Hermann Eris Busse
Bauernadel
Hermann Eris Busse

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Die Schwestern

Es war nicht anders zu erwarten, als daß Marie eines Abends offen sagte, sie müsse die Tracht ablegen und städtisch gekleidet gehen. Sixta schwieg, ließ ihr Spinnrad surren, und man sah nur dem heftiger tretenden Fuß auf knackendem Schwungbrett an, daß sie heimlich erregt diese Eröffnung aufnahm. Nach einer Weile, da keines der drei Mädchen, die arbeitsam in der Stube saßen, sich regte, gab sie endlich Antwort: »Wenn du die Tracht ausziehst, gibst du die Heimat auf.«

»Die gibt man wohl immer auf, wenn man mit einem Mann fortgeht«, wehrte sich Marie altklug.

Wiederum trieb Sixta das Rad eifriger an und schwieg.

Genoveva, immer gern gegen Marie handelnd, sonst jedoch 174 gar nicht streitbar, warf den blonden Kopf in den Nacken, stand rasch auf, stemmte die Hände in die feine Hüfte und wiegte sich ein wenig. »Nie würde ich die Tracht ablegen, das ist charakterlos.«

»Ja, du«, sagte Marie vor Spott singend, »du weißt genau, daß dir aus allen Falten das Bauernmädel herausgucken würde im feinsten Seidenkleid. Ich indes –«

»Du indes bist ein großer Aff, ein Hochmutspinsel, ein Stadtfratz –« brach Genoveva los.

Der schönste Krach in allen Tonarten brüchiger und vollendeter Mädchenstimmen erfüllte die Stube. Sälme war für Marie, die andere dagegen. Selbst Sixta sprach lauter als gewöhnlich. Sie hegte einen unbegreiflichen, dunklen Groll gegen die Tochter, und doch hingen ihre meisten Gedanken jetzt gerade an ihr: launische, bald von Liebe, bald von Eifersucht, bald von Sorge getriebene Gedanken. In das Lärmen seiner Frauen geriet nun Markus, unwillkürlich belustigt und erstaunt stand er plötzlich mitten in der Stube, ohne gleich von allen bemerkt zu werden. Marie sah ihn zuerst, fuhr sofort von ihrem Sitz auf und sprang dem Vater aufschluchzend an den Hals.

Er löste sie ab, verlegen und dennoch liebend, setzte sich neben Sixta auf die Ofenkunst und befahl: »Ja, also jetzt der Reihe nach, um was geht der Handel?«

Sixta berichtete es ihm. Nun besann er sich nicht, er lächelte sein Weib an, sagte still: »Weshalb streiten, und warum denkt die kluge Frau nicht an das Buch Ruth? Hol die Bibel, Marie, schlag auf und lies.«

Sie tat es. Und erfuhr: Mein Land ist dein Land, dein Volk ist mein Volk . . .

Sixta fand kein Wort mehr, auch die anderen Töchter schwiegen. Nur Marie, mit dem glühenden Mund, der vor Leidenschaft nicht schweigen konnte, schloß den Krieg siegreich ab: »Also muß ich Albin folgen und tun, wie er will.«

»Ja, so helft ihr eben einander«, seufzte Sixta auf, streifte Markus und Marie mit ihrem großen Blick und ging in den Stall hinüber. Markus folgte ihr, er hielt sich überhaupt in letzter Zeit viel in der Nähe der Frau auf. 175

»Marie ist was Feins, man muß sie so gelten lassen«, beschwichtigte er sie.

»Möcht's wissen, wieso man auf dem Wald, mitten im Bauernwesen auf solche besondere Wünsche kommt. Jetzt, das wäre bei mir das Letzte, die Tracht der Mütter ablegen und mit der unsittlichen Mode gehen.«

»Sonderwünsch'? Das liegt gerade der Marie vielleicht im Blut, ich kenne das.«

»Brauchst mir nichts davon zu verraten, Marks, das sieht ein Blinder, wohin das Mädel schlägt, sie wird den Kopf schon anrennen!«

»Wie ich auch, Bäuerin.«

»Dir ist man aus dem Weg gegangen, wenn dich der Bock gestoßen hat, Bauer, dafür bist du ein Mann. Ihr geht nichts aus dem Weg, der Albin am wenigsten, das Unheil sehe ich kommen, wachsen aus dieser Ehe.«

