende Klage:

»Umsonst lag Deutschland in Gebeten
Vor'm Gott der Freiheit auf den Knien – –
Mein armes Wien, du bist zertreten,
Zertreten und gebrochen ganz,
Wie Saragossa und Numanz,
Und wie die Heimat der Karthager.«

Und zu dem ergreifenden Texte wußte der arme Student aus der eigenen Erinnerung blutige, erschütternde Bilder zu malen.

Der Jüngling hörte mit glühenden Wagen zu, und seine Fäuste ballten sich. Dann versank er in tiefes Brüten.

»Das wär' schön«, murmelte er, »alle Leute möchten weinen...«

»Was meinst du?«

»Nämlich, wenn man das auf dem Theater nachmachen wurde. Ich möchte dann ein Student sein, oder auch der alte Arbeiter, von dem Sie erzählt haben.«

»Und das ist alles, was du dabei fühlst?!« rief Wild entrüstet. »So viel Blut, so viel Tränen, und du denkst nur, wie man es nachäffen könnte?!«

Sender fuhr zusammen und blickte ihn erschreckt an.

»Entschuldigen Sie...« stammelte er. »Ich verstehe nicht...«

»Hast du denn kein Mitleid mit all dem Elend?!«

»Natürlich!« beteuerte Sender gekränkt. »Was denken Sie von mir? Aber eben darum denk' ich mir: Das wär' der Mühe wert, daß man's nachmacht...«

»Theater!« Was sich nicht darauf bezog, interessierte Sender nicht, was ihm nicht dafür nützen konnte, das trieb er gar nicht, oder doch sehr ungern.

So gab er sich zum Beispiel mit dem Schreiben anfangs unmenschliche Mühe. Er hatte nur Nachts in verschlossener Kammer Gelegenheit, die Vorlage seines Lehrers nachzumalen, bei Tage war er ja unter den Augen seines Meisters oder der Mutter. Und so saß er beim Scheine seines dürftigen Öllämpchens Stunde um Stunde und schrieb unverdrossen wohl an die hundert Male dasselbe Zeichen oder dasselbe Wort.

Mutig kämpfte er gegen die Müdigkeit, aber einmal fielen ihm dabei doch die Augen zu, und er erwachte erst, nachdem ihm ein Stück des brennenden Dochtes auf die Hand gefallen war und eine Wunde hineingebrannt hatte. Das war ihm denn doch zu unangenehm, und als er am nächsten Tage wieder im Burghofe vor dem Soldaten stand, fragte er demütig: »Entschuldigen Sie zur Güte – aber muß ein Komödiant eine schöne Schrift haben?«

»Warum?« fragte Wild.

»Darum!«

Und Sender wies auf seine Wunde.

»Nun«, entschied der Lehrer, »eine schöne Schrift muß ein Komödiant nicht unbedingt haben, aber leserlich muß er schreiben können, wie jeder gebildete Mensch.«

Sender nickte fröhlich. Von da ab übte er allnächtlich nur eine halbe Stunde. Leserlich schreiben, meinte er, das könne er ja ohnehin...

Einer anderen Mühe hingegen unterzog er sich mit größter Ausdauer. Er wollte und mußte hochdeutsch sprechen, und es gelang ihm mit der Zeit auch überraschend gut. Sein merkwürdiges Nachahmungstalent kam ihm da vortrefflich zu statten. Wie er schon einst als Kind seinem alten Freund Fedko durch sein reines Ruthenisch schwere Zweifel an seiner jüdischen Abkunft erweckt, so setzte er nun den Soldaten durch seine reine Aussprache in Verwunderung.

Doch war die Sache nicht so glatt und hatte ihre sonderbare und komische Seite.

Wild war im Unterinntal geboren und aufgewachsen, und wenn er auch ein Schriftdeutsch sprach, so schlug dabei doch der grobkörnige, tirolische Dialekt sehr vernehmlich durch. Mit dem Richtigen horchte ihm Sender natürlich auch diese eigentümlichen Mängel ab und sprach daher das Deutsche etwa so, als wäre er in Jenbach geboren oder in einer anderen Zwingburg der katholischen Glaubenseinheit. Ferner hatte es der Jüngling wohl in der Gewalt, alle Unarten seines Jargons, soweit sie Tonfall und Aussprache betrafen, zu vermeiden, aber sein deutscher Sprachschatz war kein allzu reicher, und so mußte schließlich doch sein gewohntes Jüdischdeutsch herhalten. Kurz – Senders Rede hörte sich so an, als wenn ein Tiroler den Dialekt der polnischen Juden sprechen würde.

