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I.

Dicht neben dem Polizeipräsidium in New York liegt das kleine Restaurant von Angelo, das die Polizeibeamten häufig besuchen, wenn sie dienstfrei sind. Hier geht es nicht nach Rang und Würde; in dem Lokal verkehrt der einfache Polizist, der eben noch die Straßen abpatrouilliert hat, der Kriminalbeamte, der Inspektor, und mitunter läßt sich auch ein höherer Beamter sehen.

In einem Teil des Saales wird ein Schnellimbiß serviert für Leute, die es eilig haben, aber gegenüber gibt es eine Reihe von Nischen, in denen man in Ruhe und Muße ein solides Mittagessen nach der Karte erhalten kann.

In der letzten Nische saß eine außergewöhnlich hübsche junge Dame einem Polizisten gegenüber, der gerade dienstfrei war. Die liebevollen Blicke, mit denen er sie betrachtete, paßten wenig zu seiner gestrengen Uniform.

»Verdammt, Julia«, sagte er leise, »du behandelst mich, als ob ich ein kleiner Schuljunge wäre.«

»Im Grunde genommen bist du das ja auch«, entgegnete sie lachend, schaute ihn aber trotzdem freundlich an. Sie war nicht nur auffallend schön, sondern besaß auch einen klaren Verstand und hatte das Herz auf dem rechten Fleck.

»Ich bin mindestens so alt wie du.«

»Gewiß, aber ich war bereits erwachsen, als du noch im Stimmbruch warst.«

»Warum hältst du mich immer hin?« fragte er gekränkt.

»Ich weiß nicht, wie du das meinst. Bin ich nicht immer nett zu dir gewesen?«

»Ja, zum Teufel!«

»Soll ich vielleicht nicht nett zu dir sein?«

»Doch, selbstverständlich!«

»Was willst du denn dann eigentlich?«

»Du sollst mich heiraten«, erklärte er leidenschaftlich.

Julia senkte einen Augenblick die braunen Augen und zeichnete mit der Gabel eine Figur auf das Tischtuch. »Die meisten Frauen wären durch eine solche Erklärung fasziniert«, erwiderte sie, und ihre Stimme verriet, daß das auch für sie zutraf, obwohl sie es nicht zugeben wollte. »Aber es ist die alte Geschichte mit mir, Dan. Ich muß nun einmal mit männlichen Kollegen zusammenarbeiten, und durchschnittlich bekomme ich jede Woche einen Heiratsantrag von Kriminalbeamten und Polizeioffizieren. Neulich hat mich sogar ein älterer höherer Beamter um meine Hand gebeten. Das Merkwürdigste ist, daß ich auch Anträge von Verbrechern bekomme. Du würdest dich wundern, wie viele von den schweren Jungens mich heiraten wollen!«

»Du mußt die Sache nicht ins Lächerliche ziehen«, sagte er vorwurfsvoll.

»Was bleibt mir denn anderes übrig? Es würde dir doch sicher nicht gefallen, wenn ich in Tränen ausbräche?«

»Hast du mich denn nicht gern, Ju?«

»Du weißt, daß ich dich gern habe, Dan.«

»Ja, aber bis zu welchem Grad? Sage doch …« Er schluckte. »Liebst du mich?«

Julia senkte den Kopf ein wenig tiefer. »Ja, ich könnte es wohl«, sagte sie leise.

»Das ist es ja, was mich zur Verzweiflung bringt!« rief er heftig. »Du kannst, aber du willst nicht!«

»Nein, heiraten können wir uns nicht, Dan.«

»Warum denn nicht?«

»Müssen wir das wirklich noch einmal alles von neuem besprechen? Seit fünf Jahren bin ich nun als Detektivin bei der Polizei tätig, aber du weißt, daß man Frauen nicht für voll nimmt. Man kann mir jeden Tag kündigen, und du weißt, daß man mich sofort entlassen würde, wenn ich heiratete.«

»Ist es dir denn so sehr um deine Stellung zu tun?«

»Nein, ich hasse sie! Aber wo bekomme ich so bald wieder einen so guten Posten? … Es ist eine unnatürliche Beschäftigung für eine Frau. Ich muß mich immer in der Hand haben, niemals darf ich nachgeben, ich muß hart und unbarmherzig sein. Wenn du nur wüßtest, wie ich mich danach sehne, auch einmal einfach und ruhig leben zu dürfen wie andere Frauen.«

»Warum tust du es denn nicht?«

»Nehmen wir einmal an, ich würde dich heiraten und meine Stellung verlieren. Was wären die Folgen? Wir würden in einer kleinen, billigen Wohnung in Bronx leben. Dauernd müßte ich jeden Cent umdrehen und überlegen, wie ich für einen Dollar so viel einkaufen kann, wie andere für zwei. Du vergißt, daß mein Vater ein gewöhnlicher Polizist war und ich in einer Wohnung in Bronx aufgewachsen bin. Ich konnte diesen traurigen Verhältnissen erst entfliehen, als ich diese Stellung bekam.«

»Ich werde sehen, daß ich vorwärtskomme«, entgegnete Dan düster.

