Autorenseite

 << zurück weiter >> 

XXXV.

Dan und Carrington nahmen den Lederkoffer, der das Lösegeld enthielt, zwischen sich und verließen das Gebäude durch den Seiteneingang. Ein Bankwächter folgte ihnen. Niemand außer ihnen wußte, was sich in dem Koffer befand, aber die Größe und das Gewicht waren verdächtig. Dan war zufrieden, als er den Koffer auf den Boden der Droschke legen und davonfahren konnte.

Dan und Carrington nahmen die beiden Rücksitze ein, während der Wächter ihnen gegenübersaß. Der wertvolle Koffer stand auf dem Boden zwischen ihren Knien. Den Wachtmann hatten sie sich telephonisch von einer größeren Bank ausgeliehen. Er war kräftig und stark und hatte furchtlose Augen. Niemand hatte ihm gesagt, was der Koffer enthielt, aber er ahnte natürlich, daß es etwas mehr war als Kleider und Wäsche.

Als sie ihren Weg durch die engen Seitenstraßen machten, warf Dan gelegentlich einen Blick durch das hintere Fenster, und als sie dann endlich die breite Lafayette Street erreicht hatten, war er davon überzeugt, daß ihnen ein anderes Taxi folgte. Der Mann, der darin fuhr, hielt etwas Dunkles vors Gesicht.

»Sie sind noch hinter uns«, sagte Dan zu Carrington und lächelte sonderbar. »Ich wünschte nur, ich könnte ein Schild aushängen und ihnen darauf mitteilen, daß wir das Geld haben, und daß sie es sofort in Empfang nehmen können, wenn sie uns mitteilen, auf welche Weise wir mit ihnen zusammenkommen sollen.«

Eine große Menschenmenge wartete vor der palastartigen Villa des großen Finanzmannes in der Fifth Avenue. Die Leute waren sogar auf die Parkmauern geklettert, und vier Polizisten hatten zu tun, um die Straße für den Wagenverkehr offenzuhalten. Als Dan das sah, ließ er den Chauffeur einen Umweg machen und vor der Seitentür in der Nebenstraße halten. Das andere Taxi blieb dicht hinter ihnen.

In der Seitenstraße parkten so viele Wagen, daß sie nicht einen Platz an den Bordschwellen fanden und in der Mitte halten und aussteigen mußten, um zu der kleinen Tür zu kommen. Im Augenblick stand niemand auf dem Fußsteig, aber mehrere Leute warteten an der Ecke, von wo aus sie den Nebeneingang beobachteten.

Dan ging mit dem Schlüssel voraus, während Carrington und der Wachtmann von der Bank folgten. Sobald die Neugierigen dies sahen, strömten sie in hellem Haufen herbei, um ja nichts zu versäumen.

Als Dan den Schlüssel in die Tür steckte, fiel von hinten ein Schuß, und der junge Mann stürzte auf den Asphalt nieder. Blitzschnell drehte sich der Bankwächter um und zog den Revolver, aber im Augenblick konnte er nicht erkennen, woher der Schuß gekommen war. Carrington war wie versteinert und konnte sich nicht rühren. Als die Neugierigen den Schuß hörten, liefen sie davon wie die Hasen, weil sie fürchteten, getroffen zu werden.

Dan bewegte sich und stöhnte. Im selben Augenblick erschien eine Hand mit einem Revolver aus einem der Fenster der wartenden Autos. Aber bevor sie nochmals feuern konnte, fiel ein Schuß aus einem anderen Wagen. Die Hand wurde schlaff, und die Waffe fiel auf das Trittbrett des Wagens. Der Wächter feuerte hinterher. Der Wagen fuhr an, aber ein Taxi fuhr vor und versperrte den Weg. Der Mann, der am Steuer gesessen hatte, sprang aus dem Wägen und rannte die Straße hinunter, aber ein uniformierter Polizist fing ihn an der Ecke ab. Inzwischen trat der Bankwächter an das Auto heran und öffnete die Tür.

Bull Fellows rollte auf die Straße, aber er lebte noch. Julia Dirmer stieg aus dem Taxi, das dem Gangsterauto den Weg versperrt hatte. Sie war bleich, aber ihre Augen leuchteten. Inzwischen hatte Dan sich aufgerichtet und hielt seine linke Schulter, die stark blutete. Julia eilte zu ihm, und die Neugierigen, die jetzt überzeugt waren, daß die Schießerei vorüber war, drängten sich um die Gruppe. Dan zeigte auf den Schlüssel, der auf dem Boden lag.

»Öffnet schnell die Tür, wir wollen hineingehen.«

Einen Augenblick später legten sie den schwerverwundeten Bull Fellows auf den Boden des kleinen Innenhofes nieder. Dan, Julia, Carrington, der Bankwächter und der uniformierte Polizist standen um ihn herum. Der Polizist hatte auch den Gefangenen mitgebracht. Dan sah ihn scharf an, kannte aber das Gesicht des Mannes nicht.

»Was ist geschehen?« fragte Dan. »Ich konnte es nicht sehen.«

»Dieser Mann hier hat aus einem Wagen geschossen, der am Straßenrand parkte«, entgegnete der Bankwächter. »Als er noch einmal auf Sie zielte, hat ihn die junge Dame aus einem anderen Taxi auf der anderen Seite der Straße durch einen Schuß erledigt.«

»Also, dann warst du es, die mir auf die Straße folgte?« sagte Dan zu Julia.

»Ich wußte, daß du in Gefahr warst«, erwiderte sie halb entschuldigend.

»Du hast mir das Leben gerettet!«

»Wenn ich doch nur eine Minute früher hätte schießen können«, sagte sie niedergeschlagen. »Vor allem mußt du jetzt verbunden werden.«

»Warte noch einen Augenblick. Es ist nicht schlimm.« Er kniete neben Bull. Julias Schuß hatte den Mann in der Nähe des Herzens durchbohrt, und es gab keine Rettung mehr für ihn. Er schwieg, aber allem Anschein nach war er bei Bewußtsein. Trotz seiner Schwäche warf er Dan einen haßerfüllten Blick zu.

»Sie haben den größten Unsinn gemacht«, stöhnte Dan. »Ich habe doch das Geld für Sie. Mein einziger Wunsch war, es Ihnen sicher zu übergeben.«

»Sie lügen!« sagte Bull leise.

»Glauben Sie, ich würde einen Sterbenden belügen? Schnell, sagen Sie, wo Sie Joe heute abend treffen wollten, bevor es zu spät ist. Ich schwöre Ihnen, daß ich ihm das Geld allein bringen werde.« Er beugte sich über Bull, so daß dessen Mund seinem Ohr nahe war.

»Scheren Sie sich zum Teufel!« flüsterte Bull.

Das waren seine letzten Worte. Ein Zucken ging durch seinen Körper, er röchelte noch einmal, dann war er tot.


 << zurück weiter >>