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XXXVII.

Die Polizei in Portland war sofort verständigt worden. Gegen das Haus, in dem Flannagan und Tamara gefangen gehalten wurden, rückte eine Macht von vierzig Polizisten vor. Das Haus wurde unmerklich umzingelt, und der Angriff der Polizei kam so jäh und unerwartet, daß ihnen nur einer der Verbrecher entging, – und der war nicht im Hause gewesen. Wie es sich später beim Verhör herausstellte, hatte man ihn nach Boston geschickt, um von dort ein betäubendes, sonst aber unschädliches Gas zu besorgen. Auf andere Weise hätten die Banditen Flannagan nicht überwältigen können, ohne das Mädchen – ein sehr rühriges Mitglied ihrer Bande – preiszugeben.

Nach einer Stunde erschien Bath auf dem Schauplatz der Ereignisse. Er war mit dem Flugzeug gekommen, sah bleich und abgespannt aus und war merklich nervös – etwas, was man bei ihm selten bemerken konnte. Ein Seufzer der Erleichterung entfuhr ihm, als er Flannagan und Tamara wohlbehalten antraf. Er hatte mit dem Schlimmsten gerechnet.

»Mein Vater ist – – –«, sagte Tamara verstört. Und Flannagan war es, der Bath das Nötige darüber mitteilte. Man hatte Harrogate im selben Hause gefunden – völlig entkräftet, denn er hatte sich geweigert, Speise oder Trank zu sich zu nehmen. Der Polizeiarzt hatte gesagt, daß eine Lebensgefahr nicht bestände, jedoch verlangt, man solle den Kranken unverzüglich ins nächste Krankenhaus schaffen. Ein Wiedersehen zwischen Vater und Tochter hatte er zunächst strengstens untersagt.

»Wir schaffen ihn mit dem Flugzeug nach New York«, bestimmte Bath. »Wir anderen können mit unseren Wagen heimfahren.«

Tamara nickte dankbar. Nun wußte sie, daß sie ihren Vater in der Nähe haben würde.

Nach einer weiteren Stunde war alles erledigt. Eine Reihe von fünf großen Wagen setzte sich in Bewegung. In jedem dieser Wagen saßen zwei oder drei gefesselte Banditen, ihnen gegenüber bewaffnete Polizisten. Nur im letzten Wagen sah es anders aus. Ein Polizeibeamter führte ihn, aber im Innern saßen Flannagan, Tamara und Bath.

Bath mußte erzählen; er konnte gar nicht ausführlich genug auseinandersetzen, was inzwischen in New York vorgefallen war. Und dann mußte Flannagan über seine und Tamaras Schicksale berichten.

»Hätten Sie das Mädchen nicht als eine Art Geisel in der Hand gehabt, Sie säßen jetzt nicht hier«, meinte Bath ernst. »Nun, Miß Harrogate«, wandte er sich freundlich an Tamara, »warum so traurig?«

»Ich denke an Vater«, sagte sie unruhig. »Wenn nun doch – – –«

»Sie machen sich bestimmt überflüssige Sorgen«, versetzte Bath vorwurfsvoll. »Ich kenne den Polizeiarzt. Wenn er sagt, es besteht keine Gefahr, dann ist es auch so. Oder machen Sie sich Kummer wegen Ihres … hm … Bräutigams?«

Sie lächelte schwach.

»Das darf ich wohl nicht. Mr. Flannagan hat mir alles erzählt. Wenn überhaupt ein Mensch verdient, aufgehängt zu werden, dann war es dieser Hochstapler.«

»Es freut mich, Sie so vernünftig zu sehen. Übrigens, Mr. Flannagan, möchte ich gern eine Frage an Sie richten: Sie gaben mir doch damals den Befehl McGregors, meine Frau und Kinder zu entführen. Ich weiß genau: Sie taten es, um sich Klarheit darüber zu verschaffen, ob ich McGregor sei. Wie aber kamen Sie zu diesem echten Befehl McGregors?«

Flannagan schüttelte den Kopf.

