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III. Kapitel.
Die Mitternacht der Welt.

Motto:

Des Königs Wangen leuchten Glut,
Im Wein erwuchs ihm kecker Mut.
Und er brüstet sich frech und lästert wild,
Die Knechteschar ihm Beifall brüllt.
Er leert den Becher bis zum Grund
Und rufet laut mit schäumendem Mund:
»Jehova, dir künd' ich auf ewig Hohn,
Ich bin der König von Babylon!«
Doch kaum das grause Wort verklang,
Dem König ward's heimlich im Busen bang.

Heine.

Wir möchten bei der Schilderung dieses Zustands der Christen nicht gern länger verweilen; es ist ein gar zu trauriges Bild. Es wäre aber falsch, zu glauben, daß in der weiten Welt unter der großen Menge die Lage ebenso düster angesehen worden wäre. Im Gegenteil! in der Welt ging es an vielen Orten hoch her.

Feste um Feste drängten sich. Man aß und trank, man lebte, als müßte es ewig so fortgehen. Man war fröhlich und guter Dinge; nie gab es mehr Menschen, welche alle Tage herrlich und in Freuden lebten. Es gab ja immer viele, welche auch auf einem Krater noch zu tanzen bereit waren. Auch wer sich fürchtet im Dunkel des Waldes, schreit und singt oft um so lauter und hört nicht bälder auf, als bis er die düstere Einsamkeit hinter sich hat. Und wie viele meinten ja, nichts vom Leben zu haben, wenn sie nicht jubilierten! Mancher wollte auch sein Gewissen übertäuben und stürzte sich von einem Vergnügen ins andere, wenn es ihm schon nirgends mehr wohl war. Ausgeleierte Schrauben gehen nach rechts und nach links gleich gut und gleich schlecht; ausgeleerten verödeten Seelen ist alles recht, wenn es nur hier ein Vergnügen und da ein Vergnügen giebt. Bald war der eingegossene Wein und das schallende Gelächter, bald der ausgegossene Spott und die giftige Schleichrede ihre liebste Unterhaltung.

Nichts aber bannte den Menschen oft so regelrecht in leere Vergnügungssucht als ein belastetes Gewissen; nichts machte viele so unstät und unruhig, immerfort die Lust aufzusuchen, als der Bann großer Sünden.

In der Umgebung des Antichrists ging es denn hundertmal hoch her, auch wenn er selber vorher in der Stille dumpf und finster gebrütet hatte. Sein Lachen war das Hohngelächter der Hölle, sein ausgegossener Spott das Echo des Abgrunds, der für ihn schon bereit war, aber seine Schergen, seine Helfershelfer und Schmeichler waren sein Echo. Sie hatten ja nichts eigenes mehr, sie waren nur noch sein, sie, welche die mächtigsten Männer zu sein schienen; der satanische Mensch hatte sie alle an sich gefesselt, – gerade wie der Satan ihn selbst. Seine Schmeichler krochen vor ihm, sein Zorn war ihnen Befehl und sein Christenhaß stachelte sie zu Gleichem an; hätte es bei ihm dessen, bedurft, so hätten sie selber unablässig an ihm geschürt, nur um ihm wieder zu gefallen.

Seine Gelage waren schwelgerisch, auf Gold und Silber prangte alles, was die Erde für kurze Lust zusammen bringen konnte. Jene Tage übertrafen die schlimmsten des alten römischen Kaiserreichs. Diese Schwelger, Schlemmer und Spieler wußten den Reichtum der Erde und des Meeres in einer einzigen tollen Nacht zu vergeuden. Während viele tausend Christen in Anfechtung schmachteten oder eines Bechers kalten Wassers begehrten, verhallte der Jubel wilder Feste dort nie und brachen die Tische von der Last der Üppigkeit.

Und doch kamen ›Zeichen‹ auch für sie, welche auf ein kommendes Gericht hinwiesen, Schrecken wie jenes ›Mene mene tekel upharsin‹ an der Wand! Wenn auch der Fackelschein durchjubelter Nächte taghell leuchtete, es war doch Mitternacht!

Schon das geheime Brandmal des bösen Gewissens, die finstere Glut des Christenhasses und die hell auflodernde Flamme jähen Grimmes bei diesem Ungeheuer, dem Antichristen, – sie allein schon waren ja ein Zeichen dafür, daß es jetzt Mitternacht in der Welt sei. Wenn er seine gehässigen Befehle gab, wenn dieser unstät aufflackernde Gewaltwille voll Gotteshaß und Christusfeindschaft, dieser Mann voll Heuchelei und Tücke, den Seinen seine wilden Mordgedanken preisgab, – wenn schon Hunderte und Tausende von diesem Menschen des Abgrunds beeinflußt, von seinem bösen Geiste angesteckt waren und völlig in Bann gehalten wurden, so heißt das doch ›Mitternacht der Welt‹! Aber es gab der Beweise dafür noch mehr.

Der geneigte Leser hat wohl schon oft davon gehört, was ängstliche Leute von dem ›bösen Blick‹ erzählten und von der geheimnißvollen Macht mancher Menschen durch denselben. Oder er hat wohl auch schon davon gehört, daß viele Ärzte aus dem Auge die Krankheiten der Menschen erkannten und besonders den Seelenzustand derselben herauslesen wollten. Hat er auch davon schon gehört, daß entartete Generationen selbst nach Jahrhunderten noch auf alten Bildern in der gerunzelten Stirne nicht bloß, sondern ganz besonders im Ausdruck des Auges die wilde Glut angeerbter Sünden und ausgetobter Leidenschaften unverkennbar verraten? – und wieder, daß in unverkennbarem Gegensatz hiezu jene Scharen der Völkerwanderung, besonders die germanischen Völker, ihren ernsten und doch allezeit frohgemuten Sinn, ihre frische, gesunde Kraft in dem hellen und klaren Strahl ihres Auges wie in einem Spiegel zu schauen gaben? – Dann wird er es auch begreifen, warum noch immer nicht nur Volksart und Rasse, sondern auch religiöse Tiefe oder aber Religionsleere, und wieder nicht nur sittlicher Verfall und Verwilderung, sondern auch Religionslosigkeit und wilder Fanatismus in ganz merkwürdiger Weise einem Einzelnen wie einem ganzen Geschlecht, einem Volksstamm wie einer ganzen großen Generation anzusehen war, – wenn jemand den Blick hiefür hatte. Wie viele finstere Augen oder unstäte Blicke selbst bei augenblicklich frohem Sinn, wie viel drohender Groll oder kaltes Wesen, heiße Glut oder erstarrter Sinn im Spiegel des Auges!

So schattete sich das geistige Leben jenes Geschlechts, sein sittlicher Verfall und seine innere Leere, seine Religionslosigkeit bis zur christusfeindlichen Leidenschaftlichkeit ab und prägte ihnen diesen Stempel ganz unverkennbar und deutlich auf. Wer einen Blick dafür hatte, konnte in jener antichristlichen Zeit ›auf den ersten Blick‹ sagen: ›sie tragen das Malzeichen des Ungeheuers an der Stirne‹; denn ihre Augen konnten es nicht verbergen, sie offenbarten es vielmehr deutlich, daß das Kinder der Nacht waren, der Macht der Finsternis unterworfen, daß ein böser Bann auf Tausenden lag – und die Mitternacht der Welt angebrochen war. –

Doch es ist nicht jedermanns Ding, die geistigen Vorgänge anders als im Bild äußerer Geschichte anzuschauen, und es ist Zeit, nach diesen Schilderungen in großen Zügen wieder zu der Geschichte selber zurückzukehren.


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