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II.

Eine halbe Stunde später verließ Mr. Harrogate das Gebäude des Polizeihauptquartiers. Sein Gesicht drückte deutlich erkennbar Unzufriedenheit aus, – noch mehr Unzufriedenheit als vor anderthalb Stunden, da er das Gebäude betreten hatte.

Er ging an einen harrenden Wagen heran, öffnete den Schlag und nahm neben seiner Tochter Platz, die am Steuer saß.

»East 23-rd Street?« fragte sie kurz.

Er nickte schweigend, und der Wagen setzte sich in Bewegung.

In der East 23-rd Street wohnte der Privatdetektiv Flannagan. Ohne daß Harrogate seiner Tochter auch nur ein Wort über seine Unterredung mit dem Chefinspektor gesagt hatte, war zunächst doch alles Wichtige zwischen ihnen besprochen. Wenn der Vater zu Flannagan fuhr, bedeutete es, er sei mit dem Erfolg seiner Unterredung nicht zufrieden. Dasselbe sagten die senkrechten Falten auf seiner hohen Stirn. Wozu also Fragen stellen?

»Tamara …«, begann Harrogate nach einer Weile, dann schwieg er wieder nachdenklich.

Seine Tochter hieß tatsächlich Tamara. Den schweren Fehler, den er begangen, als er seinem ersten Kind diesen gar nicht amerikanischen Namen gab, konnte sich der Patriot Harrogate nie verzeihen. Er mußte verrückt gewesen sein – das war seine ehrliche Überzeugung bis auf den heutigen Tag. Es war eine Nottaufe gewesen – das Leben von Mutter und Kind schwebte tagelang in Gefahr –, und als der herbeigerufene Pfarrer im letzten Augenblick nach dem Namen fragte, den das Kind bekommen sollte, da stellte es sich heraus, daß Harrogate alle die schönen Namen, die er und seine Frau schon lange vorher ausgesucht, vergessen hatte, einfach vergessen! In seinem Schmerz und in seiner Angst fiel ihm nur der Name Tamara ein, der aus einem kürzlich gelesenen russischen Roman stammte. So kam es, daß die Tochter eines amerikanischen Patrioten einen ganz und gar nicht amerikanischen Namen erhielt.

»Tamara!« sagte Harrogate wieder, und dann erzählte er zornig von seiner Besprechung mit Lincoln und von deren geringen Erfolgen.

»Einen Japaner!« rief er endlich aus. »Ausgerechnet einen Japs hat er mir zugedacht! Wie findest du das?«

Tamara überholte erst einen Wagen und winkte freundlich einem Polizisten zu, der seine Hand nach dem Notizbuch ausgestreckt hatte und der daraufhin sofort seine böse Absicht aufgab, sie wegen zu schnellen Fahrens aufzuschreiben. Dann blickte sie schräg zu ihrem Vater auf.

»Das ist natürlich schrecklich«, stellte sie fest. »Aber schließlich kann ein Japaner ganz tüchtig sein, und ein Mann, der zu der Erpresserbande Verbindung hat, eignet sich wohl am besten dazu, uns das Kind wiederzufinden.«

»Aber es ist dennoch schrecklich«, beharrte er.

»Gewiß«, bestätigte sie freundlich, worauf er, zufrieden über die Übereinstimmung ihrer Meinungen, ein paarmal nickte.

Der Wagen hielt.

»Im fünften Stock muß es sein«, rief Tamara dem aussteigenden Vater nach. Dann machte sie sich daran, ihr Gesicht im Handspiegel zu betrachten und alle etwaigen Mängel zu verbessern. Es gab aber nichts zu verbessern, denn Tamara war sehr schön, allerdings nicht ganz nach dem amerikanischen Geschmack. Man hätte das blonde Mädchen mit den klugen, entschlossenen Gesichtszügen und den hellen, blauen Augen viel eher für eine Schwedin gehalten.

Das Haus, in dem Flannagan wohnte, machte einen unfreundlichen, düsteren Eindruck. Zu Mr. Harrogates großem Mißvergnügen gab es hier nicht einmal einen Fahrstuhl. Ob er wollte oder nicht, er mußte sich an die saure und ungewohnte Arbeit machen, fünf Stockwerke hochzuklettern. Es war daher begreiflich, daß sich seine Stimmung keineswegs verbessert hatte, als er endlich schwer atmend mit der Faust gegen eine Tür hämmerte, denn es mangelte hier sogar eines Klingelknopfes.

»Mr. Flannagan zu sprechen?« herrschte er ein junges Mädchen an, das einen schauerlichen Eindruck auf ihn machte. Sie hatte die Tür geöffnet, stand da und starrte ihn an, als sei er ein Wesen aus einer anderen Welt. Er betrachtete sie prüfend, und seinen Blicken entging nichts:

Weder ihr zerzaustes Haar, noch der gewöhnliche Gesichtsausdruck; auch nicht der zerrissene Rock und die ausgetretenen Hausschuhe.

