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IV.

Dan wurde in ein großes, altmodisches Zimmer geführt, dessen vier große Fenster auf Wall Street hinausschauten. Auf dem Boden lag ein türkischer Teppich, der besonders für diese Umgebung ausgewählt zu sein schien. Einem großen, flachen Schreibtisch stand ein Kamin aus schwarzem Marmor gegenüber, und an den Wänden hingen mehrere Porträts in vornehmen Goldrahmen. Außer dem großen Armsessel des Millionärs standen noch verschiedene Stühle in der Nähe des Schreibtisches, etwas zurück zwei Polstersessel und ein mit dunklem Leder bezogenes Sofa. Die Mitte des großen Zimmers war vollkommen freigehalten.

Mr. Lawrence ging gern auf und ab. Eine Fahne von Zigarrenrauch folgte ihm. Er hatte den Kopf leicht auf die Brust geneigt, die Hände auf dem Rücken verschränkt. Seine stattliche Erscheinung paßte gut in diesen großen Raum. Er trug einen Anzug nach altem Schnitt: Einen schwarzen Cut, gestreifte Beinkleider, einen Umlegekragen und einen schwarzen, gebundenen Plastron. Sein dunkles Haar ließ er etwas länger wachsen als es üblich war, und es lockte sich leicht am Hinterkopf. Er war alt und nicht gerade schlank, aber seine Gestalt drückte Energie und Tatkraft aus. Sein befehlender Feldherrnblick und die Sicherheit seines Auftretens machten ihn zu einer Persönlichkeit, zu einem Führer.

Die heftige Auseinandersetzung, die er eben gehabt hatte, schien ihn nicht im mindesten berührt zu haben, aber Dan streifte er mit einem Blick, der Mißfallen ausdrückte. Das war eine schlechte Vorbedeutung für die Unterredung, die kommen sollte.

»Also Sie sind der Mann, den mir die Polizei schickt.«

Dan sah über die Schulter und vergewisserte sich, daß der alte Diener das Zimmer verlassen hatte. Die Tür schloß sich gerade. »Verzeihen Sie«, erwiderte er, »aber das wissen schon viel zu viele Leute hier.«

»Zum Donnerwetter, ich kann diese ewige Geheimtuerei nicht vertragen. Die Leute, die hier arbeiten, sind schon seit Jahren für mich tätig.«

Dan entgegnete nichts darauf.

»Sie sind zu jung«, bemerkte der Millionär.

»Ich dachte, es wäre ein junger Mann für diesen Posten verlangt worden.«

»Ich erwartete aber nicht, daß man mir einen so jungen Burschen schicken würde. Wie alt sind Sie denn eigentlich?«

»Fünfundzwanzig.«

»So sehen Sie aber nicht aus.«

Der Millionär ging einmal in dem großen Raum auf und ab. »Ich will Ihnen gleich von Anfang an sagen, daß ich Sie nicht in meiner Nähe haben will. Ich bin zu diesem Schritt gezwungen. Früher habe ich niemals einen Mann gebraucht, der mich bewachte, und mir ist die ganze Sache unsympathisch. Wenn Sie gut mit mir auskommen wollen, müssen Sie mir möglichst wenig in den Weg laufen. Tun Sie so, als ob Sie nicht hier wären!«

Dan nahm diese Eröffnung mit ausdruckslosem Gesicht hin.

»Und noch eins«, fuhr der Millionär fort. »Ich bin kein kluger und weiser Mann, ich sage immer, was ich denke, ganz gleich, welche Folgen es haben könnte. Wenn Sie in meiner Nähe arbeiten, werden Sie jeden Tag Dinge hören, die die Zeitungen gern drucken würden, und wofür sie eine Menge Geld bieten. Aber ich sage Ihnen, Sie könnten ein solches Geschäft nur ein einziges Mal machen. Ich gebe Ihnen den guten Rat, nicht von dem zu sprechen, was Sie hier hören. Sie dürfen nicht einmal Ihrer Mutter, Ihrer Braut oder Ihrer Freundin etwas davon erzählen … Nun, was sagen Sie dazu?« fragte er, als Dan weiter schwieg.