»Sicher wirst du dir alle Mühe geben. Wenn du erst einmal Gelegenheit hast, deine Fähigkeiten zu zeigen, kommst du auch weiter, und mit vierzig Jahren bist du sicher Captain. Aber das dauert mindestens noch fünfzehn Jahre, und diese fünfzehn Jahre sind die besten unserer Jugend. Und es wäre doch auch möglich, daß du nicht vorwärtskommst. Meinem Vater ist es nie gelungen, er ist immer noch gewöhnlicher Polizist. Du solltest meine Mutter sehen, nachdem sie nun dreißig Jahre mit ihm verheiratet ist. Nein, ich möchte es weiter bringen, Dan, ich will es besser haben.«

»Das ist eben der Unterschied, du fühlst anders als ich«, sagte er bekümmert. »Eine einfache Wohnung in Bronx würde für mich das Paradies bedeuten, wenn ich sie mit dir teilen könnte.«

»Das klingt fast, als ob es aus einem Schlager wäre«, meinte sie und versuchte, ihr Gefühl unter einem Lächeln zu verbergen.

»Dir ist nichts heilig, über alles mußt du deine Scherze machen!«

»Es bleibt mir nichts anderes übrig. Einer von uns beiden muß doch vernünftig bleiben.«

»Hast du denn gar nichts für übrig? Hast du kein bißchen Gefühl?«

»So reden alle Männer«, erwiderte sie ruhig. »Sie kennen uns Frauen ja nicht. Eine Frau muß ihre Gefühle beherrschen lernen, sonst geht sie unter.«

»Ich würde alles für dich tun«, sagte Dan überzeugt. »Ich würde alles andere aufgeben und nur für dich leben!«

»Nun gut, wenn du das ehrlich meinst, zeigt uns das einen Ausweg.«

»Wie soll ich das verstehen?«

Julia scherzte jetzt nicht mehr. »Zeige mir, daß du ein Mann bist und vorwärtskommen kannst, daß du nicht wie all die anderen Hunderttausende in den Niederungen bleibst. Zeige mir, daß du soviel verdienen kannst, um uns beiden ein anständiges Leben zu sichern, und ich will dich auf der Stelle heiraten«, erklärte sie entschlossen.

Dans Augen leuchteten auf. »Versprichst du mir das?«

»Das bedeutet nun nicht etwa eine Verlobung, denn das wäre nur eine Fessel für uns beide.«

Dan blickte wieder düster vor sich hin. »Es wird Jahre dauern, bis ich mich aus meiner Stellung emporarbeiten kann.«

»Du brauchst nicht eine Million Dollars zu verdienen. Zeige mir nur, daß mehr in dir steckt als in den anderen, und ich will es mit dir versuchen.«

»Wie steht es aber mit all den anderen, die hinter dir her sind – den Chefinspektor eingeschlossen?«

»Du bist wirklich zu bescheiden«, sagte sie und lächelte ihm zu.

»Wieso bescheiden?«

»Sieh mich an.« Sie stützte die Ellbogen auf den Tisch und das Gesicht in die Hände, und sie schaute ihm klar und offen in die Augen.

»Du bist für mich schöner als all die anderen, die ich kenne, und ich liebe dich. Warum bist du auf einen Chefinspektor eifersüchtig?«

Ihre Blicke brachten ihn fast von Sinnen.

»Ach, Ju!« sagte er leise und tastete nach ihren Händen.

Sie hatte das kommen sehen und sich beizeiten erhoben. Rasch trat sie aus der Nische heraus. Im Mittelgang, wo die Kellner hin und her eilten, konnte er sie unmöglich in die Arme schließen. Er sank in seinen Sitz zurück. Aber immerhin fühlte er neues Zutrauen zu sich.

»Spielst du schon wieder die alten Tricks? Aber warte nur, ich kriege dich doch!«

Sie lächelte ihm wieder zu. »Ich muß auf dem Posten sein, um ein Uhr treffe ich jemand, der in Verdacht steht, Geld zu fälschen. Kommst du mit?«

Dan schüttelte den Kopf. »Ich habe noch zehn Minuten, dann muß ich wieder zum Dienst. Ich will noch solange hierbleiben und über die ganze Sache nachdenken.«

»Also auf Wiedersehen.«

Sie eilte durch den breiten Mittelgang davon und nickte verschiedenen Leuten zu. Fast alle Beamten im Polizeipräsidium kannten Julia Dirmer. Es gehörte zu ihren dienstlichen Pflichten, sich so hübsch und anziehend wie möglich zu machen; all die vielen Kriminalbeamten betrachteten sie daher wie ein Phänomen und waren von ihr begeistert. Aber abgesehen davon, achtete man sie auch wegen ihrer Tüchtigkeit und hielt sie allgemein für eine der besten Detektivinnen unter Inspektor Scofield.

Dan steckte eine Zigarette an und sah düster auf die gegenüberliegende Wand der kleinen Nische. Auch er fand sich dem Problem gegenüber, das jedem jungen Mann gestellt wird: in seinen Leistungen über das Mittelmaß hinauszukommen.

Zwei Kriminalbeamte, die älter waren als Dan, aßen in der nächsten Nische zu Mittag. Der eine war mißmutig und schüttete dem anderen sein Herz aus. Dan fühlte sich unangenehm berührt, als er diese harte, kratzende Stimme hörte, denn sie störte ihn beim Nachdenken. Aber dann verstand er einige Worte, und plötzlich interessierte er sich für die Unterhaltung.

»Zum Teufel, was wollte er denn eigentlich?« fragte der Mann mit dem krächzenden Organ. »Wollte er einen von diesen Burschen, die mit geschickten Fingern auf einer Schreibmaschine klappern können?«

Dan hörte zu, bis der andere zu Ende kam, dann spielte ein leichtes Lächeln um seine Lippen. Er hatte einen Entschluß gefaßt.

»Den Versuch will ich machen«, sagte er zu sich selbst.


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