Autorenseite

 << zurück weiter >> 

XXXI.

Dans Fesseln wurden gelöst, und man erlaubte ihm, sich auf das Deck zu setzen und zu essen, während ein halbes Dutzend bewaffneter Leute um ihn herumstanden und ihn beobachteten.

»Ihr schmeichelt meiner Eitelkeit, Jungens!«

Sie schienen nicht recht zu verstehen, was er damit sagen wollte. Nach dem Essen wurde er wieder gefesselt, aber nicht mehr so fest und grausam wie vorher. Dann trugen sie ihn unter Deck.

Als er sich umsah, befand er sich in einer großen Kabine mit Schlafkojen. Sie legten Dan auf ein Bett, und ein Mann setzte sich auf einen Stuhl neben ihn, den Revolver schußbereit in der Hand. Die anderen kehrten an Deck zurück.

Schließlich hörte er oben an Deck Geräusche. Der Anker wurde gelichtet, die Schiffsmaschinen setzten sich in Bewegung.

»Wieviel Uhr haben wir?« fragte Dan gleichgültig.

»Elf Uhr«, entgegnete sein Wächter, ohne sich etwas dabei zu denken.

Das Wasser plätscherte an den Seitenwänden, und Dan lauschte aufmerksam, aber er konnte keinen Anhaltspunkt finden, in welcher Richtung sie davonfuhren. Jedenfalls war es gut, daß das Meer ruhig war und kein Wind wehte.

Nach einiger Zeit hörte er ein Geräusch, aus dem er schließen konnte, daß Joe mit seinen Leuten in den Hafen zurückgekehrt war. Über ihnen polterte und rasselte es, es konnte nichts anderes sein, als ein Auto, das über eine der Brücken des East River fuhr.

»Wieviel Uhr ist es denn jetzt?« fragte er, als ob er sich entsetzlich langweilte.

»Zwanzig Minuten nach zwölf«, entgegnete der Mann mechanisch.

Nun konnte Dan wenigstens ein wenig kalkulieren. Er wußte, daß die »Charmian« etwa zwanzig Meilen die Stunde lief, und das war ein Anhaltspunkt für ihn: eine Stunde lang von den Brücken zu dem Punkt, wo sie den großen Leichter getroffen hatten. Wenn der Leichter eine Stunde zwanzig Minuten brauchte, um die Fahrt zurückzulegen, mußte ihre Geschwindigkeit fünfzehn Seemeilen betragen. Das war wirklich außergewöhnlich für solch ein Fahrzeug. Wahrscheinlich konnten sie auch noch mehr Geschwindigkeit aus den Maschinen herausholen.

Er hörte an Geräuschen, daß sie unter anderen Brücken durchkamen, und daraus schloß er, daß sie auf dem East River entlangfuhren.

Eine lange Zeit verging, und schließlich wurde der Wächter von einem anderen Mann abgelöst.

Dan konnte nicht schlafen.

Schließlich wurde der Motor abgestellt. An Deck ertönten leise Kommandos, und der Anker fiel mit einem Geräusch ins Wasser.

»Wieviel Uhr ist es?« fragte Dan mit schläfriger Stimme.

»Drei«, sagte der Mann, der im Stuhl neben ihm saß.

Dan schätzte nach der Zeit und der angenommenen Geschwindigkeit, daß sie in die Bucht von Long Island hineingefahren waren.

Später kam ein Mann der Besatzung die Leiter herunter.

»Der Bursche wird im Salon gebraucht«, sagte er barsch und machte sich daran, Dans Fesseln zu lösen.

Mr. Lawrence und Joe warteten auf ihn in dem hellerleuchteten Salon.

Lawrence war im Schlafanzug. »Nun, wie geht es Ihnen, alter Junge?« fragte er so freundlich, daß Dan rot wurde. Von einer solchen Seite hatte er den sonst etwas grimmigen Herrn noch nicht kennengelernt.

»Großartig«, entgegnete Dan. »Und was machen Sie?«

»Ach, die Leute haben mich wie einen Schutzheiligen betrachtet«, erwiderte der Millionär lachend.

Nachdem sie sich am Tisch niedergesetzt hatten, überreichte Lawrence Dan einen Stoß von Schecks, die er unterschrieben hatte, ohne die Summe einzufügen, außerdem eine Generalvollmacht und einen Brief an seinen Privatsekretär Carrington, der eingehende Instruktionen darüber enthielt, wie er am nächsten Morgen das Geld am besten abheben konnte.

Joe saß in der Nähe und lächelte ironisch.

»Lesen Sie den Brief an Carrington durch«, sagte Lawrence.

Unter den geschäftlichen Instruktionen stand:

»Falls ich verhindert sein sollte, Dan Woburn persönlich zu belohnen, ordne ich an, daß ihm hunderttausend Dollars aus meinem Vermögen ausgezahlt werden. Er hat sich tapfer und männlich benommen, und es ist nicht sein Fehler, daß ich mich in dieser schwierigen Lage befinde.«

Dan konnte kaum sprechen.

