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XI.

McGregor liebte die Pünktlichkeit, und alle seine Untergebenen wußten das. Es waren daher um zwei Uhr nachts, als die Uhr zum Schlage ausholte, alle Beteiligten versammelt.

In einem großen, düster erleuchteten Saal saß McGregor in einem tiefen Polstersessel. Um ihn herum standen vier Männer und vor ihm noch zwei – Bath und Strong. Während die vier anderen Männer ihre Blicke erwartungsvoll auf McGregor gerichtet hatten, betrachteten Bath und Strong ihre Umgebung und suchten den Sinn der Vorbereitungen zu erfassen, die hier getroffen worden waren. Bath zeigte dabei eine gleichmütige Miene, das Gesicht Strongs dagegen spiegelte Angst wider.

In der Mitte des Saales war ein großer Raum kreisförmig mit Seilen abgesteckt. Das war der Platz für den bevorstehenden Zweikampf – jedem leuchtete das ein. Weniger verständlich aber war der Umstand, daß innerhalb dieses Kreises der Parkettboden mit grobem Kies – aber nicht zu dick – bestreut war. Ein Verbandskasten auf einem der Stühle, zwei schwarze Seidentücher und zwei lange Spieße in der Ecke – das war alles, was noch zu dem Zweikampf nötig war. Die Besorgnis Strongs erschien nicht ganz ungerechtfertigt, denn McGregor war als ein grausamer Herrscher bekannt.

»Also der Fall liegt so«, begann McGregor und atmete hastig. »Zwei meiner Leute beschuldigen einander wegen Verrats. Beschuldigung steht gegen Beschuldigung, irgendwelche Beweise gibt es nicht. Ich habe beiden Männern Gelegenheit gegeben, ihre Treue unserer Sache gegenüber zu beweisen, indem sie jeder eine höchst gefährliche Aufgabe schnell lösten. Beide haben es getan. Strongs Opfer befindet sich bereits mit drei Revolverschüssen im Leichenschauhaus, Baths Opfer, schwer vergiftet, weilt im Krankenhaus, und die Ärzte haben so gut wie keine Hoffnung. Somit hat auch dieser Versuch, die Lage zu klären, zu nichts geführt. Es bleibt also bei dem beschlossenen Zweikampf. Dieses Gottesgericht soll entscheiden. Einer – der Schuldige – wird hier als Leiche zurückbleiben, der andere erhält von Dr. Dickens alle nötigen, sorgfältig vorbereiteten Papiere, um ohne Verzug über die Grenze zu verschwinden. Und nun wird Ihnen, meine Herren, Dr. Dickens die Regeln erklären, nach denen der Zweikampf vor sich zu gehen hat.«

Einer der vier Männer trat vor und begann sofort mit den Erläuterungen:

»Gekämpft wird mit entblößtem Oberkörper, mit verbundenen Augen und mit Hilfe dieser zwei altertümlichen Spieße«, sagte er so ruhig, als habe er täglich solche Erklärungen zu geben. »Es wird fünfzehn Minuten lang gefochten, dann tritt eine Pause von fünf Minuten ein, und sodann wird wieder fünfzehn Minuten lang gekämpft. Das geht so weiter, bis der eine der Kämpfenden tot ist. Innerhalb des abgesteckten Kreises ist alles erlaubt: Man darf stehen, laufen, kriechen; man darf nicht nur mit dem Spieß, sondern auch mit Händen und Füßen kämpfen. Nur den Kreis verlassen darf man nicht. Tut das einer der Kämpfenden, so darf der andere ihn nachher einfach abschlachten. Ein Verlassen des Kreises ist also gleichbedeutend mit dem Tode. Haben die Herren noch irgendwelche Fragen?«

Bath hatte keine Fragen, Strong jedoch stotterte etwas. Er mußte es mehrmals wiederholen, bis man ihn verstand.

»Aha!« sagte Dr. Dickens. »Er meint, was geschehen würde, falls beide Kämpfenden sich nicht von der Stelle zu rühren wagen.«

McGregors Gesicht wurde rot vor Ärger, aber ehe er etwas sagen konnte, mischte sich Bath ein:

»Die Frage ist überflüssig«, sagt er kühl. »Ich kann Mr. Strong die Versicherung geben, daß einer der Kämpfenden ganz bestimmt wagen wird, sich von der Stelle zu rühren.«

Dr. Dickens räusperte sich.

