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XXXIII.

Pünktlich um sechs Uhr betraten der Chefinspektor und Bath den Raum, in dem Hubert verhört wurde, eigentlich verhört werden sollte. Es war ein geräumiges Zimmer, in dem sich auffallend wenig Möbel befanden. Die ganze Einrichtung bestand aus sechs bequemen Klubsesseln, die einen Halbkreis bildeten, und aus einem einfachen Tisch und Stuhl in der Ecke, wo ein Schreiber saß. Den Mittelpunkt bildete ein Stuhl, auf dem Hubert saß.

Seine Hände steckten in Stahlklammern, so daß an irgendeinen törichten Fluchtversuch gar nicht zu denken war. Ein Riemen, quer über die Brust gespannt, fesselte ihn außerdem an die Stuhllehne, und bei näherem Zusehen erkannte man, daß die Füße dieses Stuhles in den Boden eingeschraubt waren.

Zwei der Klubsessel waren leer, in den vier anderen saßen Männer, die Beine übereinandergeschlagen, auf den Knien ein Blatt Papier, in der Rechten einen Bleistift, in den Fingern der Linken oder zwischen den Lippen eine Zigarre. Sie saßen stumm da und hielten ihre Blicke auf Hubert gerichtet. Niemand sprach ein Wort, auch Hubert nicht.

Lincoln und Bath ließen sich in den für sie bestimmten Sesseln nieder. Jeder legte einen Bogen Papier vor sich hin, und jeder hielt eine Zigarre in den Fingern.

Totenstille.

Bath betrachtete aufmerksam den schwarzen Schatten hinter Hubert. Der Inspektor saß etwas seitlich von ihm, so daß er den Schatten genau sehen konnte. Es war etwas Gespenstisches an diesem Schatten, der so wirkte, als befände sich ein zweiter Mensch hinter ihm – ebenso leblos und ebenso stumm.

Bath fuhr aus seinen Gedanken auf, denn der Schatten hatte sich bewegt. Gleich darauf sprach Hubert. Er sprach ruhig, aber seine Stimme verriet Gereiztheit:

»Wie lange soll denn dieses Affentheater dauern?«

Stille. Keine Antwort.

Eine Weile schwieg auch Hubert, dann begann er aufs neue:

»Ihr seid ne richtige Schweinebande! Einen wehrlosen Menschen hier einsperren und anstarren! He? Und Ihr bildet euch wohl wirklich ein, Hubert würde etwas sagen? Ha, ha, ha! Stundenlang kann das dauern! Stundenlang!«

Niemand antwortete.

»Wie in der Kirche!« rief Hubert. »Wenn der Pfarrer spricht, haben alle anderen zu schweigen. Aber wenn der Pfarrer dann Amen sagt, dann geht das Gegacker wieder los. Ha! Amen! Hubert, Pfarrer Hubert sagt Amen! Verstanden? … He? Habt wohl Wasser in die Mäuler genommen? Antworten! Antworten! … Nee, so ne Schweinebande!«

Huberts Stimme verlor sich im Gemurmel. Dann schwieg auch er.

Bath betrachtete wieder den Schatten. Das war nicht so quälend, als das Gesicht dieses Menschen anzusehen. Er litt. So sehr er sich auch beherrschte, man sah es, wie er litt. Dieses stumme Verhör mußte eine Qual sein.

Bath wollte das Gesicht Huberts nicht sehen. Er schloß die Augen, obwohl er das eigentlich nicht durfte. Doch verließ er sich, darauf, daß fünf andere Augenpaare den Verhörten wie mit Zangen festhielten.

Eine halbe Stunde verging, dann noch eine. Hubert hielt sich großartig. Drei Stunden und noch kein Wort verraten? Das kam selten vor.

Hier und dort flammten Streichhölzer auf: Die ausgegangenen Zigarren wurden wieder in Brand gesetzt.

»Ich möchte rauchen«, sagte Hubert plötzlich ganz leise, ganz zahm.

Keine Antwort.

»Ich möchte rauchen«, sagte Hubert wieder, etwas lauter

Völlige Stille.

»Ich will rauchen! Ich will rauchen!« schrie Hubert laut auf, aber auch jetzt blieb es ringsherum still.

Bath hatte die Augen geöffnet und starrte Hubert an. Er sah deutlich die Schweißtropfen, die sich bei ihm auf der Stirn bildeten. Jetzt tropfte einer über die Stirn, und Hubert hob die gefesselten Hände, um den Tropfen gleich einer lästigen Fliege zu verscheuchen.

In der Ecke flammte einmal rotes Licht auf. Nach einer Weile wieder – zweimal hintereinander. Das war ein Zeichen, daß von den Verhörenden die Herren eins und zwei draußen gewünscht wurden. Eins war Lincoln, zwei war Bath.