»Mr. Flannagan?« fragte sie und sah ihn recht blöde an. »Mr. Flannagan – ?«

»Natürlich Mr. Flannagan!« sägte er böse. »Habe ich das nicht deutlich genug gesagt?«

Sie trat beiseite und machte eine hilflose Bewegung mit der Hand. Diese Bewegung konnte ebensogut eine Aufforderung näherzutreten sein, als auch der Ausdruck von Abwehr. Harrogate faßte es so auf, wie er es wollte und trat in den dunklen Vorraum ein. Jetzt vernahm er aus einem der Zimmer deutlich das Grölen und Kreischen von Stimmen, und bei diesen Lauten, machte er unwillkürlich einen Schritt zurück. Dann aber dachte er an sein Kind und an alles, was er über die Fähigkeiten dieses Flannagan gehört hatte, und wandte sich heftig an das Mädchen:

»Führen Sie mich zu Mr. Flannagan, Nun? Was stehen Sie da und stieren mich an? Nein, ein solches Dienstmädchen ist mir doch Zeit meines Lebens noch nicht vorgekommen.«

»Ich bin gar kein Dienstmädchen«, sagte das zaghafte junge Mädchen plötzlich sehr laut.

»Nicht das Dienstmädchen?« wiederholte er. »Sie sind nicht das Dienstmädchen von Mr. Flannagan?«

»O nein«, erwiderte sie. »Ich bin seine Braut.«

Harrogate schluckte ein paarmal, ehe er ein Wort hervorbringen konnte.

»Alle guten Geister …« murmelte er endlich erbittert. »Wo … wo ist Ihr … hm … Bräutigam?«

»Dort«, sagte sie und wies auf eine Tür.

Harrogate klopfte entschlossen an und trat ein.

Das, was er jetzt zu sehen bekam, hatte er noch nie gesehen. Er hätte ein ähnliches Bild in irgendeinem Film sehen können, aber Mr. Harrogate ging nie ins Kino. Drei, nein vier junge Männer saßen mehr liegend als sitzend um einen Tisch herum und spielten Karten. Das Zimmer war so vollgequalmt, daß man kaum zwei Schritte weit sehen konnte, und auf dem Tisch erschienen daher wie in fernem Nebel ganze Wälder von Flaschenköpfen. Auf dem Boden lagen zerbrochene Gläser in schmierigen, dunklen Pfützen. Die Männer selbst hatten die Röcke abgelegt und die Westen aufgeknöpft, so daß man ihre wenig sauberen Hemden sehen konnte.

»Harrogate ist mein Name«, erklärte der Eingetretene. »Wer von Ihnen ist Mr. Flannagan?«

Einer der jungen Männer – vielleicht der wildeste von ihnen – hob bedeutsam den Zeigefinger. Eine deutlichere Antwort zu geben, schien er für überflüssig zu halten.

»Also Sie – – –!« sagte Harrogate und bohrte seinen Blick durch den Rauchnebel in den jungen Mann. Aber vergeblich suchte er in diesem Gesicht nach Spuren von dem vielgerühmten Geist; er sah das Gesicht eines Mannes, der dem Alkohol völlig verfallen schien. Alles in seinem nicht häßlichen Gesicht war unklar, verschwommen; nichts deutete auf Tatkraft oder Geist. Die hohe Stirn vielleicht? Ja, er schien wenigstens eine hohe Stirn zu haben, aber auch davon sah man nicht viel, da seine zerrauften, schwarzen Haare ihm tief ins Gesicht hingen.

»Ich bin Harrogate«, sagte der Besucher nach einer Weile mit Nachdruck und schwieg erwartungsvoll.

Die Lippen Flannagans verzogen sich zu einem Grinsen.

»Ich bin Flannagan«, sagte er im selben Tonfall, mit derselben Miene wie Harrogate. Seine drei Freunde brachen in ein schallendes Gelächter aus, das aber unter Flannagans drohendem Blick sofort wieder verstummte.

»Sie kennen mich nicht?« fragte Harrogate ein wenig erstaunt. Er war tatsächlich eher erstaunt als verärgert darüber, daß ihn dieser junge Mann nicht zu kennen schien.

»Ich kenne Ihre Gummifabrik«, erwiderte Flannagan ruhig.

»Das genügt«, versetzte Harrogate und hatte nicht die geringste Lust, darüber nachzudenken, was Flannagan mit seinen letzten Worten eigentlich gemeint haben konnte. »Hauptsache ist, Sie wissen: Vor Ihnen steht ein Mann, der gut bezahlt, sehr gut bezahlt, wenn man ihm einen Dienst erweist.«

Flannagan schüttelte den Kopf.