»Wohl, die Marie kann ein Satan sein.«

Inzwischen war vorn in die Stube Albin Hebenstreit gekommen mit seiner Geige, von Marie überzärtlich vor den Schwestern empfangen. Er spürte sofort die gespannte Stimmung in der Stube, nicht nur weil Genoveva ihm die Hand nur streifte und weil Marie von Tränen glänzende Augen hatte. Marie berichtete hastig und frohlockend, Sälme unterstützte sie diesmal nicht, sie schaute Albin unverwandt an, ohne Gefahr, entdeckt zu werden; denn alle blickten auf Marie. Die Eltern kamen herein, Albin verteidigte seine Forderung und hatte nachher das Gefühl, den Widerstand Sixtas innerlich überwunden zu haben. Nur Genoveva pfupferte eine Zeitlang noch in brummigen Tönen gegen die Charakterlosigkeit und Feigheit der Schwester. Doch bot in der nächsten Stunde schon die ganze Familie das Bild gepflegten Friedens, Albin geigte vor dem von der Musik berauschten Antlitz seiner Geliebten, von dem er nicht loskam, das ihn durch seine verzückt gespannten Züge reizte zum völligen Aufgeben seines Ich an den glühenden Willen dieses seltsamen Mädchens, einer Mischung von Zigeunerin und Madonna, Teufelin und Heiligen, eines Doppelgeschöpfes mit naturhaftem Hingeben an Trieb und Wesen. Es war eine schmerzhafte Liebe, die Albin und Marie verband, von Reibungen geladen. 176

Als Albin erschöpft die Geige sinken ließ, traf er in die Augen der jungen Sälme, die den trunkenen Blick Mariens hatten, aber nicht so wild und flackernd, sondern gesammelter, größer, unvergeßlicher. Albin erschrak flüchtig, aber schon während er die Geige in den Kasten legte und noch einmal Sälmes Gesicht streifte, glaubte er sich getäuscht zu haben, weil jetzt das Mädchen anders aussah, gleichgültig fast, unbewußt kindlich. Als er sich setzen wollte, rückte sie von Marie ab, daß er zwischen die Schwestern kam, zwischen zwei dunkle Rosen, wie er alltäglich scherzte, nur um etwas zu sagen. Alle lobten das Geigenspiel, Markus besonders. Es erhebe und entfalte das Gute im Menschen, es streichle und wirble auf, je nachdem gespielt würde, kein Instrument könne wohl so stark das sagen, was man doch tief wolle und was einem in Worten nicht zu künden gelänge.

Markus schien erschüttert und trotzdem sicherer zu empfinden als jemals. Sixta ließ ihn reden ohne warme Anteilnahme, sie liebte diese entblößende Musik nicht. Sie empfand dies als unnatürlich und unfromm; denn sie war in ihrem kerngesunden Wesen mehr handelnd als leidend. Ähnlich erging es Genoveva, auch Magdalen hätte so gefühlt. Diese lebenstüchtigen, triebhaft reinen Frauen hatten keinen Sinn für das Überschwengliche und Ziellose. Sie erlebten vielleicht die Kunst der Töne ebenso verwundert und halb ablehnend, wie sie im Städtchen die Künste der Seiltänzer bestaunten, um sie nachher lächerlich, wenn nicht gotteslästerlich zu finden.

Als es bereits elf Uhr geschlagen hatte, stand Albin auf und gab allen die Hand, dankte den Brauteltern für ihr Vertrauen und den Schwestern für ihre freundliche Art, mit der sie nun den neuen Bruder empfangen hatten. Genoveva lachte ihm herzerfrischend ins Gesicht und schüttelte ihm ohne Scheu die Hand, während Sälme nur ihre zitternden Fingerspitzen reichte und an ihm vorbeisah. Wieder wurde er von leichter Erschütterung ergriffen vor dem merkwürdigen Mädchen. Marie ging mit ihm bis auf die Straße. Dort blieben sie eine Weile stumm nebeneinander stehen, nicht wissend, wovon sie noch sprechen sollten. Schließlich zog Albin die Braut an sich und küßte sie auf Augen und Mund, gab ihr kurz und eigentlich kühl die Zeit an, wann er sie wieder treffen würde, und machte 177 sich auf den Weg. Schon auf der Höhe des kurzen Straßenanstiegs, gleich hinter dem Hause, überflutete ihn jedoch ein heißes Gefühl für Marie, die er eben enttäuscht hatte. Er kehrte um, sprang hinunter und riß sie heftig an sich, die noch am selben Fleck wie vorhin stand. Marie gab sich stöhnend hin. Man rief ihr vom Hause her. Wahrscheinlich wollte die Mutter schließen und die Lichter löschen.

