Autorenseite

 << zurück weiter >> 

XV.

Als Treffpunkt war die Mitte des großen Union Square vereinbart. Es ist das der halbvollendete Park mit dem großen Flaggenmast in der Mitte. Vorläufig ist nur die weite Rasenfläche angelegt, und auch das Gras will noch nicht recht anwachsen. Wahrscheinlich hatten sie diesen Platz gewählt, weil er offen und übersichtlich war.

Joe Penman ließ sich auf einer Bank in der Nähe des großen Flaggenmastes nieder und tat so, als ob er eine Zeitung studierte. Aber er sah sich von Zeit zu Zeit nach rechts und nach links um.

Kurz darauf erschien ein kleiner Mann in alten, abgetragenen Kleidern und ließ sich nachlässig auf einer Bank nieder, nicht weit von Joe entfernt. Er hatte keine Zeitung, aber er schien ein geborener Schauspieler zu sein, denn er gähnte, kratzte sich den Kopf und nahm einen Zigarettenstummel aus der Tasche.

Joe warf ihm einen Blick zu und unterdrückte ein Grinsen.

Unbezahlbar! dachte er bei sich.

Ein paar Minuten vergingen, dann näherte sich ein älterer, wohlgekleideter Herr der Stelle. Seine Haltung war straff, und man sah ihm an, daß er noch jugendlich wirken wollte. Aber weder der elegante Anzug noch der flotte Hut konnten die Tatsache verbergen, daß seine Gesichtszüge grau und alt waren. Er sah den anderen Mann in der Nähe von Joe, und Penman gab ihm einen Wink, zu einer anderen freien Bank zu kommen, die weiter entfernt lag. Dort setzte sich der Mann auch nieder. Nach kurzer Zeit erhob sich Joe und nahm in der Nähe Platz.

Zuerst sprach keiner von beiden; jeder wollte dem anderen den Vortritt lassen. Die Bänke im Park waren nur spärlich besetzt. Endlich entschloß sich Joe, das Schweigen zu brechen.

»Schöner Tag heute«, begann er.

»Ich bin nicht hergekommen, um mit Ihnen über das Wetter zu sprechen«, entgegnete der andere fast ärgerlich. Joe zuckte die Schultern. »Ich nehme an, Sie haben gestern die Zeitung gelesen?«

»Ja. Ebenso mein Auftraggeber.«

»Es tut mir leid, daß wir Pech hatten«, sagte Joe.

»Das ist mir gleichgültig. Sie haben Ihren Vertrag nicht gehalten, und das ist alles, was für mich zählt. Sie wurden mir als ein tüchtiger Mann geschildert, der sich durch nichts abschrecken läßt, als einer der besten, die es in der Beziehung gibt. Aber ich sehe jetzt, daß ich mich in Ihnen getäuscht habe.«

Joes Augen blitzten ärgerlich auf, aber er beherrschte sich.

»Das kann jedem einmal passieren, Boß.« Er betrachtete den anderen durchdringend, denn er wollte vor allem feststellen, ob der Mann das Geld mitgebracht hatte.

»Sie haben die Sache nun vier Wochen vorbereitet und dafür zwölftausend Dollars erhalten. Das ist eine erstklassige, anständige Bezahlung, wir können daher auch eine erstklassige Bedienung verlangen.«

»Sie haben vollkommen recht. Ich kann nichts dagegen sagen, als daß mein Mann mich diesmal im Stich gelassen hat. Im allgemeinen ist er ein todsicherer Schütze. Der Polizist war eben zu schnell für ihn.«

»Er hat doch nur auf den Ersatzmann geschossen«, entgegnete der gutgekleidete Mann ärgerlich. »Selbst wenn er den niedergeknallt hätte, wären wir keinen Schritt weiter. J. M. Lawrence saß in dem zweiten Wagen. Es ist ein zu blödes Theater!«

Joe sah ihn erstaunt an. »Was sagen Sie da?«

»Sie wollen mir doch nicht etwa vorschwindeln, daß Sie das nicht wissen! Sicher haben Sie erfahren, daß Lawrence einen Mann engagiert hat, der als sein Double auftritt. Der fährt immer vor ihm voraus, wenn er irgendwohin geht.«

»Woher wissen Sie denn das?« fragte Joe.