Es ist unbeschreiblich, wie komisch das klang. Der unglückliche Soldat, den sein Schicksal sonst nicht gerade zur Heiterkeit stimmte, bekam oft wahre Lachkrämpfe, bis Sender gekränkt rief: »Oper ichch pitte Sie, pin ichch ein geporener Deutsch?«

Da schwieg Wild, denn entmutigen wollte er den Schüler nicht, und wie die Aussprache etwa zu bessern wäre, dafür wußte er zunächst keinen Rat. »Das schleift sich vielleicht ab«, dachte er, »wenn er erst unter gebildete Leute kommt.« Hingegen erfüllte ihn der tolle Wirrwarr, der in diesem Schädel herrschte, mit bleibender Sorge, und oft genug überkam ihn der Gedanke, daß er Sender durch den seltsamen Unterricht mehr als Gutes zugefügt. Die historischen Kenntnisse des Jünglings beschränkten sich auf die biblische Geschichte und die Ereignisse von 1848, aus dem Nebel, der dazwischen lag, tauchten nur die Namen der Kaiser Titus und Napoleon auf, weil sie, der eine als Feind, der andere als Freund der Juden auch im entlegensten Ghettowinkel ein unsterbliches Leben führen – daran reihten sich nun in tollem Wirbel die Gagern, Radowitz, Arndt und Robert Blum. Von fremden Völkern und Ländern wußte Sender fast nichts, und daß die Erde eine Kugel sei und sich um die Sonne drehe, glaubte er seinem Lehrer nur aus Höflichkeit. Aber was er so etwa gleichsam zufällig erfuhr, das haftete dann auch, und hatte es zu seinem Idol irgend einen Zusammenhang, so blieb es ihm vollends unvergeßlich. Da buchstabierte er einmal seinem Lehrer die Stelle vor:

»Die armen Magyarn haben's auch erfahren,
Sie büßen heut, daß vor hundert Jahren
Sie ihr: »Moriamur pro rege« riefen
Und froh in Tod und Verderben liefen,
Zu retten eine fürstige Frau...«

Wild erklärte ihm, daß darunter Maria Theresia gemeint sei, und wie sie auf dem Preßburger Landtag die Stände zur Begeisterung entflammt habe.

Sender hörte aufmerksam zu. »Das wär' auch ein schönes Spiel«, sagte er. »Hat das noch niemand aufgeschrieben?«

Wild verneinte. »Und immer nur das Theater!« tadelte er dann. »Sonst magst du dir nichts merken.«

»Was brauch' ich denn das andere?« entschuldigte sich Sender. »Übrigens weiß ich schon was: Vier große Königinnen kenn' ich schon! Die Königin von Saba, die zum Salomo zu Besuch gekommen ist, und die Königin Esther, die den Haman hat aufhängen lassen, und die Maria Theresia und dann die Elisabeth.«

»Welche Elisabeth?«

»Die englische Königin, die unter Schaksburr gelebt hat!«

Wild lachte. »Woher weißt du das?«

»Wie ich Ihnen das Spiel vom »Schaylock« erzählt hab', haben Sie gesagt: ›Das hat ein Engländer gemacht zur Zeit der großen Elisabeth.‹ Aber von ihm redet noch jeder und von ihr? Also hat sie unter ihm gelebt!«

Derlei Aussprüche hoben wieder die Zuversicht des Lehrers. Ein gutes Gedächtnis, viel Verstand, ein rührend guter Wille waren ja vorhanden, vielleicht gelang es allmählich, dieses Chaos zu klären. Und er nahm die Arbeit mit neuem Mut auf.

