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XIV.

Es war um fünf Uhr früh, als Bath in einem Wagen vor dem Krankenhaus vorfuhr, in dem Flannagan untergebracht war. Er sah bleich und angegriffen aus und trug den rechten Arm in einer schwarzen Binde. Auch sein Kopf war verbunden, so daß er nicht einmal den Hut aufsetzen konnte.

Trotz seiner Wunden hatte es sich Bath nicht nehmen lassen, bei der Abführung der Verhafteten und bei deren erstem Verhör dabei zu sein. Sie hatten hartnäckig geschwiegen – alle, aber Lincoln schien sich daraus nicht viel zu machen. Er hatte schließlich das Verhör abgebrochen und Bath auf morgen vertröstet. Bath zweifelte daran, daß alles so glatt gehen würde, wie Lincoln es sich nach diesem wichtigen Fang dachte, und an diesem Zweifel war eben jener eigentümliche Blick McGregors schuld.

Bath glaubte nicht, daß er Flannagan noch im Krankenhaus antreffen würde, und er wäre kaum hingefahren, hätte nicht das Krankenhaus an seinem Wege nach Hause gelegen. Er versäumte wirklich nicht viel Zeit, wenn er versuchte, mit Flannagan rasch noch ein paar Worte zu wechseln.

»Ich muß unbedingt einen der heute eingelieferten Kranken sprechen«, sagte er höflich zu dem diensthabenden Arzt. »Er heißt Flannagan und wurde mit Vergiftungserscheinungen eingeliefert. Vielleicht aber befindet er sich gar nicht mehr hier?«

»Doch, er befindet sich noch hier«, antwortete der Arzt zu Baths Überraschung. »Aber Sie werden ihn jetzt kaum sprechen können.«

»Es ist aber sehr wichtig«, widersprach Bath ruhig. »Zudem muß sich doch das Befinden dieses Kranken so gebessert haben, daß ihm ein kurzes Gespräch kaum schaden kann.«

Der Arzt sah Bath ein wenig mitleidig an, und sein Blick schien sagen zu wollen, Bath mit seinen Verbänden gehöre eigentlich auch ins Krankenhaus.

»Die Ärzte werden wohl über den Verlauf der Krankheit doch besser urteilen können«, sagte er laut. »Mit Flannagan steht es sehr schlecht.«

Obwohl es Bath ziemlich eilig hatte, endlich auch mal ins Bett zu kommen, wappnete er sich doch mit Geduld.

»Ich sehe, Sie wissen noch nicht Bescheid«, meinte er höflich. »Flannagans Vergiftung war nämlich nur vorgetäuscht. Er ist kerngesund, so gesund wie Sie und – – –« – »Ich« hatte Bath sagen wollen, aber er lächelte nur, als ihm seine Verbände einfielen.

Jetzt sah der Arzt Bath schon nicht mehr mitleidig, sondern forschend an – so, als beginne er an Baths Verstand zu zweifeln.

»Ich will Ihnen nicht widersprechen, da Sie alles viel besser zu wissen scheinen«, sagte er vorsichtig. »Aber vielleicht werden Sie von Mr. Flannagans ausgezeichneter Gesundheit nicht mehr so ganz überzeugt sein, wenn ich Ihnen mitteile, daß seit zwei Stunden drei Ärzte mit ihm zu tun haben und daß wir bereits mit seinem Ableben gerechnet haben.«

»Wie? Was sagen Sie?« rief Bath, plötzlich sehr aufgeregt. »Ja, was fehlt ihm denn? Was ist denn geschehen?«

Der Arzt hob ungeduldig die Schultern hoch.

»Vor einigen Minuten haben Sie es doch gewußt: Vergiftet ist er.«

Einige Sekunden starrte Bath geistesabwesend auf den Ring, der den Finger des Arztes schmückte. Dann hob er rasch den Kopf und sah dem Manne ihm gegenüber in die Augen.

