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X.

Im Hause wollte Lawrence nun wenigstens die Genugtuung haben, den Mann zu sehen, der ein Attentat auf ihn machen wollte. Er schickte daher Henry fort, damit der Schauspieler nicht mit ihm zusammen gesehen werden sollte. Außerdem waren nur der Butler und der Chauffeur zugegen. Sie drehten alle Lichter in der großen Halle an, so daß sie den Gefangenen genau betrachten konnten.

Es war ein hübscher junger Mann mit blonden Haaren, aber er konnte niemand in die Augen sehen. Er keuchte, und der Angstschweiß stand ihm auf der Stirn. Sein Kragen war zerrissen, sein Anzug beschmutzt.

Lawrence freute sich über den Erfolg. »Wir haben ihn gefaßt – wir haben ihn gefaßt!« sagte er immer wieder.

»Nun, was haben Sie zu sagen?« fragte er schließlich den Gefangenen.

»Ich wollte niemand etwas zuleide tun«, erwiderte der Mann heiser. »Ich bin keiner von den gewöhnlichen Revolverhelden. Ich habe absichtlich ins Leere geschossen.«

Lawrence lachte grimmig. »Und das soll ich Ihnen glauben?«

»Ich sage es Ihnen doch!« rief der Gefangene mit schriller Stimme. »Der Polyp dort hat die ganze Sache angezettelt. Er hat mich betrogen und im Stich gelassen. Er kam zu mir und meinem Freund und bot jedem hundert Dollar für den Anfang und noch mal dieselbe Summe, wenn die Sache klappen sollte. Mein Freund sollte den Wachtmann beiseiteschaffen, ich sollte den Revolver abdrücken. Der Polizist hat mir selbst den Revolver gegeben. Er versprach, daß er mich entkommen lassen würde – ein Auto sollte in einer Nebenstraße auf mich warten – aber der Kerl hat mich hintergangen und betrogen.«

»Sie reden immer von einem Polypen – wen meinen Sie denn?« fragte Lawrence erstaunt.

Der Gefangene wandte sich zu Dan. »Da steht er, der Schuft!« rief er. »Ich meine Dan Woburn.«

»Donnerwetter, was soll das heißen?« erwiderte Dan verblüfft.

»Na, tu doch nicht so«, sagte der Gefangene aufgebracht. »Jetzt will der nicht wissen, was das alles zu bedeuten hat! So ein gemeiner Lügner! Aber glaube mir, mein Junge, damit kommst du nicht durch. Ich werde schon sagen, wie es in Wirklichkeit war.«

»Kennen Sie den Menschen, Dan?« fragte Lawrence plötzlich.

»Ich habe ihn in meinem Leben noch nicht gesehen.«

Der Gefangene lachte laut auf. »Na, das hat noch gefehlt! Das ist gut! Jetzt erzählt die Krähe auch noch, daß sie mich nie gesehen hat!«

»Sagen Sie mir«, fragte Lawrence plötzlich unheimlich ruhig, »warum sollte denn Woburn das getan haben?«

»Er wollte doch befördert werden!« schrie der Mann. »Scofield hat ihm versprochen, ihn zum Leutnant zu machen, wenn er Ihr Leben retten würde. Woburn ist ein heller Junge, der hat sich natürlich sofort daran gemacht, dieses Theater aufzuführen. Er will nämlich heiraten, das ist der Punkt. Aber das Mädel will ihn nicht nehmen, wenn er kein besseres Gehalt hat. Er kennt mich sehr gut, und ich kenne ihn auch!«

Dan war so verdutzt, daß er sich im Augenblick nicht verteidigen konnte. Reed und er waren betreten und sahen sich verstört an.

»Woher weiß der Kerl das alles?« fragte Dan halblaut.

»Sehen Sie sich ihn nur an!« rief der Gefangene. »Jetzt hat es ihm doch die Rede verschlagen!«

»Sie haben eben gesagt, er hätte Ihnen den Revolver gegeben, mit dem Sie geschossen haben. Wo ist die Waffe?« »Ich habe sie in der Tasche«, entgegnete Reed und reichte sie dem Millionär.

»Sie sehen, das ist ein richtiges Schießeisen, wie es die Polizeibeamten brauchen«, erklärte der Gefangene.

Lawrence betrachtete den Revolver sorgfältig. »Hatte Dan ein Zeichen an seiner Waffe?« wandte er sich dann an Reed.

»Jawohl – am Griff drei kleine Quadrate, die die Ecken eines Dreiecks bildeten. Ich habe selbst beobachtet, wie er sie einkratzte.«

Lawrence reichte Reed die Waffe zurück, ohne ein Wort zu sagen. Sein Gesicht war undurchdringlich. Reed warf einen Blick auf den Handgriff und wurde blaß.

»Zum Henker!« fluchte er leise, »das ist Dans Dienstrevolver!«

Lawrence wandte sich an den Butler. »Rufen Sie Inspektor Scofield ans Telephon.«


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