Erschöpft lösten sich die beiden voneinander. Marie flüsterte heiß und ungeduldig: »Ach, laß die nur rufen, ich bleib bei dir, und wenn sie mich schelten und schlagen, ich bleib bei dir. Ich gehöre dir und du mir – du mir ganz allein. Sag mir das noch, versprich mir das noch – mir ganz allein gehörst du, keiner anderen, auch nicht im Augenspiel und in Gedanken. Gib doch Antwort, gib doch Antwort –!«

Sie zerrte an seiner Jacke vor der Brust, schüttelte ihn an den Schultern, ihre Zähne klapperten vor leidenschaftlichem Zittern. Albin nahm mit Gewalt ihre flatternden Hände fest in die seinen.

»Was fällt dir ein, Marie, du mußt jetzt ins Haus. Bald sind wir ja vereint. Ich sorge, daß es bald sein kann. Geh jetzt, Liebes.«

»Und das andere? Albin, du weichst mir ja aus!«

Sie suchte ihre Hände zu befreien. Er hielt aber stand, hob die Gefesselten an seine Lippen und küßte sie. Marie tobte trotzdem weiter, sie schrie, stampfte mit den Füßen auf. Albin mußte schier lachen über diesen rassigen Sprühteufel.

Da stand plötzlich, ohne daß jemand sie hatte kommen hören, in kleiner Entfernung Sälme hinter Marie. Er sah ihr schimmerndes Antlitz ruhig aus der nächtlichen Verschleierung wachsen wie das eines Bildnisses.

Marie sah die Veränderung in seinem Gesicht. Sie stutzte, hielt inne in ihrem Ausbruch. Er blickte über sie weg, wie in ein Wunder entrückt. Sie mußte ihn ansehen, dachte im Augenblick nicht daran, der Richtung seines Blickes zu folgen. Ihre Hände schmerzten im harten Griff des Mannes, sie zuckte, um sich zu befreien, da gab er nach, kehrte mit den Augen zu ihr zurück und sah sie lächelnd an: »Du hast ein ungebärdiges Wesen, Marie.«

»Ich bin aber kein Kind, mit dem du spielen kannst.« 178

»Streite jetzt doch nicht, du bist so aufgeregt, gute Nacht für heut, da hinten steht Sälme und will dich holen.«

Marie fuhr herum, starrte Sälme an: »Ach, ach, ach«, brach sie aus, ihr Gesicht verzog sich im Krampfe, es drückte das Entsetzen eines glühenden Verdachtes aus. Sie zuckte hin und her, sah jetzt Albin ins Gesicht und wieder Sälme. »Ach, ach, ach – nun weiß ich alles, ihr zwei, ihr beide – Schlange, Schlange –«, sie raste auf Sälme los, die hinstürzte, brach über sie herein und schlug zu, wohin sie traf. Ehe Albin es hindern konnte, war das geschehen. Er riß mit Mühe das tolle Mädchen, das die eigene Schwester vielleicht in sinnloser Wut erschlagen hätte, weg. Sälme wimmerte leise, wollte aufstehen, aber ihre zitternden Knie trugen sie nicht. Albin mußte Marie halten und konnte dem armen Ding nicht helfen. Er spürte Mariens starken, raschen Herzschlag an seiner Brust. Sie preßte sich, Atem ziehend und tief geängstigt, an ihn. Er mußte ihr in aufquellendem Mitleid über das Haar streichen.

Sälme kauerte reglos und lautlos am Boden, das Gesicht in den Händen vergraben. Albin führte Marie Schritt für Schritt zur Schwester, ihr leise zuredend. Mit der freien Hand zog er Sälme empor, hielt einen Augenblick die bebenden Mädchen an die Brust, unschlüssig, was er zu ihrer Versöhnung tun solle.