»Der Befehl war nicht echt … Das heißt: Er war eigentlich doch echt … Nun, ich will Ihnen das genauer erklären, und Sie können dann selbst die schwierige Frage lösen, ob der Befehl echt war oder nicht. Ich hatte also den Gedanken gefaßt, Sie durch einen solchen – gefälschten! – Befehl zu überraschen und zu prüfen. Ich mußte mir endlich Gewißheit darüber verschaffen, ob Sie dieser McGregor waren oder nicht. Ich setzte mich nun hin und begann, die Handschrift McGregors nachzuahmen. Der Erfolg war kläglich. Da holte ich meine drei Freunde und bat auch sie, zu versuchen, die Schrift nachzuahmen. Es dauerte etwa zwei Stunden, und unser Zimmer war mit Papierschnitzeln förmlich besät, da hielt ich endlich eine meiner Ansicht nach sehr gut gelungene Fälschung in der Hand. Angefertigt hatte sie – wohlgemerkt nach zwei Stunden – mein guter Hubert. Nun, jetzt brauche ich mich ja nicht mehr zu wundern, warum gerade er die Handschrift schließlich so täuschend nachahmen konnte.«

»Und Sie hatten auch damals Hubert noch nicht in Verdacht?«

»Nein, mir kam flüchtig der Gedanke, ob er es nicht sein könne, doch wies ich diesen Einfall sofort wieder zurück. Ich kannte Hubert schon zu lange als ziemlich einfältigen Menschen und guten Freund. Als ich Ihnen die Schriftprobe Huberts gab, tat ich es eigentlich halb im Scherz. Es mag aber dazu doch der flüchtige Gedanke, der mir kurz vorher gekommen war, ein wenig beigetragen haben.«

Die Wagen hielten in Lowell vor einem Gasthaus. Wer Lust hatte, stieg aus, um sich ein wenig zu erfrischen. Auch Bath, Tamara und Flannagan nahmen eine Kleinigkeit zu sich. Als es dann wieder ans Weiterfahren ging, war Bath in einen anderen Wagen gestiegen. Flannagan wunderte sich über diese zarte Rücksicht, war aber Bath dafür dankbar. Er mußte unbedingt mit Tamara einiges besprechen, wobei Zeugen unerwünscht waren.

Es verging aber eine geraume Weile, ohne daß jemand von den beiden ein Wort sprach. Sie saßen nebeneinander im Wageninnern, so nah, daß ihre Hände sich streiften, wenn sie eine Bewegung machten. Dennoch hatte Flannagan das Gefühl, als befänden sie sich weit, weit von einander. Ja, denn sie näherten sich mit achtzig Kilometer Stundengeschwindigkeit New York, wo sie sich sofort in die reiche Miß Harrogate, Tochter des Gummifabrikanten verwandeln würde, und er – in den erwerbslosen Säufer, in den wegen Untauglichkeit hinausgeschmissenen ehemaligen Kriminalbeamten.

»Unsere Wege trennen sich jetzt«, sagte er, nachdem er sich einen Ruck gegeben hatte. Seine Stimme klang heiser und gepreßt. »Bevor wir aber auseinandergehen, muß ich Ihnen etwas sagen. Sie gestatten doch?«

Sie zögerte einige Sekunden mit der Antwort.

»Seit wann«, fragte sie dann langsam, »seit wann bittet Flannagan um Erlaubnis, wenn er irgendeine seiner unglaublichen Grobheiten sagen will?«

Flannagan lachte rauh auf.

»Sie haben recht, Miß Harrogate«, sagte er gefaßt. »Ich bin ein ungeschlachter, ein rauher Geselle, und Sie werden froh sein, mich endlich los zu sein.« Er wartete einen Augenblick auf Antwort, da sie aber ausblieb, faßte er das als Zustimmung auf und fuhr etwas erbittert fort: »Dennoch will ich einmal – und zwar eben – nicht grob und roh sein. Ich muß mich bei Ihnen entschuldigen – für jenen häßlichen ersten Abend, den ich Ihnen im Pennsylvania-Hotel bereitete.«

Sie schwieg immer noch, zu seinem nicht geringen Ärger.