»Wir wollen also anfangen«, begann er, doch McGregor unterbrach ihn:

»Hat einer von den Herren vielleicht noch eine Bitte?« fragte er überaus freundlich.

Diesmal war es Bath, der noch etwas auf dem Herzen hatte:

»Ich möchte bitten, alle fünf Minuten lang die Zeit anzugeben«, sagte er ruhig.

»Kann geschehen«, äußerte McGregor beifällig. »Das erhöht sogar den Reiz. Aber ich meine etwas anderes: Sie haben doch Familie. Wünschen Sie Ihrer Frau nichts mitzuteilen für den Fall, daß Sie nachher tot sind?«

»Nein«, sagte Bath fest. »Ich werde nicht tot sein. Fragen Sie Strong.«

»Nun, lieber Strong?« erkundigte sich McGregor, dem Baths Antwort sichtlich gefallen hatte.

Auch Strong lehnte jede Nachricht an seine Frau ab. Vielleicht tat er es auch nur, weil ihm das Sprechen schwer fiel.

»Nun, darf ich also bitten«, forderte Dr. Dickens auf.

Rasch hatte Bath den Rock, die Weste abgeworfen und das Hemd ausgezogen. Er schnürte den Riemen fester um die Hose und sah erwartungsvoll auf Strong, der sich abmühte, das Hemd herabzuziehen. Der Doktor mußte ihm behilflich sein, so sehr hatte die Furcht ihn gefangen genommen.

Jetzt brachte Dr. Dickens den Kämpfern die Spieße. Bath besah sich aufmerksam die Waffe, prüfte ihre Festigkeit und fuhr damit ein paarmal durch die Luft. Strong hielt seinen Spieß krampfhaft fest und machte nicht einmal den Versuch, so zu tun, als ob er ihn prüfe.

»Nun die Tücher!« Dr. Dickens umhüllte erst den Kopf Baths mit dem Tuch, und zwar so, daß das Tuch jede, auch die geringste Möglichkeit des Sehens ausschloß. Es war dreimal zusammengefaltet und wurde unten am Hals um den Kopf festgebunden. Dann erst macht der Doktor einen Einschnitt zwischen Mund und Nase, der das Atmen ermöglichte. Da außerdem auf den Augen mit einer schmalen Binde Watte befestigt worden war, erschien es wirklich unmöglich, irgend etwas ringsherum zu erkennen.

»Beide Kämpfenden sind fertig«, erklärte der Doktor nach einer Weile, und sowohl Strong als auch Bath fühlten sich bei den Händen genommen und zum Kreise geführt. Sie wurden aufgefordert, sich zu bücken, und unter dem Seil durchzuschlüpfen, und nun befanden sie sich innerhalb des schrecklichen Kreises.

Der Kies knirschte unter ihren Schritten, und jetzt war sein Zweck klar: Nach dem Gehör sollten sich die Kämpfenden über die Bewegungen des Gegners unterrichten.

»Die Uhr ist jetzt fünfundzwanzig Minuten nach zwei«, sagte McGregor. »Doktor, geben Sie das Zeichen zum Beginn.«

»Eins, zwei, drei – los!« befahl der Doktor laut.

Bath und Strong standen sich unmittelbar gegenüber, jeder mit dem Rücken am Seil. Sie brauchten nur ein, zwei Schritte vorwärts zu machen, um auf den Gegner zu stoßen. Keiner aber tat diese zwei Schritte. Bei dem Befehl »Los!« sprang Strong nach rechts und stand dann still da; Bath aber hatte sich sofort niedergeduckt und war geschmeidig einige Schritte nach links gekrochen. Und jetzt befanden sie sich, ohne es zu ahnen, dicht nebeneinander und hielten die Spieße weit vorgestreckt, nach dem Innern des Kreises gerichtet.

Es war ganz still geworden. Nur McGregors Schnaufen störte ab und zu die unheimliche Lautlosigkeit.


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