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VIII.

Eine Woche, nachdem Henry Waters angestellt war, klappte die Sache vorzüglich. Die größte Schwierigkeit bestand darin, daß Lawrence seinen Zylinder nicht aufgeben wollte.

»Ich wäre nicht ich selbst, wenn ich einen anderen Hut aufsetzte«, protestierte er.

»Wenn nun aber jemand diesen Henry in dem schönen Auto mit einem Zylinder sieht und Sie hinter ihm herfahren und auch so einen hohen Hut tragen, müßte der Betreffende schon ziemlich dumm sein, wenn ihm das nicht auffiele!« erwiderte Dan.

»Ach, die Leute sind gar nicht so aufmerksam«, erklärte der Millionär.

»Niemand trägt heutzutage in der Stadt einen Zylinder«, erklärte Dan, der sich nicht beirren ließ. Man weiß aber nur zu genau, daß Sie diese Angewohnheit haben; Tausende, denen Sie niemals zu Gesicht gekommen sind, haben gehört, daß Sie immer einen Seidenhut tragen. Wenn Sie den nicht aufgeben, ist der Henry Waters überflüssig.«

Schließlich bequemte sich der Millionär dazu, einen steifen Filzhut zu tragen, der ihm einigermaßen bei einer Musterung vor dem Spiegel gefiel. Aber Dan sah, daß es unmöglich war, den Millionär durch einen Hut zu einem gewöhnlichen Menschen zu machen. Lawrence fiel immer auf, ganz gleich, was er aufsetzte.

Für Mr. Lawrence und Dan wurde ein kleiner, schwarzer Wagen in Dienst gestellt, der große Ähnlichkeit mit einem Taxi hatte. Der Chauffeur, der ihn steuerte, war besonders tüchtig und unerschrocken und trug stets einen Revolver bei sich, wenn er im Dienst war.

Henry Waters und Reed fuhren stets in der großen Limousine voraus. Der Schauspieler hatte sich vollkommen verwandelt, nachdem er wieder zu tun hatte und Geld verdiente. Er ging nicht mehr gebeugt und niedergeschlagen, und obgleich er wohl wußte, daß ihn jeden Augenblick eine Kugel treffen konnte, hielt er den Kopf hoch und sah unerschrocken um sich, als ob er von Kindheit an daran gewöhnt wäre, einer solchen Gefahr ins Auge zu sehen.

Wenn Henry Waters in der Öffentlichkeit erscheinen mußte, spielte er seine Rolle vorzüglich, und Mr. Lawrence, der ihn gelegentlich von seinem sicheren Platz aus beobachtete, lachte befriedigt.

»Der macht seine Sache wirklich gut und tut mir alle Ehre an«, erklärte er und verdoppelte Henrys Gehalt.

Eines Tages wurde das Büro von Lawrence von der größten Nachrichtenagentur angerufen. Die Leute fragten sehr höflich an, ob sie nicht eine photographische Aufnahme von dem berühmten Millionär machen dürften, gelegentlich der Rede, die er am Donnerstagabend halten wollte.

Lawrence zwinkerte Dan zu und gab seine Einwilligung.

»Sie können einen Mann in mein Büro schicken. Ich will mit Fragen aber nicht belästigt werden. Er kann mehrere Aufnahmen von mir machen, wenn er mich nicht stört.«

Der Mann am anderen Ende der Leitung fiel vor Erstaunen beinahe um, als er das hörte.

Nach dieser erstaunlichen Mitteilung ließ der Neid natürlich die anderen Nachrichtenagenturen auch nicht schlafen, und Aufnahmen von Henry Waters in der Rolle des großen Millionärs erschienen in den Zeitungen des ganzen Landes.

Die seltsamen Umstände brachten den Millionär und seine drei Verteidiger enger zusammen, als unter anderen Umständen Chef und Angestellte, denn die Gefahr, die sie alle teilten, bildete ein gewisses Band.

Es wurde niemals von der Sache selbst gesprochen, aber häufig genug hatten alle denselben Gedanken: »Fällt der Schlag heute? Wie viele von uns werden morgen noch übrig sein?«

Lawrence und Henry Waters waren beide in New York geboren und tauschten gern Erinnerungen aus, wie die Stadt vor fünfzig Jahren ausgesehen hatte. Henry hatte auch eine Vorliebe für ein besonderes Kartenspiel und brachte es Reed Garvan bei. Sie spielten es gewöhnlich, wenn sie im Vorzimmer des Millionärs warten mußten.

