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XLI.

Minutenlang ereignete sich nichts. Dan und seine drei Begleiter lagen flach auf der Erde und lauschten, aber sie hörten keinen Laut. Schließlich berieten sie leise miteinander.

»Wenn sie die Straße vor uns passiert hätten, wäre es uns nicht entgangen«, flüsterte Dan. »Sie haben sich weiter die Straße hinunter in den Hinterhalt gelegt, weil sie denken, wir müssen dort vorbeikommen. Wir wollen versuchen, sie zu umgehen.«

»Könnten wir nicht durch den Wald zurück auf die andere Seite kommen?« schlug Julia vor.

»Das ist mehr als eine Meile«, entgegnete Dan, »und wir wissen keinen Weg zwischen den Bäumen.«

»Warum wollen wir nicht das Kanu opfern und uns auf unsere Beine verlassen?« fragte Lawrence.

»Wir hätten einen langen Weg«, erwiderte Dan trocken. »Und wir müssen eine Chaussee kreuzen, an der uns ein Mann mit einem Browning aufhalten kann. Wir brauchen das Kanu.«

»Aber wie können wir es durch den Wald tragen, ohne uns selbst zu verraten?«

»Wir wollen ganz langsam gehen«, flüsterte Dan. »Bei jedem Schritt anhalten und nach dem Weg fühlen.«

Lawrence und Julia nahmen das hintere Ende des Bootes zwischen sich, Dolan trug das vordere. Dan ging voraus, um den Weg zu erkunden, und lenkte Dolan durch eine leichte Berührung bald hierhin, bald dorthin. Es war unmöglich, geräuschlos vorwärtszukommen. Sträucher schlugen gegen die Seiten des Kanus, und mehr als einmal klemmte es sich zwischen den Baumstämmen ein. Aber das Rauschen der Brandung am steinigen Ufer und das Brausen des Windes in den Baumkronen übertönten diese Geräusche.

Im Schneckentempo ging es vorwärts. Oft hielten sie an und lauschten. Nach einer Weile schlug ihnen Zigarettenduft entgegen, und sie wußten, daß sie ihren Feinden nahe waren. Einen Augenblick später zeigte sich ein glimmender Funke zu ihrer Linken, und sie hörten ein Flüstern. Eine Minute lang hielten sie atemlos an, dann gingen sie vorsichtig einen Schritt weiter, dann noch einen. Über ihren Köpfen konnten sie immer noch das umherwandernde Scheinwerferlicht sehen.

Unglücklicherweise geriet ein Stein unter den Füßen des Millionärs ins Rollen. Lawrence stolperte und zog dadurch das Kanu aus Julias Griff, so daß es polternd auf die Steine niederfiel. Sofort wurde es in dem stillen Wald lebendig. Einige Leute sprangen auf und riefen laut, und ein Blinklicht flammte auf. Dan feuerte in der Richtung, und es erlosch wieder.

Dolan packte den Koffer, dann rannten die vier vorwärts und ließen das Kanu im Stich. Gleich darauf fanden es die Verfolger und machten sich daran, es kurz und klein zu schlagen. Diese Ablenkung gab Dan und seinen Freunden einen wertvollen Vorsprung. Dan führte sie scharf nach links, dann verbargen sie sich in hohen Farnkräutern. Sie hatten eher die Möglichkeit, zu entkommen, wenn sie sich ruhig verhielten.

Ein schriller Pfiff ertönte hinter ihnen und wurde durch einen Ruf aus der Ferne beantwortet. Gleichzeitig hörten die Flüchtlinge, daß ein Mann über die Steine lief.

»Sie haben ihr Boot unbewacht gelassen«, flüsterte Julia aufgeregt. »Können wir dorthin kommen?«

»Wir wollen es versuchen«, erwiderte Dan.

Während die Verfolger noch auf das Kanu einhieben und schrien, krochen Dan und seine Begleiter auf die Straße und lugten zwischen den äußersten Bäumen hinaus. Das Scheinwerferlicht war jetzt auf den Punkt gerichtet, von dem aus der Pfiff ertönt war. Unter ihnen lag das Boot einsam am Ufer. Geräusche in der Höhe zeigten an, daß die übrigen Leute zu ihren Kameraden eilten.

»Kommt!« flüsterte Dan.