»Es würde mir wenig helfen, wenn ich den heiligsten Eid leistete, daß ich den Mund halte. Das würde jeder Verbrecher auch tun. Sie müssen sich persönlich überzeugen, daß ich in der Beziehung Ihren Anforderungen genüge.«

Diese Antwort machte Lawrence Spaß. Er lachte leise, fast unhörbar, und der unliebenswürdige Ausdruck seines Gesichts verlor sich allmählich. »Nehmen Sie Platz«, befahl er und zeigte auf einen Stuhl. Er selbst ließ sich auf dem großen Sessel vor dem Schreibtisch nieder und kramte unter den Papieren. Bald hatte er einen kleinen Bogen gefunden, den er vor Dan hinlegte. »Das ist die Ursache all dieser Aufregung.«

Es sah aus wie ein Blatt, das aus einem Schulheft ausgerissen worden war, und es standen Zeilen in Druckbuchstaben darauf, die mit Bleistift geschrieben waren:

»Ihres Vaters Leben ist in Gefahr.
Er soll sich vorsehen.«

»Früher habe ich eine Menge derartiger anonymer Briefe erhalten«, erklärte Lawrence zornig. »Ich habe sie in den Papierkorb geworfen und sofort wieder vergessen. Man würde ja überhaupt nicht mehr zum Leben kommen, wenn man sich dauernd vor Überfällen schützen wollte. Aber diesmal hat der Teufel den Brief an meine Tochter adressiert, und Sie wissen ja. Wie Frauen sind: Tränen, Bitten, Beschwörungen, bis ich endlich nachgegeben habe!« Er machte eine Handbewegung, als ob er das Blatt zerknittern und in den Papierkorb werfen wollte, aber Dan hinderte ihn daran.

»Geben Sie es bitte mir.«

»Zum Donnerwetter, dahinter steckt doch nichts! Bis jetzt hat noch niemand versucht, mich zu ermorden.«

»Sie sind in der letzten Zeit oft unangenehm aufgefallen«, bemerkte Dan.

»Gewiß! Ich weiß, daß ich einer der bestgehaßten Leute im Lande bin. Seitdem die Börse zurückgeht, sucht man mich dafür verantwortlich zu machen. Aber das ist doch alles dummes Zeug. Wenn es den Kerlen gelingen sollte, mich niederzuknallen, würden die Papiere nur noch mehr fallen.«

»Lassen wir einmal die kleinen Leute beiseite, die ihre wenigen Spargroschen auf der Börse riskieren. Haben Sie mächtige Feinde?«

»Natürlich. Ich könnte Ihnen ein halbes Dutzend großer Leute nennen, die bedeutend ruhiger schlafen würden, wenn sie mich unter die Erde gebracht hätten.«

»Würden Sie so liebenswürdig sein, mir ihre Namen zu nennen?«

»Warum nicht? Wenn Sie mich schon bewachen sollen, ist es wohl besser, Sie wissen davon. Da ist zunächst der alte Ashley Barnes, ein reicher Nichtstuer, der persische Fayencen sammelt wie ich. Ich habe die beste Sammlung auf der Welt, er hat die zweitbeste. Das erscheint Ihnen auf den ersten Blick sicher nicht als genügender Grund, einen anderen Menschen zu ermorden. Aber ich wäre nicht erstaunt, wenn er der schlimmste Feind wäre, den ich habe. Fayencen sind das einzige Interesse seines Lebens, man kann seine Sammelwut direkt eine Manie nennen. Die besten Stücke werden natürlich immer zuerst mir gezeigt, und ich habe gesehen, welch mörderische Blicke er mir zuwarf, wenn ich ihm zuvorkam.

Dann haben wir D. D. Beddington, den Präsidenten der Nebraska-Pacific-Eisenbahn. Seit Jahren versucht er, die Ohio- und Mississippi-Eisenbahn unter seine Kontrolle zu bringen und dadurch ein zusammenhängendes Schienensystem zu bekommen, so daß er durchgehende Züge von einer Küste zur anderen laufen lassen kann. Das ist der größte Traum seines Lebens. Ich war immer das Hindernis, an dem seine Pläne scheiterten, und ich werde nicht nachgeben. Ich halte ihn für einen unfähigen Eisenbahnpolitiker. Er ist nur mittelmäßig begabt. Außerdem kommt noch Nikolas Malata, ein ganz durchtriebener Junge, in Frage. Haben Sie schon von dem gehört?«

Dan schüttelte den Kopf.

»Er hat in einem Dorf in Bessarabien als Schuhmacher angefangen, ein Jahr nach dem Krieg kam er in die Vereinigten Staaten und erhielt Arbeit in einer Schuhfabrik. Dort lernte er alles, was man über Schuhmaschinen überhaupt lernen kann, und dann fand er jemand, der ihm das nötige Geld und ein paar Maschinen gab. Die brachte er nach Bessarabien. Dort begann er eine Massenproduktion von Schuhen, und bei den niedrigen Löhnen konnte er ein Paar Schuhe für dreißig Cents herstellen. Er hat sie nach allen Ländern der Welt geliefert, selbst wenn die Staaten, die er damit überschwemmt, hundert Prozent Einfuhrzoll erhoben, konnte er alles unterbieten. Ich habe mich der Sache angenommen, und schließlich gelang es mir, ein Gesetz in Washington durchzudrücken, das die Einfuhr von Malata-Schuhen zu irgendeinem Preis verbietet. Sie können vermuten, wie er über mich denkt. Und alle diese Emporkömmlinge haben mehr oder weniger eine verbrecherische Anlage.

