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V. Kapitel.
Krank und gefangen.

Motto:

Der Kerker ist's, des Grabes Vorbild,
Dem Helden wie dem Feigling widerlich.

Göthe, Egmont.

Der Weggang Matthis hatte Leon mit tiefem Schmerz und vieler Sorge erfüllt. Es war nicht ohne sein Vorwissen geschehen, aber Leon redete nur deshalb nicht drein, weil ja doch kein Mensch dem andern die ganze Last abnehmen kann, welche der andere trägt. Mit Sorge aber dachte er doch auch daran, wie es Matthi wohl ergehen werde. Er hätte geduldiges Ausharren bis zuletzt doch für das Bessere gehalten. Er jedenfalls wollte bleiben. Früher war das nicht seine Meinung gewesen; er hatte es ja vielmehr so im Sinn gehabt, daß, wenn Matthi gehe, er mit ihm gehen wolle. Aber des eigenen Bruders Kuno ganz veränderte Stellung zu ihm und zur Sache der Christen hatte ihn nun zu dem Entschluß bewogen, wenn irgend möglich, jetzt in dessen Nähe zu bleiben, um vor allem andern dem Bruder etwas zu sein. Um so treuer aber wollte er an den guten Matthi denken, welcher jetzt in der Ferne, – wer weiß, ob an bestimmtem Ort, oder vielleicht bald hier, bald dort, – unter fremden Leuten weilte. Und wo er eine Not sah, einem umherwandernden Christen begegnete, einem armen Verstoßenen solcher Art, – da war er doppelt eifrig darauf aus, sich desselben anzunehmen – ›als in eines Jüngers Namen.‹

Eines Tages machte er mit einem solchen ihm persönlich völlig Fremden einige Gänge, um ihm Arbeit zu verschaffen. Sie waren nicht gleichen Handwerks, aber wenn auch, so hätte er ja keinesfalls bei Herrn Pilsen für denselben anfragen können. So trat er denn mit ihm in dieses oder jenes Haus, – der Natur der Sache nach auch in solche, und unleugbar besonders gern in solche Häuser, wo er wenigstens im allgemeinen einige Teilnahme für verstoßene Christen voraussetzen konnte.

Die Polizei war aber auch dabei, jede etwa unerlaubte Handlungsweise sofort aufzuspüren und keinesfalls aufkommen zu lassen. In einem Haus hatten die beiden Leon und der Fremde, sich länger aufgehalten. Eine Frage um Arbeit, – aber keine Bitte um eine Wohlthat, – ward angebracht und dringend vorgetragen worden, der Antwortende aber hatte, gerade weil er die Frage verneinend beantworten mußte, eine Wohlthat erweisen wollen und sie beide länger aufgehalten. Die Polizei machte sich herzu. Man frug nach den Ausweisen, es gab einige Kreuz- und Querfragen, ein barsches Wort und eine harte Rede des Polizeimanns. Der bedrängte Fremde war längst in Kummer und Sorge gewesen, und jetzt mehr in Aufregung, als vielleicht nötig gewesen wäre. Der Polizeibedienstete aber war und blieb grob, und im Nu war es geschehen, daß die paar Worte, die erregten Bewegungen des Fremden, seine Sorge, von der Sache loszukommen, jenem erschienen oder erscheinen wollten wie ein ›Widerstand gegen die Staatsgewalt‹, – und er wollte in solchem Sinn verhaften. Leon bat und erklärte, versicherte und beteuerte, stellte sich sozusagen zur Verfügung für den Fremden, und so war es durch die unglückselige Verkettung der Umstände geschehen, daß er mit abgeführt wurde und der erregte Bedienstete betreffs beider eine und dieselbe Klage erhob. Die tiefe Erregung beider, Leons und des Fremden, die Scham über Entehrung, der innere Kampf mit der Entrüstung über das erlittene Unrecht und das bittere Gefühl der rechtlosen Stellung überhaupt, – das alles that das Seine dazu, daß unter der Ungunst der Verhältnisse das ganze Verhalten verdächtig wurde und jetzt nichts anderes mehr zu machen war als: Untersuchungshaft! –

Und nun war schon der vierte Tag von dem an vorüber! Leon war ganz und gar darnieder! er lag krank und hatte Fieber. Die Pflege war nicht ohne Rücksicht, aber sehr einfach. Das Krankenzimmer hatte Licht, aber nicht eigentlich gesunde Luft; war es doch längst nur für dürftige Gebrauchsfälle eingerichtet. Der Arzt kam täglich, aber Wart und Pflege waren, wenn auch nicht schlecht, so doch sehr schlicht. Und jedenfalls er gefangen, gefangen und unter die Übelthäter gerechnet!