Schließlich sagte er einfach: »Denkt, das sei ein böser Traum gewesen, Sälme, gelt? Die übergroße Liebe hat unserer Marie den Verstand verwirrt, mußt du wissen.«

Sälme sah ihn voll an. Er las die Antwort ab: »Mir auch.«

Laut sagte sie: »Ich will glauben, daß sie nicht wußte, was sie tat, ich denke, es war ein schlimmer Traum, wie du es willst, Albin.«

Sie sagte, ohne es zu merken, du zu ihm.

Marie schluchzte an seiner Schulter heftig auf, gab sich einem erschütternden Weinen und Klagen hin. Genau so viel Wildheit und Wut der Reue war dabei wie vorhin in dem Angriff auf Sälme. Albin erschrak und dachte: »Dieses Wesen wird unsere Zukunft nicht leicht machen und nicht sehr glücklich.«

Aber er gab doch nicht nach, streichelte unaufhörlich Mariens Haar und versuchte, sie zu beruhigen. Ihre Selbstanklagen 179 nahmen zuletzt so überhand und durchjammerten die stille Nacht um den Hof, daß die Haustür noch einmal aufging und der Bauer, schon ohne Weste, als habe er sich gerade niederlegen wollen, herauskam, mit großem Staunen sich näherte, als er beide Mädchen so nahe bei Albin sah und beide in hoher Erschütterung.

Albin blickte ihm erleichtert lächelnd entgegen, und auf des Bauern Frage: »Was hat's da gegeben?« gab er kurzen, sachgemäßen Bericht ohne Verschweigen und Beschönigen. Wie ein Geist, still und unbemerkt, sei Sälme erschienen und wie eine Erlösung; denn Marie habe, wohl in der Erregbarkeit nach diesen entscheidenden Stunden mit ihm, den Streit der Eifersucht begonnen, den er ohne Sälmes Auftreten nicht so leicht hätte beschwichtigen können. Aber Marie habe in ihrem Brautfieber wohl alles verkehrt gesehen und sei voller Wut über Sälme hergefallen. Die beiden hätten sich ordentlich gezaust, und nun bereue Marie und Sälme verzeihe. Der Bauer sah beinahe hilflos seine Mädchen an, die gleich armen Sünderinnen mit hängenden Armen zwischen ihm und Albin standen.

Der Bericht Albins gefiel ihm nicht ganz, er schien ihm oberflächlich, mit einem spöttischen Hinterhalt. Hebenstreit lächelte ein wenig hochfahrend. So was begriff nun dieser sonst so gescheite Bauer nicht; aber Markus gewann doch die Lage für sich, er mußte schließlich auch ein Lächeln verstecken; denn wenn er seine stolzen Töchter sich vorstellte, wie sie sich in ihrer Leidenschaft so vergessen konnten, daß sie handgreiflich wurden, so empfand er über diese gesunde, herzhafte Art, Spannungen zu brechen, nur Freude. Sie würden sich auch sonst im Leben nicht ohne Wehr belasten lassen.

»Nun, ihr seid ja verdammt hitzige Kerle, ihr«, zwang er sich, sie derb anzureden. »Gut, daß die Mutter schon im Bettkittel steckt, sonst hätte das einen Heidenkrach gegeben, wenn ihr so vor diesem jungen Bräutigam eure gute Erziehung vergeßt.«

Sälme, ratlos beschämt, fiel dem Vater um den Hals. Markus, der als rauher Wälder solche Zärtlichkeiten haßte, schob sie ab.

»Recht so, das Kindle gehört auch zum Vater und nur die Braut zum Hochzeiter. Also misch dich nimmer in diese Sache.« 180 Hebenstreit und Marie lachten, es klang zwar gezwungen, während Sälme ins Haus floh.

Ein Blick des Vaters trieb aber auch Marie heim. Kurze Zeit noch vernahm man die Stimmen der Männer, die gelassen miteinander sprachen. Dann schloß Markus die Haustür, und die lauschenden, erregten Mädchen, die in gemeinsamer Kammer schliefen, hörten Hebenstreits Schritte auf der Straße in der Ferne verschwinden. Marie fiel bald darauf in Schlaf, während Sälme bis zum Morgengrauen wach lag, oft weinte und tief gedemütigt trübe Gedanken um den heimlichen Geliebten spann.

