Autorenseite

 << zurück weiter >> 

XXIII.

In einem kleinen halbdunklen Zimmer saß Brennan einem älteren Manne gegenüber, der den Eindruck eines Gelehrten machte. Es war aber kein Gelehrter, sondern ein Verbrecher.

»Die Sache mit den Frackwesten haben Sie sehr gut erledigt«, bemerkte Brennan von oben herab. »Ich bin zufrieden.«

»Die Polizei hat schon in elf Fällen Frackwesten gefunden, die genau der gesuchten entsprechen«, sagte der ändere eifrig. »Ein Knopf fehlte, zwei waren neuere Knöpfe ohne Fabrikmarke, einer jedoch – – –«

»Ich weiß, ich weiß das alles«, wehrte Brennan lässig ab. »Es ist zwecklos, darüber noch Worte zu verlieren. Ich bin zufrieden: das sagt alles.«

»Sehr richtig, sehr richtig, Mr. McGregor«, bestätigte der alte Mann hastig. »Nichts kann mich glücklicher machen, als Sie zufrieden zu sehen. Haben Sie neue Befehle für mich?«

»Ja. Warten Sie einen Augenblick, – ich muß mir die Geschichte erst noch mal durch den Kopf gehen lassen.«

Brennan hatte sich nichts durch den Kopf gehen zu lassen, denn seine Befehle waren ihm von einem Vorgesetzten genau vorgeschrieben; doch hielt er es für eindrucksvoller, erst etwas zu überlegen: Das mußte unbedingt in dem Mann ihm gegenüber die Überzeugung verstärken, McGregor selbst vor sich zu sehen.

»Also ja«, begann er nach einer Weile und brannte sich eine der teuersten Zigarren an. »Dieser Flannagan … Sie wissen, wen ich meine?«

»Den Spitzel natürlich, den wir schon einmal zu vergiften versuchten. Sollen wir den Versuch wiederholen?«

»Wenn ich frage, haben Sie nur zu antworten«, erwiderte Brennan streng. »Leute, die zuviel reden, kann ich nicht brauchen. Die kann sich die Polizei holen und meinetwegen aufhängen. Schluß. Also Sie wissen, welchen Flannagan ich meine. Gut. Ihm soll nichts geschehen, nichts. Verstanden? Aber … Von morgen an wird dafür gesorgt, daß Flannagan wieder trinkt, und nicht zu knapp. Ebenfalls verstanden?«

»Gewiß.« Der alte Mann rieb sich begeistert die Hände. »Er soll trinken, trinken und trinken, und … und dann kann es doch geschehen, daß in ein so unschuldiges Gläschen eine … hm … kleine Mischung hineinkommt, die unerwartete Wirkungen …«

»Nichts da!« rief Brennan barsch. »Er soll einfach wieder der Säufer werden, der er noch bis vor einigen Tagen war. Diese Aufgabe ist von größter Wichtigkeit und muß unter allen Umständen sehr gewissenhaft ausgeführt werden. Das war der eine Befehl. Des weiteren – – –«

Hier stockte Brennan unwillkürlich. Wohl hatte er sich auch das »Weitere« zurechtgelegt, aber unwillkürlich packte ihn hier doch für einen Augenblick die Angst. Er war im Begriff, einen Schritt zu tun, der für ihn über Leben und Tod entschied; und so leichtsinnig Brennan auch war, – einer Frage über Leben und Tod, sobald es sich dabei um sein Leben und seinen Tod handelte, brachte er doch den nötigen Ernst entgegen.

»Des weiteren haben Sie für morgen abend fünf Ihrer entschlossensten Männer zu meiner Verfügung zu halten«, fuhr er einige Sekunden später mit etwas unnatürlicher Stimme fort. Zum erstenmal empfand er, daß er über ein Heer von verwegenen Gaunern frei verfügen konnte, – zum erstenmal, weil das der erste Befehl war, den er nicht im Auftrage McGregors erteilte.

»Fünf Ihrer entschlossensten Männer«, wiederholte er nachdenklich. »Noch besser sechs. In jedem Wagen drei. Also zwei Wagen müssen da sein – die schnellsten, die es gibt, doch keine auffallenden Rennwagen. Einer grau, der andere schwarz. Nun passen Sie genau auf: Um zehn Uhr abends werde ich mit einer Dame aus dem Hause Mr. Harrogates kommen, mich mit ihr in ihren Wagen setzen und warten. Mit großer Geschwindigkeit fährt gleich darauf einer – sagen wir: der graue – Ihrer Wagen an uns vorbei. Die Nummer dieses Wagens werden Sie mir morgen nennen. Ich nehme nun die Verfolgung auf. Hier haben Sie eine Karte, auf der der Weg eingezeichnet ist, den Ihr Wagen zu nehmen hat. Sie sehen, er führt zur Grenze nach Canada. Hier, wo das grüne Kreuz eingezeichnet ist, taucht hinter uns der zweite – der schwarze Wagen auf. Nun befinde ich mich also in der Mitte zwischen unseren Leuten. Jetzt hält der vordere Wagen, und zwar so, daß an ein Vorbeifahren nicht zu denken ist. Ich halte ebenfalls. Der schwarze Wagen holt uns ein, und unsere sechs Männer nehmen die Dame und mich gefangen. Die Männer dürfen keine Ahnung haben, wer ich bin, doch müssen sie immerhin wissen, daß meine Festnahme nur zum Schein geschieht und daß sie meinen Befehlen zu gehorchen haben. Ist das klar? Ja? Dann weiter: Nun müssen die Männer die Dame und mich auf Umwegen insgeheim über die Grenze schaffen und dort in einem kleinen unbewohnten Hause einsperren. Eine Nacht verbringen wir dort gefangen, am nächsten Morgen muß mir die Flucht gelingen, ihr nicht. Verstanden?«