»Aber Mr. Lawrence … ich wünschte, das hätten Sie nicht getan«, sagte er leise, so daß es Joe nicht hören konnte.

Lawrence klopfte Dan auf die Schulter. »Wenn ich wieder frei sein sollte, werde ich Ihnen noch anders danken.«

Joe rührte sich in seinem Stuhl.

»Was ist los?« fragte er düster. »Ich muß alles hören, was hier gesprochen wird.«

»Es handelte sich nur um eine persönliche Angelegenheit zwischen meinem jungen Freund und mir«, sagte Lawrence. »Er ist jetzt bereit, aufzubrechen.«

Sie gingen an Deck. Ein kleines Boot mit vier Mann hielt draußen längsseits; zwei der Leute saßen an den Rudern, zwei hatten sich angekleidet, um in die Stadt zu gehen. In dem Licht, das aus der offenen Tür fiel, erkannte Dan die beiden. Es waren Bull und Withey Morgan. Zum Abschied drückte er Lawrence still die Hand und stieg dann ins Boot. Schweigend stießen sie ab.

Es mochten ungefähr dreihundert Meter bis zum Ufer sein. Ein Lichtschimmer leuchtete ab und zu zwischen den dunklen Bäumen auf, und darauf steuerten sie zu. Als sie an einem steinigen Ufer gelandet waren, stießen die beiden Ruderer, ohne ein Wort zu verlieren, wieder ab.

An der Küste wartete eine altmodische Limousine auf einem verhältnismäßig holperigen Weg, der durch den Wald führte. Zwei Männer saßen auf den Vordersitzen, deren Gesichter Dan nicht gut sehen konnte. Bull und Whitey nahmen ihn auf den hinteren Sitzen in die Mitte, dann fuhr das Auto ab.

Nachdem das Auto einige Zeit über den schlechten Weg gefahren war, kamen sie schließlich auf eine ungepflegte Straße, die nach geraumer Zeit in eine Chaussee einmündete. Die Fahrt ging lange Zeit durch eine öde Gegend; nur hin und wieder sahen sie weit von der Straße ein Gehöft, und es kam ihnen auch kein anderer Wagen entgegen.

Als der Morgen heraufdämmerte, kamen sie durch eine weite Heide.

Dan sah sich begierig nach einem Merkmal um, an dem er die Gegend hätte erkennen können. Kurz darauf erreichten sie die Außenbezirke der Stadt und fuhren durch Straßen, die erst vor kurzem gebaut worden waren. Hier und da erhoben sich schon große Blöcke von Wohnungen oder billigen Siedlungen. Bull beobachtete, daß Dan scharf aufpaßte, und zog die Vorhänge vor die Fenster.

Sie schienen jetzt eine lange, glatte Strecke vor sich zu haben, und aus gewissen Geräuschen konnte Dan feststellen, daß sie tatsächlich vorher auf Long Island gewesen waren. Sie mußten sich auf einer Brücke befinden, denn er hörte die Sirenen eines Bootes.

Allmählich zog Bull die Vorhänge wieder in die Höhe, und Dan sah, daß sie durch den Central-Park fuhren. Inzwischen war es vollkommen Tag geworden. Sie hielten in der Nähe eines Parktores an, und einer der Leute auf den Vordersitzen stieg aus dem Wagen. Allem Anschein nach wollten sie nur die Zeit totschlagen, denn sie machten eine Rundfahrt durch den Park, und als sie am Ausgangspunkt ankamen, fuhren sie wieder dieselbe Strecke. Bisher war kein Wort gesprochen worden.

»Sind Sie eigentlich stumm?« fragte Dan endlich.

Whitey grinste. »Ich habe persönlich nichts gegen Sie.«

Bull fluchte und brachte Whitey wieder zum Schweigen.

Und so kam kein Gespräch in Gang.

Um acht Uhr verließen sie den Park und hielten vor einem Restaurant, in dem sie frühstückten.

Dan unterhielt sich mit dem Mann am Büfett, während Bull, Whitey und der Chauffeur schweigend Zigaretten rauchten. Bald darauf stiegen sie wieder in den Wagen und fuhren aufs neue im Park spazieren.

Erst nach langer Zeit bogen sie in die Stadt ein, und Punkt zehn Uhr lieferten sie Dan an der Tür des Einganges zu Lawrences Büroräumen ab.

Nun sprach Bull zum erstenmal.

»Ich habe besondere Instruktionen für Sie. Heute nachmittag um fünf Uhr fahren Sie zur Stadt, steigen an der Neunundfünfzigsten Straße aus und gehen dann in die Lexington Avenue nach Osten entlang. Sie kommen dann bei der Plaza in den Park und gehen dort den Fußweg innerhalb der Parkmauer entlang zum Columbus-Platz. Auf diesem Weg werden Whitey und ich Sie treffen. Sie unterhalten sich mit uns. Dann händigen Sie uns den Koffer mit dem Geld aus und verschwinden. Wenn Leute Ihnen folgen, oder wenn die Polizei einen Hinterhalt gelegt hat, bekommen Sie uns nicht zu sehen.«

»Einverstanden«, erwiderte Dan.


 << zurück weiter >>