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I.

Mr. Harrogate hatte seinen Bericht beendet. Alles, was ein schmerzerfüllter Vater dem Leiter einer völlig unfähigen Polizei sagen konnte, war gesagt worden, und Mr. Harrogate empfand jetzt neben der Erleichterung, die ihm sein Erguß verschafft hatte, auch ein Gefühl der Leere und Hoffnungslosigkeit. Was für einen Zweck hatten denn seine langen Auseinandersetzungen? Würden sie ihm sein Kind wiederbringen? Und nur darauf allein kam es ihm doch an!

Lincoln, Chefinspektor – der New Yorker Polizei, hatte seinen Besucher aufmerksam angehört und dabei auf einen Bogen Papier ein sauber gezirkeltes Fragezeichen neben das andere gemalt. Diese Zeichen bezogen sich aber in keiner Weise auf die Rede Mr. Harrogates.

»Drei Detektive haben versagt, behaupten Sie«, meinte Lincoln nach kurzem Schweigen nachdenklich und betrachtete seine Fragezeichen.

» Vier Detektive!« betonte Mr. Harrogate aufgebracht.

»Es waren wirklich nur drei«, widersprach der Chefinspektor sanft.

»Vier waren es!« rief Harrogate mit erhobener Stimme. »Vier versagten – einer nach dem anderen. Was jetzt? Denken Sie vielleicht, ich warte, bis alle Ihre Detektive ihre Unfähigkeit bewiesen haben? Nein, ich weiß, was ich tue: Ich gehe zu Flannagan!«

Die letzten Worte hatte er im Tone einer furchtbaren Drohung hervorgestoßen, und sie verfehlten ihre Wirkung auch nicht ganz: Lincoln sah überrascht auf, musterte eine Weile das hagere, bleiche Gesicht seines Gegenübers, und dann nahmen seine Züge den Ausdruck eines mitleidige Zweifels an.

»Flannagan?« sagte er gedehnt. »Haben auch Sie schon von ihm gehört? Ein ausgesprochener Säufer, ein durch und durch unzuverlässiger Mensch, den wir aus dem Dienste entlassen mußten – – –«

»Er soll aber sehr tüchtig sein!«

»Tüchtig? Er war es vielleicht einmal, aber jetzt hat sein Geist schon merklich gelitten, und das wirkt sich bei der Arbeit aus. Und außerdem – was wollen Sie? – Ich glaube nicht, daß Flannagan einen Auftrag von Ihnen annehmen wird.«

»Warum nicht?« fragte Harrogate heftig.

»Er behauptet, er arbeite nicht für Geld, sondern nur, wenn es ihm Vergnügen mache.«

Harrogate lachte gereizt auf.

»Das wird sich schon geben. Den Menschen möchte ich sehen, der einen Auftrag Harrogates ablehnt!«

»Gehen Sie zu Flannagan, und Sie werden ihn sehen«, erwiderte Lincoln ruhig. »Das können Sie tun oder auch lassen – ganz wie Sie wollen. Ich denke darüber, wie ein Arzt über die Wirkung eines harmlosen Kräutertees denkt: Es wird nicht nützen, kann aber jedenfalls nicht schaden Neben diesem Kräutertee muß aber der Kranke eine wirkliche Arznei bekommen. Und darum will ich Ihre Sache jetzt meinem besten Mann, dem Detektiv Bath übergeben – – –«

»Ich will von Ihren Detektiven nichts mehr wissen' Ich – – –«

»Bath wird Ihnen helfen, bestimmt.«

»Wenn das so sicher ist, – warum übergaben Sie ihm den Auftrag nicht gleich?«

»Erpressungsfälle dieser berüchtigten Bande übergeben wir Bath nur im äußersten Fall, weil nämlich – – –«

Lincoln schwieg.

»Gut«, erklärte Harrogate düster. »Ich bin bereit, Ihrem Rate zu folgen und mit diesem Bath mein Glück zu versuchen. Wollen Sie ihn hereinrufen, damit wir ihm gemeinsam den Fall erklären?«

Lincoln nickte. Dann nahm er den Hörer ab und gab durch den Fernsprecher einige Weisungen.

»Halt«, sagte Harrogate plötzlich. »Ist Ihr Bath wenigstens waschechter Amerikaner?«

Es klopfte.

»Er ist amerikanischer Bürger, so gut wie Sie und ich«, versetzte der Chefinspektor mit einem schwachen Lächeln. Dann rief er laut: »Herein!«

»Das ist unser Detektiv Bath«, sagte er gleich darauf und wies auf den eingetretenen noch ziemlich jungen Mann.

Nur mit Mühe unterdrückte Harrogate einen Ausruf des Unwillens: Der Mann sah schmächtig aus und war klein von Wuchs, er trug eine große Hornbrille, und seine Gesichtsfarbe war gelb. Es konnte auch gar nicht anders sein, denn der Detektiv Bath war durch und durch – Japaner.


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