»Ich erweise keinerlei Dienste, niemandem!« sagte er und wurde dabei etwas heftig. »Ich brauche Ihr Geld nicht, und ich denke auch nicht ans Arbeiten. Wenn Sie Ihren Sohn wiederhaben wollen, müssen Sie sich an andere wenden.«

»Wir werden uns schon einigen«, lautete die vorsichtige Antwort Harrogates. »Ich sehe, Sie wissen über meine Sache schon Bescheid. Das ist gut, das ist sehr gut! Das erleichtert den Fall, nicht wahr? Ich denke, auch Sie sind der Meinung, mein Sohn könne noch gerettet werden? Nicht wahr, Mr. Flannagan?«

»Ihren Sohn hat die McGregorsche Bande geraubt«, sagte Flannagan. »Ich verrate damit kein Geheimnis, denn das weiß sogar die Polizei. McGregor wollte von Ihnen ein Lösegeld von zweihunderttausend Dollar. Sie haben nicht gezahlt, sondern die Polizei verständigt. Dafür wird McGregor jetzt zur Strafe Ihren Jungen umbringen. So liegt der Fall. Und da ist gar nichts zu machen. Gar nichts.«

Von diesen bestimmten Äußerungen war Harrogate so niedergeschmettert, daß er sich auf den einzigen noch freien Stuhl niederließ, ungeachtet dessen, daß dieser Stuhl einen recht unsauberen Eindruck machte.

»Aber … aber ich will doch jetzt zahlen«, stöhnte er. »Ich habe es den Kerlen geschrieben, mehrmals geschrieben …«

»Das nützt nun nichts mehr«, erklärte Flannagan erbarmungslos. »Was McGregor sagt, das tut er auch. Und er wird an Ihnen – wie man so sagt – ein Exempel statuieren, zur Warnung für alle anderen, die je noch Lust bekommen sollten, sich mit der Polizei in Verbindung zu setzen. Übrigens ein ganz vorzüglicher Gedanke. Der Fall wird Eindruck machen, einen tiefen Eindruck machen. Ich bin überzeugt davon.«

»Sie sind unmenschlich«, murmelte Harrogate verstört. »Sie nehmen mir die letzte Hoffnung … Vielleicht tun Sie es nur und reden so nur, weil Sie getrunken haben. Ich hätte wiederkommen sollen, wenn Sie nüchtern sind …«

»Hahaha!« lachte Flannagan auf. »Mit Flannagan können Sie nur reden, wenn er besoffen ist. Nüchtern sind seine Gedanken nicht fünf Cent wert. Hach! Können Sie mir vielleicht fünf Dollar leihen? Ich verachte Ihr Geld, und Sie bekommen es auch bestimmt zurück – – –«

»Hier sind zwanzig Dollar«, sagte Harrogate hastig und reichte dem Hausherrn einen Schein. »Und von Zurückgeben wollen wir – – –«

Aber Flannagan hörte nicht mehr auf ihn.

»Tamara!« brüllte er aus vollem Halse. »Tamara, komm her, holdes Mädchen!«

»Wer ist … Tamara?« fragte Harrogate entsetzt, aber er ahnte schon die Antwort.

»Meine Braut«, sagte Flannagan ruhig. »He, Tamara!« rief er dem eintretenden Mädchen zu. »Hol Bier! Zehn Flaschen! Fünfzehn Dollar bringst du dem Herrn hier zurück, verstanden? Ich bin kein Bettler. Ich habe fünf Dollar gepumpt und nehme nicht zwanzig geschenkt, übrigens ist das ganz dasselbe – von einem höheren Standpunkt aus betrachtet. Also, Tamara, zehn Flaschen Bier, und dann zwei Flaschen Spiritus von Thomson. Und für den Rest etwas zu essen.«

Tamara verschwand lautlos, schweigend, einen üblen Küchengeruch hinterlassend.

»Ich bin überzeugt, Sie könnten mir helfen«, begann Harrogate aufs neue.

»Ich kann nicht, und ich will nicht«, war die störrische Antwort. »Trinken Sie ein Glas Bier mit? Nein? Ist Ihnen wohl zu gewöhnlich? Tut mir leid, Champagner führen wir nicht. Hahaha!«

»Sie sagten mir, McGregor täte immer das, was er verspricht«, fuhr Harrogate unbeirrt fort. »Aber wissen Sie denn, was er mir geschrieben hat? Den Kopf meines Kindes würde er mir schicken, ja, zum Beweise, daß mein Kind tot sei.«

»Wird er tun, verlassen Sie sich darauf. Was McGregor sagt, das gilt.«

»Haben Sie denn gar kein Mitgefühl? Ich biete Ihnen fünfzigtausend Dollar, wenn Sie mir mein Kind lebend wiederbringen. Fünfzigtausend!«

»Ich brauche Ihr Geld nicht!« rief Flannagan erzürnt. »Haben Sie das denn noch immer nicht begriffen? Sie können ebensogut sagen: fünfhunderttausend. Ich will nicht, ich will nicht, und ich will nicht!«

Tamara trat ein und brachte einen Korb mit Flaschen, die sie schnell auf dem Tisch gegen die leeren vertauschte.