Ich weiß, die Leute hassen mich, wenn sie auch nach außen hin vorgeben, meine besten Freunde zu sein. Ich muß immer lachen, wenn sie herkommen und vor mir kriechen. Wenn Sie sich die Kerle einmal genauer ansehen wollen, werde ich sie einmal zum Essen einladen. Dann können Sie diese Galerie schöner Männerköpfe studieren.«

»Aber warum wollen Sie sich der Gefahr aussetzen?«

»Das wäre doch durchaus keine Gefahr für mich. Sie sind alle wohlhabende Leute, die mich nicht persönlich niederschießen würden, wenn sie einen Revolverhelden für ein- oder zweitausend Dollars dingen können. Es wäre wirklich vergnüglich, alle drei Zusammenzubringen. Das mache ich auch bestimmt.« Er ging zum Schreibtisch und machte eine Notiz.

Eines der beiden Telephone, die auf dem Schreibtisch standen, schrillte. Das eine war mit dem Haustelephon verbunden, das andere war ein gewöhnlicher Apparat, der an die Fernleitung angeschlossen war. Lawrence hob den Hörer von diesem Apparat ab.

Dan schloß aus dem Gesichtsausdruck des Millionärs, daß dieser mit einer Frau sprach, und wollte schon aus dem Zimmer gehen. Aber Lawrence machte eine energische Bewegung, wodurch er ihm den Befehl gab, sich wieder hinzusetzen. Er hörte einer längeren Auseinandersetzung zu und lächelte ironisch, dann mischte er sich plötzlich ein.

»Einen Augenblick! Du hast mir das alles erzählt, als du hier in meinem Büro warst. Es hat keinen Zweck, es zu wiederholen. Ich sage dir, daß du alles haben könntest, was du für dich selbst brauchst. Juwelen, Schmuck, Autos, Pelze, Kleider. Aber ich gebe dir kein Geld für dein neues Stück. Es wäre dein Ruin, wenn du die Leitung eines Theaters in die Hand bekämst, so daß du alle Leute wegschicken kannst, wenn es dir paßt. Du brauchst nun einmal Disziplin … Sicher, ich weiß, daß ich mich deiner Meinung nach abscheulich benehme, aber das ändert nichts daran … Natürlich treffen wir uns heute abend, ich freue mich darauf. Aber wenn du eine Silbe von der alten Sache erwähnst, stehe ich sofort auf und gehe weg … Also, auf Wiedersehen!«

Als Lawrence den Hörer zurückgelegt hatte, sah er sich befriedigt um. Er begegnete Dans Blick und sah, daß der junge Mann ihm recht gab. Das war eine kurze, aber merkwürdige Verständigung, und beide lachten.

»Ja, die Frauen sind wirklich schön und unersetzlich«, meinte Lawrence. »Das Leben wäre eine Wüste ohne sie. Aber merken Sie sich eins, junger Mann: Wenn Sie nicht unbeugsamen Willen zeigen und die Frauen die Oberhand gewinnen lassen, ist es aus mit Ihnen!«

»Ich verstehe.«

»Nun wollen wir aber noch einmal über die Sache reden, die Sie hierhergeführt hat«, fuhr der Millionär fort. »Wenn es tatsächlich stimmen sollte, daß diese reichen Leute eine Verschwörung gegen mich angezettelt haben, dann glaube ich kaum, daß wir auf diese Weise etwas herausbekommen werden.«

»Vielleicht hat jemand dieses billige Papier benutzt, um uns zu täuschen? Wenn ich verfolgen könnte, woher der Brief kam, brauchte ich Sie nicht länger zu bewachen.«

»Sie sind ja sehr selbstbewußt. Aber wie könnten Sie ein solches Schreiben verfolgen?«

»Das ist schon oft geschehen. Einige Anhaltspunkte habe ich bereits. Das Papier ist alt, das heißt also, es wurde nicht für diesen Zweck gekauft, sondern lag schon einige Zeit. Wahrscheinlich finden wir mehr von der Sorte, wenn wir dort nachforschen, woher es kam. Die Worte wurden von jemand geschrieben, der eine gute Bildung hat. Das schließe ich aus der ausgeschriebenen Handschrift und der guten Linienführung. Wahrscheinlich war es eine ältere Person.«