Wer dergleichen nie erlebt hat, in keiner Form und Art, auch nicht wenigstens durch eine wehthuende Verleumdung, durch eine giftige böse Nachrede oder dergleichen etwas, der kann sich das kaum denken. Es giebt viele Leute, deren Leben geht so glatt dahin, wenigstens was äußere Verwicklungen betrifft, so durchaus glatt, daß sie niemalen im stande sind, sich in solche Verhältnisse wirklich hineinzudenken. Wen es dann aber trifft, der trägt vor anderen ehrbaren Leuten immer das Verbrecherkleid. Die Leute meinen jedenfalls, etwas müsse doch sicherlich an der Sache sein! Mindestens denken sie nicht daran, daß es auch wirklich und wahrhaftig unschuldig Gefangene und unschuldig Angeklagte giebt! Unschuldig gefangen sein giebt aber nicht etwa ein stilles Trostbewußtsein, sondern ein doppelt bitteres Gefühl. Da bricht oft eine Klage los, die ist größer, als außerhalb der Gefängnismauern geahnt wird! Welche Menge Schwermütige, welche mit den düstersten Gedanken zu kämpfen haben, hinter Schloß und Riegel sitzen, das wissen nicht alle Menschen, wenn es auch gescheite und ganz barmherzige Leute sind!

Und nun Leon! Von dem andern Mitgefangenen wußte er gar nichts. Wie es diesem ergehe, wie er sich innerlich befinde, ob er sich trösten könne, wie es mit seinem Verhör stehe, nichts wußte er, nichts! Und er konnte es auch nicht erfahren. Es galt ja ohne Zweifel, ein mißliches, die Untersuchung erschwerendes Einverständnis zu verhüten. So lag er denn ganz allein, krank, in der Fieberhitze, in Aufregung und in tiefem Gram. Es kämpfte und wogte in seinem Herzen. Wie hatte er den armen Matthi bedauert – in der Irre, in der Fremde und wie glücklich war der jetzt ihm gegenüber – in der Freiheit und in der Ehre! während er in der Gefangenschaft und in solcher Schmach und Verkennung sich befand!

Was werden jetzt die Leute in der Stadt sagen! wie wird im Geschäft von ihm geredet werden? was wird es mit ihm werden, wenn er wieder herauskommt? wird man ihn wieder annehmen, oder wird er nur überhaupt wieder ohne weiteres arbeiten können? – Was wird Herr Pilsen sagen? was wird Herr Simon denken! –

Und gar sein armer Bruder Kuno! welche Schande für diesen! welche Verlegenheit vor Herrn Pilsen und auch vor Herrn Simon, – oder seinen Kollegen gegenüber! was wird es mit seiner Auktorität bei den Untergebenen von jetzt an sein? – Oder wenn nun die Bruderliebe zwischen Leon und Kuno wieder not litte! O die Bruderliebe! dieser süße Trost in den Bitternissen der letzten Zeit! Ach, das wäre doch das Unerträglichste von allem!

Ist es denn nicht zu viel, zu viel auf einmal? warum mußte das geschehen?! warum auch unter so unglückseligen Verwickelungen, so mißverständlich und Vertrauen raubend, so um nichts und wieder nichts!

Und dann das ganze Bild des Lebens der Christen in der weiten Welt! Wie er jetzt angenagelt in seinem Krankenbett, – wie am Kreuz, ganz, ganz verlassen, – so waren draußen die Tausende auch nicht besser dran, oder ähnlichem Geschick entgegengehend! – Warum läßt das Gott zu?! warum muß es also sein? Soll eine Züchtigung kommen, so will er es ja gern leiden, aber wofür gerade diese? Ist es eine Prüfung, warum so beschämend vor Menschen, so vernichtend für's Leben? Ist es eine Glaubensprobe, warum so lange?!

Ist denn am Ende alles Wahn und Trug, was sie, die Christen, glaubten? oder nicht was sie glaubten, wohl aber was sie Besonderes hofften? Und doch war diese ihre Hoffnung gerade ihr notwendigster Halt in der großen Trübsal dieser Zeit! – ›Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir eines andern warten?‹ Dieses Wort aus der finsteren Kerkerzelle der Herodesfestung Machärus war ihm eingefallen. Aber getröstet hatte es ihn nicht, es hatte ihn nur in neue Kämpfe verwickelt. ›Eines andern warten‹! – das hätte jetzt gar keinen Sinn mehr! Im Gegenteil! wenn je, so war es ihm jetzt klar: keines andern kann man mehr warten, sondern wenn der Verheißene und Gehoffte es nicht ist, und wenn er jetzt nicht kommt, so giebt es überhaupt keine, absolut keine Hilfe mehr, es ist dann aus mit aller und jeder Hoffnung, mit aller und jeder Hilfe!