Beide erhoben sich lautlos und schlichen zur Tür. Hinter einem schweren, dunklen Vorhang verschwanden sie, dann erst öffneten sie die Tür. Kein Lichtstrahl durfte von draußen hierher fallen.

Im Gang erwarteten sie zwei Beamte.

»Hier sind die Abendblätter mit der Anzeige«, sagte der eine und reichte Lincoln mehrere noch feuchte Zeitungen. »Soeben erschienen, aber da ist schon ein Mann, der die tausend Dollar verdienen will.«

»Fixer Kerl«, sagte Lincoln und las die Anzeige aufmerksam durch. »Führen Sie ihn her. Ich will mich von hier nicht entfernen.«

Ein Mann wurde herbeigeführt. Er war klein von Wuchs, schlecht gekleidet, unrasiert und sah halb verhungert aus.

»Bin ich der erste?« war seine besorgte Frage.

Lincoln sah ihn scharf an. Er wunderte sich, warum der Mann so heftig atmete.

»Leiden Sie an Atemlosigkeit« fragte er, obwohl ihn das im Augenblick sehr wenig kümmerte.

»Nein, aber … ich bin so gerannt … gerannt … Tausend Dollar … Ich habe Kinder … Nichts zu essen … Hatte kein Geld für ein Taxi …«

Ein Beamter trat näher. In seiner Begleitung befand sich ein elegant gekleideter junger Mann von etwa zwanzig Jahren.

»Da ist noch ein Herr, der uns das Rätsel lösen will«, sagte der Beamte.

Der erste Mann warf dem Neuankömmling einen haßerfüllten Blick zu.

»Ich … ich …« stammelte er. »Ich war zuerst … bin so gerannt … gerannt …«

»Führen Sie diesen Herrn in ein Zimmer. Er möchte warten«, ordnete Lincoln zur unendlichen Erleichterung des schlecht gekleideten Mannes an. »Wenn noch jemand kommt, – alle möchten warten.« Er sah wieder den kleingewachsenen Mann vor sich an. »Nun, legen Sie mal los. Ich habe nicht viel Zeit.«

»Gestatten Sie die Zeitung«, sprach der Mann eifrig. »Ich hatte kein Geld, mir eine Nummer zu kaufen. Sah nur über die Schulter, wie ein anderer las. Also das hier«, und er tippte auf die Anzeige, »ist gar keine Geheimschrift. Bekomme ich jetzt auch mein Geld?«

Aus den Augen des Mannes sprach eine solche Angst, daß Lincolns Herz wie Butter schmolz.

»Sie bekommen Ihr Geld, wenn Sie uns als erster diese Buchstaben entziffern, ob sie nun eine Geheimschrift sind oder nicht.«

»Gut. Gut! Also … das ist nämlich Russisch! Russisch, verstehen Sie?«

»Nein. Es sind doch nur Buchstaben, englische Buchstaben!«

»Ja, aber sie ergeben ein russisches Wort! Hier: K-O-N-E-Z! Das heißt: Ende! Ende, Ende, verstehen Sie?«

»Hm … und die Buchstaben F. i. T.?«

»Der Buchstabe ›i‹ ist auch Russisch. Er bedeutet: und. Ganz einfach: und! Die Buchstaben F. und T. dagegen werden Namen bedeuten. Sagen wir also: Flint und Thomson – Ende. – Verstehen Sie?«

»Hm …«

Bath mischte sich ein:

»Zahlen Sie dem Mann tausend Dollar und halten Sie sich nicht länger auf, Chefinspektor. Die Nachricht lautet: Flannagan und Tamara erledigen! McGregor.«

Lincoln sah erst Bath, dann den Mann neben sich starr an. Er nickte flüchtig.

»Leuchtet mir ein. Hallo, Smith«, wandte er sich an einen der Beamten. »Gehen Sie mit dem Mann zu Schtschawelsky, Zimmer 77, und fragen Sie dort, ob die Übersetzung so stimmt. Schtschawelsky ist Russe. Wenn sie stimmt, veranlassen Sie, daß der Mann noch heute zwanzig Dollar bekommt und morgen vormittag die restlichen neunhundertachtzig.«

Es machte ganz den Eindruck, als wolle das schmächtige Männchen einen Luftsprung machen.

»Ich danke, danke, Polizeichef! Ich würde Sie gern einmal mit meiner Frau bekannt machen, aber unsere Wohnung …«

»Schon gut«, wehrte Lincoln ab. Er sah wieder Bath an. »Es eilt, Inspektor«, sagte er nachdrücklich. »Flannagan drohte das. Schlimmste und Miß Harrogate ebenfalls. Wir müssen Hubert schneller zum Sprechen bringen.«

»Ja, ja … Aber wie?«

Lincoln runzelte die Stirn.

»Wollen mal sehen. Ich habe einen Gedanken.«

Entschlossen öffnete er die Tür und betrat, gefolgt von Bath, wieder lautlos den Verhörraum.


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