So setzte sich der Unterricht fort bis tief in den Herbst hinein. Die Tage wurden kürzer und kühler, der Oktoberregen brach ein. Betrübt saßen Lehrer und Schüler unter einem Mauervorsprung der Kapelle, der ihnen leidlichen Schutz gewährte, und grübelten darüber nach, wo sie den Winter über zusammenkommen könnten. Doch war da guter Rat teuer, und so lange sie auch brüteten – sie fanden keinen Ausweg.

Aber die Sorge war leider überflüssig gewesen.

Als Sender am letzten Sabbat des Oktober trotz Sturm und Regen zur verabredeten Stunde zur Ruine kam, fand er den Soldaten nicht, obwohl er bis zum Einbruch der Dämmerung harrte.

»Das schlechte Wetter hat ihn abgehalten«, tröstete er sich, aber es war ein schwacher Trost – wußte er doch, daß es ihn sonst nie abgehalten hatte.

In der Tat erwartete er auch am Dienstag, einem goldklaren, milden Herbsttag, seinen Lehrer vergeblich.

»Er ist krank«, dachte Sender betrübt. Und nun erst wurde er inne, wie lieb ihm der sanfte, melancholische Mensch geworden.

Er beschloß, Erkundigungen nach ihm einzuziehen.

»Vielleicht«, dachte er, »kann ich ihm doch heimlich ins Spital eine Labung zukommen lassen oder etwas Geld.«

So schlich er denn um das Militärlazarett herum und sann auf ein Mittel, wie er sich mit dem Freunde in Verbindung setzen könne. Da sah er einen Mann vom Fuhrwesen herbeikommen, der den Arm in der Schlinge trug. An diesen trat er heran.

»Weg – verfluchte Jud'!« rief der Soldat grimmig. Es war ein Tscheche mit rohem, stupidem Gesichte, der das Deutsche nur gebrochen sprach.

»Entschuldigen Sie zur Güte...« begann Sender demütig.

»Schweig, Hund!«

»Aber Herr Feldwebel! – möchten Sie nicht fünf Kreuzer verdienen?«

Das wirkte. »Jo – gib – Jud'!«

»Dann müssen Sie mir aber zur Güte sagen, ob Ihr Kamerad Heinrich Wild da drinnen ist?«

»Is Hund!« schrie der Soldat und wurde krebsrot vor Zorn, »hot mich gehaut mit Sabel – hot Martin gehaut – hot Vorreiter gehaut –«

»Gott beschütz' uns«, rief Sender erschreckt. »Wie ist das zugegangen?«

»Wozu frogst, Jud'?«

»Weil er –« Sender stockte und log dann rasch: »Weil er mir Geld für Schnaps schuldig ist.«

»Hoho!« gröhlte der Soldat, »kriegst nie Geld, Jud'! Wild pritsch – kaput!«

»Tot?!« rief Sender, und sein Herz stand still vor jähem Weh.

»Heut' nicht. Ober morgen, übermorgen. Is zu Stab geführt – Stab in Kolomea – wird erschossen!«

»Erschossen!« stöhnte Sender.

»Is Rebell, is Hund verfluchte – verdient Strick, nicht ehrliche Kugel.

»Aber wie ist das zugegangen?«

Dem armen Burschen versagte die Stimme.

»Zuerst gib fünf Kreuzer, Jud'!«

Nachdem er die Kupferstücke erhalten, erzählte der Soldat: »Weißt, Jud' –Wild is Tückmäuse gewesen, Student varfluchte. Nix lustig! nix Madel! nix Schnaps! Mir hab'm ihn alle nit leiden können, Herr Hauptmann sogt immer: ›Tückmäuse hochverratige!‹ Kummt Herr Hauptmann Freitag Nacht in Kasern', kummt in Schlofsaal, sogt Trumpeter: ›Allarm blosen, will sehen, ob Ordnung is.‹ Trumpeter blost. Mir springsme alle auf, Wild auch. Ober da follt ihm Büchel heraus, wos hot getrogen unter Hemd. Will schnell verstecken, ober Herr Hauptmann sieht und schreit: ›Büchel her!‹ Wild wird wie Leiche, sogt: ›Ich geb' nicht!‹ Schreit Herr Hauptmann: ›Soldaten, reißt's ihm Büchel weg.‹ Wir auf Wild. Ober Wild auf Bett, reißt Sabel heraus, fuchtelt herum, schreit: ›Wer mich anrührt, wird kaput!‹ Wir doch auf ihn. Ober er haut mich mit Sabel und Kamerad Martin und Vorreiter. Endlich hab'm ihn doch gepackt und gebunden. Wie Herr Hauptmann Büchel aufschlagt, schüttelt er Kopf: ›Is ja von Pfaffen, konn nit verboten sein!‹ Ober donn liest er im Büchel, zittert vor Wut, sogt: ›Hund wird erschossen.‹ Und Samstag hot Wild fünfzig Stockstreich gekriegt, bis is liegen geblieben wie tot. Ober heut früh sogt Herr Doktor: ›Konn transportiert werden!‹ Laßt Herr Hauptmann auf Wagen loden, zu Kriegsgericht führen, zu Stab in Kolomea...«