Am Ende des Tages, wenn Henrys Dienste nicht mehr benötigt wurden, schlüpfte er in seine alten, abgetragenen Kleider und verließ die Villa durch einen Seiteneingang, um noch einige Stunden mit seiner Familie zuzubringen.

Dan setzte alles daran, den Millionär zur Entlassung des alten Dieners Colfax zu bewegen, hatte aber keinen Erfolg.

»Ich bin doch vor einem halben Jahrhundert mit ihm zur Schule gegangen! Warum sollte denn Tommy Colfax nun plötzlich an mir zum Verräter werden?«

»Was zahlen Sie ihm denn?« fragte Dan sachlich.

»Ich weiß es nicht. Fragen Sie den Bürovorsteher. Ich habe ihm gesagt, er soll ihn anständig behandeln.«

»Wenn er nun auch tatsächlich fünfundzwanzig, ja auch fünfzig Dollar wöchentlich erhält, muß er doch vor Neid vergehen!«

»Ach, das ist Unsinn! Er ist ein Mann mit einem einfachen Gemüt. Sie sagten doch, die Polizei beobachtete ihn. Was hat man denn bisher herausgefunden?«

Dan mußte eingestehen, daß die Polizei bis jetzt nichts erreicht hatte. Colfax schien ein geordnetes Leben zu führen, das zu keinen Verdachtsgründen Anlaß gab. Das einzige, was man gegen ihn hätte anführen können, war die Tatsache, daß er kürzlich Telephon in seine Wohnung hatte legen lassen, was für einen Mann in seinen Verhältnissen ungewöhnlich erschien.

»Warum läßt die Polizei denn nicht alle Gespräche, die er führt, überhören, wenn man ihn im Verdacht hat?«

»Das ist bereits geschehen.«

»Und was ist dabei herausgekommen?«

»Er benützt seinen Apparat nicht.«

»Sehen Sie, was habe ich Ihnen gesagt!« entgegnete der Millionär befriedigt.

»Geben Sie ihm wenigstens einen anderen Posten«, bat Dan. »Meinetwegen eine bessere Stellung, wenn Sie wollen, aber behalten Sie ihn nicht in Ihrer Nähe.«

»Nein, damit kommen Sie nicht weiter. Der alte Mann freut sich, wenn er bei mir sein kann, und ich möchte ihn nicht verletzen.«

Mit dem Bescheid mußte sich Dan zufriedengeben.

An dem Abend, an dem Lawrence die Rede halten sollte, stellte Dan fest, daß der Millionär nicht die Absicht hatte, an dem Festessen teilzunehmen.

»Warum soll ich mir mit dem Hotelessen den Magen verderben, wenn ich einen Koch zu Hause habe, der allein fünfundzwanzigtausend Dollar Gehalt im Jahr bezieht? Ich lade Sie ein, mit mir zu essen. Der Koch soll einmal zeigen, was er kann. Später wollen wir dann ins Hotel fahren.«

Bei dieser Gelegenheit wurde die übliche Reihenfolge geändert. Der Millionär und Dan fuhren in dem kleinen, unscheinbaren Auto voraus und begaben sich durch einen Nebeneingang in das Hotel und zu dem Zimmer, das im voraus bestellt worden war.

Ein paar Minuten später fuhr der Schauspieler Henry Waters vor dem Haupteingang vor und betrat in Begleitung Reeds die Hotelhalle. Ohne mit der Wimper zu zucken, schritt er durch die Reihe der Photographen, die ihre Blitzlichter aufflammen ließen.

Sein Bild war während der letzten Tage in den Zeitungen veröffentlicht worden, so daß ihn sofort alle wiedererkannten. Er grüßte verbindlich nach allen Seiten, aber er sprach nicht. Reeds Aufgabe war es, die Bewunderer möglichst von ihm fernzuhalten.

Sie gingen zu dem Raum, in dem die beiden anderen warteten. Henry überreichte dem Millionär den Zylinder, und Lawrence ging in Dans Begleitung zum Festsaal, während die zwei anderen sich bis zur Rückkehr des Millionärs die Zeit mit Kartenspielen vertrieben.


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