»Mein Verhalten muß Ihnen sonderbar erschienen sein – ich gebe es zu«, sagte er trocken. »Ich kann Ihnen die Zusammenhänge jetzt nicht erläutern, aber hier ist meine Karte. Sie sehen, ich bin Inspektor der Kriminalpolizei, und Sie können sich jetzt wohl denken, daß ich nicht aus Neugier frage. Ich muß sofort einen der behandelnden Ärzte sprechen. Am besten den Polizeiarzt Dr. Henderson, wenn er noch hier ist.«

Diese ruhig gesprochenen Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Der junge Arzt führte einige Ferngespräche und erklärte dann, Dr. Henderson würde sogleich hierher kommen. Bath atmete auf und ließ sich auf einen Stuhl sinken.

Kaum zwei Minuten später öffnete sich die Tür, und ein kleiner, schmächtiger Mann mit großen Augengläsern hastete herein.

»Ach, Mr. Bath!« sagte er statt jeder Begrüßung. »Ich habe sehr wenig Zeit. Was steht zu Diensten?«

»Was ist das mit Flannagan?« forschte Bath. »Er wird Ihnen doch gesagt haben, daß er gar nicht vergiftet wurde? Sehen Sie, ich selbst bat ihn in meinem Brief darum, nach Ihnen zu verlangen und Ihnen alles zu sagen.«

»Ja, ja, ganz richtig«, seufzte Henderson und fuhr sich mit der runzligen Hand über die noch runzligere Stirn. »Er hat mir das auch gesagt, und alles sah sehr schön und gut aus. Doch nachher zeigte es sich plötzlich, daß er dennoch vergiftet war. Blausäure. Wir hatten unsere liebe Not mit ihm, weil es zu spät war. Hätte er mir nicht erst falsche Angaben gemacht, ich hätte ihn doch nicht nur zum Schein untersucht und jedenfalls festgestellt, was ihm fehlte.«

»Wann äußerten sich die ersten echten Vergiftungsmerkmale bei Flannagan?« fragte Bath rauh.

»Wie kann ich das wissen?« rief Henderson und zog die schmalen Schultern hoch hinauf. »Seit seiner Einlieferung simulierte Flannagan den Vergifteten, und ich hatte alle Hände voll zu tun, die anderen Ärzte zu vertreiben, die doch den Schwindel sonst erkannt hätten. So gegen ein Viertel vier Uhr sagte Flannagan plötzlich leise lachend zu mir – es war außer mir niemand im Zimmer: ›Doktor‹ sagte er, ›ich glaube, ich habe mich so gut in die Rolle des Vergifteten hineingelebt, daß ich jetzt wirklich Schmerzen bekomme‹. Gleich darauf erscheint eine Krankenschwester und meldet, man habe eben angerufen, McGregor sei verhaftet worden. Das solle sie Flannagan mitteilen. Er lacht herzlich, erhebt sich im Bett und will aufstehen. Dann sinkt er zurück und fängt an zu wimmern. Na, und dann gings los. Die anderen Ärzte hätten Sie sehen sollen, als ich sie jetzt rief. Sie sahen mich an, als sei nur meine falsche Behandlung schuld daran, daß der Zustand des Kranken sich jetzt verschlimmerte. Und dann stellten wir einwandfrei fest, es handle sich um Blausäure …«

»Und Sie kamen in der Aufregung nicht auf den Gedanken, daß sich eine Blausäurevergiftung nicht erst nach mehreren Stunden äußert«, unterbrach in Bath. »Sie haben auch nicht untersucht, was der Kranke kurz vor dieser Verschlechterung seines Befindens genossen hat, und Sie haben auch nicht gefragt oder darüber nachgedacht, wer ihm diesen Trank oder diese Speise gebracht hat?«

Henderson sah sehr unglücklich aus.

»Über das alles zerbreche ich mir schon eine Weile den Kopf«, antwortete er bedrückt. »Aber zu Untersuchungen hatte ich wirklich keine Zeit. Wir hatten zu tun, um dem Kranken das Leben zu retten.«

»Flannagan ist natürlich hier im Krankenhaus vergiftet worden«, sagte Bath dumpf. »Und ich werde sofort die Untersuchung einleiten. Sie aber darf ich nicht mehr von Ihren Pflichten abhalten.«

Die Untersuchung Baths dauerte nicht länger als eine Stunde. In einem Glas, aus dem Flannagan Limonade getrunken hatte, fand er Spuren von Blausäure. Eine Viertelstunde später hatte er festgestellt, daß diese Limonade von der Krankenschwester Tiecks zurechtgemacht worden war, eine weitere Viertelstunde später erfuhr er, diese Krankenpflegerin habe schon vor mehr als einer Stunde das Haus verlassen – für immer, wie Bath sehr gut wußte.