Ist also denn vielleicht all dieses Hoffen auf den kommenden Christus eine Thorheit, eine durch aufgeregte Phantasie, durch den fast ansteckenden Glauben anderer nur unnatürlich genährter frommer Wahn, der nur die nüchterne Betrachtung der Dinge, wie sie in der Welt nun eben einmal sind, gehindert hatte, – welcher ihn allein in all diese unnötige, ungeschickte und gefährliche Aufregung gebracht hat? –

Ach, das Fieber! Alles wirbelt wirr und wild durcheinander! Die Gedanken wollen fast vergehen, sie jagen einander und keiner hält stand, sie lösen einander schnell ab und keiner tröstet. Nichts steht mehr fest, er weiß nicht mehr, – ist alles Wahn oder ist es Wahrheit, ist das Schreckbild und das Gaukelbild von Gedanken da einer Wirklichkeit entsprechend, oder was soll er denken? was soll er noch glauben?

O schlafen, schlafen! nur einmal schlafen und alles ausschlafen! Nur einmal einschlafen und nicht mehr aufwachen! Jetzt wäre der Tod eine Erlösung. Mag kommen, was da will, – das Leben bietet nichts mehr, selbst wenn es Gesundheit wiederbrächte! –

O Einsamkeit! wie süß in fröhlichen Stunden! wie bitter aber, wie schrecklich, wie schauderhaft in trüber Nacht, bei düsterer Umnachtung der erschreckten, ganz überfluteten Seele! – –

Was er alles durchkämpfte in diesen Tagen! Oder eigentlich: er kämpfte nicht, – er war viel zu schwach dazu, körperlich und geistig viel zu schwach. Er kämpfte nicht, er wurde nur hin und her geworfen von diesen Gedanken, von seinem Wahn und seinem Trostsuchen, von seiner Sorge und seiner Klage. Es war ein fürchterlicher Zustand, an Leib und Seele krank, tief krank, dabei ganz verlassen, ganz verlassen! – Wie lange sollte und konnte das noch dauern?

*

Kuno war in äußerster Erregung, als man ihm am Abend jenes Tages sagte, was es mit seinem Bruder Leon geworden sei. Er kannte ihn als einen besonders besonnenen Menschen, der niemalen sich zu einer unüberlegten Handlung solcher Art je hätte hinreißen lassen. Es mußte jedenfalls eine empörende Rücksichtslosigkeit gewesen sein, welche seiner Handlungsweise auch nur einen solchen Schein gegeben hatte, mindestens mußte ein gröbliches Mißverständnis dabei mit unterlaufen sein.

In größter Erregung ging er sofort zu Herrn Simon hinein und teilte diesem das Geschehene, oder vielmehr das Gehörte mit. Herr Simon war ganz auch seiner Meinung und bezeugte das tiefste Mitleid. Aber so sehr Kuno das wohlthat, es zeigte ihm nur erst recht die hilflose Lage, in der er sich für seinen Bruder befand.

Herrn Pilsen ansprechen? Über diesem Vorschlag blieb sogar Herr Simon still. Es schien fast, er zucke die Achseln darüber, – oder überhörte er ihn vielleicht, mindestens hielt er nichts davon denn er sagte gar nichts darüber.

»Ich will einmal selber zu Ihrem Bruder hingehen,« sagte er jetzt. »Oder geben Sie acht! wir gehen zusammen hin und besuchen ihn, – wenn wir dürfen!« setzte er schmerzlich hinzu.

Er ließ es Kuno nicht wissen, daß er sofort beabsichtigt hatte, den Untersuchungsrichter zu besuchen und das Nötige zu erfragen. Und Kuno selbst dachte, als er später auf diesen Gedanken kam, es würde jedenfalls besser sein, wenn nicht er, der Bruder, sondern ein unparteiischer, ein Geschäftsherr wie Herr Simon, diesen Gang machte und dabei auch zugleich einige unparteiische Worte zu Gunsten des armen Gefangenen sagen könnte.