»Mein Auftraggeber hat mir das erzählt.«

»Und woher weiß der es?«

»Der kennt Lawrence sehr gut und hat Mittel und Wege, dergleichen herauszubringen.«

»Warum haben Sie mir das nicht gesagt?«

»Ich habe doch keine Möglichkeit, mich mit Ihnen in Verbindung zu setzen, wenn wir uns nicht gerade hier treffen.«

»Woher sollte ich denn das wissen?« fragte Joe vorwurfsvoll. »Ich habe einen Spion im Büro von Lawrence, und der hat keine Ahnung davon.«

»Es kommt ja jetzt auch nicht mehr darauf an. Die ganze Sache ist verfahren, und mein Auftraggeber will nichts mehr davon wissen. Damit ist der Fall für uns erledigt.«

Joe zuckte die Schultern, als ob er die Sache aufgäbe. »Ich kann ihm schließlich keine Vorwürfe machen«, sagte er ruhig, warf aber dem anderen wieder einen scharfen Blick zu.

»Aber es wäre doch zu schade, wenn er all das viele Geld umsonst ausgegeben hätte.« Joe wartete einen Augenblick, dann fuhr er fort: »Ich habe jetzt einen besseren Plan und könnte ein positives Resultat innerhalb einer Woche versprechen.«

»Lawrence ist jetzt gewarnt – an den kommen Sie so bald nicht wieder heran.«

»Ich denke auch nicht mehr daran, ihn niederknallen zu lassen. Ich habe Ihnen doch gesagt: ich habe einen besseren Plan. Ich kann ihn eventuell durch eine Frau kriegen. In dem Fall bin ich sicher, daß ich nicht sein Double erwische. Lawrence wird einfach krank und stirbt, und seine Tochter wird natürlich die ganze Geschichte totschweigen, damit kein Skandal entsteht.«

Der andere zeigte nun Interesse. »Wie sind denn die Einzelheiten Ihres Plans?«

»Glauben Sie, daß ich Ihnen die erzählen würde, nachdem Sie meine Dienste nicht mehr haben wollen?«

Nun mußte der andere den Ton ändern. »Wenn ich Ihren Plan gutheiße, kann ich Ihnen sogar weitere Gelder zahlen.«

Joe war befriedigt. Der Kerl hat tatsächlich das Geld bei sich, dachte er, sagte aber nichts.

Der wohlgekleidete Mann kniff die Augenlider zusammen. »Sie meinen, Sie können ihn durch eine Frau kriegen – wie wollen Sie denn das anstellen? Ist sie – «

Joe warf ihm einen Seitenblick zu und sah, daß er angebissen hatte. »Das sage ich Ihnen nicht«, entgegnete er kühl.

»Warum denn nicht?«

»Ich würde keinem lebenden Menschen Beweise in die Hand geben, die mich oder andere auf den elektrischen Stuhl bringen könnten.«

»Das verstehe ich«, erklärte der andere, der die Verhandlung jetzt unter keinen Umständen abbrechen wollte. »Ich bin bereit, es noch eine weitere Woche mit Ihnen zu versuchen.« Bei diesen Worten zog er einen Briefumschlag aus der Brusttasche.

Joe blickte fort, um seine Genugtuung nicht zu verraten, und ließ den dicken Brief in seine Tasche gleiten. Dann erhoben sie sich und reichten sich die Hand.

»Nächste Woche um dieselbe Zeit und hier am selben Platz«, sagte der gutgekleidete Mann.

»Sie können schon morgen kommen und die große Schlußzahlung mitbringen«, erwiderte Joe und grinste hämisch.

»Die Summe liegt für Sie bereit, aber Sie müssen sie natürlich erst verdienen.«

Joe ging nach Süden davon und schnitt ein Gesicht, als er glaubte, daß der andere ihn nicht mehr sehen konnte, während der gutgekleidete Mann sich in der Richtung auf den Broadway entfernte und ein Taxi nahm. Der Mann in den schäbigen Kleidern war ihm gefolgt und nahm den zweiten Wagen. Er war plötzlich nicht schläfrig.

»Folgen Sie Ihrem Kollegen!« befahl er dem Chauffeur, »Sie bekommen einen Dollar extra, wenn Sie ihn nicht aus den Augen verlieren, bis er seinen Fahrgast absetzt.«


 << zurück weiter >>