»Und was wird mit ihm geschehen?« jammerte Sender.

»Worum schreist, Jud'? Moch Kreuz über dein Geld – kriegst nie mehr! Wird erschossen, Hochverrate verfluchte!«

Der Soldat ging.

Betäubt blieb Sender stehen, als hätte ihn der Blitz getroffen. Die Tränen rannen ihm unablässig über die Wangen, er empfand es kaum. Es war ihm dumpf im Hirn und weh im Herzen, sehr weh.

Er mochte nicht heimgehen, noch minder zum Meister. So schlich er denn zum Städtchen hinaus an eine einsame Stelle und warf sich da ins rote Heidekraut nieder und weinte sein Weh aus.

Er weinte nur um den armen Freund. Erst als er ruhiger geworden, kam ihm der Gedanke an sich selbst und wie er nun ohne Führer und Lehrer dastehe. Aber da weinte er nicht mehr, ruhig und gefaßt grübelte er darüber nach, was er nun beginnen müsse.

Erst am Abend kam er heim.

Die Mutter erschrak, als sie ihn sah.

»Was fehlt dir?« rief sie. »Du bist totenblaß?«

»Es ist nichts«, wehrte er ab, »ein bißchen Kopfweh. Morgen früh bin ich wieder ganz gesund – ich verspreche es dir.«

Dieses Versprechen hielt er auch.

Still und ruhig ging er am nächsten Morgen an die Arbeit. Er hatte seinen Entschluß gefaßt. »Ich kann Deutsch lesen, schreiben und sprechen«, sagte er sich. »Was mir fehlt, sind Bücher. Kann ich mir die auftreiben, so bleib' ich. Ich werd' mir schon selbst weiterhelfen.«

Und er grübelte darüber nach, wie er sich Bücher verschaffen könne. Es hatte dies große Schwierigkeiten, denn nur wenige Leute in Barnow hatten deutsche Bücher. Der Stadtarzt stand im Rufe großer Menschenliebe, und Schlome Grünstein war ein sanfter, gütiger Mensch – »aber«, fürchtete Sender, »vielleicht halten sie mein Streben für töricht oder sündhaft und verraten mich doch.«

Ein anderer Weg dünkte ihm sicherer und klüger. Die einzige große Bibliothek des Städtchens, ja des Kreises, fand sich im Kloster der Dominikaner. Sie stammte aus einstigen Tagen, da der Orden noch sehr reich gewesen und sich diesen Luxus erlauben konnte. Auch deutsche Bücher gab es da, sogar auffallend viele, und darunter solche, die man wahrlich in einer gottgeheiligten Bücherei nicht vermutet hätte.