In einem Mietwagen fuhr Bath nach Hause. Seine Blicke waren finster, und noch finsterer seine Gedanken. McGregor war verhaftet, fünf seiner besten Leute ebenfalls, und doch war es gelungen, McGregors gefährlichsten Feind zu vergiften. Bath fiel wieder der eigentümliche Blick McGregors ein, und er begann langsam zu begreifen, daß mit McGregors Verhaftung der Kampf nicht beendet sei, sondern erst begann. Wie das möglich war, erschien unfaßbar, aber Bath glaubte daran wie an eine völlig erwiesene Tatsache.

Als der Inspektor seine Wohnungstür öffnen wollte, erwies sie sich als nicht verschlossen. Sie war nur angelehnt. Bath war bei dieser Entdeckung so erschrocken, daß er sich sekundenlang nicht von der Stelle rühren konnte und heftig zitterte. Dann hatte er sich ermannt, riß die Tür weit auf und jagte durch die Zimmer.

Das Wohnzimmer war vollkommen in Ordnung und leer. Sein Arbeitszimmer, dessen Tür offen stand, zeigte ebenfalls keine Spur von Unordnung. Auch dieses Zimmer war leer.

Unwillkürlich wurde der Schritt Baths langsamer, als er sich jetzt dem Schlafzimmer näherte. Er ahnte etwas Furchtbares, und als er die Tür geöffnet, das Licht angedreht hatte und seine Frau und drei Kinder in ihren Betten ruhig schlafend vorfand, fühlte er plötzlich eine solche Schwäche, daß er sich auf den ersten besten Stuhl fallen ließ.

So saß er, fast lag er, minutenlang, und durch sein Hirn jagten sich Gedanken und Vorstellungen, eine schauriger als die andere. Endlich hatte er sich soweit ermannt, daß er sich dem Fenster nähern konnte, auf dem er schon längst einen weißen Briefumschlag bemerkt hatte. Er ging langsam, leise, – bemüht, niemanden von den Seinen zu wecken. Und dann las er die kurze Botschaft:

»Wie mich kein Türschloß am Betreten Ihrer Wohnung hindern kann, so ist auch die mächtigste Polizei der Welt nicht imstande, mich daran zu hindern, Sie, Verräter, zu strafen.

McGregor.«

McGregor! Die Unterschrift stimmte – sie war echt, unzweifelhaft echt! Wie aber war das möglich? McGregor war doch … Er saß doch eben in diesem Augenblick sicher bewacht im Gefängnis? …

Bath lief, so schnell er konnte, in sein Arbeitszimmer, riß den Hörer vom Fernsprecher und stellte die Verbindung mit dem Polizei-Hauptquartier her.

»Ja … Ja …« sprach er aufgeregt auf den diensthabenden Beamten ein. »Hier spricht Bath, ja doch: Inspektor Bath. Stellen Sie fest, ob McGregor entflohen ist. Was? Ich weiß es genau so wenig wie Sie, wie er das fertiggebracht haben soll. Aber ich erhielt eben erst einen Brief von ihm. Einen Brief! Brief, Brief, Brief! Hören Sie schlecht? Also erkundigen Sie sich, bitte. Ich warte.«

Es vergingen fünf qualvolle Minuten, bis Bath durch den Fernsprecher folgende Meldung erhielt:

»McGregor ist nach wie vor im Gefängnis. Er soll sofort nach seiner Einlieferung eingeschlafen sein und schläft jetzt noch. Genügt Ihnen das?«

»Es genügt. Danke«, sagte Bath mutlos und hängte den Hörer mit einem hoffnungslosen Achselzucken ein.


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