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XIX.

Am nächsten Morgen mußte Dan Lawrence berichten, was sich zugetragen hatte, und das war keine leichte Aufgabe. Nachdem sie im Büro angekommen waren, verflossen die Minuten, ohne daß er etwas sagte, und schließlich begann Mr. Lawrence selbst davon.

»Ich nehme an, Sie wissen, warum ich Sie gestern bat, Christie nach Hause zu bringen. Die Art und Weise, in der sich meine Gäste ihr widmeten, gefiel mir nicht.«

»Ja, das habe ich verstanden.«

Lawrence war ärgerlich. »Was für eine Bande! Ich habe sie bald fortgeschickt, nachdem Sie das Haus verlassen hatten. Die Gesellschaft machte mir keinen Spaß mehr.«

»Ich muß Ihnen über den gestrigen Abend noch etwas berichten.«

»Nun gut, erzählen Sie.«

Dan holte tief Atem. »Christie hat ein Bild von Whitey Morgan in ihrer Wohnung.«

Ein unangenehmes Schweigen folgte. Lawrence zog die Augenbrauen zusammen, legte die Hände auf den Schreibtisch und beugte sich vor.

»Was machten Sie denn in ihrer Wohnung?« fragte er schließlich sarkastisch.

»Ich bin mit nach oben gegangen«, erwiderte er und biß die Zähne zusammen.

»Ach, Sie sind mit nach oben gegangen? … Hielten Sie das für einen Teil meines Auftrags?«

»Nein.«

»Trotzdem sind Sie nach oben gegangen.« Mr. Lawrence erhob sich plötzlich. »Und ich habe Ihnen vertraut!« sagte er heiser. »Sie haben für mich gearbeitet, mich Ihren Chef genannt. Ich dachte, Sie hielten Ihrem Chef eine gewisse Treue, aber sobald ich Ihnen den Rücken drehte, versuchten Sie, sich an meine Stelle zu setzen wie irgendein anderer smarter junger Mann!«

Dan ließ den Wutausbruch über sich ergehen.

»Haben Sie erwartet, daß Sie nach alledem noch für mich weiterarbeiten könnten?«

»Nein, ich wußte, daß Sie mich entlassen würden, wenn ich es Ihnen sagte.«

»Damit haben Sie auch verdammt recht!« rief der Millionär laut. »Haben Sie das gehört? Und nun verlassen Sie sofort das Büro!«

Dan ging erhobenen Hauptes zur Tür. Als er die Hand auf die Klinke legte, besann sich J. M., und seine Stimmung schlug um.

»Kommen Sie zurück!« sagte er laut.

Dan behielt den Türdrücker in der Hand, als er sich umwandte. Auf keinen Fall wollte er wie ein Hund zurückkehren und zu Kreuze kriechen.

Lawrence sprach noch mit bitterem Sarkasmus. »Ich wollte Ihnen nur noch sagen, daß ich Ihre Ehrlichkeit anerkennen muß, wenn Sie mich auch wütend gemacht haben. Das ist außergewöhnlich.« Er wartete auf eine Antwort, aber der junge Mann preßte die Lippen aufeinander. »Wollen Sie weiter für mich arbeiten?«

»Sie lassen mich besser gehen. Das würde sich nur wiederholen.«

»Ich will es riskieren, wenn Sie mir versprechen, mir alles aufrichtig zu sagen.«

»Ihnen gegenüber werde ich immer offen und ehrlich sein.«

»Gut.« J. M. machte eine Handbewegung, die ihn aufforderte, Platz zu nehmen.

Dan folgte, und der Millionär nahm ebenfalls seinen Platz am Schreibtisch wieder ein.