»Vorzüglich. Wird eine Kleinigkeit sein. Für meine Leute eine Art Erholungsreise.«

»In derselben Nacht«, fuhr Brennan ernst fort, »ist Mr. Harrogate nach New York zu bringen und einfach freizulassen.«

Der Alte sprang überrascht von seinem Stuhl auf.

»Ah! Ah! Aber … Ach, jetzt durchschaue ich Ihren schlauen Plan. Genial! Einfach genial!«

»Ich habe Sie nicht nach Ihrer Meinung gefragt«, schnitt Brennan böse ab. »Sie haben nur meine Befehle auszuführen und jede Meinungsäußerung zu unterlassen. Verstanden? Schluß. Nun noch etwas: Hier treibt sich ein gefährliches Subjekt herum, das uns noch sehr schaden kann. Es ist ein Mann, der unter meinem Namen auftritt. Er nennt sich McGregor und hat schon oft versucht, unsere Leute irrezuführen. Dieser Mensch muß beseitigt werden.«

»Er wird beseitigt werden«, rief der Mann, der wie ein Gelehrter aussah, und nickte mehrmals. »Nennen Sie seinen Namen und Adresse. Das genügt. Sie können auch hinzufügen, um wieviel Uhr er sterben soll. Auch die Todesart können Sie wählen. Macht uns keinerlei Schwierigkeiten. Wünschen Sie, daß die Leiche gefunden wird? Wo? Im Stadtinnern oder außerhalb, sofort oder später? Vielleicht aber soll sie so spurlos verschwinden, daß – – –«

»Genug!« unterbrach ihn Brennan barsch. »Ich kenne den Namen des Mannes nicht. Er taucht ab und zu in meinem Hotelzimmer auf und wird es ohne Zweifel auch heute tun. Nun hören Sie gut zu: Die Fenster meines Zimmers sind vom Hofe aus zu beobachten. Sobald die Vorhänge in meinem Zimmer zugezogen werden, haben zwei Ihrer Leute – elegant gekleidet – heraufzukommen und nachzusehen, ob ich vielleicht im Schreibzimmer bin. Wenn ja, haben sie mir ein Zeichen zu geben, damit ich erst mein Zimmer betrete. Andernfalls bin ich aber schon in meinem Zimmer, und dann hat sofort das zu geschehen, was ich Ihnen jetzt erklären will.«

Brennan zog ein blendendweißes seidenes Tuch aus der Tasche und betupfte sich damit die ebenfalls ganz weiße Stirn. Wie im Traum sprach er weiter, doch war seine Stimme dabei klar und ruhig:

»Die Männer betreten durch das Zimmer nebenan – dort wurde Murphy ermordet, jetzt habe ich es unter einem anderen Namen gemietet – durch dieses Zimmer betreten die Männer den Baderaum. Die Tür vom Baderaum zu mir wird unverschlossen sein. Die Männer dringen ein und beseitigen den frechen Eindringling völlig lautlos. Dann sperren sie die Leiche in das Zimmer nebenan ein und verschwinden unbemerkt. Zu beachten ist: das Badezimmer muß nachher unbedingt von Murphys Zimmer aus verschlossen werden, damit es nicht etwa heißt, ich könnte der Täter gewesen sein. Verstanden?«

»Sehr gut, sehr gut. Sie vergaßen zu erwähnen, daß die Männer, bevor sie gehen, auch alle Spuren zu beseitigen haben. Ich würde empfehlen – – –«

»Tun Sie nur das, was ich sage, und empfehlen Sie gar nichts. Und wegen der Beseitigung der Spuren … Ich habe es durchaus nicht vergessen. Aber Selbstverständliches erwähnt McGregor nicht erst.«

»Sehr richtig, sehr richtig …«

»Und jetzt noch etwas zum Abschied«, sagte Brennan, schon im Gehen begriffen: »Wird einer meiner beiden letzten Aufträge nicht genau ausgeführt oder etwa vorzeitig bekannt, so werden Sie hängen. Verstanden? Hängen, hängen, hängen …«

Der Alte verfärbte sich. Er sah Brennan nach, lange nachdem sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte. Eine geraume Zeit verstrich, bis sich sein Antlitz glättete, und dann wieder grub sich eine tiefe Falte zwischen seine Brauen.

»Hängen! Hängen! Hängen!« flüsterte er böse. »Hängen werden wir einmal alle. Aber du – zuerst! Du zuerst!«


 << zurück weiter >>