Sie liefen hinunter. Die Verfolger im Walde machten soviel Lärm, daß die Flüchtlinge nicht gehört wurden.

Joe Penman befahl mit barscher, rauher Stimme, Ruhe zu halten, aber seine Leute gehorchten nicht.

Dan und seine Freunde erreichten das Boot, Julia und Dolan nahmen die Ruder, und immer noch waren sie unentdeckt.

»Das Glück ist mit uns«, sagte Dan grimmig. »Wir wollen zurück und versuchen, das andere Boot auch zu nehmen. Dann können sie nichts mehr machen.«

Sie ruderten an der Küste zurück und glitten unter dem Lichtstrahl durch, der auf einen Punkt zwischen den Bäumen gerichtet war. Sie hatten ungefähr die halbe Entfernung zurückgelegt, als sie einen Wutschrei hinter sich hörten. Der Diebstahl des Bootes mußte bemerkt worden sein. Einen Augenblick später erfaßte sie das Scheinwerferlicht, und das Rufen wurde lauter. Sie hörten, daß die Männer auf das steinige Ufer zueilten, dabei stolperten und ausglitten.

»Schnell rudern!« sagte Dan. »Wir können es vor ihnen schaffen, auf der Straße kommen sie nicht schneller vorwärts als an der Küste.«

Dolan und Julia ruderten mit äußerster Anstrengung und ließen die Leute an der Küste weit hinter sich. Das Scheinwerferlicht ruhte noch immer auf ihnen.

Endlich erreichten sie das zweite Boot. Alle sprangen heraus, packten es und stießen es ins Wasser. Ein stöhnender Mann lag darin, aber sie achteten nicht auf ihn. Es war der Matrose, den Dan in dem ersten Boot getroffen hatte. Während Dolan und Julia ihre Ruder wieder aufnahmen, machte Dan das zweite Boot am ersten fest. Lawrence hielt die Fangleine. Als sie wieder flott waren, sprang Dan hinein.

Im selben Augenblick stürzten Leute das Ufer herunter, aber sie kamen zu spät. Sie schrien und feuerten, erreichten die Boote jedoch nicht mehr.

»Ruht euch etwas aus«, sagte Dan. »Wir sind jetzt die Herren der Lage!«

»Ich wünsche nur, ich hätte eine Zigarre«, sagte Lawrence bedauernd.

Alle lachten, und darin löste sich die Spannung der letzten Stunden.

Das zweite Boot, in dem Dan saß, wurde nähergezogen, und Dan stieg wieder zu seinen Freunden hinüber.

»Ich habe einen Gedanken«, sagte er.

»Was, schon wieder?« entgegnete der Millionär mit trockenem Humor.

»Auf dem Kabinendach des Leichters ist ein Floß untergebracht. Wenn wir von hier wegrudern, bringen sie es aufs Wasser und nehmen die Leute an Bord. Wenn wir nach Huntington rudern, ist es möglich, daß sie uns überholen, bevor wir nahe genug an die Küste herankommen.«

»Was schlagen Sie denn vor?« fragte Lawrence.

»Daß wir versuchen, den Leichter zu nehmen.«

»Das dachte ich mir gleich!« erwiderte der Millionär. »Sie bekommen nicht genug!«

»Es können nicht mehr als zwei Leute an Bord sein, und die sind vielleicht nicht einmal bewaffnet.«

»Es ist ja von vornherein zwecklos, Sie von Ihrem Vorhaben abbringen zu wollen«, meinte Lawrence und lachte.

»Wir wollen einmal mit ihnen verhandeln.«

Sie ruderten auf den Leichter zu, hielten sich aber außer Schußweite. Zwei Leute konnten sie an Deck stehen sehen. Dan erhob sich.

»Können Sie mich hören, Kapitän?« rief er.

»Ja«, antwortete der Mann mürrisch.

»Sie sehen, wir haben beide Boote, außerdem ist ein Polizeibeamter unter uns … Damit bist du gemeint«, wandte er sich leise an Julia.

Vom Leichter kam keine Antwort.