»Warum denn älter?«

»Das geht aus der Art der Satzbildung hervor. Ein junger Mensch würde sich anders ausdrücken. Haben Sie den Umschlag noch?«

Lawrence suchte ihn heraus. »Die Adresse ist ebenso geschrieben, wie die Mitteilung innen. Gestern mittag um drei Uhr in der Hauptpost aufgegeben.«

»Wenn Sie gestatten, möchte ich für diesen Fall Inspektor Scofields Hilfe in Anspruch nehmen. Kann ich einmal an ihn telephonieren?«

»Ich glaube, Sie nehmen die ganze Sache viel zu ernst«, brummte Lawrence. »Meiner Meinung nach handelt es sich hier um einen Mann, der mir zum Spaß Furcht einjagen will. Aber tun Sie nur, was Sie wollen. Sie können meinen Apparat benutzen.«

Er schob ihm den Postapparat zu. Dan wählte eine Nummer des Polizeipräsidiums und lauschte. Aber plötzlich änderte sich der Ausdruck seiner Züge, und er legte den Hörer rasch nieder.

»Geben Sie mir schnell die Nummer Ihrer Privatwohnung!« sagte er.

Lawrence sah ihn entrüstet an. »Zum Teufel, was –«

»Die Leitung wird überwacht«, erwiderte Dan dringend. »Als ich den Hörer ans Ohr legte, bemerkte ich, wie sich der Stromkreis öffnete. Wir müssen schnell ein anderes Gespräch führen, das die Leute auf eine falsche Spur bringt.«

Der Millionär gab ihm die Nummer seines Hausanschlusses. Dan stellte die Verbindung her und schob den Apparat zu dem alten Herrn hinüber. Lawrence gab seinem Butler einen Auftrag, der echt klang und nichts weiter besagte. Dann legte er den Hörer wieder nieder, und die beiden sahen sich an. Lawrence war außer sich vor Wut.

»Zum Donnerwetter!« rief er und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Ein fremder Kerl hat sich in meine Privatleitung eingeschaltet! Ich werde Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um der Sache auf die Spur zu kommen!«

Dan eilte bereits zur Tür. »Es muß irgendwo im Haus selbst sein. In zehn Minuten bin ich mit einem Telephonbeamten zurück. Vielleicht können wir ihn fassen.«

Die Tür schloß sich hinter ihm.

In einer halben Stunde war Dan wieder im Büro und berichtete: »Ich habe einen Beamten von der Telephongesellschaft mitgebracht. Als er Ihre Leitung hier im Haus kontrollierte, fand er tatsächlich einen Nebenanschluß. Ein Draht führte ins Zimmer Nr. 517 im fünften Stockwerk. Aber der Kerl hatte sich bereits aus dem Staube gemacht, und als wir hinkamen, fanden wir niemand mehr. Hals über Kopf ist er geflohen und hat den Apparat im Stich gelassen. Er hatte eine Klingel, die sich sofort meldete, wenn von diesem Apparat aus gesprochen wurde.«

»Wer hat denn Zimmer Nr. 517?«

»Es wurde vor zwei Tagen vermietet. Der Hausmeister sucht die Sache aufzuklären, aber ich kann Ihnen jetzt schon sagen, daß die Untersuchung ergebnislos verlaufen wird. Sie können sich darauf verlassen, daß der Mann alle Spuren verwischt hat.«

»Verdammt noch einmal!« fluchte Lawrence wild.

»Wo speisen Sie heute abend?«

»Bei Pierre.«

»Können Sie die Gesellschaft nicht in Ihr Haus verlegen?«

»Nein«, rief Lawrence laut und schlug mit der Hand auf den Tisch. »Da hört doch alles auf! Ich soll meine Lebensgewohnheiten ändern, nur weil ein paar Verbrecher hinter mir her sind?«

»Das steht bei Ihnen. Bedenken Sie doch, es hat Geld, Energie und Klugheit gekostet, Ihre eigene Telephonleitung zu überhören. Glauben Sie mir, es ist ein großes Komplott, gegen das Sie ankämpfen müssen. Sie sind wahrscheinlich von einem Netz von Spionen umgeben.«

»Nun gut«, brummte der Millionär schon bedeutend freundlicher. »Dann findet das Essen heute abend in meinem Hause statt.«

»Dort werden Sie sicher sein. Und wenn Sie nichts dagegen haben, möchte ich mir die Nacht freinehmen, um Vorbereitungen für morgen zu treffen.«

»Also schön, dann gehen Sie.«

Dan grinste verständnisvoll.


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