Herr Simon machte wirklich diesen Gang sogleich am andern Morgen. Der Untersuchungsrichter empfing ihn höflich, ließ sich auch auf ein allgemeines Gespräch ein, hörte das Lob Leons wohlwollend an, schien sich auch manches merken zu wollen, wenn schon mit der Bemerkung, es werde das Nötige noch schriftlich eingefordert werden, – aber in der Hauptsache bemerkte er eben schließlich doch, die Sache müsse ihren gesetzlichen Gang gehen u. s. w.

Am dritten Tage hörten sie auch von der Krankheit Leons. Da kam Kuno fast außer sich! O sein lieber, lieber Bruder! Ist es an dem Gefängnis nicht schon genug?! muß er gar noch krank darin werden? und wie hilflos vielleicht, vielleicht ohne alle und jede Pflege! Er gäbe sein Alles darum, wenn er ihn pflegen dürfte! aber wie sollte das möglich sein?!

Man that wieder Schritte; aber jetzt hieß es, ein paar Tage müßten immerhin noch darüber hingehen; man verhehlte nicht, – ganz höflich zwar, – es könnte ja auch Simulation, Verstellung sein. Kuno war wieder außer sich vor Entrüstung. Aber was konnte er machen? vorkommen könnte ja so etwas. Aber dieses ›könnte!‹ dieses ganz allgemeine ›könnte‹ – auf seinen Bruder angewendet, das war ihm doch wie die tiefste Beleidigung, wie die kränkendste Gemeinheit! Sein Leon wie ein Lügner, wie ein gemeiner Betrüger hingestellt, wie ein raffinierter Scheinheiliger, – das war fast nicht zum Ertragen.

Als er selbigen Tags heimkam, weinte er wie ein trostloses Kind ganz herzbrechend. Er hätte selbst darüber krank werden können, wenn ihn nicht eben die Sorge um den Bruder und die Liebe, welche jetzt jeden Moment dienstbereit sein wollte, aufrecht erhalten hätte. Als er aber am vierten Tage, nach einer fast schlaflosen Nacht, erst gegen Morgen eingeschlafen und dann früh genug wieder aufgewacht war, stand er ganz blaß und angegriffen auf. Er taumelte mehr, als er ging, wie er den sonst so erfrischenden Gang durch die Morgenluft ins Geschäft machte. –

An diesem Tag sprach Herr Simon mit Herrn Pilsen über die Sache. Insgeheim hatte er es übrigens schon einmal gethan. Heute fragte er diesen: »Könnten Sie nicht etwas für den armen Gefangenen thun?«

»Ich? ich?! Wo denken Sie hin, Herr Simon?« antwortete Herr Pilsen ganz betroffen.

»Nun, ich meinte nur: sagen, wie wir mit ihm zufrieden gewesen seien und wie lange Jahre er schon in unserem Geschäft gearbeitet habe,« meinte Herr Simon.

»Und das dem Menschen nachwerfen, ehe man mich nur darum fragt? – was fällt Ihnen ein, Herr Simon?! – Man wird uns seitens des Gerichts über seinen Leumund schon noch fragen, dann ist die rechte Zeit, das Nötige zu bezeugen. Aber da muß man doch auch unparteiisch sein, Herr Simon! bitte, nur unparteiisch!«

»Ich bin gewiß nicht parteiisch, Herr Pilsen,« antwortete Herr Simon verletzt. »Ich meinte nur, es wäre ein Akt der Barmherzigkeit ...«

»Bitte, bitte, Herr Simon! meine Pflicht werde ich thun! aber wir haben in diesen Dingen, scheint es, verschiedene Grundsätze!«

Damit entließ er Herrn Simon.

Betrübt ging derselbe an sein Pult zurück. Diesmal fühlte er: »Wir sind eigentlich geschiedene Leute!« –

Aber dieses kurze, kühle, abstoßende Gespräch hatte doch eine verbindende, erwärmende und lang andauernde Wirkung. Es verband von nun an – zwar nicht Herrn Pilsen und Herrn Simon, aber Herrn Otto Simon und Kuno Brünné. Sie kannten einander ja längst, seit Jahren, und sie schätzten einander auch. Nicht zum mindesten schätzte Herr Otto Simon an Herrn Kuno Brünné den durchaus treuen, zuverlässigen Mann in der Buchhaltung und Korrespondenz, und den braven, gewissenhaften Menschen mit einem immer wohlgeordneten Lebenswandel. Von heute an aber verband ihn etwas mit ihm, was wie eine schnell entzündete gemeinsame Gesinnung aussah. – Nun ja, es wird sich ja zeigen, ob es recht und echt, ob es von Wert und Dauer war.

Er sagte sich: dreinreden lasse ich mir von Herrn Pilsen in diesen Dingen nichts! Und ich weiß nun erst recht, was ich zu thun habe!