Die nächsten Tage, Regentage voll großer Bergeinsamkeit inmitten ziehender Nebel, dehnten sich qualvoll in die Länge für die Bewohner des Michelshofes. Alle gingen umeinander herum, wie die Katze um den heißen Brei. Am ungattigsten war Sixta, die wegen jeder Kleinigkeit mit Marie in Wortwechsel kam; denn Markus hatte ihr anbefohlen, die Aussteuer sobald als möglich zu richten, Hebenstreit wolle bald getraut sein, was auch gut für Marie sei. Er erzählte ihr, um dies zu bekräftigen, den nächtlichen Auftritt der Schwestern und sagte offen, er habe beobachtet, wie verschossen die Sälme in Hebenstreit sei. Sixta biß sich die Lippen wund. Sie ertrug es in dem Fall des neuen Paares einfach nicht, daß stets die Ereignisse über sie hinwegstürmten.

Die Buben hatten vielleicht am meisten zu erdulden. Es regnete nur so von Katzenköpfen und Ohrfeigen von seiten der Mutter, des Vaters und der handfertigen Schwester Marie. Martin und Urban liefen zuletzt nur wie geprügelte Hunde geduckt und scheinheilig folgsam umher, hockten jedoch meistens unauffindbar irgendwo auf der Heubühne oder in einem Schopf.

Es wurden Hanfseile zum Garbenbinden gedreht von den Männern, auch ein Schwein geschlachtet und die vollen Seiten in den Rauch gehängt. Da sie in den letzten hellen Tagen die süßen Bergkirschen geerntet hatten, welche beiderseits die Hochstraße in Reihen ein Stück weit besäumten, bis sie von Ebereschen abgelöst wurden, brannten sie jetzt auch Kirschwasser im blanken kupfernen Kessel. Das ganze Haus roch scharf gewürzig darnach, und die Mannsleute liefen zuletzt in 181 einem kleinen Rausch herum, auch Markus, dessen Wesen langsam wieder in seine frühere Schwermut zurückfiel.

Knechte und Mägde, im Hause oft zu Begegnungen gezwungen, liebelten und stritten miteinander. Die Ziehharmonika trat jeden Abend in Tätigkeit. Es herrschte eine ziemlich hitzige Luft im Michelshof, der keines sich so recht entziehen konnte.

In diesen Tagen gestand auch Genoveva den aufhorchenden Schwestern, wie sehr sie immer an einen Michael Blessing denken müsse, den sie zu Furtwangen im Hause von Sixtas verheirateter Schwester Tertia getroffen, als er deren Mann, den Gongfederfabrikanten Kirner, besuchte. Tertia Kirner, geborene Ketterer, hatte Pate zu Genoveva gestanden und bat sich darum hie und da das heitere Mädchen zu Besuch in ihren kinderreichen Haushalt. Dort also begegnete das Evale zum erstenmal diesem Blessing, dessen Familie berühmt war, weil sie die Musikuhren, Spieldosen herstellten und allerlei andere musikalische Erfindungen gemacht hatten, aus deren Nutznießung die weltbekannte Firma Welte mit ihren mechanischen Klavieren peinlichster Ausführung, mit ihren prachtvoll gebauten Orgeln hervorging. Michael Blessing besaß eine kleine Uhrenfabrik in Sonnenkirch, war zur Zeit der Begegnung mit der blonden Genoveva fünfundzwanzig Jahre alt und hatte große Reisen nach Rußland, der Türkei, nach Amerika und England, nach Paris und Rom bereits hinter sich, war damals etwa seit Monatsfrist aus Wien heimgekehrt und hatte Genoveva artig mit einem »Küss' die Hand, Gnädigste«, begrüßt, was auf das helläugige Bauernmädel, das bisher nur einige steife, glotzende Wälderburschen gekannt, einen tiefen Eindruck machte. Auch sonst gefiel ihr der dunkelhaarige, schmale, bewegliche Kerl nicht übel, der etwas Ausländisches an sich hatte, trotzdem er nach Wälderart im langen Schoßrock einfach gekleidet ging, glattgeschabt mit den Haarraupen über die Schläfen bis tief in die Wangen hinab. Auch schnupfte er wie ein Alter aus perlmutterner Dose und schneuzte sich in ein rotes Sacktuch. Daran nahm Genoveva ein wenig Anstoß; denn das schien ihr eines so wohlgestellten und wohlgestalteten Mannes unwürdig. Auch diese Untugend des Verehrten gestand Genoveva ehrlich ein und war geradezu beglückt, als die grundgescheite Marie spöttisch meinte: »Nun, das wirst du ihm schon 182 abgewöhnen.« Sie sprang plötzlich auf, umarmte Eva stürmisch und riß sie in wildem Tanz durch die Kammer, bis beide atemlos auf ihre Bettkanten sanken.