Es hatte dies seine eigene, sonderbare Bewandtnis. Als das Land unter österreichische Herrschaft gekommen, da war die kluge k. k. Militärverwaltung, die im Namen und Geiste Kaiser Josephs das Land organisierte, mit Eifer und Glück beflissen gewesen, in jedes Kloster, welches man nicht aufheben wollte oder konnte, doch mindestens zwei Patres aus den deutschen Erblanden zu bringen, Und wo es nur irgend anging, wurde einer von ihnen zum Prior gemacht. Es geschah dies aus leichtbegreiflichen Gründen. Die Interessen des deutschen Priesters waren von denen der Regierung in dem eben gewonnenen Lande nicht verschieden. So war auch im letzten Jahrzehnt des achtzehnten Säkulums ein kluges, behäbiges Mönchlein aus dem Breisgau, Pater Stephanus, Prior zu Barnow geworden und blieb an die vierzig Jahre da. Aber so sanft und leicht er auch sich und den Brüdern das Joch des gottgefälligen Berufs auflud, er fühlte sich doch nie recht wohl im fremden Lande und ließ sich darum als Tröster mindestens aus der Heimat so viele deutsche Bücher kommen, als der Klostersäckel nur immer bezahlen konnte. Der gute Stephanus las gern ein gutes Buch und stapelte die Klassiker in langer Reihe auf, aber fast noch lieber mag der dicke, fromme Herr schlechte Bücher gelesen haben, sofern sie nur sehr amüsant waren. Als die Patres nach seinem Tode die Bibliothek inventierten, entsetzten sie sich nicht wenig und lasen im frommen Schreck jedes solche Buch mehrere Male. Dann aber kam der sonderbare Schatz allmählich in Vergessenheit und im währenden Zeitenlauf legte sich auch über die Bücher des Stephanus dieselbe Staubdecke, welche die schweren, frommen Folianten bedeckte. Denn das Kloster verarmte immer mehr, die Brüder rekrutierten sich aus immer niedrigeren Ständen, und so fanden sich schließlich nur noch mit Mühe die Lehrkräfte für die Klosterschule, obwohl da wahrlich nur sehr schlichte Weisheit vorgetragen wurde.

Die Bibliothek stand verödet und außer den Spinnen und Mäusen waltete nur noch ein einziger Mann in den beiden hohen, düsteren Sälen. Das war der einstige Meier und jetzige Hausverweser das Klosters, Fedko Hayduk, jener alte, schweigsame Mann, dem einst der kleine »Senderko« so gut gefallen hatte. Er sorgte seinem Auftrage gemäß dafür, »daß nichts wegkomme«, aber er hielt sich nicht für verpflichtet, entgegenzuwirken, wenn sich das Vorhandene mehrte. Und so ward die Staubdecke immer dichter, die Zahl der Mäuse immer stattlicher.

Auf den Fedko nun setzte Sender seine Hoffnung oder vielmehr nur auf die schöne, kupferige Nase des Mannes. Er wußte von dem vermodernden Bücherschatze im Kloster, wie jedes Kind in Barnow, und wußte auch, daß es nur von Fedko abhänge, ihm den Zugang zu verschaffen.

»Ein Mann«, dachte er, »der eine solche Nase im Gesichte trägt, wird wohl nicht unbarmherzig sein, wenn man sich ihm mit freundlichen Worten und gutem Schnapse nähert.«

Und diese Probe wagte er denn auch schon in den nächsten Tagen. Da suchte er den Alten in seiner Stammkneipe auf.

Fedko saß in derselben Ecke, wo er seit manchem Jahr zu sitzen pflegte, und trank still und lächelte stumm vor sich hin. Er war ein einsamer Zecher und überflüssiger Rede fast so abhold wie dem Wasser, sofern es nicht gebrannt war.

»Ei guten Tag, lieber Fedko«, begann Sender freundlich, indes ihm das Herz vor banger Erregung wie ein Hammer schlug, »täglich jünger, auf Ehre, täglich! Wie lange ist's schon her, daß wir nicht geplaudert haben? Vielleicht schon ein Jahr! Da habe ich dich vom Meierhofe der Mönche nach Barnow mitgenommen. Du mußtest rasch zurück – es war dein Namenstag!«

»Ja, ja«, nickte der Alte freundlich und blickte dann wieder in sein Glas.

»Wir haben so lustig geplaudert, du hast mir von den vielen Mäusen in der Bibliothek erzählt.«

»Hm! – wirklich!«

»Und hast mich gefragt, ob ich kein Mittel dagegen weiß. Ich wußte keins. Aber neulich habe ich ein sicheres Mittel erfahren.«

»Ich glaube, du irrst dich«, sagte Fedko bedächtig. »Ich habe die Mäuse nie töten wollen. Warum? Es sind ja auch Geschöpfe Gottes –«

»Aber sie zernagen die Bücher.«

»Kränkt dich das?«

»Nein – ja –« stotterte Sender verlegen.