Im übrigen nahm jetzt für die nächsten Stunden das Geschäft den ganzen Mann vollauf in Anspruch. Drinnen bei Herrn Pilsen schien es auch so zu sein, doch hörte man ihn heute besonders viel auf und ab gehen. Jedenfalls aber draußen bei Herrn Kuno war es ebenso, wie bei Herrn Simon. Er arbeitete wie ein Feind. Es war, als wollte er seinen Schmerz damit besiegen. Ob es wohl gelang? Ach nein! das gelang ja nicht! Als aber die Geschäftsstunde aus war, sollte ihm eine Erquickung bereitet werden. Mit dem Schlag der Mittagsstunde kam Herr Simon zu ihm heraus und sagte: »Hören Sie, wir versuchen es sogleich nach Tisch, Ihren Bruder zu besuchen. Wir gehen miteinander. Holen Sie mich in einer Stunde in meinem Haus ab, nicht wahr? Dann gehen wir beide zusammen, lieber Herr Brünné. Wenn es dann auch im Geschäft etwas später wird, das schadet nichts. Ich will es schon machen und gut für Sie stehen. Also? Ich verlasse mich darauf!«

Mit einem dankbaren Blick aus dem anfänglich ganz erstaunten und dann hochbefriedigten Gesicht sagte Kuno zu und begab sich sogleich in seine Wohnung. Nach zwei Stunden waren sie schon am Gefängnis und hatten wirklich und wahrhaftig die Erlaubnis eines Besuchs in der Tasche. Ein Wärter ging freilich mit hinein und stand in der Thüre, alles zu sehen und zu hören. Auch hatte man gebeten, gemessen sich über den Klagefall auszusprechen. Es sei eigentlich nur ein Besuch der Teilnahme für den Kranken erlaubt, weiter nichts. Aber es war doch etwas!

Ach, ach! wie der arme Leon nun da lag! mit hochgeröteten Wangen und gläsernen, glänzenden, bald matten, bald stechenden Augen. Und wie betrübt, wie betrübt er aussah!! Aber hocherfreut war er jetzt doch mit einemmal, sobald er die Eintretenden sah und erkannte. Er war offenbar auch schwach vom Fieber. Denn jetzt weinte er bitterlich, als sich die beiden Brüder Auge in Auge einander gegenüber sahen.

Herr Simon sagte nicht viel, er wollte nur seine innige Teilnahme bezeugen und zugleich ihn stillschweigend seines unerschütterlichen Vertrauens versichern. Im übrigen hatte er vor allem Kuno begleiten oder vielmehr diesem den Eintritt ermöglichen wollen; und das war ja gottlob! gelungen. Er trat jetzt etwas zurück, doch nicht so weit, daß damit der Schein erweckt worden wäre, als wollte er irgendwie den beiden Brüdern zu einer besonderen Heimlichkeit dem Wärter gegenüber verhelfen. Aber wie selig waren jetzt die beiden Brüder unter Thränen, als sie für einige Minuten einander wieder hatten und einander ihrer Liebe und ihres unbedingten Vertrauens versichern konnten.

Als der Abschied kam, sagte Leon matt, aber deutlich und ganz feierlich: »Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht! ich bin gefangen gewesen und ihr seid zu mir gekommen!« Herr Simon und Kuno selber verstanden das Wort nur als ein Wort des Kranken und Gefangenen, der seinen innigen Dank aussprechen wollte, – weiter nicht. Erst später sollten sie verstehen lernen, daß dies dasjenige Wort sei, mit welchem jetzt bald, bald der König aller Könige selber sie, die Barmherzigen und Mitleidigen, grüßen und anerkennen wollte dafür, daß sie Barmherzigkeit geübt haben an diesem seinem geringsten Bruder, der krank und gefangen lag. Sie nahmen es aber so schon froh und dankbar hin als einen Beweis, daß sein Geist frei sei von der Krankheitsmacht und schon siege über die Körperschwachheit, daß er leben bleiben und alles überstehen werde, – und gingen trotz aller Wehmut doch wirklich getröstet aus dem Gefängnis weg.

Von dem Tage an aber waren diese beiden Männer, Otto Simon und Kuno Brünné, Freunde mit einander. Dieser Gang hatte sie vollends für immer verbunden. Sie kamen zu einem Zweck, – und als sie gingen, erschien es ihnen selber so, als hätten sie fortan einen neuen, ganz anderen und nun gemeinsamen Lebensweg und Lebenszweck, der sie für immer und ewig verbinde. Und in der That! es war auch so.


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