Dan versuchte es aufs neue. »Gehören Sie zu dieser Bande, Kapitän?«

»Nein, sie haben das Boot nur gemietet. Ich wußte nicht, was sie vorhatten.«

»Das mag wahr sein oder nicht«, sagte Dan leise zu seinen Freunden. »Für den Augenblick wollen wir es einmal glauben.«

Er erhob seine Stimme wieder. »Sie können in Ihrer schwierigen Lage nichts Besseres tun, als mir helfen, diese Verbrecher zu fangen, Kapitän.«

Keine Antwort. Nach einer Weile sagte Dan: »Nun gut, der Teufel soll Sie holen! … Weiterrudern!«

Sie hatten jedoch kaum zwei Ruderschläge getan, als eine Stimme von oben ertönte.

»Warten Sie noch eine Sekunde.«

Wieder Schweigen. Offenbar berieten die beiden an Deck miteinander. Endlich sagte der Kapitän finster: »Gut, kommen Sie an Bord.«

»Der Streich ist gelungen, ohne daß wir einen Schuß abzugeben brauchten«, meinte Lawrence befriedigt.

»Hände hoch!« befahl Dan. »Drei Pistolen sind auf Sie gerichtet.«

Zwei Paar Hände erhoben. Julia zog die Ruder ein und griff nach ihrem Browning, während Dolan das Boot an den Leichter heranruderte.

Nacheinander kletterten Dan und seine Freunde an Bord. Oben trafen sie den Kapitän und den Maschinisten, zwei Männer mit harten Zügen, die nicht abgeneigt sein mochten, dunkle Geschäfte zu machen, wenn sich ihnen dadurch genügend Vorteil bot. Aber andererseits sahen sie auch nicht durch und durch wie Verbrecher aus. Jedem gehörte ein Anteil an dem Schiff, und sie hatten genug Ursache, jetzt düster dreinzuschauen. Keiner der beiden hatte eine Waffe bei sich. Sie schienen vollständig eingeschüchtert und entmutigt zu sein, aber Dan achtete trotzdem scharf auf sie.

Bat lag tot im Salon. Der Browning steckte noch in seiner Tasche, und Dan nahm ihn an sich. Dann ließ er den Mann hinaustragen und mit Segeltuch zudecken. Der Verwundete wurde in eine Koje gelegt, und Julia kümmerte sich um ihn. Er hatte einen Schuß durch die Brust.

»Du bist mindestens ebenso pflegebedürftig wie er«, sagte sie zu Dan.

Er schüttelte den Kopf. »Mir geht es ganz gut. Es gibt keine bessere Medizin als den Erfolg.«

Der Kapitän und Dolan wanden den Anker hoch, während der Maschinist, von Dan überwacht, die Maschinen in Gang brachte. Julia durchsuchte das Schiff nach Feuerwaffen und brachte drei weitere Brownings zu Dan.

Als sich der Leichter in Bewegung setzte, erhob sich wüstes Geschrei und Fluchen am Ufer. Dann wurde es plötzlich still; wie ein Mann wandten sich alle und liefen zu den Bäumen. Sie sahen voraus, was kommen würde.

Dan ließ Dolan bei den Maschinen zurück und ging ins Steuerhaus.

Eine halbe Stunde später telephonierte er von Huntington aus. Die Ereignisse hatten sich an diesem Abend überstürzt; es war noch nicht Mitternacht. Inspektor Scofield saß noch in seinem Büro, und seine Stimme verriet höchste Spannung.

»Dan Woburn am Apparat«, meldete sich Dan.

»Woburn!« rief der Inspektor scharf. »Wo sind Sie?«

Dan grinste, denn Scofields Stimme klang gereizt. Dies war der Augenblick des Triumphes für ihn.

»Ich spreche von Huntington auf Long Island, und ich habe Mr. Lawrence sicher bei mir. Das Lösegeld habe ich nicht bezahlt.«

»Großer Gott!«

»Der Entführer war ein gewisser Joe Penman«, fuhr Dan fort. »Er und zehn Leute sind noch frei in Lloyd's Neck. Nein, acht Leute, denn einer von ihnen ist tot, ein anderer verwundet. Sie haben kein Boot und können nur zu Fuß entkommen. Es sind ungefähr sechs Meilen zurück zu der Halbinsel, und sie haben eine halbe Stunde Vorsprung.«

»Gut, ich werde nach Huntington, Kicksville und Mineola telephonieren. Ich selbst komme im Flugzeug.«


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