»Sie haben es sich also in den Kopf gesetzt, mein Rivale zu werden«, sagte er grimmig. »Nun müssen Sie aber wissen, daß ich das bei einem meiner Leute nicht dulde.«

»Es wird auch nicht wieder geschehen. Ich bin geheilt.«

»Ach, Sie sind geheilt? Wie soll ich denn das verstehen?«

»Ich halte sie für eine Verbrecherin.«

Lawrence lachte verächtlich.

»Welchen Unterschied macht denn das? Wenn sie jetzt dort zur Tür hereinkäme, könnte sie Sie um den Finger wickeln wie einen Bindfaden.«

»Das wäre möglich«, erwiderte Dan leise und senkte den Kopf. »Auf jeden Fall will ich mich von ihr fernhalten.«

»Das ist der Anfang der Weisheit«, sagte Lawrence und lächelte hart. »Ich möchte Ihnen etwas sagen. Alle Frauen sind, soweit ich weiß, mehr oder weniger falsch und verbrecherisch. Ein erfahrener Mann ist darauf gefaßt. Warum sollten sie es auch nicht sein? Die Männer haben die Regeln des Spieles aufgestellt, ohne die Frauen vorher zu fragen.«

Lawrence griff nach einer Zigarre, und Dan glaubte, der Sturm wäre vorüber.

»Haben Sie das Photo ihr gegenüber erwähnt?«

»Sie sagte, es wäre ihr Bruder.«

»Das könnte doch stimmen.«

»Es ist unwahrscheinlich«, entgegnete Dan bitter.

»Was wollen Sie in der Angelegenheit unternehmen?«

»Ich habe mit Inspektor Scofield telephoniert. Vielleicht hilft es, Whitey Morgan festzunehmen.«

»Schließen Sie daraus, daß Christie mit der Verbrecherbande, die mich ermorden will, unter einer Decke steckt?«

Dan zuckte die Schultern. »Was sagen Sie selbst dazu?«

»Welchen Vorteil könnte Christie haben, wenn ich stürbe?«

»Sie wissen ja nicht, was Ihre Feinde ihr angeboten haben.«

»Könnten sie ihr etwas anbieten, was sie nicht auch von mir haben könnte?«

Dan sah ihm gerade ins Gesicht. »Sie könnten ihr die Heirat versprechen … Natürlich ist das nur eine Vermutung von mir.«

»Hm.« Lawrence fuhr mit der Hand über das Kinn. Allem Anschein nach hatte er diese Möglichkeit übersehen.

»Und was soll ich unter diesen Umständen tun?« fragte er ironisch.

»Das ist Ihre Sache.«

»Meinen Sie, ich soll sie fallen lassen?«

»Nein. Es ist sicher besser, wenn sie glaubt, ich hätte Ihnen nichts gesagt. Aber Sie müssen auf der Hut sein.«

»Ich habe mich nie in acht genommen, und ich bin zu alt, um mich noch zu ändern.«

»Empfangen Sie sie nur in Ihrem eigenen Haus, wo Sie sicher sind«, riet Dan.

»Heute abend nach dem Theater gehe ich in ihre Wohnung«, entgegnete Lawrence kühl.

»Nein!« schrie Dan entsetzt. »Das wäre Selbstmord!«

»Trotzdem gehe ich«, erklärte der alte Herr grimmig. »Ich glaube nicht, daß Christie mit dieser Mörderbande unter einer Decke steckt. Dazu kenne ich sie wirklich gut. Und selbst wenn das der Fall sein sollte, würde sie nicht zugeben, daß ich in ihrer Wohnung erschossen würde. Sie würde dadurch zu viel verlieren.«

»Ich kann weiter nichts tun, als Sie warnen«, entgegnete Dan und zuckte die Schultern.

»Ich wollte Sie eigentlich mitnehmen«, sagte Lawrence mit einem harten Lächeln. »Aber wenn es Ihnen zu peinlich ist, können Sie auch fortbleiben.«

»Solange ich für Ihre Sicherheit verantwortlich bin, gehe ich mit Ihnen«, sagte Dan hartnäckig.