»Trink nicht so viel«, raunte sie Flannagan zu, aber er stieß sie rauh von sich und goß sich ein Glas voll Spiritus und Bier und trank dieses Gemisch in einem Zuge aus.

»Ich verkomme, ich gehe zugrunde!« brüllte er und lachte. »Nun gut, das sagen sie alle, alle! Auch Sie, Mr. Harrogate sind dieser Meinung, aber Sie haben nicht die Spur von Mitgefühl. Sie wollen mich nur ausnützen! Ha! Und wenn Sie etwa Mitgefühl hätten, dann … dann hätte ich Sie schon längst zum Teufel gejagt. Flannagan braucht euer Geld nicht, und er braucht auch euer Mitgefühl nicht. Aber er hat auch für euch kein Mitgefühl. Ihr Kind? Was geht mich Ihr Kind an? So wenig wie Ihre Gummiwaren! So, jetzt wissen Sie alles, und nun wollen wir weiterspielen. Sie werden uns nicht stören wollen, Mr. Harrogate. Leben Sie wohl!«

Harrogate rührte sich nicht von seinem Platz. Er hatte ein Gefühl, als würde ein Weggehen seinerseits das Todesurteil für sein Kind bedeuten. Dieser Mann, dieser versoffene, verkommene Mensch konnte es retten; Harrogate wußte nicht, woher er diese Überzeugung hatte, aber sie war da, unwandelbar, unbeirrbar. Dieser konnte es, und nur dieser!

Klatschend fielen die Karten. Niemand beachtete Harrogate mehr, den reichen Harrogate, vor dem Tausende von Angestellten zitterten, vor dessen Geld bisher noch jeder Mensch die erforderliche Ehrfurcht gezeigt hatte. Er saß da wie ein Bettler, und er fühlte sich schlimmer als ein Bettler.

»Ha!« rief Flannagan. »Ich habe fünfzig Cent gewonnen!«

»Ich biete Ihnen zweihunderttausend Dollar«, sagte Harrogate leise, mit schwankender Stimme.

»Du gibst jetzt Karten«, bestimmte Flannagan, ohne die Worte Harrogates weiter zu beachten.

»Wieviel wollen Sie?« schrie Harrogate plötzlich gequält auf. »Nennen Sie Ihren Preis! Was verlangen Sie von mir für das Leben meines Kindes! Mann, so reden Sie doch!«

Flannagan sah von seinen Karten auf, unwillig abwehrend, wie man auf einen lästigen, zudringlichen Menschen blickt, den man durchaus nicht los werden kann.

»Wissen Sie was?« sagte er ärgerlich. Dann schwieg er, denn die Tür hatte sich geöffnet, und auf der Schwelle erschien Tamara Harrogate, »He!« rief Flannagan zornig. »Wer sind Sie? Was wollen Sie hier?«

»Ich bin Tamara Harrogate«, sagte das junge Mädchen und sah Flannagan fest ins Gesicht. »Das ist mein Vater.«

»Tamara – – –« sagte Flannagan nachdenklich. »Tamara – – –« Dann wandte er sich wieder Harrogate zu. »Meinen Preis wollten Sie wissen? Was ich für das Leben Ihres Kindes verlange, wünschten Sie zu hören? Nun, ich will es billig machen …« Ein häßliches Lächeln umspielte seine Lippen: »Ich schenke Ihnen das Leben Ihres Kindes, ich schenke es Ihnen, wenn Sie und Ihre Tochter gemeinsam mit meinen drei Freunden heute zum Abendessen die Gäste von mir und meiner Braut im Pennsylvania Hotel sein wollen.«

Sekundenlang durchschwirrten das Hirn Harrogates Gedanken an das Tolle dieser Forderung, Gedanken über das Aufsehen, das dieses Abendessen im größten Hotel New Yorks erregen würde und dann wieder Gedanken darüber, daß eine Absage jetzt gleichbedeutend dem völligen Bruch mit diesem Manne sei. Ehe er aber zu einem Entschluß kommen konnte, vernahm er die ruhige Stimme seiner Tochter:

»Mein Vater und ich danken Ihnen und Ihrer Braut für die Ehre. Wir werden Ihrer Einladung gern Folge leisten.«


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