»Ich hasse nämlich die Reichen, die sich so viel auf ihr Geld einbilden. Daher war ich damals so unausstehlich. Sehen Sie, ich ahnte ja nicht, daß Sie ganz anders sind. Ich glaubte, auch Sie bildeten sich ein, Flannagan wie jeden beliebigen Dienstmann einfach kaufen zu können. Ein Pfiff, ein Wink mit dem Geldbeutel, und schon kam Flannagan gelaufen. Ich wollte Ihnen beweisen, wie sehr ich Ihr Geld verachte … Nun, ich muß es sehr dumm angefangen haben. Sie sind nicht so wie die meisten anderen reichen Mädchen, aber noch nie habe ich so sehr wie in diesem Augenblick gewünscht, daß Ihr Herr Vater – dem ich sonst nichts Böses wünsche – so eine richtiggehende Pleite machen würde.«

»Warum denn das?« fragte sie und ihre Stimme klang so, als lächelte Tamara dabei.

»Weil Sie dann kein Geld mehr hätten«, sagte er und schnaufte aufgeregt. »Weil der verdammte Mammon nicht wie eine Mauer vor Ihnen stünde; wie eine Mauer, die es jedem armen Teufel verbietet, je den Versuch zu machen, sie zu übersteigen. Wären Sie arm … Mein Gott, was ich da jetzt sagen würde …«

»Haben Sie ein wenig Phantasie?« fragte sie leise.

»Phantasie? Wieso?«

»Dann stellen Sie sich mal einen Augenblick vor, ich sei ganz arm geworden, und sagen Sie mir dann das, was Sie sagen wollten.«

Flannagan dachte nach.

»Nein«, gestand er nach einer Weile. »Soviel Phantasie habe ich nicht, Miß Harrogate.«

»Sie sind sehr dumm«, sagte sie nach kurzem Schweigen.

»Es kann sein«, gab er zerknirscht zu.

»Sagen Sie mal«, begann sie aufs neue. »Hatte mein Vater Ihnen nicht einen Haufen Geld versprochen, wenn Sie ihm meinen kleinen Bruder wiederfänden?«

»Das schon, aber ich habe ihn ja nicht wiedergefunden.«

»Dafür haben Sie mir und wohl auch Mr. Harrogate selbst das Leben gerettet. Es ist also anzunehmen, daß Sie in einigen Tagen ein reicher Mann sein werden. Reicht Ihre Phantasie jetzt aus?«

»Nein«, sagte er, aber jetzt lachte er dabei. »Ich habe mir nämlich überlegt, daß ich gar nichts sagen würde, gar nichts. Ich würde einfach … einfach …« Er schwieg verwirrt.

»Nun?« fragte sie und drückte sich in die äußerste Ecke des Wagens.

Da riß er sie plötzlich an sich und küßte sie zwei-, dreimal in seiner wilden, ungestümen Art.

»So!« sagte er dann aufatmend und stieß sie brüsk von sich. »Das war meine ganze Phantasie. Und jetzt befehlen Sie mir, unverzüglich auszusteigen.«

»Nein, nein«, widersprach sie. »Das müssen Sie noch mal machen. Ich finde Ihre Phantasie doch ganz großartig.«

Er griff schnell nach ihrer Hand und zog das Mädchen an sich heran.

»Augenblick«, sagte sie plötzlich und entwand sich ihm. »Was macht denn Ihre … hm … andere Tamara?«

»Die?« Er lachte. »Die ist längst wieder im Dorf und hütet Kühe. Ich glaube, sie fühlt sich dabei wohler, als wenn sie so einen Gesellen wie mich hüten soll.«

»Dann ist alles in Ordnung. Bevor du aber mich noch einmal küßt, muß du mir sagen, warum und wieso – – –«

»Das kann ich nicht«, sagte er enttäuscht.

»Nein, das kann Flannagan nicht«, antwortete sie lächelnd, nahm seinen Kopf zwischen die Hände und gab ihm selbst einen Kuß.


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