»Ach, wie ist das herrlich, die Jungfern von Michelshof sind jetzt alle so verliebt und gehen ab wie heiße Wecken. Bist auch recht mollig, keine solche Bohnenstange wie Sälme und ich.«

Sälme lächelte abwesend. Marie, die erst, als sie ihre übermütige Rede fast fertig hatte, daran dachte, daß Sälme wohl eine Liebe, aber eine trostlose, mit herumtrug, war heftig erschrocken, sie auf diese grobe Art daran erinnert zu haben. Seit dem Auftritt neulich waren sie zart, wenn auch schweigsam, gegeneinander gewesen. Aber Sälme lächelte so fern, als habe sie nicht zugehört.

Da sprang Marie abermals auf, umschlang jetzt Sälme und küßte sie ab, lachte und weinte in einem Atem und war, ehe sich die Überraschten besannen, schon aus der Kammer gestürmt.

*

Albin Hebenstreit mied seit dem nächtlichen Auftritt, der blitzartig das schlafende Feuer, das heimlich in diesem Michelshof zu lauern schien, aufglühen ließ, das Haus, soweit es nicht auffiel. Er wollte am liebsten nur Marie begegnen wieder in Heimlichkeit auf der Hochstraße, aber das ging natürlich nicht; denn man wachte empfindlich in diesen Großbauernhöfen darüber, daß vor allem den Brauteltern die Ehre richtig angetan wurde seitens des Hochzeiters. Albin wartete ungeduldig auf seine Versetzung, die ihn mit einem Schlag vor die Gelegenheit setzen würde, sofort Hochzeit zu machen, um dann Marie aus dem Bereich des merkwürdig gespannten Luftkreises ihres Vaterhauses zu lösen.

Sälme wich ihm aus. Er sah sie nur einige Male durch die Stube gehen, rasch und immer nach irgend etwas eifrig suchend oder beladen mit Gegenständen. So brauchte sie ihm nur flüchtig zuzunicken, schier ohne ihn anzublicken. Albin durchschaute ihre tiefe Angst und Not wohl, aber er brannte so heiß in den begehrlichen Liebesblicken der in letzter Zeit stark aufblühenden Marie, die auf einmal frauenhaft reif geworden war, daß ihn Sälme nicht beunruhigte. Nur im Traum geschah es zuweilen, daß er Marie hielt und blind küßte und daß es, 183 wenn er genau hinsah, eigentlich Sälme war. Das quälte ihn, verfolgte ihn auch hin und wieder durch wache Stunden, aber es machte ihn weder müde noch traurig. Sein Blut rauschte: Marie, Marie, und er war wie nie seit ihrem Verhältnis erfüllt von ihr.

Sie besprachen in heiterem Eifer ihre Zukunft, wie sie sich einrichten und leben wollten, ganz tief eingebettet in Glück und Leuchten. Marie sollte einmal sehen, wie gut es eine Frau hatte in einer hellen, bequemen Wohnung, wo man nicht in den Stall brauchte, nicht vor Tau und Tag sich zum Bauerngeschäft rüsten, wo man nach der Hahnenkraht sich noch einmal im Bett umdrehen, gähnen und ein Stückchen in den Tag hineinträumen durfte. Marie ging beweglich und lüstern auf diese vornehmen Verheißungen ein, sie träumte Märchen aus dieser unbekannten Welt der Zukunft, die sie vor Pracht bis ins Mark hinein frieren oder glühen machte.

Albin Hebenstreit, begeistert wie ein großer Bub vor den erfüllbaren Wonnen, umgab auch Frau Sixta, wo er ihr begegnete, mit fast unterwürfiger Aufmerksamkeit. Sie ließ es sich gefallen, daß er ihr wie den anderen Kindern kleine Geschenke machte, bald am Jahrmarkt der Kreisstadt gekramt, bald aus der Residenz Karlsruhe, wohin er ein paarmal zu reisen hatte, mitgebracht. Sixta freute sich zwar in halber Verlegenheit darüber, aber sie wurde ihren geheimen Groll gegen Albin nicht los.

 


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