Aber da kam ihm ein rettender Gedanke.

»Lassen wir die Mäuse«, rief er. »Eben fällt mir ein, es ist heute genau ein Jahr, daß wir beisammen waren. Heute ist ja dein Namenstag.«

»Nein, lieber Senderko!«

»Schade!« rief dieser. »O wie schade! Eben wollte ich zu Ehren des Tages eine Flasche Slibowitz bestellen.«

»So, so!« Der Alte dachte nach, lange und gewissenhaft.

»Nein«, sagte er dann, »so leid es mir tut, heute ist nicht mein Namenstag!«

»Dann wollen wir ihn im voraus feiern«, rief Sender. »He – eine Flasche!«

Der Slibowitz erschien. Fedko leerte langsam das eingeschenkte Glas und schnalzte zufrieden mit der Zunge.

Dann blickte er den Jüngling freundlich an und sagte: »Nun sprich nur gerade heraus!«

»Was?«

»Was du von mir willst!«

»Ich – hm! Wirklich nichts –«

»Nur der alte Herrgott hat Wunder getan«, sagte Fedko langsam und wuchtig, »und dann sein Sohn, der Herr Christus. Aber jetzt geschehen keine Wunder mehr. Und darum zahlt kein Jude einen Slibowitz, wenn er nicht etwas will.«

»Nun ja! Aber du verrätst mich nicht?«

»Ich?«

»Ich weiß, du bist kein Schwätzer. Auch bist du ein guter Mensch und wirst mich nicht unglücklich machen. Also – ich möchte die Bibliothek der Mönche anschauen.«

Fedko dachte lange nach, wohl fünf Minuten. Endlich sagte er: »Ich habe fragen wollen: Wozu? Aber das geht mich nichts an. Gar nichts. Also: bloß anschauen? Ja!«

»Und mir ein Buch nach Hause mitnehmen, und wenn ich's zurückbringe, ein anderes!«

»Nein!« erwiderte der Alte sofort und entschieden. »Nicht um die Welt! – nicht um fünf Gulden! Der Prior hat gesagt: ›Fedko, du stehst dafür, daß nichts wegkommt!‹ Ich stehe dafür.«

»Aber ich bringe es wieder! Bin ich doch in deiner Hand – ein Wort von dir macht mich unglücklich.«

»Daß nichts wegkommt!« wiederholte Fedko nachdrücklich, »und wenn ein Buch bei dir ist, so ist es nicht in der Bibliothek.«

Gegen diese Logik war nichts einzuwenden. Sender seufzte tief auf.

»Aber vielleicht ist es dir wenigstens erlaubt«, bat er, »mich täglich auf zwei Stunden bei den Büchern einzusperren? Ich verspreche dir – ich – ich feiere dann wöchentlich deinen Namenstag...«

Wieder dachte der Alte nach, lange, sehr lange.

»Ja«, sagte er dann.

Sender atmete auf. Sie verabredeten, daß er täglich von zwölf bis zwei Uhr bei den Büchern bleiben dürfe. Das waren seine einzigen Freistunden; um halb zwölf begann in der Werkstätte die Mittagspause. Freilich blieb ihm dann wenig Zeit zum Essen, aber was konnte ihm daran liegen!...

»Noch eins«, sagte Fedko. »Ich habe gehört, daß die Juden viele böse Zaubereien können. Nicht aus Schlechtigkeit, sondern nur wegen des jüdischen Glaubens. Und da drinnen sind heilige Bücher – wirst du da keine Hexereien verrichten? Und wie, wenn du den heiligen Geist daraus vertreibst – und dann kommt der Herr Prior und sucht ihn, weil er ihn gerade braucht, und findet ihn nicht mehr –«

Nachdem Sender ihn auch darüber beruhigt und mit furchtbaren Eiden geschworen, dem heiligen Geist nichts anzutun, gab der Alte endlich nach.

»Gut! Also morgen! Kurz nach dem Mittagsläuten, bei der Tartarenpforte.«


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