»Also, dann bleibt es dabei.«

Dan wandte plötzlich unmerklich den Kopf und lauschte. Vorsichtig beugte er sich dann über den Tisch und flüsterte Lawrence zu: »Diktieren Sie mir einen Brief und sprechen Sie so laut, daß man es an der Tür hört.«

Der Millionär warf ihm einen verständnisvollen Blick zu und nahm einen Brief von seinem Tisch. »Also, jetzt an die Arbeit«, sagte er mit lauter Stimme. »Sind Sie bereit?«

»Jawohl.«

Lawrence diktierte fließend, ohne zu stocken.

Dan aber erhob sich von seinem Stuhl und schlich über den dicken Teppich zur Wartezimmertür, ohne daß sein Schatten auf die Milchglasscheibe fiel. Lawrence beobachtete ihn, sprach aber ruhig weiter.

Plötzlich riß Dan die Tür auf, sah den alten Colfax vor sich, packte ihn beim Kragen und zog ihn ins Zimmer, während er mit dem Fuß die Tür zustieß. Der Diener suchte sich freizumachen und wehrte sich, so sehr er konnte. Aber Dan war zu stark für ihn. Er schleppte ihn vorwärts.

»Er hat soeben an der Tür gelauscht«, sagte er.

Lawrence hatte sich inzwischen erhoben, und sein Gesicht war dunkelrot vor Zorn. »Das hätte ich nie gedacht, Tommy Colfax. Man hat zwar gesagt, daß Sie ein Spion sind, aber ich glaubte es nicht.«

Das Gesicht des Alten war grau, und Schweißperlen standen auf seiner Stirn. Er fiel in die Knie vor dem Millionär. »Nein, das bin ich nicht! Das ist nicht wahr!« winselte er. »Ich schwöre es! Warum sollte ich Sie denn ausspionieren? Sie sind der beste Freund, den ich jemals hatte, ich schätze Sie mehr als alles andere in der Welt. Ich wollte nur hören, ob Sie beschäftigt wären. Ich wollte nicht stören, wenn Sie zu tun haben.«

»Ach, hören Sie auf zu lügen!« erwiderte Lawrence verärgert. »Sie wissen sehr wohl, daß Sie nur kommen sollen, wenn ich Sie telephonisch rufe.«

Colfax wäre zu den Füßen seines Herrn gekrochen, wenn Dan ihn nicht mit festem Griff zurückgehalten hätte.

»Ach, glauben Sie mir!« schluchzte er. »Ich würde niemals etwas gegen Sie unternehmen. Sie sind ein viel zu guter Freund.«

»Werfen Sie ihn hinaus!« rief Lawrence und machte eine heftige Armbewegung. »Dieser schmutzige Wurm ist nicht wert, daß man sich seinetwegen aufregt!«

»Wenn ich ihn laufen lasse, rennt er sofort zu dem Mann, der ihn bestochen hat, und erzählt ihm die Geschichte, die er hier hörte.«

»Was könnte ich denn sonst mit ihm tun? Am besten wäre es, das Gewürm zu zertreten, aber das kann ich doch nicht.«

»Reed soll ihn zum Polizeipräsidium bringen. Inspektor Scofield versteht mit solchen Leuten umzugehen, und wahrscheinlich werden wir noch wichtige Dinge erfahren, wenn der Kerl erst einmal ins Verhör genommen wird.«

Colfax schrie noch lauter: »Nein, nein! Nicht die Polizei. Die wenden den dritten Grad an! Die töten mich – die ermorden mich! Haben Sie doch Mitleid mit mir, ich bin ein alter Mann!«

Lawrence gab Dan einen Wink, und dieser schleppte den schreienden und winselnden Diener in den Vorraum. Dort übergab er ihn Reed Garvan. Durch den Privatausgang wurde Colfax, der sich bis zum letzten Augenblick wehrte, aus dem Hause gebracht.


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